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“Tatort Internet”: Und weiter… (Update: Sendetermine ZDF)

Inzwischen stelle ich mir bei jedem Wort, das ich zu “Tatort Internet” schreibe, die Frage, ob man sich nicht mitschuldig macht, wenn man den Buzz um die Sendung befeuert? Klar ist, es geht den Veranwortlichen um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für eine Gesetzesinitiative, bei der es wohl nur am Rand um Kindesmissbrauch im eigentlichen Sinne geht (Ja, natürlich übergeigt Mühlbauer seinen Ansatz mit dem Hinweis auf eine Bertelsmann-Connection, geschenkt …)

Die Verantwortlichen selber sprechen derweil weiter davon, eine “gesellschaftliche Debatte” angestoßen zu haben. Auch das kann man anders sehen. Zum Beispiel, wie Andrian Kreye in der Süddeutschen:

Im Falle “Tatort Internet” ist das Problem, dass im Kern der Debatte nun nicht mehr steht, dass Pädophile im Internet nach minderjährigen Opfern suchen. Im Kern stehen nun die Methoden der Fernsehproduktionsfirma, die ähnlich wie eine Bürgerwehr auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Prinzipien auf Verbrecherjagd geht. Eine Debatte darf nicht so geführt werden, dass sie einen zwingt, für oder gegen die Verfolgung von Verbrechen einzutreten.

Kreye spricht bei der Gelegenheit auch gleich noch einen zweiten Punkt an, der für das vorgebliche Ziel, nämlich Kinder schützen zu wollen, nicht ganz unwesentlich ist. Wurden im Zuge der Dreharbeiten nun die zuständigen Ermittlungsbehörden informiert, oder nicht? Auch hier ist die Anwort eher ernüchternd:

Im Gegensatz zu ihren US-Kollegen, die stets mit Polizei und Behörden kooperierten und die Verdächtigen verhaften ließen, haben die Sendungsmacher in Deutschland die in die Falle getappten potenziellen Kinderschänder nämlich wieder laufen lassen.

Eine Bestätigung für die Nichtweitergabe der “Rechercheergebnisse” durch RTL2 oder die Produktionsfirma gibt es bei Welt Online:

Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes Würzburg, Clemens Bieber, forderte die Absetzung des Formats „Tatort Internet“. Er sei überzeugt, dass die Sendung nicht dazu diene, „Täter zur Strecke zu bringen und Kinder zu schützen“ [...]

Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Würzburg gegen den Mann wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Grundlage dafür sei eine Mitteilung der Caritas gewesen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder. Der Sender selbst habe die Ermittlungsbehörde in Würzburg nicht unterrichtet.

Bedeutet wohl: Entweder reichte es nicht für eine strafrechtliche Verfolgung der “Sex-Ekel” oder es gab bei der Produktion andere Prioritäten. Aber gut, für solche Fälle stehen ja immer noch die Bild und Vorbilder wie Til Schweiger* bereit (Bitte nicht auf nüchternem Magen lesen).

Über einen guten Magen sollte man auch verfügen, wenn man diese aktuelle Pressemitteilung von RTL2 liest. Wobei, vielleicht haben wir dem gesellschaftlich engagiertesten aller deutschen Sender einfach Unrecht getan? Schließlich stellt RTL2 im Web “umfangreiche Informationen” zur Verfügung …

so zum Beispiel “Tipps zum sicheren Surfen”, Antworten auf “häufig gestellte Fragen”, “Zahlen und Fakten zum Thema sexueller Missbrauch”, sowie Hilfe-Kontakte für Betroffene.

Ok, eigentlich sind es eher ein paar Textbausteine mit Werbung für “Innocence in Danger” und der Hinweis auf eine kostenpflichtige Hotline, die von einen Verein betrieben wird, der von “Innocence in Danger” unterstützt wird.

Egal, immerhin bewirbt RTL2 im Umfeld der Sendung ja nicht nur Xavier Naidoos neue CD produziert RTL2 nun auch Aufklärungs-DVDs für Schulen! Kaum zu glauben, aber selbst Medienwissenschaftler und der Bund Deutscher Kriminalbeamter loben das Konzept. Und ja, natürlich ist der lobende Medienwissenschaftler kein geringerer der unvermeidliche Jo Groebel.

In wenigen Minuten wird auf RTL2 die nächste Folge von “Tatort Internet” ausgestrahlt.

Update: Und wo wir nun doch beim Thema sind: Das ZDF legt ein paar Stunden später nach. Heute um 00:15 Uhr und damit quasi zur besten Sendezeit, mit dem kleinen Fernsehspiel “Die Entgleisten”:

Sexueller Missbrauch geschieht am häufigsten innerhalb von Familien. Wie wird dort miteinander umgegangen, wenn eine solche Tat geschehen ist oder dies im Raum steht? Ein Film darüber, wie wichtig und schwierig es ist, das Schweigen zu brechen.

Seit einigen Jahren genießen Missbrauchsdelikte an Kindern hohe Aufmerksamkeit vor allem durch boulevardnahen Journalismus. Attraktiv scheint dabei der Grusel, der vom irgendwo im gefährlichen Draußen lauernden Triebtäter ausgeht. Wenn aber die Statistik ausweist, dass neun von zehn Missbrauchstaten weder von Soziopathen noch von Pädophilen begangen werden: wer begeht sie dann?

Deutlich reisserischer klingt die Ankündigung der Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” morgen Nacht:

Die Zahlen über Kinderpornografie im Internet sind erschreckend. Jeden Tag suchen zirka 350 000 “User” online ihren perversen Kick. 80 Prozent der Kinder, deren Fotos und Videos im Internet kursieren, sind jünger als zehn Jahre. Die Opfer leiden auch Jahre später noch an den Folgen des sexuellen Missbrauchs. ZDF-Autor Michael Heuer zeigt in seiner 45-minütigen Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” am Mittwoch, 20. Oktober 2010, 0.35 Uhr, wie Ermittler versuchen, den Tätern auf die Spur zu kommen. [...]

*Achja, das Buchprojekt von Jörg Tauss. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst gestern davon erfahren habe. Wie auch immer: Interessante Idee, generell sicher unterstützenswert, aber selten unglücklicher Zeitpunkt.

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