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February 05 2014

Netzpolitische Filmtipps: Berlinale

Wie mittlerweile auch in die etwas isolierteren Filterblasen vorgedrungen sein durfte, laufen morgen die alljährlichen Berliner Filmfestspiele an. Seit jeher ist die Berlinale eines der politischeren Filmfestspiele, aber netzpolitische Anliegen, die ja gerade im Kunstbereich eben auch kulturpolitische Fragen aufwerfen, sind noch immer eine Randerscheinung. 2012 ließ sich die Berlinale von Lobbyverbänden einen Spot bei der Preisverleihung platzieren, der vor der “Demokratisierung der Kunst” warnte und um “klare gesetzliche Regelungen” in der Urheberrechtsthematik bat – eine Forderung, die wir natürlich auch unterschreiben können, aber der Subtext, dass nur ein stärker durchgesetzes restriktives Urheberrecht das Abendland retten könne, der ist natürlich … diskussionswürdig.

Nichtsdestotrotz gab es in den letzten Jahren immer wieder Beiträge in den verschiedenen Sektionen, die entweder vom Inhalt, der Produktion oder der Lizensierung die Nutzung des Internets und das (künstlerische) Potenzial der Neuen Öffentlichkeit und rechtliche Alternativen erforscht haben. Es gibt auf dieser Berlinale zwar Beiträge die entweder direkt oder indirekt Bezug auf das Internet nehmen, doch die Thematisierung einer allgegenwärtigen Überwachungserfahrung, wie es vielleicht nach dem letzten Jahr zu erwarten gewesen wäre, geschieht nicht. Nichtsdestotrotz haben wir für euch eine kleine Auswahl an Filmen aus diesem und aus vergangenen Jahrgängen erstellt. Finden, kaufen und gucken könnt ihr sie natürlich über die wohlbekannten Vertriebswege. Hinweise auf weitere interessante Filme die auf der Berlinale gelaufen sind könnt ihr uns gerne in den Kommentaren zukommen lassen.

Berlinale 2014

 

Obietnica (2014)

In der Sektion 14plus läuft dieses Jahr mit Obietnica ein Jugenddrama, welches maßgeblich über Textnachrichten, Skype-Gespräche und Chats erzählt wird. Damit fängt der Film einen erheblichen Teil der Lebenswirklichkeit der heutigen Generation ein, die mit den Selbstverständlichkeiten des Internets aufgewachsen ist. Die Nutzung dieser Kommunikationstechnologien wird nicht bewertet, kein Verlust von Nähe oder Wirklichkeit wird beklagt – und obwohl die Handlung des Films ganz und gar nicht Technologien behandelt, sind sie ständig präsent.

 

House of Cards – Staffel 2, Episoden 1 & 2 (2013/14)

House of Cards erzählt die Machtspiele des fiktiven US-Demokraten Frank Underwood und ist ähnlich wie die dänische Serie Borgen unter PolitikerInnen ausgesprochen beliebt. Es ist explizit keine inhaltlich netzpolitische Serie aber dafür ist der Vertriebsweg, der eingeschlagen wurde, fortschrittlich. Es ist eine der ersten TV-Serien, die ausschließlich per Online-Streaming verfügbar sind und aus dieser Reihe die erste, die mit haufenweise Preisen überschüttet wurde (und das zu Recht!). House of Cards hat gezeigt, dass Formate die nur noch das Internet als Vertriebsweg benutzen keine inhaltliche und kommerzielle Nullnummer sein müssen. Am 14. Februar wird die gesamte zweite Staffel online gestellt und am 16. Februar zeigt die Berlinale die beiden ersten Folgen im Haus der Berliner Festspiele als “Berlinale Special TV Event”.

The Midnight After (2014)

2005 zeigte Fruit Chan mit “Dumplings” einen … ähm, kulinarischen Horror-Thriller auf der Berlinale. In seinem neuen Film begleitet er eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Buspassagiere, die nach einer Tunneldurchfahrt plötzlich in einem menschenleeren Hong Kong ankommen und von einer unsichtbaren Bedrohung verfolgt werden. “The Midnight After” basiert auf dem Online-Roman “Lost on a Red Minibus to Taipo” des Hongkonger “netizens” Mr. Pizza, welcher zwischen Februar 2012 bis Mai 2012 online im Internetforum “Hongkong Golden Forum” veröffentlicht wurde. Die Wege von online veröffentlichten Romanen und Serien führen also mittlerweile zu international renommierten Filmfestspielen. So soll es sein.

Vergangene Berlinale-Jahrgänge

 

Iron Sky (2011)

Als zur Berlinale 2012 Iron Sky seine Weltpremiere feierte, frohlockte das Internet: Nicht nur war der Film von Energia Productions über Nazis in geheimen Mondbasen mit Reichsflugscheiben und Weltraum-Zeppelinen ein ziemliches Trash-und-Verschwörungstheorien-Feuerwerk, sondern auch das Ergebnis einer umfassenden Crowdfunding-Kampagne, in deren Zuge auch das Drehbuch kollaborativ geschrieben wurde (Schlagwort: participatory cinema). Etwas mehr als 1 Million Euro, also knapp 14% des gesamten Budgets, ist durch Einzelpersonen beigesteuert worden. Das Ergebnis ist eine schwarze Komödie die zwar leider weit hinter ihren Möglichkeiten zurück bleibt, aber hey. Nazis im Weltraum. Pew Pew!

 

The Pirate Bay: Away from Keyboard (2013)

Die Dokumentation des Piratebay-Prozesses wurde 2013 in der Sektion Panorama gezeigt. Während es bemerkenswert ist, dass ein Film über Filesharing auf einem der größten Filmfestspiele der Welt gezeigt wurde, war die Interpretation seitens der Berlinale trotzdem wenig positiv:

In seinem Langfilmdebüt zeigt Simon Klose die Hacker der Pirate Bay anders als die Medienanwälte Hollywoods sie darstellen. Es wird deutlich, dass sie keine abgebrühten Abzocker sind, sondern vielmehr weltfremde Nerds, deren soziale Fähigkeiten und Verständnis für die analoge Welt begrenzt sind.
TPB: AFK ist frei verfügbar, allerdings hat der schwedische Sender SVT die Lizenzierung von 4 Minuten Filmmaterial unter einer Creative Commons Lizenz untersagt. Aus diesem Grunde gibt es eine zweite, um die besagten Minuten gekürzte Version mit separaten Audiotrack unter einer CC BY-NC-SA Lizenz.
The Green Wave (2010) 
Die großen Widerstandsbewegungen in Nordafrika und dem Mittleren wie Nahen Osten waren in den letzten Jahren der Berlinale ein zentrales Thema. Neben Paneldiskussionen zur Situation von widerständigen FilmemacherInnen wurden auch mehrere Dokumentationen und Verfilmungen der Ereignisse gezeigt. Die Arbeiten an The Green Wave begonnen zwar schon vor dem schicksalshaften 17. Dezember 2010, die Ereignisse gaben dem Film aber noch zusätzliche Brisanz. The Green Wave erzählt die Ereignisse um die gefälschten Präsidentschaftswahlen im Iran des 12. Juni 2009 anhand einer Collage aus Facebook-Postings, Twitter-Nachrichten und Youtube-Videos, eingebettet in eine fiktive Handlung. Ein im wahrsten Sinne multimedialer Film, der auch dem später erdachten Schlagwort “Facebook-Revolution” zuarbeitet. Damit portraitiert er angemessen die politische Schlagkraft der sozialen Medien.

Chocolate City – We are here to stay

Rein technisch gesehen ist Chocolate City kein Berlinale-Film. Der viertelstündige Dokumentarfilm über die Aufräumarbeiten und humanitäre Arbeit in New Orleans 155 Tage nach Hurricane Katrina wurde während der Berlinale 2006 von der “dropping knowledge” Initiative veröffentlicht. Besonders hervorhebungswürdig: Der Regisseur Ralf Schmerberg trat alle Urheberrechte an dem Film ab, die Initiative bezeichnet den Film als “Copyleft“-Film und damit war dieser Film eine Weltpremiere. Allerdings gab es wohl große Unstimmigkeiten über die tatsächliche Auslegung der Lizenz, und als auf der Pressekonferenz eben diese Frage aufkam, führte das zu einem heillosen Durcheinander. Während klar war, dass der Film nicht-kommerziell verbreitet werden soll, wurde sich explizit gegen eine kommerzielle Nutzung ausgesprochen – was eigentlich im Widerspruch zum Idee hinter dem Copyleft-Prinzip steht. Chocolate City sollte daher eher als Beispiel dafür gesehen werden, wie die richtigen Ideen alleine noch lange keine gute Umsetzung garantieren. Er ist auf der Seite der Dropping Knowledge Initative zu finden.

Wir wollen netzpolitik weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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January 16 2014

Die Welt nach PRISM: Lektionen und ein überfälliger Anfang

Dieser Beitrag von Georg C. F. Greve ist zuerst in unserem Buch “Überwachtes Netz” erschienen, das als eBook für 7,99 Euro und als gedrucktes Buch für 14,90 Euro zu kaufen ist.

UeberwachtesNetz-square_5112pxDie Utopie des frühen Internet war die Behauptung, es fördere qua seiner naturgegebenen Eigenschaften die Demokratie und führe zu einer Gesellschaft, in der Regierungen zum Auslaufmodell gehören. Auch wenn die Mauer um diese Utopie schon eine ganze Weile bröckelte: PRISM hat sie endgültig niedergerissen. Bruce Schneier nennt das Internet daher vielmehr einen Macht-Multiplikator: Wer bereits viel Macht hatte, wird gestärkt. Wer weniger Macht hatte, gewinnt auch dazu, aber der Abstand wächst. Viel spricht dafür, dass Schneier mit seiner Einschätzung Recht hat. Auch und gerade bei der stark wachsenden “Cloud”, für die anwendbares Recht weit vor Kryptografie oder technischer Sicherheit über die wahre Kontrolle der Daten entscheidet.

Der Grund für diese Eigenheiten wird offenbar, wenn man sich die Konsequenzen des selben latenten Anarchismus vor Augen führt, der auch die Argumente für die inhärente Demokratieförderung liefert. Wo jeder Akteur direkt auf Basis seiner individuellen Fähigkeiten mit jedem anderen Akteur interagiert, steht der einzelne Bürger der Staatsmacht eines jeden Landes direkt gegenüber. Die größte Konzentration von nicht-staatlicher Macht befindet sich in den großen Internet-Unternehmen. Diese sind jedoch weit weniger extraterritorial als sie uns glauben machen wollen. Vielmehr nehmen sie eine De-fakto-Ausweitung des US-Rechts auf die ganze Welt vor, gestützt durch Abkommen wie Safe Harbor. Das Europäische Datenschutzrecht ist hier weitestgehend entkräftet und der Schutz, den die US-Unternehmen versprechen, wird meist nur aufgrund der nahezu bedingungslosen Offenlegung intimer Details und der Erlaubnis, diese kommerziell zu verwerten, gewährt. Der Vergleich mit Feudalherren ist daher nicht völlig abwegig, um die Beziehung zu beschreiben. Nun ist die Rückkehr ins Feudalsystem allerdings eher das Gegenteil der versprochenen Demokratisierung, unter der diese Dienste beworben wurden.

Daher gehören die Vertreter der Utopie oft auch zu den schärfsten Kritikern der Internetlords. Die oft gepredigte Antwort auf die Feudalherren ist Dezentralisierung, Föderalisierung, Selbsthosting. Es sollen also alle Menschen ihre Technologien mit Freier Software auf eigenen Servern selbst betreiben. Nur gibt es gute Gründe, diese Antwort zumindest in ihrer Absolutheit als zynisch zu betrachten. Vielen Menschen fehlen nicht nur die finanziellen Mittel, um einen eigenen Server zu unterhalten, der großen Vielzahl an Menschen fehlt vielmehr die Kompetenz, ja sogar der Wunsch nach dieser Kompetenz. Und das wird sich trotz aller Versuche der Umerziehung auch nicht ändern. Denn für den Großteil der Menschen ist die Technologie schlicht ein Werkzeug für einen bestimmten Zweck, nicht aber Selbstzweck. Ohne dies untermauern zu können, würde ich sogar vermuten, dass eine überraschend große Zahl der Nutzer dieses Werkzeug lieber aufgeben würde, wenn die einzig verbleibende Alternative der entsprechende Aufbau von Kompetenz wäre.

Eine häufige Reaktion auf dieses Problem ist die Bereitstellung von vereinfachten, bereits vorkonfigurierten Lösungen. Nur ist die Zielgruppe für derartige Lösungen letztlich dieselbe Gruppe, die auch sonst selber eigene Infrastruktur betreiben könnte. Denn die Komplexität der Lösungen ist ein Resultat der Vielfalt der Möglichkeiten und Anwendungsfälle und nicht einer Verschwörung mit dem Ziel, die Nutzung dieser Technologien zu erschweren. Komplexität zu reduzieren, dabei nicht zu viele Annahmen und Einschränkungen zu machen, die Sicherheit nicht zu kompromittieren, all dies sind extrem schwere Aufgaben. Nahezu alle Techniker unterschätzen diesen Teil systematisch. Daher ist es auch kein Zufall, dass bisher nur in den seltensten Ausnahmen eine derartige Kombination gelang — und meines Wissens niemals ohne erhebliche Investition in die nicht-technischen Bereiche.

Das Ergebnis ist also auch hier wieder letztlich eine Form der libertären Gesellschaft, in der Einzelne dem Offensivpotential der NSA oder vergleichbarer Organisationen anderer Länder im Wesentlichen ausgeliefert sind. Zumal dieser Macht nahezu keine rechtlichen Rahmenbedingungen gesetzt sind. Geheimdienstliche Tätigkeit läuft außerhalb des sonstigen rechtlichen Rahmens. Das ist auch in Deutschland so, wo Artikel 10 des Grundgesetzes eine entsprechende Ausnahme vorsieht. Und da die Geheimdienste eng vernetzt sind, werden bestimmte Tätigkeiten dort vorgenommen, wo dies möglich ist und dann im Rahmen von geheimdienstlicher Kooperation mit anderen Diensten ausgetauscht. Dabei dienen gesammelte Daten als “Pseudowährung”, mit der Zugang zu anderen Quellen oder Erkenntnissen erkauft wird.

Aber vermutlich wird schon die reine Ökonomie diesen Schritt verhindern. Denn ohne Frage ist die Skalierung der Kosten im Rechenzentrum um Größenordnungen besser. Und auch die Frage der Betriebssicherheit ist nicht von der Hand zu weisen. Ein System ohne regelmäßige Wartung durch einen Administrator ist verwundbar. Spätestens bei der Vorstellung von hunderten von Millionen von Systemen ohne Administrator verteilt über die ganze Welt sollte man hellhörig werden. Es gibt also ein starkes Argument gegen Selbsthosting auf Seiten der Wirtschaft und der Sicherheit.

Es gibt durchaus Versuche, diese Lücke zu schließen, sei es auf Ebene teilweise eher anarchisch gefärbter Kollektive, oder auch über Unternehmen, welche sich in diesem Bereich positionieren. Allerdings führt hier die richtige Motivation oft zu Ansätzen, welche sich als “Digitales Dumpster Diving” charakterisieren ließen. Das Dumpster Diving kann nur auf Basis einer Konsumgesellschaft existieren. Es produziert selber nichts. Ganz ähnlich werden hier von manchen Anbietern Technologien eingesetzt, zu denen nichts beigetragen wird. Das kannibalisiert damit potentiell diejenigen, die derartige Technologien entwickeln, bzw. übt Druck auf sie aus, die Technologie zu proprietarisieren. Die Nachhaltigkeit derartiger Ansätze beruht also ausschließlich auf der anhaltenden Offenheit Dritter.

Leider gibt es hier nur wenige Ausnahmen und diese Fragen sind noch nicht ins Bewusstsein der Nutzer gelangt. Sie spielen daher keine Rolle in deren Kaufentscheidung. Das gilt auch für die globale Ausweitung des US-Rechts auf Nutzer weltweit durch Nutzung entsprechender Dienste. Und schließlich fokussiert sich die Debatte aktuell zu sehr auf die Internet-Giganten und die NSA, wodurch vielen anderen Fragen keine Aufmerksamkeit mehr zukommt. Die Nutzung der Geheimdienste, insbesondere zur Erlangung wirtschaftlicher und politischer Vorteile, ist in vielen Ländern verbreitet und nicht erst seit Edward Snowden die PRISM-Dokumente geleakt hat.

Seit es das Internet gibt haben sich aber die Möglichkeiten dramatisch entwickelt, während die Politik sich mit der Regulierung eher schwer tat. Dies lag auch an den Vereinigten Staaten von Amerika selbst, welche kurioserweise teilweise mit Unterstützung der Netzgemeinde Versuche zur Regulierung erfolgreich abgewehrt haben. Die utopische Vision vor Augen wurde einer Nichteinmischung durch Regierungen der Vorzug gegeben. Mehr als einmal haben wir damals das Argument gehört, dass, wenn alle Länder erst einmal voll ans Internet angebunden wären, die Demokratie quasi automatisch folgen würde. Das muss man aus heutiger Sicht als Fehleinschätzung bewerten.

Die Freie-Software-Gemeinschaft war schon damals zumindest insofern weiter als sie verstanden hatte, dass sich durch Software eine Machtfrage stellt. Die Konzentration dieser Macht in den Händen Einzelner ist ein gesellschaftliches Problem. Ein Zusammenhang, der u.a. durch die erwiesene Zusammenarbeit von proprietären Softwareunternehmen mit der NSA aufs Dramatischste bestätigt wurde. Der ehemalige Microsoftmitarbeiter Caspar Bowden erklärte im Europäischen Parlament, dass er der Software von Microsoft nicht mehr traut und nunmehr auf Freie Software setzt und empfiehlt sie für den Regierungseinsatz. Freie Software spielt in allen Szenarien für die Sicherung der Privatsphäre eine entscheidende Rolle. Nur sagt beispielsweise Bruce Schneier auch, dass seine Tipps für die Wahrung der Sicherheit Mist sind, weil ein Großteil der Bevölkerung sie nicht umsetzen kann.

Die Frage, wie Softwarefreiheit allgemein nutzbar wird, ist durch PRISM auch für Außenstehende als ein entscheidender Meilenstein für eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft sichtbar geworden. Dies wird uns aber nur gelingen, wenn Überwachung nicht länger das allgemein akzeptierte Geschäftsmodell des Internets darstellt. Leider ist die Welt der Überwachung attraktiv und bequem. Der Nutzen ist für jeden Anwender täglich erfahrbar. Der Preis ist es nicht. An diesem Problem arbeiten sich Befürworter von Freier Software in unterschiedlichen Ausprägungen seit den 80er Jahren ab. Anbei ein paar Anregungen für Komponenten einer notwendigerweise komplexen Antwort auf dieses komplexe Problem.

Die individuellen Kosten mögen schwer zu erfassen sein. Die politschen und wirtschaftlichen Kosten von Spionage und Manipulation sind es nicht. Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff sagte in ihrer Rede vor der Hauptversammlung der Vereinten Nationen, dass die Souveränität eines Landes dort aufhört, wo sie die Souveränität eines anderen Landes beschneidet. Das klingt nicht nur zufällig so ähnlich wie die in der GNU GPL kodifizierte Freiheit und deren Bewahrung durch das Copyleft, es ist ein fundamentales humanitäres Prinzip für eine freiheitliche Gesellschaft.

Es geht also darum, den politischen Dialog um souveräne Software auf allen Ebenen fortzuführen. Dabei ist es durchaus gesund, nationale Interessen im Blick zu halten, denn auch die politische Legitimation entsteht auf Ebene von Nationalstaaten. Kurzfristige Maßnahmen können durch entsprechende Strategien für Freie Software und Offene Standards im Regierungseinsatz ergriffen werden. Dies sollte flankiert werden mit entsprechenden Informationen für die Wirtschaft, um dem einzelnen Unternehmen den nachhaltigen Schutz vor Wirtschaftsspionage zu ermöglichen. Mittelfristig braucht es belastbare internationale Vereinbarungen zum Umgang mit modernen Technologien.

Gerade im Sicherheitsbereich ähnelt die Situation in mancher Hinsicht dem Klischee vom wilden Westen, wo gerne auch mal die Schurken zum Sheriff ernannt wurden und die Zivilisten dieser Elite nicht viel entgegenzusetzen hatten. Axel Arnbak von Bits of Freedom spricht in diesem Zusammenhang von der “dubiosen Rolle der Akademiker”, welche Technologien in die Welt setzen und verbreiten, teilweise mit, teilweise ohne Bezahlung, auf welche die Breite Masse der Bevölkerung nicht vorbereitet ist und gegen die es keine realistischen Schutzmaßnahmen gibt. Zu diesen Akademikern gehören dabei nicht nur traditionell in der Universität beheimatete Wissenschaftler, sondern letztlich alle, die neue Wege beschreiten. Gesellschaftlich besteht die große Herausforderung also darin, den Vorsprung durch das Herrschaftswissen der technischen Elite einer gesellschaftlichen Aufsicht zu unterstellen. Es geht darum, die Macht der Elite, zu der wir letztlich alle gehören, gewissen Schranken und Regeln zu unterwerfen. Diesen Dialog sollten wir jetzt aktiv führen, um sinnvoll am Dialog auf politischer Ebene mitwirken zu können, sonst wird er uns irgendwann aufgezwungen.

Wo diese Debatte bereits stattfindet, ist teilweise auf Ebene der Infrastruktur und zum Teil auf Ebene der Inhalte. Im Normalfall ist der Tenor dort Deregulierung, da die Internet-Giganten über durch sie finanzierte Think-Tanks mit ensprechenden Stellen ihr finanzielles Kapital in politischen Einfluss ummünzen. Dies wird möglich durch manche Aktivisten, die sich teils mit Blick auf die “Yuppie Nuremberg Defense” vereinnahmen lassen. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft gilt es jedoch auch in diesem Bereich wiederherzustellen und zu bewahren, der Rest sollte über ein Lobbyregister transparent gemacht werden. Denn natürlich ist es legitim, eigene Interessen zu vertreten. Es sollte nur klar sein, wessen Interessen vertreten werden. Daher wird die Bedeutung von Organisationen wie der FSFE oder digitalcourage in Zukunft eher zunehmen und sie sind der richtige Ort um sich zu engagieren, wenn man an den gesellschaftlichen Fragen Interesse hat.

Ein derartiger Dialog muss aber immer nach vorne gerichtet sein. So ist die Aufforderung einer Abkehr vom “Cloud Computing” aus meiner Sicht unrealistisch und zeigt ein Unverständnis von modernen Technologien, Nutzungsmustern, und ökonomischer wie ökologischer Effizienz. Es gibt zudem keine realistische Alternative. Wir müssen also Prinzipien entwickeln, nach denen derartige Dienste operieren, wie wir es beispielsweise bei MyKolab.com versucht haben, mit klarem Bekenntnis zur Entwicklung aller Technologien als Freie Software, starkem Datenschutz und verlässlicher Privatsphäre, geschützt durch die lokale Gesetzgebung. Ob dies ein Weg für die Zukunft sein kann, wird sich über die Nutzung entscheiden. Es läuft also auf die bewusste Kaufentscheidung hinaus. Dafür braucht es aber Klarheit darüber, was die Nutzungsbedingungen wirklich sagen. Aus diesem Grund ist das “Terms of Service; Didn’t Read”-Projekt so wichtig, denn es macht das Geschäftsmodell Überwachung transparent und erlaubt den Vergleich zwischen Anbietern.

Die Werte der Aufklärung bildeten eine zentrale Grundlage für die Einführung der Demokratie. Es ist Zeit, sie auch auf die digitale Welt anzuwenden, denn die Lektion von PRISM ist recht eindeutig. Auch wenn Europa eine nie dagewesene Periode des zivilisierten Friedens erlebt hat und eine ganze Generation das Glück hatte, davon geprägt zu werden: In den USA und den meisten anderen Ländern der Welt wurde die Macht- und Realpolitik niemals beendet, sie wurde nur besser verborgen. Insbesondere die Wirtschaftspolitik mittels Spion wird nicht über Nacht verschwinden und daher noch eine Weile Bestand haben. Auch darauf müssen wir uns einstellen. Sie wird sich nur beenden lassen, wenn eine gemeinsame Grundlage besteht und wir es schaffen, zunehmend zu einem globalen Wertekanon zu kommen, der die digitale Welt nicht länger ausklammert.

Dies sind also die Fragen, die sich in vielfältiger Ausprägung sowohl national wie international stellen. Es würde dabei nicht überraschen, wenn in etlichen Jahren rückblickend PRISM als der Moment wahrgenommen würde, an dem die Informationstechnologie ihre Pubertät abschloss und es Zeit wurde, erwachsen zu werden. Ein solcher Prozess wird sicher anstrengend und teilweise auch sehr kontrovers werden. Gleichzeitig darf man sich durchaus darauf freuen. Es geht um nicht weniger als die Zukunft der Gesellschaft mit so zentralen Fragen wie der Wahrung der Privatsphäre, ohne die es keine freie Meinungsäußerung und auch keine echte Demokratie geben kann. Wir sind an einem Punkt, wo wir diese Debatte und damit auch die zukünftige Gesellschaft entscheidend mitgestalten können.

Eine große Aufgabe also, an der wir als globale Gesellschaft gemeinsam wachsen dürfen.

Was will man mehr?

Wir wollen netzpolitik weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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April 13 2013

Open Source Software: exponentielles Wachstum, weniger Copyleft

Vor einiger Zeit berichtete Matthew Aslett am 451 CAOS Theory Blog in einer Serie von Einträgen über den zwischen 2008 und 2012 sinkenden Anteil an Open-Source-Software, der unter der GNU General Public License (GPL) veröffentlicht wird (siehe Abbildung).

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Anteil GPL-lizenzierter Open-Source-Software in ausgewählten Datensätzen zwischen 2008 und 2012 (Quelle: Aslett 2012, 451 CAOS Theory)

Die Besonderheit der GPL ist ihr auch als “Copyleft” bezeichneter “viraler” Charakter: Weiterentwicklungen auf Basis von GPL-lizenzierter Software dürfen nur unter derselben Lizenz weiterverbreitet werden; das bekannteste Beispiel für GPL-lizenzierte Software ist der Linux-Kernel. Aber auch jenseits von Software findet das Copyleft-Prinzip Anwendung – so ist zum Beispiel die Creative-Commons-Lizenz der Wikipedia eine Copyleft-Lizenz.

Im Bereich von Open-Source-Software ist allerdings Aslett zu Folge ein relativer Anstieg der Nutzung solcher Lizenzen zu beobachten, die auf eine Copyleft-Klausel verzichten (z.B. Apache-, BSD- oder MIT-Lizenz). Wichtig ist zu betonen, dass es sich dabei um relative Verschiebungen handelt, in absoluten Zahlen wächst auch der Pool an GPL-lizenziertem Software-Code weiterhin.

In einem Aufsatz für die 9th International Conference on Open Source Systems (OSS 2013) haben sich Gottfried Hofmann, Dirk Riehle, Carsten Kolassa und Wolfgang Mauerer jetzt noch einmal eingehend die Lizenz-Entwicklung in der Zeit vor 2008 – konkret zwischen 1995 und Juni 2007 -vorgenommen (siehe Abbildung).

Untersuchungszeitraum der Studie von Hofmann u.a. (2013, S. 2)

Der am Blog von Dirk Riehle im Volltext (PDF) verfügbare Beitrag bestätigt auf Basis eines Samples, das ca. 30 Prozent des Source-Codes aller aktiven Open-Source-Projekte umfasst, den Trend hin zu Lizenzierung ohne Copyleft in den letzten Jahren. Außerdem identifizieren die Autoren die Zeit rund um 2000/2001 als Wendepunkt in der Entwicklung: seit damals wächst Open-Source-Software ohne Copyleft stärker als Copyleft-Open-Source, (siehe Abbildung, außen vor blieben in der Analyse Mischformen wie die LGPL-Lizenz).

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Logarithmisch skaliertes Wachstum von nicht-Copyleft- (links) und Copyleft-lizenzierten (rechts) Zeilen von Open-Source-Softwarequelltext zwischen 1995 und 2007 (aus: Hofmann u.a. 2013, S. 8)

Die Ergebnisse der Studie belegen darüberhinaus für den Untersuchungszeitraum ein ungebrochen exponentielles Wachstum des Pools an Open-Source-Software-Quellcode. Nicht kontrolliert wird in der Studie jedoch für Copy-Paste von Quellcode zwischen unterschiedlich lizenzierten Projekten; da ein solches Copy-Paste aber vor allem in eine Richtung möglich ist (von nicht-Copyleft zu Copyleft-Projekten), dürfte der Anteil von Copyleft-Software in der Studie deshalb eher noch überschätzt werden.

Was die Erklärung für den beobachteten Wandel im Lizenzierungsverhalten betrifft, so führen die Autoren diesen in erster Linie auf eine Zunahme an kommerziell finanzierter Open-Source-Softwareentwicklung zurück. Sie verweisen in diesem Zusammenhang auf weitere, noch unpublizierte Forschungsergebnisse, die eine solche Erklärung stützen würden.

Übrigens ist auch jenseits von Software im Bereich von Creative Commons ein leichter Trend hin zu weniger restriktiven Lizenzversionen zu beobachten, die letzten Daten stammen hier allerdings aus dem Jahr 2010 (siehe Abbildung; als “fully free/libre/open” zählen hier jedoch auch Copyleft-Lizenzen, die vor allem von NonCommercial- und NoDerivatives-Lizenzen abgegrenzt werden).

Zahl Creative-Commons-lizenzieter Werke und Anteil frei lizenzierter Werke zwischen 2003 und 2010 (Quelle: http://wiki.creativecommons.org/Metrics)

Zahl Creative-Commons-lizenzieter Werke und Anteil frei lizenzierter Werke zwischen 2003 und 2010 (Quelle: http://wiki.creativecommons.org/Metrics)

Jenseits von der Suche nach den Ursachen für diese Entwicklung hin zu weniger restriktiven Lizenzbedingungen bei offen lizenzierten Inhalten stellt sich die Frage, ob diese Entwicklung zu begrüßen ist? Einerseits führt sie dazu, dass die Rekombination unterschiedlich lizenzierter Inhalte tendenziell einfacher möglich ist. Andererseits, vor allem im Softwarebereich, besteht beispielsweise bei BSD-Lizenzen die Möglichkeit, dass Firmen sich an Open-Source-Quellcode bedienen aber nicht zu dessen Weiterentwicklung beitragen bzw. eigene Weiterentwicklungen nicht zurückspeisen.

Vielleicht ist es aber inzwischen so, dass die Bedeutung von Copyleft-Klauseln im Softwarebereich einfach nicht mehr so groß ist wie noch in den 1990er Jahren, weil auch auf Seite kommerzieller Akteure Open-Source-Prinzipien besser verstanden werden. Hinzu kommt, dass selbst bei Fehlen einer Copyleft-Klausel die simple “Privatisierung” des Quellcodes oft keine Option ist – im Gegenteil: was passieren kann, wenn sich die Community der freiwillig Beitragenden von einem Unternehmen mit Zugriff auf den Quellcode unfair behandelt fühlt, ließ sich 2010 am Beispiel der Spaltung zwischen OpenOffice.org und Libre Office beobachten. Wichtiger als die Frage Copyleft oder nicht sind offensichtlich transparente und als fair empfundene Governance-Strukturen.

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