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February 11 2012

Wie die BamS eine Guttenberg-Party inszenierte

Am Freitag, den 10.02. besuchte ich zusammen mit einem Freund den auf Zeit Online angekündigten “Guttenberg Carnival in der ‘Wohngemeinschaft.’” Wenige Tage zuvor war Karl-Theodor von und zu Guttenberg in dieser kleinen Kneipe des Berliner Stadtteils Friedrichshain von Anonymous und den “digitalen Konditioren” bei seinem Versuch, als EU-Berater für Netzfreiheit ein politisches Comeback vorzubereiten, getortet worden.

Die Reaktion der Betreiber, aus dem Medien-Event, das sich in ihren Gemäuern ereignet hatte, einen kleinen PR-Gag zu machen, empfand ich eigentlich als nachvollziehbar und recht sympathisch. Sie hatten sowohl Anonymous- als auch Guttenberg-Masken vorbereitet und auch an kleinen Törtchen bestand kein Mangel. Sogar einen DJ hatte man für den Abend engagiert.

Als wir die kleine Bar gegen 21 Uhr betraten, hatten bereits einige Gäste die verteilten Masken vor sich liegen und machten in kleineren Gruppen vereinzelt Scherze über den Plagiator und seine Bloßstellung. Ansonsten aber schienen sie sich auf ihre Gespräche zu konzentrieren, wenn sie gerade nicht vom Personal belästigt wurden, das sie immer wieder aufforderte, mit den Masken für Photos zu posieren.

Die dominierenden Sprachen waren Französisch und Spanisch, was uns dann doch sehr verwunderte. Hatte der Betrug des Herrn Guttenberg etwa sogar europaweit Wellen geschlagen, so dass sogar Erasmus-Studenten und Touristen seine Tortung feiern wollten? Ein junger Mann mit einer professionellen Foto-Ausrüstung erhärtete aber bald meinen Verdacht, dass hier mehr als nur eine kleines gemütliches Zusammensein bei Kaffe und Kuchen geplant war.

Gegen 22:00h füllte sich die Kneipe schlagartig und der Fotograf begann, die Anwesenden zum Aufsetzen der Masken aufzufordern. Das Personal verteilte kleine Törtchen und auf Kommando des Fotografen, der inzwischen auf einem Hocker stand, positionierte sich das maskierte Publikum vor dem Tresen. Spätestens jetzt bemerkte ich, dass hier etwas inszeniert werden sollte und begann, aus meiner entfernten Perspektive das Geschehen zu fotografieren.

Dass die Gäste größtenteils nicht deutsch sprachen, hatte bereits meine Zweifel daran genährt, dass sie mit den Hintergründen, geschweige denn der Bedeutung der Aktion, überhaupt vertraut waren. Die Aufforderungen des Fotografen, näher zusammen zu rücken, um für ein Bild zu posieren, sollte mich bestätigen.
Das Publikum begann, sich wahllos gegenseitig zu torten – natürlich jeweils nur auf Kommando des Fotogragen. Dabei war es egal, ob das ‘Opfer’ nun eine Guttenberg- oder Anonymous-Maske trug, was auf eine weitgehende Unkenntnis sowohl des Vorgangs, als auch der Randbedingungen schließen ließ.
Dem Fotografen schienen solche Details ziemlich egal zu sein. Hauptsache, alle standen eng beieinander und machten viel “Action”.

Nach wenigen Minuten war das Foto-shooting beendet und man widmete sich wieder seinen Getränken und Gesprächsrunden. Der Fotograf verließ kurz danach die Kneipe. Ich folgte ihm, um ihn nach seinem Auftraggeber zu fragen.

Es war –natürlich – die Bild am Sonntag.

Nach allem, was ich beobachtet hatte, überraschte mich das überhaupt nicht mehr. Es war viel mehr die Bestätigung des faden Beigeschmacks, den ich nicht erst seit dem Betreten der Kneipe, sondern schon beim Lesen der Ankündigung “des Events” verspürt hatte. Von der Bild am Sonntag ist wohl nichts anderes zu erwarten – von den Kneipiers und war ich aber mehr als enttäuscht.

Auf die morgige Ausgabe der BamS bin ich aber mehr als gespannt. Die Inszenierung der Bilder lässt auf eine noch weitreichendere Verzerrung der inszenierten Tatsachen hoffen.

Die BamS mal bei der “Recherche” zu sehen, war auf jeden Fall eine erhellende Erfahrung.

Reposted bylitmondkroete

February 05 2012

Zu Guttenbergs Homepage gehackt

Offenbar in Bezug auf die in der Netzgemeinde umstrittene Tortung Karl Theodor zu Guttenbergs am vergangenen Donnerstag wurde am Sonntagmorgen die Homepage des Ex-Wirtschafts- und Verteidigungsminister verunstaltet.

So erklärt sich der designierte Berater der EU-Kommisarin für die digitale Agenda Neelie Kroes zum neuen Bundeskuchenminister. Der im Quelltext der gehacketen Seite als Urheber genannte IT-Sicherheitexperte Stefan Esser streitet auf Twitter eine Beteiligung an dem Defacement ab.

Hier der auf der gehackten Homepage veröffentlichte Text:

Mit Freude geben wir bekannt, dass Karl-Theodor zu Guttenberg am heutigen Tag zum Bundeskuchenminister ernannt wurde.
In seiner Antrittsrede betonte er: “Ich werde dies mit all meinem Wissen und Gewissen ausüben und stehe den neuen Aufgaben positiv gegenüber welche mich begleiten werden. Als Bundeskuchenminister ist es meine Aufgabe, die Kuchengesetze der Bundesrepublik Deutschland zu wahren und dafür zu sorgen, dass wir auch weiterhin in Frieden essen können.”

March 05 2011

Sascha Lobos Guttenfake-Crowdsourcing

Wow, Sascha* hat mit seinem Aufruf “Betrügt die Guttenberg-Seite auf Facebook mit den Fan-Zahlen?” seit gestern bereits über 700 Kommentare eingesammelt. Klar, das Thema bewegt und lesenswert sind seine Gedanken auch:

Schummelt irgendjemand (muss ja nicht der Seiten-Admin sein) mit der Facebook-Page “Wir wollen Guttenberg zurück”? Lasst uns versuchen, es gemeinsam herauszufinden – wie, das steht in diesem Artikel.

Nachtrag, Freitag, 20:15 – ich habe ein Google Doc publiziert namens “Facebook Fake Finding Force”, kurz: #4F, in dem die bisherigen Erkenntnisse gesammelt werden, die in den Kommentaren und auch per Mail an mich eingetroffen sind. Kurzlink ist http://1.ly/FakeFindingForce

Falls jemand sein Wochenende am Taschenrechner verbringen will: Viel Spaß.

Marcus Schwarz hat sich in seinem Blog für die Rhein-Zeitung ebenfalls mit dem Thema beschäftigt:

Ich konnte einen Teil der Guttenberg-bei-Facebook-Mechanik überprüfen, einen Blick in den Maschinenraum der Seite werfen. Der Betreiber hat mir vertrauensvoll einen Adminzugang zu der Seite und damit zur Facebook-Statistik eingeräumt. [...]

Wie groß der Anteil dieser manipulierenden Nutzer und Fake-Accounts ist, lässt sich aus dieser Statistik nicht herauslesen. Ich halte ihren Anteil aber für geringer als befürchtet: Keine Partei scheint mir in der Lage, das Fachwissen zum Ankaufen oder Selbst-Erstellen von Facebook-Fake-Accounts gezielt für eine Ad-Hoc-Nummer wie nach Guttenbergs Rücktritt in diesem Ausmaß zusammenzustellen und so gezielt und heimlich zu nutzen.

Auch wenn ich Marcus Schwarz Befürchtung teile, bzgl. des Fachwissens bin ich deutlich anderer Meinung. Das dürfte in Unterstützerkreisen entspannt vorhanden sein. Die Frage ist eher, ob jemand bereit ist, eine solche Kampagne zu finanzieren. Bevor ich mich da nun ins juristische Abseits spekuliere, verweise ich aber lieber auf  tatsächlich unterstützenswerte “Pro Gutenberg”-Aktionen bei Facebook.

Schönes Wochenende!

*Da kommt zusammen, was zusammen gehört … Sorry, nein, ich werde keinen doofen Witz auf Saschas Kosten machen, nur um einen fluffigen Einstieg zu haben. Auch wenn das an dieser Stelle evtl. erwartet wird. Tatsächlich schätze ich Sascha sogar für seine klugen Gedanken jenseits der Eigen-PR, die für manche wie Trommeln zum Handwerk gehört.

flattr this!

Reposted bymondkroete mondkroete

March 04 2011

Guttenberg-Rücktritt und das Netz

Stern.de hat anhand des Guttenplag-Wiki und in Verbindung mit Ägypten & Co etwas zum Erstehen der fünften Gewalt durch das Netz veröffentlicht: Guttenberg-Rücktritt und das Netz: In den Fängen der digitalen Bürger.

Neu ist, dass sich dieser Raum erweitert hat, dass eine neue Ebene, eine neue Plattform entstanden ist, auf der politisch gehandelt werden kann. Dieser neue Raum, das “Netz”, war zunächst vor allem von Freaks mit dicken Brillengläsern bevölkert, dann von ein paar progressiven Graswurzel-Aktivisten. Spätestens seitdem ein Facebook- oder ein Twitter-Konto genügt, um sich im Netz einzumischen, ist das Internet ein Jedermann-Forum geworden, ein Bürgermedium. “Die sozialen Medien – Facebook, Twitter – haben sich in den letzten Jahren sehr stark weiterentwickelt, was ihre Nutzerfreundlichkeit betrifft, aber auch was die Möglichkeiten der Nutzer anbelangt, Informationen mit anderen zu teilen”, so Markus Beckedahl, Netzaktivist und Betreiber des Blogs Netzpolitik.org. “Gleichzeitig hat sich eine Kulturpraxis der Offenheit entwickelt: Für viele Internetnutzer ist es selbstverständlich, offen zusammenzuarbeiten. Neue politische Player entstehen so und bilden Netzwerke um sich herum.”

flattr this!

Reposted bymondkroeteastrid

March 01 2011

Guttenberg: Der erste Minister, den das Internet gestürzt hat?

Robin Mayer-Lucht stellt bei Carta die gewagte These auf, dass Karl-Theodor zu Guttenberg der erste Minister sei, den das Internet gestürzt habe. Das klingt ja erstmal toll und ich würde das ja gerne unterschreiben, aber ich halte die These trotzdem für nicht richtig und für eine gewisse Selbstüberschätzung. Meiner Meinung nach waren das Internet und kollektive Prozesse wie das Guttenplag-Wiki oder andere Aktionen wie die spontan über das Netz organisierte Guttbye-Demonstration am vergangenen Wochenende in Berlin wichtige Bestandteile, die dann zum Rücktritt führten. Aber ohne die traditionellen Medien wäre das so nicht passiert. Die ersten Plagiatsvorwürfe tauchten in klassischen Medien auf. Daraufhin wurde das Guttenplag-Wiki-Projekt gestartet und zusätzliche Plagiatsfälle gefunden. Die Medien berichteten wieder darüber, unzählige Internetnutzer verteilten diese Informationen und Verweise auf journalistische Beiträge und Blog-Artikel über diverse Kanäle wie Twitter, Social Networks und Blogs weiter.

Und dieses Wechselspiel zwischen vierter und fünfter Gewalt finde ich spannend. Denn wir sehen wir eine gewachsene vernetzte neue Öffentlichkeit, wo das Internet nicht mehr wegzudenken ist. Und wir sehen hier auch das große Ende einer unsäglichen Debatte “Blogs vs. Journalisten”, wo selbst den letzten Journalisten aufgefallen sein sollte, dass sich beide Gruppen sehr gut ergänzen.

flattr this!

Reposted byMeinSueppchenpenpencoloredgrayscalemondkroeteauthmillenon

December 02 2010

Unschuld in Gefahr: “Miss Charity” und die Spendengeldern

Müsste ich an dieser Stelle noch einmal schreiben, was ich von “Innocence in Danger” und den Methoden des Vereins halten, wäre das wohl eine proaktive Bewerbung um eine Abmahnung Strafanzeige, wie sie die Kollegen von der Berliner Zeitung erhalten haben sollen.

Darauf verzichte ich dankend (Wer mag, kann zur Einstimmung ja noch einmal diesen etwas älteren Text von Stefan Niggemeier lesen. Oder diesen etwas neueren.). Ich will auch nicht noch einmal auf Stephanie zu Guttenbergs verantwortungslose Zockerei bei “Wer wird Millionär” rumreiten …

Gerne verweise ich aber auf die Berichte, die in den letzten Tagen in der Berliner Zeitung, der Frankfurter Rundschau, der Süddeutschen und bei Telepolis erschienen sind. Sie beschäftigen sich mit Frage, wie es bei “Innocence in Danger” mit der Transparenz im Umgang mit Spendengeldern bestellt ist und welche Hilfsprojekte die “kleine Mannschaft” (O-Text IiD-Reaktion, PDF) konkret betreut. Die Ergebnisse der Recherchen sind durchaus aufschlußreich.

# Experte im FR-Interview: „Seriöse Vereine legen ihre Finanzen offen“ (Matthias Thieme, Frankfurter Rundschau, 27.11.2010)
# Spenden: Vorwürfe gegen „Innocence in Danger“ (Matthias Thieme und Katja Tichomirowa, Frankfurter Rundschau, 29.11.2010)
# Fragen an den Hilfsverein (Matthias Thieme, Frankfurter Rundschau, 29.11.2010)

Der Verein “Innocence in Danger” bekommt viele Spenden und kann oder will nicht ansatzweise plausibel erklären, wie dieses Geld verwaltet und ausgegeben wird. Stephanie zu Guttenberg sollte das schleunigst aufklären.

# Undurchsichtige Finanzen, dubiose Methoden (Katja Tichomirowa und Matthias Thieme, Berliner Zeitung, 27.11.2010)
# “Lieber eine transparente Organisation bevorzugen” (Matthias Thieme, Berliner Zeitung, 27.11.2010)
# Fehlende Transparenz (Katja Tichomirowa und Matthias Thieme, Berliner Zeitung, 30.11.2010)
# Wundern über das Schweigen (Matthias Thieme, Berliner Zeitung, 02.12.2010)

Anmerkung: Wer sich wundert, dass die Artikel nicht nur fast wortgleich sind, sondern auch von den gleichen Autoren verfasst wurden: Die “Frankfurter Rundschau” und die “Berliner Zeitung” gehören zur “DuMont-Redaktionsgemeinschaft” und teilen sich als solche redaktionelle Ressourcen und einzelne Artikel.

# Frau zu Guttenberg, die verfolgte Unschuld (Stefan Niggemeier, Bildblog, 29.11.2010)
# Innocence in Danger und deren ungewohntes Schweigen (Bettina “Twister” Winsemann, Telepolis, 01.12.2010)
# Miss Charity meldet sich zu Wort (Thomas Denkler, Süddeutsche Zeitung, 02.12.2010)

Stephanie zu Guttenberg reagiert mit einer Mini-Transparenzinitiative auf kritische Berichte zu ihrem Kinderschutz-Verein “Innocence in Danger”. Wirklich erklärt hat sie wenig.

Interessant ist zudem noch ein anderer Punkt, den Denkler auf der dritten Bildschirmseite seines Artikels herausarbeitet. Ziel von “Innocence in Danger” sei nicht die konkrete Arbeit mit Betroffenen – dort beschränke man sich auf “Ah-hoc-Aktionen” (Das fehlende “öffentlichkeitswirksame” bitte selber denken), – sondern die “Vernetzung und Koordinierung vorhandener Beratungsstrukturen”. Hinzu kommen “Maßnahmen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit durch Schaltung von Plakataktionen sowie durch die Entwicklung und Umsetzung von geeigneten Medienkampagnen”.

Das ist ein schönes Ziel (Bitte nicht abmahnen, es steht nun einmal so in der Satzung …). Insbesondere, weil der, der vernetzt und koordiniert, natürlich immer auch in einer Machtposition gegenüber den – oft kleinen – Initiativen ist, die koordiniert werden sollen (und geradezu chronisch pleite sind).

An dieser Stelle denken wir uns bitte kurz wie “Innocence in Danger”-Geschäftsführerin Julia von Weiler die Augen aufschlägt und “Das ist so gemein!” (vgl. “Tatort Internet”, Folge habe ich mir nicht gemerkt) sagt. Aber hee, nicht alle sind gemein zu “Innocence in Danger”.

Ganz andere Töne schlägt derweil nämlich die Miss Charity Der Engel der missbrauchten Kinder Stephanie zu Guttenberg mit einem Unterstützerstück hilfreich zur Seite eilende FAZ-Autorin Melanie Mühl an:

# “Innocence in Danger”: Man muss nur die richtige Frage stellen (Melanie Mühl, FAZ, 01.12.2010)

Am Ende bleibt von allen Vorwürfen nichts. Ziemlich riskant, in der Adventszeit, in der Spendenvereine mit Neid aufeinander schauen, von „Spendensumpf“ zu reden.

Nun, in der Süddeutschen liest sich das irgendwie anders.

PS: *Räusper* Darf ich in diesem Zusammenhang evtl. auch gleich fragen, wann die “Profiblogger” zurücktreten, die als “Stützen der Gesellschaft” im FAZ.net – nach eigenen Angaben – gutes Geld verdienen? Ach nein, das wäre albern.

Disclosure: Ich “blogge” selber für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem FAZ.net unter einem Dach gebündelt ist. Evtl. sollte ich mich da also einfach raushalten (Auch wenn ich mich a) als freier Mitarbeiter natürlich in keinster Weise für den Verlag äussern kann und will und b) hier im Blog ausschließlich meine private Meinung vertrete).

October 28 2010

“Tatort Internet”: Neonazis auf Pädojagd & die Medienaufsicht

Wenn ich mich nicht verzählt habe, läuft am 8. November bereits die siebte von zehn geplanten Episoden der Pranger-Show “Tatort Internet” bei RTL2. Ich erwähne es nur, weil sich am 11. November die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) mit dem Format beschäftigen wird.

Anbei ein Auszug aus der Pressemitteilung der ALM (Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten):

ZAK-Pressemitteilung 15/2010: Landesmedienanstalten leiten Prüfverfahren wegen RTL2-Sendung “Tatort Internet” ein / Direktoren: RTL2-Sendung schafft breite Aufmerksamkeit für wichtiges Thema

Die Direktoren der Landesmedienanstalten begrüßen die gesellschaftliche Diskussion, die die bisher ausgestrahlten Folgen von „Tatort Internet“ auf RTL2 über die Gefahren in Chats ausgelöst hat. „Tatort Internet kann trotz mancher Zweifel an der Gestaltung der Sendung dazu beitragen, dass Eltern, die sich bislang nicht mit der Problematik beschäftigt haben, jetzt möglicherweise [...]

Unabhängig davon wird sich nach einer Vorprüfung durch die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) eine Prüfgruppe der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) mit der RTL2-Sendung „Tatort Internet“ beschäftigen. Das haben die Direktoren der Landesmedienanstalten in ihrer Sitzung in Mainz beschlossen. Die Prüfgruppe wird vor allem der Frage nachgehen, ob in den jeweiligen Beiträgen die mutmaßlichen Täter durch Äußerungen über ihre Lebenssituation für Außenstehende erkennbar waren und so Persönlichkeitsrechte verletzt und journalistische Standards missachtet wurden. [...]

Auch die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) wird sich in ihrer Sitzung am 11. November 2010 mit „Tatort Internet“ beschäftigen. [...]

Derweil wütet in sozialen Netzwerken wie StudiVZ der aufgehetzte Mob, wie uns Leserzuschriften bestätigen:

Hi,

bei Studi/MeinVZ spriessen gerade so die Gruppen gegen Kinderschänder aus dem Boden, meistens von irgendwelchen rechten Gruppierungen gegründet [...]
Hier wird teilweise zu Gewalt und Straftaten aufgerufen und die Gründer der Gruppe (Studi hat einen bereits gelöscht wegen Ankündigung einer Straftat) brüsten sich aktuell damit selber Tatort Internet gespielt zu haben und angelockte Pädophile zu outen.

Zitat:
So lange wir die Themen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie ignorieren, können diese Schulwegbestien weiter Kinderseelen zerstören.

Ein Kinderschänder kann schon an der nächsten Straßenkreuzung ein Kind in sein Auto zerren. Nachrichten zeigen keine Illusionen – sie zeigen die Realität vor der Haustür.

Anmerkung: Dass die Gruppen “meistens” aus dem rechten Umfeld stammen, kann ich nicht bestätigen. Vielleicht werden die aber besonders schnell gelöscht, wie auch die Gruppe aus obigem Beispiel. Gruppen mit vergleichbarer Intention sind bei StudiVZ und MeinVZ allerdings weiterhin problemlos zu finden.

Glückwunsch, Frau zu Guttenberg, Frau von Weiler und Frau Krafft-Schöning. Glückwunsch, Familie Harrich und RTL2. Wirklich eine interessante gesellschaftliche Debatte, die da “angestoßen” wurde.

October 18 2010

“Tatort Internet”: Und weiter… (Update: Sendetermine ZDF)

Inzwischen stelle ich mir bei jedem Wort, das ich zu “Tatort Internet” schreibe, die Frage, ob man sich nicht mitschuldig macht, wenn man den Buzz um die Sendung befeuert? Klar ist, es geht den Veranwortlichen um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für eine Gesetzesinitiative, bei der es wohl nur am Rand um Kindesmissbrauch im eigentlichen Sinne geht (Ja, natürlich übergeigt Mühlbauer seinen Ansatz mit dem Hinweis auf eine Bertelsmann-Connection, geschenkt …)

Die Verantwortlichen selber sprechen derweil weiter davon, eine “gesellschaftliche Debatte” angestoßen zu haben. Auch das kann man anders sehen. Zum Beispiel, wie Andrian Kreye in der Süddeutschen:

Im Falle “Tatort Internet” ist das Problem, dass im Kern der Debatte nun nicht mehr steht, dass Pädophile im Internet nach minderjährigen Opfern suchen. Im Kern stehen nun die Methoden der Fernsehproduktionsfirma, die ähnlich wie eine Bürgerwehr auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Prinzipien auf Verbrecherjagd geht. Eine Debatte darf nicht so geführt werden, dass sie einen zwingt, für oder gegen die Verfolgung von Verbrechen einzutreten.

Kreye spricht bei der Gelegenheit auch gleich noch einen zweiten Punkt an, der für das vorgebliche Ziel, nämlich Kinder schützen zu wollen, nicht ganz unwesentlich ist. Wurden im Zuge der Dreharbeiten nun die zuständigen Ermittlungsbehörden informiert, oder nicht? Auch hier ist die Anwort eher ernüchternd:

Im Gegensatz zu ihren US-Kollegen, die stets mit Polizei und Behörden kooperierten und die Verdächtigen verhaften ließen, haben die Sendungsmacher in Deutschland die in die Falle getappten potenziellen Kinderschänder nämlich wieder laufen lassen.

Eine Bestätigung für die Nichtweitergabe der “Rechercheergebnisse” durch RTL2 oder die Produktionsfirma gibt es bei Welt Online:

Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes Würzburg, Clemens Bieber, forderte die Absetzung des Formats „Tatort Internet“. Er sei überzeugt, dass die Sendung nicht dazu diene, „Täter zur Strecke zu bringen und Kinder zu schützen“ [...]

Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Würzburg gegen den Mann wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Grundlage dafür sei eine Mitteilung der Caritas gewesen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder. Der Sender selbst habe die Ermittlungsbehörde in Würzburg nicht unterrichtet.

Bedeutet wohl: Entweder reichte es nicht für eine strafrechtliche Verfolgung der “Sex-Ekel” oder es gab bei der Produktion andere Prioritäten. Aber gut, für solche Fälle stehen ja immer noch die Bild und Vorbilder wie Til Schweiger* bereit (Bitte nicht auf nüchternem Magen lesen).

Über einen guten Magen sollte man auch verfügen, wenn man diese aktuelle Pressemitteilung von RTL2 liest. Wobei, vielleicht haben wir dem gesellschaftlich engagiertesten aller deutschen Sender einfach Unrecht getan? Schließlich stellt RTL2 im Web “umfangreiche Informationen” zur Verfügung …

so zum Beispiel “Tipps zum sicheren Surfen”, Antworten auf “häufig gestellte Fragen”, “Zahlen und Fakten zum Thema sexueller Missbrauch”, sowie Hilfe-Kontakte für Betroffene.

Ok, eigentlich sind es eher ein paar Textbausteine mit Werbung für “Innocence in Danger” und der Hinweis auf eine kostenpflichtige Hotline, die von einen Verein betrieben wird, der von “Innocence in Danger” unterstützt wird.

Egal, immerhin bewirbt RTL2 im Umfeld der Sendung ja nicht nur Xavier Naidoos neue CD produziert RTL2 nun auch Aufklärungs-DVDs für Schulen! Kaum zu glauben, aber selbst Medienwissenschaftler und der Bund Deutscher Kriminalbeamter loben das Konzept. Und ja, natürlich ist der lobende Medienwissenschaftler kein geringerer der unvermeidliche Jo Groebel.

In wenigen Minuten wird auf RTL2 die nächste Folge von “Tatort Internet” ausgestrahlt.

Update: Und wo wir nun doch beim Thema sind: Das ZDF legt ein paar Stunden später nach. Heute um 00:15 Uhr und damit quasi zur besten Sendezeit, mit dem kleinen Fernsehspiel “Die Entgleisten”:

Sexueller Missbrauch geschieht am häufigsten innerhalb von Familien. Wie wird dort miteinander umgegangen, wenn eine solche Tat geschehen ist oder dies im Raum steht? Ein Film darüber, wie wichtig und schwierig es ist, das Schweigen zu brechen.

Seit einigen Jahren genießen Missbrauchsdelikte an Kindern hohe Aufmerksamkeit vor allem durch boulevardnahen Journalismus. Attraktiv scheint dabei der Grusel, der vom irgendwo im gefährlichen Draußen lauernden Triebtäter ausgeht. Wenn aber die Statistik ausweist, dass neun von zehn Missbrauchstaten weder von Soziopathen noch von Pädophilen begangen werden: wer begeht sie dann?

Deutlich reisserischer klingt die Ankündigung der Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” morgen Nacht:

Die Zahlen über Kinderpornografie im Internet sind erschreckend. Jeden Tag suchen zirka 350 000 “User” online ihren perversen Kick. 80 Prozent der Kinder, deren Fotos und Videos im Internet kursieren, sind jünger als zehn Jahre. Die Opfer leiden auch Jahre später noch an den Folgen des sexuellen Missbrauchs. ZDF-Autor Michael Heuer zeigt in seiner 45-minütigen Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” am Mittwoch, 20. Oktober 2010, 0.35 Uhr, wie Ermittler versuchen, den Tätern auf die Spur zu kommen. [...]

*Achja, das Buchprojekt von Jörg Tauss. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst gestern davon erfahren habe. Wie auch immer: Interessante Idee, generell sicher unterstützenswert, aber selten unglücklicher Zeitpunkt.

October 14 2010

“Tatort Internet”: Aufklärung oder moderner Pranger?

Nur kurz, da ja noch immer einige glauben, die Fallbeispiele der RTL2-Reihe “Tatort Internet” seien gescriptet und die Beschuldigten im wahren Leben Schauspieler. Dem ist nicht so. Spiegel Online hatte inzwischen Kontakt zu einem der Geouteten:

Seine Adresse, sein Arbeitgeber und seine Telefonnummer wurden dann in der Nacht auf den 12. Oktober in einem Internet-Forum veröffentlicht. Ebenso mehrere Fotos des Mannes. Mit dem Vermerk, das sei ja wohl in Ordnung, wenn es um Kinderschänder gehe.

Nun steht der Mann als vermeintlicher Kinderschänder da – dabei ist nicht geklärt, ob er sich einer Straftat schuldig gemacht hat.

Der Mann bestätigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass er der Betreffende aus der Sendung sei. Bei ihm zu Hause sei “die Hölle” los, schreibt er in einer Mail: “Telefonterror, Beschimpfungen”, Facebook-Kontakte würden mit Mails überschüttet. Auch seine Familie werde massiv bedroht. [...]

Der Verein ‘Innocence in Danger’, der die Sendereihe begleitet, wollte die Enttarnung auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren. Stephanie zu Guttenberg, Präsidentin des Vereins und Ministergattin, die die erste Sendung prominent unterstützt hatte, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Heise Online berichtet derweil, dass sich auch die hessische Landesmedienanstalt erneut mit dem Format beschäftigt:

Die umstrittene RTL-II-Sendung “Tatort Internet” über mutmaßliche Kinderschänder wird von der Medienaufsicht unter die Lupe genommen. Die für den Privatsender zuständige Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien überprüft, ob bei dem Format medienrechtliche Vorgaben eingehalten werden, wie eine Sprecherin am Donnerstag der dpa sagte. Dabei gehe es vor allem um den Jugendschutz sowie um die Persönlichkeitsrechte von Opfern und mutmaßlichen Tätern.

Reposted bymondkroete mondkroete

October 13 2010

Seehofer für Netzsperren, Guttenberg für härtere Gesetze

Kann mir evtl. jemand helfen? Ich habe mein Handbuch für den Seehofer verlegt. Ich verstehe einfach nicht, was mir der bayerische Ministerpräsident sagen will. Monika Ermert schreibt bei Heise:

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat sich zum Auftakt der Münchner Medientage für Netzsperren ausgesprochen. [...] “Die fehlende Koordination und Technik ist keine Legitimation für die Gefährdung unserer Kinder”, sagte der bayerische Regierungschef mit Blick auf die Gegner der Sperren.

Gut, das Zitat mag verkürzt sein, aber wo genau helfen Netzsperren unseren Kindern? Werden Kinder über das Internet missbraucht?

Wobei ja, werden Sie, wie Stephanie zu Guttenberg den sorgsam aufgehetzten Zuschauern bei RTL 2 fachfreifraulich erklären durfte (Hier noch einmal bei Fernsehkritik-TV, ab 3’40”):

Das allererste ist natürlich, dass durch eine stehende Internetverbindung die Täter direkten Zugriff direkten Zugriff auf das Kinderzimmer haben.

Ok, so gesehen ergeben Netzsperren natürlich Sinn. Ich dachte bisher ja, dass die Täter schlicht durch die Kinderzimmertür kommen. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang vom “sozialen Nahraum”. Je nach Quelle stammen zwischen 90 und 95% der Täter aus dem familiären Umfeld der Opfer, da helfen Netzsperren leider nicht weiter. Ausser beim Wegsehen, natürlich.

Sorry, unfairer Einschub. Stephanie zu Guttenberg spricht ja gar nicht über dokumentierten Kindesmissbrauch nach § 184b (Das mit den Besenstielen), wie ihn das Zugangserschwerungsgesetzes adressiert, sondern über “Grooming” und “Sexting”.

Beides gilt als Vorbereitungshandlung, die zu realem Missbrauch führen kann (In etwa, wie Kiffen zum Konsum harter Drogen führen kann, wenn mir als Nichtraucher der unpassende Vergleich gestattet ist). Wir erinnern uns:

Das Ziel von “Tatort Internet” ist eine Gesetzesänderung, damit nicht nur der tatsächliche Kindesmissbrauch sondern auch die unsittliche Annäherung über das Internet, das sogenannte Cyber-Grooming, unter Strafe gestellt werden kann.

… oder, wie es Bild.de fomuliert:

Der Ex-Innensenator aus Hamburg fordert schärfere Gesetze gegen die Kinderschänder. Schon der Versuch des sexuellen Missbrauchs müsse endlich unter Strafe gestellt werden. Stephanie zu Guttenberg: „Missbrauch darf im Strafmaß nicht länger behandelt werden wie ein Bagatelldelikt.“

Versuch des sexuellen Missbrauchs? Realer Missbrauch als Bagatelldelikt? Spätestens jetzt geht ja schon wieder alles durcheinander. Darf man Unwissen unterstellen, oder ist es angewandte Demagogie? Fakt ist:

  • Der Versuch des sexuellen Missbrauchs steht (natürlich!) unter Strafe!
  • Ein Strafmaß „bis zu zehn Jahren“ ist alles andere als ein Bagatelldelikt.

(Nachzulesen im Reality-Check bei Vera Bunse)

Wo waren wir? Achja, bei Horst Seehofer und den Netzsperren. Sollten die ursprünglich nicht eingerichtet werden, damit man nicht zufällig mit entsprechenden Inhalten in Kontakt kommt? Ich erwähne es nur noch einmal, weil sich TV- und Internet-Nutzung in diesem Punkt signifikant zu unterscheiden scheinen. DWDL berichtet:

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer indes sieht die Diskussion um “Supertalent” und “Familien im Brennpunkt” eher gelassen. “Sie entscheiden doch, ob Sie eine Sendung schauen oder nicht”, lautete sein Rat an Markwort.

Im Internet geht das natürlich nicht. Da entscheidet der Computer. Genau wie beim Hot-Button.

Achja, gegen eine Kulturflatrate und für ein Leistungsschutzrecht der Verlage hat sich Seehofer in München auch ausgesprochen:

Die Kulturflatrate erklärte er zu einem “Etikettenschwindel”. Staatliche Subventionen für Inhalte im Netz, wie manche sich das vorstellten, könne es nicht geben, [...]

Ähm, ja. Ich dachte immer, eine Kulturflatrate würde von den Nutzern finanziert? Das Leistungsschutzrecht hingegen würde ich eher als … ach egal.

Reposted bykrekk krekk

October 07 2010

TV-Kritik: “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” (Heise Online)

Nein, ich schreibe diesen Beitrag nicht, um schnell noch ein paar lausige Klicks auf’s Blog zu ziehen. Eigentlich fehlen mir auch jetzt noch, gut 4 Stunden nach der Austrahlung von “Tatort Internet”, noch immer die Worte. Nein, nicht wegen der thematisierten Inhalte, sondern wg. der perfiden Inszenierung, mit der RTL2 und der Verein “Innocence in Danger” gestern Abend im Umfeld diverser Sex- und T*tten-Formate auf Quotenjagd gegangen sind.

Ich möchte mich daher einfach nur bedanken. Bei Stefan Niggemeier, der einmal mehr die richtigen Worte gefunden hat und das Schmierentheater in einem Gastbeitrag für Heise Online ins rechte Licht rückt:

Diese Szenen, in denen Krafft-Schöning triumphiert vor den Männern sitzt, [...] dienen nicht der Aufklärung, sie bieten keinerlei Einblick in das, was in so einem Menschen vorgeht. [...] Das hat gleichzeitig etwas verzweifelt Hilfloses — und merkwürdig Sadistisches, weil Frau Kraft-Schöning, die resolute Journalistin, die das Thema seit Jahren beackert und dabei eine nachlesbare Radikalität entwickelt hat, es so offensichtlich auskostet.

Bei aller Effekthascherei, [...] Natürlich hat es einen aufklärerischen Effekt, Eltern und Kinder davor zu warnen, wie leicht es für Pädophile ist, sich im Internet an Minderjährige heranzumachen.

Das tut die Sendung. Das ist aber auch das einzige, was sie tut. Der Rest ist frivole Spannung und bleibt auf dem hysterisch-hilflosen Niveau des Untertitels: “Schützt endlich unsere Kinder!” Weder der Adressat dieser Aufforderung, noch das dafür geeignete Mittel wird je klar genannt.  [...] “Tatort Internet” vermied jede Möglichkeit, die Zuschauer jenseits der Panikmache klüger zu machen.

Kommentare bitte direkt bei Heise. Ein sachlicher Tonfall würde mich freuen. Danke.

Reposted bymondkroeteozelbot

October 05 2010

Missbrauch per Mausklick und ein Königreich für ein paar Fakten

Gestern lief im Deutschlandradio Kultur das politische Feature “Missbrauch per Mausklick – Kinderpornografie überschwemmt das Internet”. Ich hatte selber noch keine Gelegenheit reinzuhören, aber vielleicht mag ja jemand von euch. Eine mp3-Konserve ist vorhanden:

“Missbrauch per Mausklick – Kinderpornografie überschwemmt das Internet”
Von Jens Rosbach

Kinderpornografie ist streng verboten. Und doch ist das Internet voller einschlägiger Aufnahmen. Jeden Tag werden massenhaft neue Bilder geschändeter Jungen und Mädchen online gestellt.

Mehr als 15 Millionen Aufnahmen sollen bereits im Netz kursieren. Wer ist so süchtig nach dem verbrecherischen Sex-Material? Und was kann die Polizei tun, um den Sumpf trocken zu legen? Eine Sendung über kranke Konsumenten, gerissene Geschäftemacher und ratlose Politiker.

Und wo wir gerade beim Thema sind: Malte Welding zerpflückt als “Nicander A. von Saage” im FAZ.net Stephanie zu Guttenbergs Buch “Schaut nicht weg!”.

Stephanie zu Guttenberg, die Frau frei von Fakten, hätte genug daran zu tun, in der Partei ihres Mannes für eine gewaltfreie Kindererziehung zu werben. Hinter den Kulissen, ohne Talkshowauftritte. Und ohne ein Buch, das die Welt nicht braucht.

Nein, auch sonst ist wahrlich nicht nett, was Malte über unsere kommende First Lady schreibt. Im zweiten Drittel argumentiert er leider etwas sprunghaft, was seine Auseinandersetzung für jemanden, der nicht im Thema ist, recht abenteuerlich erscheinen lässt. Egal. Bitte trotzdem lesen.

September 22 2010

Websperren: Die Schande der Verschleierung

Vor einem Jahr hätte ich mich vielleicht noch aufgeregt, wenn ich einen Kommentar wie den von Daniel Deckers in der FAZ gelesen hätte. Einen Kommentar, in dem Deckers rechtsstaatliche Prinzipien wie „Im Zweifel für den Angeklagten“ eine “fatale Wirkung” attestiert und von der Bundesregierung ein “konsequentes Einschreiten gegen die im Internet wuchernde Kinderpornographie, allen voran durch Sperren der Seiten fordert.

Vielleicht hätte ich mich so aufgerafft und an den Rechner gesetzt, um einen Blogartikel zu schreiben. Ich hätte mich wohl gefragt, warum Deckers den Begriff “Missbrauch” als sprachliche Irreführung thematisiert, er drei Sätze weiter aber kein Problem mit dem Begriff “Kinderschänder” hat. Leben Opfer sexueller Gewalt in Schande? Sollten sie?

Und heute? Ich mag nicht mehr. Es ermüdet, immer wieder die gleichen Argumente zu entkräften. Auch die erneute Verlagerung der Debatte auf die emotionale Ebene, wie unlängst von Peter Hahne und Stephanie zu Guttenberg im ZDF zelebriert, würde ich am liebsten ignorieren. Der christlich-theologische Hintergrund sowohl bei Hahne als auch bei Deckers? Geschenkt.

Ich weiß, dass das falsch ist. Gerade jetzt, wo für die Zukunft des “Zugangserschwerungsgesetzes” und die Websperren in Deutschland entscheidende Weichen gestellt werden, gilt es gegenzuhalten. Mein Dank gilt daher Christian Wöhrl, der in seinem Blog die passenden Worte gefunden hat (Übernahme mit Erlaubnis des Autors):

Mit Ahnungslosigkeit nicht zu erklären

Anderthalb Spalten lang schreibt er so empathisch über die Würde der Opfer sexualisierter Gewalt (FAZ vom 22.9. Seite 1, Kommentar „Am Herzen“), dass man versucht ist zu glauben, Daniel Deckers habe sich ernsthaft mit der Überlebendenperspektive auseinandergesetzt. Und dann dies: Nachdem er lobende Worte dafür findet, dass etwa Kirchen jetzt die „Mauer des Schweigens einreißen“ wollen, singt er einen Satz später das Loblied der Netzsperren, der virtuellen Mauern par excellence, als vorrangigstes Werkzeug im Kampf gegen die im Internet „wuchernde“ Kinderpornographie.

Entschuldigung, aber im September 2010 ist ein derartiger Lapsus mit Ahnungslosigkeit nicht mehr erklärbar. Aus Sicht der Überlebenden sind Sperren, also das bloße Verhüllen der Seiten, das funktionale Äquivalent zum gesamtgesellschaftlichen Leugnen und Wegschauen. Und aus Sicht der Täter, auch das ist keine sonderlich neue Erkenntnis, sind Sperren ein willkommenes Frühwarnsystem, das der Verdunkelung und Strafvereitelung förderlich ist. Netzsperren nutzen also vor allem den Tätern – und natürlich diversen Lobbygruppen, die dieses Instrument nur zu gern auf Bereiche fernab sexualisierter Gewalt ausgedehnt sähen. Es wäre insofern spannend zu wissen, wessen Wohl Herrn Deckers wirklich am Herzen liegt …

PS: Kommentare der Fairness halber bitte direkt bei Christian Wöhrl.

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