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February 25 2014

February 13 2014

EU-Kommission bekennt sich irgendwie zu Internet-Governance

Die EU-Kommission hat gestern Vorschläge gemacht, wie Internet-Governance zukünftig gestaltet werden sollte. Wir haben zur Einschätzung die Internet-Governance Forscherin Jeanette Hofmann vom Wissenschaftszentrum Berlin interviewt.

netzpolitik.org: Warum macht die EU-Kommission zum jetzigen Zeitpunkt Vorschläge?

Foto: David Ausserhofer

Foto: David Ausserhofer

Jeanette Hofmann: Seit 2005 waren die Positionen zu der Frage, wer die Aufsicht über die sogenannten kritischen Internetressourcen (im wesentlichen Domainnamen, IP Adressen) ausüben sollte, faktisch festgefahren. Im Herbst 2013 ist dann plötzlich Bewegung in die Angelegenheit gekommen – eine der unerwarteten Nebenwirkungen der Snowden Enthüllungen. Eine wichtige Gruppe von Akteuren, die mit der Koordination der Internetressourcen befasst sind, hat der US-Regierung mit dem Montevideo Statement ihre Loyalität aufgekündigt und sich erstmals für eine Globalisierung der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) und der zugeordneten IANA Funktionen ausgesprochen.

Das Montevideo Statement hat international ein sehr großes Echo hervorgerufen. Die konkreteste Auswirkung ist eine von der brasilianischen Regierung zusammen mit Partnern organisierte globale Konferenz im April 2014. Diese Konferenz hat zwei Ziele: sie will erstens konkrete Vorschläge für eine Internationaliserung, präziser: für eine Entstaatlichung von ICANN und ihren Aufgaben ausarbeiten und zweitens Konsens über ein “framework of principles” für Internet Governance erzielen. Vor diesem Hintergrund hat sich nun auch die Europäische Kommission zu Wort gemeldet. Natürlich möchte sie Einfluss auf den nun angelaufenen Diskussionsprozess.

netzpolitik.org: Wie konkret sind diese Vorschläge?

Jeanette Hofmann: Konkret sind sie sicher nicht. Aber darum geht es der Kommission in dieser Situation wohl auch nicht. Schön ist, dass sich die Kommission so klar zum Multistakeholder Prozess bekennt und selbst die intergouvernementalen Diskussionen in diesem verankert sehen möchte. Schön ist zudem, dass sich die Kommission für die Stärkung des Internet Governance Forums ausspricht. Sie lässt aber im Dunkeln, wie diese Stärkung aussehen soll und vor allem, welchen Beitrag sie selbst dazu leisten möchte.

netzpolitik.org: Wen möchte die EU-Kommission damit erreichen?

Jeanette Hofmann: Ich denke, die Kommission möchte ich an dem bevorstehenden Aushandlungsprozess mitwirken, und diesen Anspruch meldet sie mit diesem Dokument an.

netzpolitik.org: Was ist von der Initiative Brasiliens zu halten, im April eine Konferenz zu Internet-Governance zu organisieren?

Jeanette Hofmann: Für viele derjenigen, die die Debatten um Internet Governance über die letzten 10, 15 Jahre verfolgt haben, stellt die brasilianische Initiative einen großen Schritt vorwärts dar. Die beteiligten Organisationen und Personen auf der brasilianischen Seite genießen international Anerkennung und Glaubwürdigkeit. Selbst die US-Regierung unterstützt inzwischen offiziell den Prozess und bildet einen der Co-Hosts. Das wäre vor einem Jahr so noch kaum denkbar gewesen.

Die aus meiner Sicht spannende Frage ist nun, was genau an die Stelle der US-Aufsicht über die Netzinfrastruktur tritt. Es gibt keine unmittelbaren Vorbilder für eine internationale Organisation, die nach dem Multistakeholder Prozess organisiert und durch diesen auch kontrolliert wird.

netzpolitik.org: Die EU-Kommission schlägt “konkrete Maßnahmen für die Festlegung eines klaren Zeitplans für die Globalisierung der ICANN und der „IANA-Funktionen“ vor, wie könnten diese aussehen?

Jeanette Hofmann: Ich denke, eine der Ergebnisse der Konferenz in Sao Paulo wird ein solcher Zeitplan sein. Wichtiger als der konkrete Zeitplan scheint mir die Substanz: welchen Anforderungen soll eine Internationalisierung von ICANN genügen? Wie wird deren Einhaltung sichergestellt, und welche Rolle stellen sich die Regierungen dabei für sich selbst vor? Wer arbeitet das konkrete Modell aus und wer entscheidet darüber? Hier hätte ich mir konstruktive Vorschläge der Kommission gewünscht.

netzpolitik.org: Wie kann das globale Internet-Governance-Forum gestärkt werden (was dieses Jahr in der Türkei stattfinden soll)?

Jeanette Hofmann: Das ist auch so eine Frage, über die sich die Geister seit langem streiten. Ein chronisch neuralgischer Punkt betrifft die Finanzierung. Dem IGF fehlt es mal mehr mal weniger dramatisch an Geld. Die EU gehört zwar zu den regelmäßigen Spendern, aber wenn sie es ernst meint mit der Empfehlung, das IGF zu stärken, dann könnte sie mal tiefer in die Tasche greifen.

Ein zweiter strittiger Punkt betrifft das Output des IGF. Seit vielen Jahren fordern viele Teilnehmer, dass das IGF stärker ergebnisorientiert arbeiten und seine Diskussionen besser dokumentieren sollte. Zwar schließt das Mandat des IGF Etnscheidungen und offizielle Handlungsempfehlungen ausdrücklich aus, aber zwischen offiziellen Deklarationstexten und dem jährlich veröffentlichten “chairman’s summary” gibt es noch viel Luft. Hier muss sich das IGF bewegen und mit neuen Formaten experimentieren, wenn es nicht irrelevant werden will. Das Montevideo Statement, das in den letzten Monaten so viel ins Rollen gebracht hat, wurde eben von einer schmalen Netzelite in Montevideo und nicht in Bali von den 1500 Teilnehmern des letzten IGF verabschiedet. Das will schon was heißen!

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February 11 2014

Edward Snowden auf der Berlinale

Der rote Teppich ist ausgerollt auf der Berlinale, nicht nur für George Clooney, sondern auch für Edward Snowden. Ganz kurzfristig wurde das Interview von Hubert Seipel mit Edward Snowden als offizieller Programmpunkt für die Berlinale aufgenommen. Super eigentlich, aber warum denn so kurzfristig und warum überhaupt Berlinale, wenn es denn schon im Fernsehen gelaufen ist?

Dazu sagte uns Dieter Kosslick, der Berlinale-Chef:

Wir möchten einem internationalen Publikum die Möglichkeit geben, dieses umfangreiche Interview zu sehen, denn bisher lief es ja ausschließlich im deutschen Fernsehen. Die Berlinale ist ein guter Ort für dieses Screening.

Hintergrund ist die schwierige rechtliche Situation dieses Interviews. Laut FAZ sei das Interview mit Snowden im Zusammenhang mit einer geplanten Dokumentation “Abgehört und abgenickt” für den NDR entstanden, die am 5. Mai 2014 in der ARD laufen solle und im Widerspruch zur Ankündigung des weltweit ersten Interviews mit Edward Snowden nur im deuschen Fernsehen zu sehen war.

Die am Sonntag gezeigte Fassung ziele „auf die Verbreitung einer deutschen Version – entsprechend des Auftrags des NDR“. Daraus ergebe sich auch das „Geoblocking“ im Internet. [...] Auslandsrechte dürfe der NDR „prinzipiell nicht selbst verwerten“.

Insofern ist die Berlinale, schon immer als politisches Filmfestival bekannt, genau der richtige Ort, um das Interview einem internationalen Publikum in einem offiziellen Rahmen zu zeigen.

Allerdings war der Saal bei der Vorstellung nicht gerade bis auf den letzten Platz gefüllt. In der anschließenden Fragerunde mit Hubert Seipel lag der Schwerpunkt des Interesses auf der Person Edward Snowdens und den Umständen des Interviews, wie er wirke, ob er in Russland sicher sei. Dazu hatte Seipel bereits im Vorfeld ausführlich Auskunft gegeben. Snowden sei sehr präzise und konzentriert, für seine Sicherheit sei Sorge getragen. Neu war die Information, dass Seipel das Interview, das Ende Januar durchgeführt wurde, bereits seit Juli geplant hatte. Er vermutete: “Die Konkurrenz war sehr groß”.

Angesichts der Überwachungsaffäre waren Seipels Kommentare zu seinem eigenen Kommunikationsverhalten amüsant. Er sei “ein hoffnungsloser Fall”, was verschlüsselte Kommunikation angehe und stamme noch aus der “analogen Welt”. Dafür habe er andere, die dafür sorgen, dass er als investigativer Journalist sicher mit seinen Quellen in Kontakt treten könne.

Falls im nächsten Jahr Filme zum Thema Snowden, Hacker, Geheimdienste und Überwachung fertig gestellt würden, wäre ein thematischer Schwerpunkt auf der Berlinale wünschenswert. Das könnte sich Dieter Kosslick auch gut vorstellen:

Sollten sich solche Inhalte herauskristallisieren, spräche nichts gegen diese thematische Ausrichtung.

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February 10 2014

Interview: Edward Snowden ernennt Berliner Anwalt Kaleck

Edward Snowden hat jetzt den Berliner Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck als seinen deutschen Anwalt ernannt. Der Tagesspiegel hatte am Wochenende ein ausführliches Interview mit Kaleck, der auch Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) ist, veröffentlicht: “Edward Snowden hat nichts verkauft, nichts gewonnen. Er verdient Respekt”

Snowden ist 30, er sitzt in Russland fest, wo er bis Mitte dieses Jahres noch Asyl hat, seine Familie kann er nicht besuchen. Geht’s ihm gut?

Mein Gefühl ist, er geht seinen Weg. Er braucht viel Unterstützung, er wünscht sich viel Unterstützung, aber mehr für die Sache als für sich selbst. Er fordert – gerade von uns Europäern: Redet über Whistleblower insgesamt, redet über ihren Schutz, gebt ihnen einen besseren rechtlichen Status!

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January 01 2014

“Jung & Naiv” beim #30c3: Constanze Kurz, Fefe, Tim Pritlove

Unser erstes Mal beim Kongress der chaotischen Kommunikation sollte gleich ein tolles werden. Ohne Vorahnung und -warnung fuhren wir nach Hamburg und verbrachten zwei Tage unter Menschen, die sich Gedanken machen und an die Zukunft denken. Ist ja eher die Ausnahme wenn’s um Politik geht heutzutage. Zurückgekommen sind wir mit fünf Folgen im Gepäck.

Tim Pritlove, Eröffnungsredner beim 30c3, fragte ich, ob und wie wir uns denn gegen die Überwachung wehren können und sollten



Jan Philipp Albrecht, Europaabgeordneter der Grünen, erklärte mir, was ein Politiker auf dem CCC zu suchen hat und warum es europäische Lösungen im Datenschutz und bei den Geheimdiensten geben sollte

Alexa O’Brien war beim Prozess von Chelsea Manning dabei. Doch wer ist Chelsea Manning? Was hat sie angestellt? Und warum muss sie dafür nun 35 Jahre ins Gefängnis?

Fefe alias Felix von Leitner war ein bisschen kamerascheu, aber erzählte mir von Fnords, warum Vorratsdatenspeicherung doof ist, welche Wunder er der neuen großen Koalition einräumt und ob er Hans-Peter Friedrich als vorbildlichen Innenminister vermissen wird.

Schließlich traf ich die grandiose Constanze Kurz, Sprecherin vom CCC. In einer tollen Folge ging es über ihre Rolle im Verein und in der Gesellschaft, über ein gutes Ende im Überwachungsskandal und warum sie ein Buch über Roboter geschrieben hat.

Alle bisherigen 106 Folgen Jung & Naiv gibt’s im Youtube-Kanal Eures Vertrauens. Abonnieren kostet auch nix.

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December 24 2013

Edward Snowden im Interview: Ich habe bereits gewonnen

Die Washington Post hat ein Weihnachts-Interview mit Edward Snowden gemacht: Edward Snowden, after months of NSA revelations, says his mission’s accomplished.

“For me, in terms of personal satisfaction, the mission’s already accomplished,” he said. “I already won. As soon as the journalists were able to work, everything that I had been trying to do was validated. Because, remember, I didn’t want to change society. I wanted to give society a chance to determine if it should change itself.” “All I wanted was for the public to be able to have a say in how they are governed,” he said. “That is a milestone we left a long time ago. Right now, all we are looking at are stretch goals.”

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December 08 2013

Datensauger im Netz: NSA-Skandal und die Folgen

Die Sendung Kulturfragen im Deutschlandfunk hat mich 25 Minuten lang zum NSA-Skandal und die Folgen interviewt und das Gesprch heute ausgestrahlt: Datensauger im Netz.

Vampire der Gegenwart – Über “falsche” Sicherheiten einer Gesellschaft zwischen Big Data und NSA-Skandal. Markus Beckedahl, Blogger und Netz-Aktivist, im Gespräch mit Karin Fischer

Hier ist die MP3.

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November 01 2013

Edward Snowden im SZ-Kurzinterview: Ich bereue nichts

John Goetz hat Hans-Christian Stroebele bei seinem Besuch in Moskau bei Edward Snowden begleitet und ein paar kurze Fragen und Antworten für ein Kurzinterview bei Sueddeutsche.de gestellt: “Ich bereue nichts”.

Auf die Frage, ob Snowden etwas bereut, antwortet er: “Als Konsequenz davon, das Richtige gemacht zu haben: Ich bereue nichts.” Ihn schmerzt der “Verlust von echten und regelmäßigen Kontakten zu meiner Familie und meinen Freunden” und sieht das als den Preis seiner Handlung an. Snowden erklärt auch, weshalb er keine Interviews zu den Inhalten der Dokumente gibt: “Unabhängige Journalisten und Experten sollen sich ihr eigenes Urteil darüber bilden, was die Dokumente beinhalten.”

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October 25 2013

“What does it mean to be commander of the US cyber command and the director of the NSA?”

Keith B. Alexander official portraitWas bedeutet es, Commander des US Cyber Commands und Direktor der NSA zu sein?

So lautet die erste Frage im Interview mit Keith B. Alexander, das gestern vom US-Verteidigungsministerium ins Netz gestellt wurde. Momentan bedeutet diese Position wohl primär, Kritik von allen Seiten einstecken zu müssen. Seit #merkelphone und einem Artikel des Guardian, in dem von insgesamt 35 abgehörten Regierungschefs die Rede ist, hat diese Kritik nochmals zugenommen und Frau Merkel bemerkte in ihrer Stellungnahme nonchalant: “Ausspähen unter Freunden – Das geht gar nicht“.

Was also tun, um sein Image wieder aufzupolieren? Die Lösung lautet: Bloß keine Entschuldigungen, sondern alles verteidigen, was man selbst oder die NSA tut. Dazu ein wenig beruhigende Musik und Museumskulisse im Hintergrund, die den aufmerksamen Zuschauer wohlig einlullen. In einem halbstündigen Quasi-Monolog versucht Keith Alexander, die Geschichte wieder gerade zu rücken:

Die Menschen sagen, die spionieren Amerika aus. Das ist vollkommen falsch. Wir gehen mit diesen Programmen Terroristen nach. Wir schützen Bürgerrechte und die Privatsphäre (sic!).

Außerdem klärt er darüber auf, dass “Spähprogramme” eine vollkommen unzutreffende Bezeichnung ist. Es heißt nämlich “Business Records FISA Program, oder Section 215, und das andere heißt FISA Amendment Act 702 oder PRISM.” Danke dafür.

Wer es sich zumuten will, das gesamte Interview anzuschauen, findet es hier. Und wer dann noch nicht genug hat, dem sei der dazugehörige Blogbeitrag auf “Armed with Science“, dem Blog des US-Verteidigungsministeriums, ans Herz gelegt.

 

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October 14 2013

Wikimedia-Interviews

Das SZ-Magazin hat ein längeres Interview mit Sue Gardner gemacht, der scheidenden Geschäftsführerin der Wikimedia-Foundation: Auf der guten Seite.

Sie sind umzingelt von Google, Amazon und eBay. Wird das Internet zur Shopping Mall?

Ich denke schon. Ich habe nichts gegen diese Seiten, ich nutze sie selber, aber ihr vordringliches Ziel ist es nun mal, Geld zu verdienen. Dass sie den Menschen helfen, ist zweitranging. Ihre Dominanz hat in meinen Augen dazu geführt, dass das Ökosystem des Internets aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und noch eine andere Entwicklung, die damit zusammenhängt, stört mich: Das Großartige am Internet war doch mal, dass es den Leuten die grenzenlose Möglichkeit gibt, selber Inhalte zu produzieren, Blogs sind dafür nur ein Beispiel. Heute nutzen die Leute jedoch am liebsten Seiten, die ihre Ausdrucksmöglichkeiten beschneiden. In den USA verbringen die Menschen zehn Minuten von jeder Stunde, die sie online sind, auf Facebook. Dort können sie den »Gefällt mir«-Button klicken oder Inhalte verlinken, aber kaum noch eigene kreieren.

Und bei iRights.info findet sich ein Interview mit dem Wikimedia-Justiziar Geoff Brigham: „Jeden Tag rufen Streithähne aus aller Welt an, um Inhalte zu entfernen”
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Welche Arbeit im Alltagsgeschäft sonst noch anfällt, ist für Außenstehende gar nicht erkennbar. Jeden Tag rufen bei uns Streithähne aus der ganzen Welt an, darunter viele Anwälte und Regierungsbeamte, die uns auffordern, bestimmte Inhalte von unserer Site zu entfernen. So lange diese jedoch wahrheitsgemäß und rechtens sind, wird das nicht geschehen. Wir betrachten jeden Einzelfall für sich und gehen sehr gewissenhaft vor, nichts passiert automatisch. Handelt es sich beispielsweise um eine Urheberrechtsverletzung, überprüfen wir zunächst den Vorfall. Bewahrheitet sich der Vorwurf, löschen wir den Inhalt. Aber wir entfernen keinen Artikel, nur weil er einer Person nicht gefällt.

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October 09 2013

Minority Reports ‘Precrime’ ist das langfristige Ziel des MI5 Director-General Andrew Parker

precrime_logoDer gegenwärtige Director-General des britischen Geheimdienstes MI5, Andrew Parker, hielt gestern die erste offizielle Rede in seiner Amtszeit. Dabei hat er natürlich vor allem von den Gefahren gesprochen, die seine Institution versucht abzuwehren und wie viel Schaden Snowdens Veröffentlichungen angerichtet haben. Mittendrin findet man dann jedoch, was er sich eigentlich für den MI5 wünscht:

In einem gewissen Sinne ist Terrorismusbekämpfung eine außergewöhnliche Angelegenheit. Lassen Sie mich sagen, was ich meine. Terrorismus ist, aufgrund seiner Natur und der Folgen, der einzige Bereich der Kriminalität, wo die Erwartung manchmal zu sein scheint, dass die Statistik Null sein sollte. Null. Stellen sie sich vor das selbe Ziel würde auf Mord im Allgemeinen, oder organisierten Drogenhandel angewendet werden. Das kennt man nur von ‘Precrime’ aus dem Tom Cruise Film ‘Minority Report’. Das Leben ist nicht wie im Film. In einer freien Gesellschaft ist Null, angesichts der anhaltenden und ernsthaften Bedrohungen, natürlich unmöglich zu erreichen – jedoch werden wir weiterhin danach streben. 

 

(Englisches Original) In one sense counter terrorism is an extraordinary proposition. Let me say what I mean. Terrorism, because of its nature and consequences, is the one area of crime where the expectation sometimes seems to be that the stats should be zero. Zero. Imagine applying the same target to murder in general, or major drugs trafficking. That is the stuff of ‘pre-crime’ in the Tom Cruise movie ‘Minority Report’. Life is not the movies. In a free society ‘zero’ is of course impossible to achieve in the face of persistent and serious threats – though we will keep stretching for it.

Was sagt Andrew Parker da eigentlich? Die Gesellschaft erwartet (seiner Meinung nach), dass Terror-Anschläge immer verhindert werden – im Gegensatz zu Mord oder organisiertem Drogenhandel. Parker sagt nicht, dass etwas wie ‘Precrime‘ unmöglich wäre – ganz im Gegenteil. Er sagt, dass ein hundertprozentiges Vereiteln von Terror-Anschlägen in einer freien Gesellschaft, die ständig von Außen und Innen bedroht wird, unmöglich sei – dass MI5 sich aber bemüht dieses Ziel, der hundertprozentigen Sicherheit vor Terror-Anschlägen, zu erreichen.

Witwer_ball

Precog Ball

In Philip K. Dicks Kurzgeschichte “Minority Report” – die die Grundlage des gleichnamigen Films ist – gab es in der Gesellschaft schon seit 5 Jahren keinen Mord mehr. Allen geht es “gut”. In “Minority Report” wird diese praktisch hundertprozentige Sicherheit vor Morden durch hundertprozentige Kontrolle der Bürger ermöglicht. Wenn man nur an einen Mord denkt, oder im Affekt ein Verbrechen begehen will, wird man verurteilt. Das scheint wirklich sehr weit entfernt von unserer jetzigen Gesellschaft. Und doch ist es das gar nicht. Andrew Parker sagt ganz deutlich, dass sein Ziel für den MI5 möglichst vollständige Prävention von terroristischen Aktivitäten ist. Und dieses Ziel versucht er – ganz ähnlich zu Dicks Vision – durch vollständige Kontrolle über jegliche Kommunikation zu erlangen. Die zunächst freie Gesellschaft muss also – zu ihrem eigenen Wohl – kontrolliert werden, damit man ihre Sicherheit besser gewährleisten kann. Anders als im Film geschieht diese Kontrolle nicht durch drei Frauen in Nährlösung und Holzkugeln, sondern durch all die Dinge, die Snowden in den letzten Monaten veröffentlicht hat.

Natürlich hat Parker im weiteren Verlauf der Rede immer wieder versucht zu beteuern, dass weder MI5 noch GCHQ willkürlich die Gesellschaft beobachten und somit unter Generalverdacht stellen.

I am very pleased that we are a highly accountable Service… We give evidence in court…

Andrew Parker spricht hier zwar für den MI5, für die Tochter-Behörde GCHQ ist beides jedoch keineswegs der Fall. Erst letzte Woche kamen Ben Scott und Stefan Heumann in ihrer Studie zur rechtlichen Lage der US amerikanischen, britischen und deutschen Geheimdienstgesetze, zu dem Schluss, dass Großbritannien die schwächsten Kontrollmechanismen hat und den Geheimdiensten die größten Freiheiten einräumt. Zur umfassenden Überwachung der Telekommunikation benötigen die britischen Geheimdienste gerade keine richterliche Bevollmächtigung, sondern lediglich ein “Zertifikat” des Innenministers.

We do not want all-pervasive, oppressive security apparatus… The reality of intelligence work in practice is that we only focus the most intense intrusive attention on a small number of cases at any one time. The challenge therefore concerns making choices between multiple and competing demands to give us the best chance of being in the right place at the right time to prevent terrorism… And let me be clear – we only apply intrusive tools and capabilities against terrorists and others threatening national security. The law requires that we only collect and access information that we really need to perform our functions, in this case tackling the threat of terrorism.

Das hört sich natürlich zunächst sehr beruhigend an. Selbst der Direktor des MI5 ist gegen allgegenwärtige und allmächtige Überwachung. MI5 agiert innerhalb der engen Schranken des Gesetzes. Wenn man sich jedoch die Frage stellt, wie MI5 und GCHQ überhaupt Terroristen identifizieren, ergibt sich ein anderes Bild: Um einen Terroristen zu verfolgen, muss man zunächst wissen, ob es sich um einen Terroristen handelt. Da jegliche Telekommunikation potenziell terroristischer Natur sein könnte, muss man – folgerichtig – auch jegliche Kommunikation überwachen. Da man zur Zeit zwar die Möglichkeiten hat, jegliche Kommunikation mitzuschneiden und zu speichern, die Analysemöglichkeiten und Algorithmen aber noch sehr limitiert sind – außerdem braucht es Zeit um Verschlüsselungen zu knacken – ging man in den letzten Jahren dazu über alles in riesigen Datenzentren abzuspeichern. Was in Parkers Rede als sehr bedacht, fokussiert und limitiert dargestellt wird, ist in Wahrheit viel näher an der ‘Gedankenkontrolle’, die in Dicks Kurzgeschichte beschrieben wird: Wenn die Regierung die Kriterien für ‘Terrorismus’ festlegt und die Kommunikation ihrer Bürger über Jahrzehnte abspeichert, ist die Bevölkerung der Willkür zukünftiger Regierungen schutzlos ausgeliefert. Was heute noch legaler Protest ist, könnte in wenigen Jahren schon als terroristischer Akt begriffen werden. Und da alles festgehalten wurde und die jeweilige Regierung vollständigen Einblick hat, hat sie auch vollständige Kontrolle.

Die Rhetorik, der sich Parker bedient, setzt zwar die Freiheit der Bürger der Sicherheit der Gesellschaft gegenüber. Darum geht es aber nicht. Es geht um Kontrolle. In welchem Ausmaß kann die Regierung die Bevölkerung kontrollieren.

The MI5 will still need the ability to read or listen to terrorists’ communications if we are to have any prospect of knowing their intentions and stopping them. The converse to this would be to accept that terrorists should have means of communication that they can be confident are beyond the sight of MI5 or GCHQ acting with proper legal warrant. Does anyone actually believe that?

Das kann man auch als offizielle Begründung sehen, warum man in Großbritannien Passwörter der Polizei und Staatsanwaltschaft übergeben muss: Es darf keinen Kommunikationskanal geben, der nicht der staatlichen Überwachung unterliegt, denn dieser könnte durch Terroristen ausgenutzt werden. Parker gibt hier wieder ein Beispiel für die vorherrschende Überzeugung, dass nur durch vollständige Kontrolle der Kommunikation Sicherheit erlangt werden kann. Ein weiterer rhetorischer Kniff kommt am Ende der Rede:

In closing, let me remind you of something that is too easily forgotten. MI5 is in the end an organisation of members of the public from every walk of life who care very much about the sort of country we live in. That’s why they work there.

Parker bemüht hier aus gutem Grund das Bild, dass in den Geheimdiensten Bürger mit den besten Absichten und reinsten Motiven arbeiten. In den vergangen Wochen haben die Schlagzeilen vor allem dafür gesorgt, dass Geheimdienste als “Eindringlinge” in die Privatsphäre der Bürger empfunden wurden. Daher der verständliche Versuch, Geheimdienste als Teil der Gesellschaft zu porträtieren. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die vollständige Abschottung der Geheimdienste und ihre Verschwiegenheit einheitliches Denken und sich selbst verstärkende Ideologien provoziert. Dies führte dazu, dass Whistleblower, wie Thomas Drake oder Edward Snowden, mit interner Beschwerde nicht weiterkamen, da sie “aus der Reihe tanzten” – und das mag man nicht.

EsFHnX8Letztlich bedient sich Andrew Parker einer Vielzahl von Rhetoriken in seiner Rede, die man zum Teil aus “War on Terror” kennt: Das Bild der konstanten und unmittelbaren Gefahr durch Nicht-Bürger – Terroristen – wird verstärkt. Die Überwachungsinfrastruktur wird als einziges Mittel dargestellt, um diese Gefahren abzuwehren. Im Fokus steht Abwehr – nicht Überwachung. Und der direkte Zusammenhang zwischen “mehr Daten” bedeutet “mehr Sicherheit” wird betont. Andrew Parkers unterschwellige Botschaft: Sollte irgendetwas am Status Quo geändert werden, wird dadurch sofort die nationale Sicherheit gefährdet – daher werden Whistleblower und deren Veröffentlichungen als ernsthafte Gefahrenquelle für die gesamte Gesellschaft dargestellt. Was auch prompt durch einschlägige englische Tageszeitungen aufgegriffen wurde.

Man sollte versuchen nicht denselben Fehler, wie Daily Mail, The Daily Telegraph oder The Times, zu begehen. Googles Amit Singhal hatte in einem Interview gegenüber dem Slate Magazine gesagt, dass Google Ziel ist, Antworten zu liefern, bevor man fragt. Predictive Search.

I can imagine a world where I don’t even need to search. I am just somewhere outside at noon, and my search engine immediately recommends to me the nearby restaurants that I’d like because they serve spicy food.

Im Falle von Google ist das Resultat mehr Komfort für den Benutzer. Dieselbe Idee haben natürlich auch die Geheimdienste – ansonsten würden nicht riesige Datenzentren gebaut werden oder intensive Kooperationen mit US amerikanischen Hochschulen eingegangen werden. Keith Alexander hatte Anfang August gesagt, dass die NSA 90% der System-Administratoren entlassen will, um die Arbeit durch verlässliche Algorithmen erledigen zu lassen. Das macht Sinn, da das Kerngeschäft der Geheimdienste das Abfangen, Filtern und Analysieren von Datenflüssen ist. Dafür benötigt es potente Hardware und Entwickler – wie bei Google. Das Resultat für den Bürger ist jedoch keinesfalls mehr Komfort. Das Resultat wurde durch Philip K. Dick beschrieben und Andrew Patrick hat durch einige seiner Aussage diesen Eindruck nochmals untermauert.

Vollständige Kontrolle aller Kommunikationskanäle, basierend auf dem Glauben, dass dadurch Sicherheit vor Systemkritikern und Andersdenkenden erlangt wird. Deswegen wird die konstante Bedrohung der Gesellschaft betont und nicht darüber gesprochen, dass durch Kontrolle natürlich auch Machterhalt sichergestellt wird. Deswegen wird der fragwürdige Zusammenhang zwischen Kommunikationsüberwachung und Verbrechensprävention nicht hinterfragt. Deswegen wird nicht darüber gesprochen, dass allein die bisher über uns gespeicherten Daten ein potenzielles Risiko darstellen, falls eine der nächsten Regierungen eines anderes Terrorismus-Verständnis hat.

Es geht gerade nicht um Freiheit vs Sicherheit. Es geht um Kontrolle. Vollständig.

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September 30 2013

Remixer #20 Walter W. Wacht: “Habe mich weit aus dem Fenster gelehnt”

Walter W. Wacht (Foto: © Elena Klein)

Walter W. Wacht (Foto: © Elena Klein)

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Walter W. Wacht.

Walter W. Wacht ist seit rund sieben Jahren als Musikjournalist, Online-Redakteur und Community Manager für verschiedene Popkultur-Medien tätig und entwickelt Digitalstrategien für Labels, Musiker und angeschlossene Häuser. Zuletzt hat er das Kunstprojekt »This Duck is Tocotronic« auf Tumblr initiiert, das Comic-Strips aus Entenhausen mit Textzeilen der Gruppe Tocotronic zusammendenkt.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

Ein guter Remix greift das Original auf, fügt eigene Gedanken hinzu, variiert und verfremdet, lässt aber das Ausgangsmaterial, die eigentlichen Künstler strahlen. Im besten Fall überrascht ein Remix. Im schlimmsten Fall besteht der Remix aus dem Hinzufügen einer Vierviertel-Bassdrum. Manchmal ist stumpf aber auch Trumpf, siehe unten.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Wenn sie im redaktionellen Alltag passen und einen Beitrag bereichern, verwende ich gemeinfreie oder CC BY-SA- bzw. CC BY-lizenzierte Bilder. Alle anderen Creative-Commons-Lizenzen verbitten sich eigentlich im redaktionellen Umfeld: ob eine nichtkommerzielle Webseite zu einem späteren Zeitpunkt monetarisiert wird, lässt sich nie vorhersagen. Und ein veränderter Bildzuschnitt stellt bereits eine Veränderung dar, was oft genug alleine schon durch Vorgaben des Content-Management-Systems umumgänglich ist. Im Zweifelsfall lizenziere ich lieber ein richtiges Bild, oder schicke Fotografen. Ich streame und kaufe digitale Musik, zum gelegentlichen Auflegen verwende ich aber nur Vinyl.

Wurdest Du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen Deiner künstlerischen Tätigkeit?

Nein. Für »This Duck is Tocotronic« habe ich mich weit aus dem Fenster gelehnt, eine Abmahnung erfolgte nicht. Aber ich bin mir bewusst, dass sich das jederzeit ändern könnte. Glücklicherweise wird das Projekt so rezipiert, wie ich es selbst verstehe: als Kunstprojekt, als Collage, als nicht-kommerzielle Arbeit ohne Interesse der Bereicherung.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Die Idee ist schnell gedacht und plausibel untermauert. Aber ich sehe und verstehe auch die Positionen der Künstlerinnen. Und wie würde ich persönlich damit umgehen, wenn es sich um eine meiner Reportagen handelt, in der jedes Wort, jeder Satz dort steht, wo er stehen soll. Oder schreibt meine jeweilige Redakteurin hier den Remix? Ein Recht auf Remix ist wünschenswert, ich persönlich bin aber noch in der Findung.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Warum ich diesen Remix liebe? Er steht exemplarisch für das, was aus der Remix-Kultur wachsen kann. Ein unautorisierter Remix, eigentlich ein Mash-Up zweier Künstler – Pantha Du Prince und Tocotronic – die sich nicht nur künstlerisch, sondern auch persönlich nah stehen. Ein Acapella trifft ein Instrumental. Das Tempo bleibt vollkommen unverändert. Dennoch entsteht ein völlig neues Stück. Wir haben diesen Remix von hal bei Spex 2007 zum wichtigsten Song des Jahres erklärt. Ich wüsste auch heute keinen wirklich herausragenderen Remix.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Das Interview führte Barbara Hallama.

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September 27 2013

Jung & Naiv – Folge 89: Wird jetzt alles gut in der Netzpolitik?

Ich weiß nicht, ob ihr’s mitbekommen habt: Am Sonntag haben die Deutschen einen neuen Bundestag gewählt. Die grundsympathische FDP ist leider rausgeflogen, die AfD hat knapp den Einzug verpasst und die Piraten waren noch nicht mal im Ansatz in der Lage die Fünfprozenthürde anzupeilen.

Nun sind’s nur noch fünf Parteien im deutschen Parlament: CDU, CSU, Linke, Grüne und SPD. Doch was bedeutet diese Konstellation und noch wichtiger, mögliche Koalitionen für die Zukunft im Digitalen? Wird jetzt alles gut? Haben die Parteien in den vergangenen Jahren gelernt, was richtig und was unsinnig ist? Werden wir von Vorratsdatenspeicherungen, Netzsperren und Staatstrojanern nun nie wieder was von unseren Volksvertretern hören?

Dazu habe ich mich mit Markus Beckedahl von netzpolitik.org getroffen, der mir kurz und knapp berichtete, was er in der kommenden Legislaturperiode netzpolitisch erwartet.

Feedback? Sharing? Yes, please. Alle Folgen “Jung & Naiv” ungekürzt, unbeschnitten auf www.jungundnaiv.de.

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September 24 2013

Interview zum Hack der iPhone-TouchID: “Erschreckend einfach”

starbug-hacked-touchidAm Sonntag Abend berichteten wir, dass es einem Hacker des Chaos Computer Clubs gelungen ist, die Fingerabdrucksperre des vor wenigen Tagen erschienen iPhone zu umgehen. Wir haben ein Interview mit Starbug zu seinem Hack geführt.

netzpolitik.org: Woher hast du den Fingerabdruck für die Attrappe? Reicht ein Abdruck einer Flasche oder des iPhones selbst?

Starbug: Für den hier gezeigten Hack habe ich den Abdruck direkt vom Display des iPhones genommen. Die Oberfläche bietet sich ja perfekt an und was gibt es besseres, als den Abdruck gleich auf dem Gerät zu haben, dass man hacken will? Natürlich bieten sich aber auch Abdrücke auf Flaschen oder Türklinken an.

netzpolitik.org: Wie einfach war es für Dich, die Fingerabdrucksperre zu umgehen?

Starbug: Erschreckend einfach. Ich hatte mit ein bis zwei Wochen intensiver Arbeit gerechnet. Aber schon nach den ersten Tests zeigte sich, dass die Frage nach dem Material für die Attrappe keine grosse Rolle spielt. Von da an war es eigentlich nur eine Frage ausreichend guter Auflösungen und Qualitäten der Einzelschritte der Attrappenherstellung.

netzpolitik.org: Braucht man dafür Spezialwissen oder kann das jeder machen?

Starbug: Überhaupt nicht. Eigentlich alle Informationen sind seit Jahren im Internet verfügbar. Der Chaos Computer Club hat schon vor fast zehn Jahren mit einer sehr ähnlichen Technik alle damals verfügbaren Fingerabdruckscanner überlistet.

netzpolitik.org: Was war das schwerste am Hack?

Starbug: Die Nano-Sim schneiden.

netzpolitik.org: Apple sagt, das ist sicher. Und nun?

Starbug: Ich gehe nicht davon aus, dass Apple da großartig Konsequenzen draus ziehen wird. Ihnen muss klar gewesen sein, dass früher oder später jemand kommt und TouchID hackt. Sie sitzen das jetzt aus und verkaufen weiter ihre Telefone. Und die Leute werden sie auch weiter kaufen und natürlich auch den Fingerabdrucksensor weiter benutzen.

netzpolitik.org: Sogar Bruce Schneier sagt, das System wäre ein Kompromiss zwischen Komfort und Sicherheit. Siehst Du das auch so?

Starbug: Ja, mit einer klaren Verschiebung Richtung Komfort. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass der Aufwand einen Fingerabdruck nachzumachen schon höher ist, als einem Benutzer bei der Eingabe seines Entsperrcodes über die Schulter zu schauen. Besonders Problematisch wird es in dem Fall, wenn mit dem Fingerabdruck dann Apps gekauft werden und so monetärer Schaden entsteht. Und man muss sich immer vor Augen halten, dass man die Herausgabe eines Codes verweigern kann, das Auflegen des Fingers auf ein Telefon aber nicht.

netzpolitik.org: Kann man Fingerabdrucksperren auch richtig machen? Wenn ja, wie sähe das aus?

Starbug: Apple hatte ja behauptet, dass sie tieferliegende Hautschichten für die Erkennung benutzen. Ein Verfahren würde den hier demonstrierten Angriff unmöglich machen, wenn es Merkmale nutzt, die nicht auf einem Glas oder dem Display des iPhones direkt hinterlassen werden. Allerdings gibt auch bzw. besonders in der Biometrie den Spruch: Es gibt keine sicheren Systeme. Jedes System kann mit ausreichend hohem Aufwand und Zeit und Geld geknackt werden.

netzpolitik.org: Gibt es (überhaupt) biometrische Daten, die zur Authentifizierung geeignet sind?

Starbug: Geeignet sind Daten, die nicht überall hinterlassen werden oder leicht abzufotografieren sind. Das heißt aber auch nur, dass man größeren Aufwand treiben muss, um an die Rohdaten für eine Attrappe zu kommen; überwindbar sind sie trotzdem.

netzpolitik.org: Was ist – neben der Umgehbarkeit – das größte Problem mit biometrischer Identifikation im Alltag? Welche Auswirkungen hat das?

Starbug: Ich empfinde das automatische Identifizieren von Menschen allgemein als problematisch. Vor allem, wenn es z.B. wie bei der Gesichtserkennung ohne das Zutun des Einzelnen passiert. So können Bewegungsprofile erstellt oder Menschen erfasst werden, die an einer Demonstration teilnehmen. In Hamburg gibt es ein Projekt, wo schon Grundschüler ihre Fingerabdrücke hergeben müssen, um ihr Schulessen zu bekommen. Damit werden Menschen an Technik gewöhnt, die früher nur zur Identifizierung von Kriminellen verwendet wurde.

netzpolitik.org: Was machst du jetzt mit dem auf Is Touch ID hacked yet? gespendeten Geld?

Starbug: Das Geld und die Sachspenden gehen komplett an die Raumfahrtagentur, einem Berliner Hackerspace. Bisher sind allein auf dem Paypal-Account schon über 3000 Euro eingetroffen.

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September 23 2013

Alan Rusbridger über die Aufarbeitung der Snowden-Leaks

Die Sendung DemocracyNow hatte heute den Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, zu Besuch, und hat ihn knapp eine Stunde lang zum NSA-Überwachungsskandal und der Arbeit des Guardian bei der Aufarbeitung interviewt: Spilling the NSA’s Secrets: Guardian Editor Alan Rusbridger on the Inside Story of Snowden Leaks.

Das Gespräch gibt es auch als MP4, als MP3 und als Transcript.

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September 16 2013

Remixer #18 Alexander Støver aka Binärpilot: “Dafür fehlt mir das Geld”

Alexander Støver

Alexander Støver

In der Serie “Remixer/in” erzählen Menschen über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Remix und Remix-Kultur. Dieses Mal: Alexander Støver.

Alexander Støver aka binärpilot beschreibt sich selbst als “Roboter, der aus der Zukunft entsendet wurde, um Popverschmutzung (‘Popollution’) zu zerstören.” Seine Arbeiten sind prinzipiell frei verfügbar und verstehen sich als Kritik am gegenwärtigen Status der Popmusik.

Was macht für Dich einen guten Remix aus?

The same story being told from a different perspective. A great remix pays homage to the original while at the same time bringing something new to the equation.

Auf welche Weise verwendest Du selbst Werke Dritter?

Unterbewusst verwende ich die Arbeit von anderen in jedem Aspekt meiner Produktionen. Wenn ich einen Remix mache, versuche ich zu identifizieren, was das Original vermitteln wollte, and arbeit von dort aus weiter.

Hast Du schon einmal Werke aus rechtlichen Gründen nicht verwendet?

Ja, weil mir für so etwas das Geld fehlt.

Abgesehen davon, hattest Du schon einmal rechtliche Probleme wegen künstlerischer oder musikalischer Praktiken?

Nicht wirklich. Verwertungsgesellschaften machen mich jedoch wütend. Ihre Ziele mögen ehrenwert sein, aber in meiner Erfahrung sind sie vor allem ein Störfaktor.

Was hältst Du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Auf der einen Seite finde ich, Kunstschaffende sollten in der Lage sein, ihre Arbeit zu schützen, aber ich glaube auch nicht an das Ersticken von Kreativität. Es ist eine schwierige Frage auf die ich keine einfache Antwort habe. Abgesehen davon würde ich keine Gesetzgebung unterstützen, die Kunstschaffende zwingt ausbeuterische Abwandlungen ihrer Werke hinzunehmen.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Da gibt es zuviele, um sie aufzählen zu können. In der jüngeren Vergangenheit fand ich aber Justices Remix “Electric Feel” wundervoll.

Das ist ein Crosspost vom Blog der Initiative ‘Recht auf Remix‘, die in einer Petition um Unterstützung samt Link zum persönlichen Lieblingsremix bittet. Auf right2remix.org findet sich auch das englische Originalinterview.

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September 13 2013

PRISM & Co sind Arroganz der Macht

t3n hat den Journalisten Charles Lewis über “PRISM, die Zukunft des Journalismus, die Gier der Verlage und Soziale Netzwerke” interviewt. Lewis ist u.a. Gründer des Center for Public Integrity in Washington, einer Non-Profit-Organisation für investigativen Journalismus. In dem Interview geht es u.a. um die Folgen des NSA-Überwachungsskandals auf die Pressefreiheit:

Charles Lewis: Das größte Problem für die Berichterstattung über PRISM und Themen, die nationale Sicherheit betreffend, ist, dass es so wenige Vollzeit-Reporter gibt, die sich mit ihnen auskennen. In einem Land von 330 Millionen Einwohnern ist ihre Zahl verschwindend gering, es sind vielleicht 15 oder sogar weniger. Das zweite schwerwiegende Problem ist, dass es für Journalisten zunehmend schwierig wird, sich mit Regierungsvertretern zu treffen und vertraulich Gespräche zu führen – zwischen den Tausenden von Überwachungskameras in Washington, angesichts der unzähligen Ermittlungen zu undichten Stellen unter Obama, in Anbetracht der irrsinnigen Vorstellung, sich in Regierungsgebäuden mit ihren Sicherheitssystemen und Zugangs-Logs zu treffen und dem weitreichenden Verdacht, dass die E-Mails, Telefongespräche und sogar die GPS-Smartphone-Daten von Journalisten aufgezeichnet werden.

Er ist aber skeptisch, dass sich was ändert, obwohl “diese Programme und die „Arroganz der Macht“, die dahinter steckt”, “Journalisten alarmieren und aufrütteln” sollten, “hartnäckig zu berichten und aufzudecken”. Aber das würde nicht passieren, weil Journalisten nur an Neuigkeitswert interessiert seien und Demokraten sowie Rpeublikaner alles daran setzen, die Überwachungsmaschinerie weiter auszubauen.

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September 11 2013

Hacken, Fressen und Moral: Wie man als gewöhnlicher Hacker auf einmal auf der falschen Seite landen kann

Abrutschen in die Szene

Abrutschen in die Szene

Der Chaos Computer Club hat heute ein Interview mit einem Hacker veröffentlicht, der an der Produktion von Überwachungstechnologien für die Firmen Gamma und Dreamlab beteiligt war. Aus der Pressemitteilung:

Unmittelbar vor dem morgigen 32. Jahrestag der Gründung des CCC ging bei der Redaktion “Die Datenschleuder” ein Interviewangebot eines Aussteigers aus einer dieser schattigen Branchen ein, die seit einiger Zeit im Kreuzfeuer der Kritik steht. Seit Lieferungen von Überwachungsequipment in Länder ruchbar wurden, die es mit Menschenrechten nicht ganz so genau nehmen, gab es immer mal wieder Einblicke in die dunkle Seite der IT-Sicherheitsforschung. Mit diesem Interview können wir nun aber erstmals beleuchten, wie leicht es ist, auf die falsche Seite der Barrikade zu rutschen, aber auch, daß dieser Weg keine Einbahnstraße darstellen muß.

Hier gibt’s das Interview als PDF:

Im Diskurs mit zwei Aussteigern aus der Industrie der IT-Angriffswerkzeuge bekommen wir in der Redaktion „Die Datenschleuder“ einen Eindruck von den Mechanismen und Entwicklungen der dort Forschenden und Arbeitenden. Es wird klarer, wie eine Mischung aus Ehrgeiz, Loyalität, dem Anspruch sich professionell zu verhalten und – natürlich – dem Gedanken an die nächste Miete, gepaart mit Naivität und fehlgerichtetem Vertrauen zu einem Wendepunkt führt. An diesem Punkt wurde eine Auseinandersetzung mit dem Lebensentwurf unausweichlich, da die Widersprüche zu ihren eigenen Überzeugungen so offenbar wurden.

Es war Simons Idee, seine Geschichte aufzuschreiben, als Warnung einerseits, wie sich selbst politisch bewußte und reflektierte Menschen plötzlich auf der falschen Seite einer vorher unvermuteten Barrikade wiederfinden, doch auch als Signal, daß dieser Weg keineswegs unausweichlich zur Karriere auf der dunklen Seite führen muß. Er erzählt uns, daß er – während er sich auf der einen Seite politisch gegen die drohenden Zensurmechanismen in Gesetzen und in der Technik zur Wehr setzte, gegen die allgegenwärtigen Überwachungstechnologien, gegen die Kriminalisierung von Hackern und die verdachtsunabhängige Speicherung von Verbindungsdaten, doch eines morgens aufwachte und feststellen mußte, einen nicht unwichtigen Baustein für eine digitale Waffe gebaut zu haben, die von einer Firma namens Gamma/Elaman an Regierungen verkauft wird, an Regierungen, die damit das eigene Volk ausspähen, kompromittieren und unterdrücken.

Der im Interview genannte Nicolas Mayencourt hat sich in einer Stellungnahme zu seinem Auftauchen in den letzten WikiLeaks Spy Files geäußert:

Wir bestätigen, dass wir im Jahr 2010 eine Vertragsbeziehung mit der Firma Gamma International GmbH eingegangen sind. Unsere Rolle war dabei die eines Zulieferers von Netzwerk-Komponenten im Bereich der IT-Sicherheit.

Mayencourt ist übrigens auch an Kolab Systems beteiligt, jener Firma hinter dem Dienst für “sichere E-Mail Accounts mit Kalender und Adressbüchern” MyKolab, den auch Groklaw-Bloggerin Pamela Jones empfohlen hat. Möge sich jede/r ein eigenes Urteil bilden – nach dem Interview.

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Netzrauschen auf Phoenix über Netzpolitik und Wahlkampf im Netz

Der TV-Sender Phoenix begleitet den Wahlkampf jeden Tag mit einem Video aus der Serie Netzrauschen. Dabei werden Politiker, Wahlkampfberater und Aktivisten in fünf Minuten im gleichen Format interviewt. Die Beiträge landen dann im Phoenix-Programm und natürlich im Netz. Ein paar netzpolitisch-relevante Beiträge habe ich hier zusammen gestellt.

Ich wurde zum Thema Überwachung interviewt:

CDU-Netzpolitiker Thomas Jarzombek:


SPD-Netzpolitiker Lars Klingbeil:

Grünen-Netzpolitiker Konstantin von Notz:

FDP-Netzpolitiker Jimmy Schulz:

Piraten-Geschäftsführerin Katharina Nocun:

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