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April 18 2013

“Dem kommunikativen Vollrausch folgt ein realpolitischer Kater”

In einer Studie des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik untersuchten die Soziologinnen Jasmin Siri und Katharina Seßler die Twitter-Accounts von 13 deutschen Politikern und ‘Twitteraktivisten’. Vom 10. September 2012 bis zum 16. November 2012 analysierten sie die Twitternutzung von Peter Altmaier, Sigmar Gabriel, Steffen Seibert, Dorothee Bär, Volker Beck, Steffi Lemke, Bodo Ramelow, Thorsten Schäfer-Gümbel, Christian Soeder, Halina Wawzyniak, Marina Weisband, Julia Schramm und Christopher Lauer. Vier Inszenierungsformen konnten die Soziologinnen ausmachen: Kommunikationen, bei denen die Akteure ausschließlich in ihrer Berufsrolle auftreten (“strictly to the role”), die Nutzung von Twitter als Instrument zur “Prozess-transparenz”, die Nutzung, um “sanfte Einblicke in das Leben außerhalb des politischen Alltags zu gewähren (“unverfänglich menschlich”) und viertens solche Inszenierungsformen, die tiefe Einblicke ins Privatleben ermöglichen (“publicly private”).

Die Autorinnen raten Politikern, nur zu twittern, wenn sie sich auch wirklich auf die Eigenlogik des Mediums einlassen möchten. Dann sei allerdings auch lockere, parteiübergreifende Kommunikation zwischen politischen Gegnern möglich – eine Besonderheit von Twitter.

Ein weiterer Unterschied zu anderen Plattformen wie Facebook sei der “autoerotische” Charakter von Twitter.

Der Blick auf die Timeline und die Menge an Nachrichten verunsichtbart gewissermaßen die Personen hinter den Posts und es ist auch nicht nötig, mit ihnen Kontakt aufnehmen zu wollen. Twitter lässt sich gut nutzen, ohne überhaupt in eine Interaktion einzusteigen.

Eine besondere Interaktion sei zwischen (Hauptstadt-)Aktivisten und Journalismten beobachtbar, so die Soziologinnen. Es zeichne sich eine neue Form des Lobbyismus ab, die ohne Twitter nicht denkbar wäre. Aufgrund der Sichtbarkeit funktioniere diese neue Form allerdings nur eingeschränkt und elitär.

Insgesamt biete Twitter (wie auch andere Social Media) Chancen für zivilgesellschaftliche Akteure. Durch gezielte Ansprache lässt sich Lobbyarbeit verrichten, man kann neue Themen auf die Agenda setzen und Skandale produzieren. Dies liege an der Schnelligkeit des Mediums und daran, dass so viele Journalisten es nutzen, um Themen zu generieren.

Insgesamt biete Twitter zwar viele Chancen für Politikerinnen und Politiker, dennoch solle man den Einfluss von Social Media für politische Kampagnen nicht überschätzen. Bei der „Twitterpolitik“, bleibe „nach dem kommunikativen Vollrausch häufig ein realpolitischer Kater zurück“, so der Direktor des Instituts Lutz Hachmeister.

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Schweinderl