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February 21 2012

Selbstamputation von ARD und ZDF auf gutem Weg

Heute trafen sich Vertreter von ARD und ZDF, namentlich die ARD-Vorsitzende Monika Piel, ZDF-Intendant Markus Schächter sowie Ulrich Wilhelm (BR) und Lutz Marmor (NDR), erneut mit Interessenvertretern der Zeitungsverleger, um die weitere Beschneidung des Online-Angebots der Öffentlich-Rechtlichen zu besprechen. Dem Vernehmen nach sollen sich diese in Zukunft weitestgehend auf Video- und Tonbeiträge beschränken, während die Verlage sich auf Textbeiträge konzentrieren wollen.

Allen an den Gesprächen Beteiligten dürfte gemein sein, dass sie sich schwertun, den Unterschied zwischen Druckerzeugnissen und textbasiertem Online-Journalismus zu erkennen (bzw. im Fall der Verleger so gemein sind, ihn den Gesprächspartnern zu verschweigen). Stefan Niggemeier nennt das Ganze “vorauseilende Selbstverstümmelung“:

Unklar ist schon einmal, warum ARD und ZDF überhaupt mit den Verlegern über ein solches Kompromisspapier verhandeln. Im Streit um die Tablet-Version von tagesschau.de, gegen die mehrere Verlage geklagt haben, hatte der Richter zwar angeregt, dass beide Seiten miteinander reden. Aber erstens geht es in den Gesprächen, die nun geführt werden, gar nicht um die »Tagesschau«-App, sondern ein viel fundamentaleres Abstecken der Grenzen öffentlich-rechtlicher Online-Angebote. Und zweitens spricht wenig dafür, dass die ARD diesen Rechtsstreit am Ende verloren und deshalb ein Interesse daran hätte, den Verlegerforderungen vorsorglich weit entgegen zu kommen.

Der Deutsche Journalisten-Verband hat unterdessen erklärt, was er von diesen Plänen hält. Der Bundesvorsitzende Michael Konken meint:

[ARD und ZDF] würden den eigenen Online-Journalismus unzumutbar amputieren und den Anforderungen an ihre journalistische Tätigkeit in diesem Feld nicht mehr gerecht.

2012 wird übrigens als das Jahr der Einführung von Online-Bezahlmodellen ausgerufen. Mehrere Verlage planen, ihr Webangebot nicht weiter nur durch Werbung zu finanzieren, und wollen verstärkt Leser finden, die bereit sind zu bezahlen. Vorher den Markt beschneiden ist ein cleverer Schritt, auch wenn die Öffentlich-Rechtlichen mit Depublizierungspflicht und Verzicht auf nutzerfreundliche Lizenzierung sowieso schon Richtung Lächerlichkeit lobbyiert wurden.

February 01 2011

Neues vom Internetführerschein: Zeitungsverleger erklären das Internet

Deutscher Jugend Internetpass (Symbolbild)

Deutscher Jugend Internetpass (Symbolbild)*

Erinnert sich noch jemand, wie wir uns letzten Herbst über den abgestuften “Medienkompetenzführerschein” in Nordrhein-Westfalen lustig gemacht haben? Zugegeben, das war billig. Tatsächlich sind in der Debatte, wie wir den Sprung über den digitalen Graben schaffen, bisher noch viele Fragen unbeanwortet. Und ja, die Zeit drängt durchaus.

Diskussionen zum Internetführerschein oder vergleichbare Qualifikationsnachweise drehen sich in der Regel um zwei scheinbar gegensätzliche Pole: Auf der einen Seite die – nicht nur für die digitale Gesellschaft – essenstielle Fähigkeit zu Abstraktion bei der Problemlösung. Auf der anderen Seite das vgl. stumpfe Abprüfen normierten Faktenwissens zwecks besserer Vergleichbarkeit der Prüflinge.

Nun ist das Abprüfen normierten Faktenwissens nicht pauschal schlecht. Eine gemeinsame Basis bzw. ein Regelwerk, auf das sich alle an einem Prozess Beteiligten einigen können, erleichtert Dinge wie Kommunikation und Zusammenarbeit schließlich ungemein. Spätestens aber, wenn über das normierte Faktenwissen ein ideologischer Wertekanon etabliert oder gefestigt werden soll, stellt sich die Frage der Definitionshoheit.

Genug geschwurbelt. Stefan Niggemeier hat gerade ein schönes Beispiel aus der Praxis. Es geht um eine Unterrichtseinheit zum „Medienführerschein” der Bayerische Staatskanzlei:

Unter dem Vorwand einer guten Sache, nämlich Kinder dafür zu sensibilisieren, dass nicht jeder Information zu trauen ist und dass Quellen unterschiedlich vertrauenswürdig sind, erzählt der bayerische „Medienführerschein” ihnen das Märchen von der Überlegenheit gedruckter Nachricht. Es geht nicht nur um den Kontrast professionell ersteller journalistischer Informationen zu privaten Blogs — eine zumindest theoretisch sinnvolle Gegenüberstellung [...] Die Unterrichtsmaterialen mischen das konsequent mit dem behaupteten qualitativen Unterschied zwischen Print und Online.

Herausgeber der Unterrichtseinheit ist der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV).

*Vielen Dank für die Illustration an Karl Bihlmeier. Karl Bihlmeier? Ja, genau, der Karl Bihlmeier, Vater von Hermann, dem User!

Reposted bymondkroete mondkroete

September 22 2010

Websperren: Die Schande der Verschleierung

Vor einem Jahr hätte ich mich vielleicht noch aufgeregt, wenn ich einen Kommentar wie den von Daniel Deckers in der FAZ gelesen hätte. Einen Kommentar, in dem Deckers rechtsstaatliche Prinzipien wie „Im Zweifel für den Angeklagten“ eine “fatale Wirkung” attestiert und von der Bundesregierung ein “konsequentes Einschreiten gegen die im Internet wuchernde Kinderpornographie, allen voran durch Sperren der Seiten fordert.

Vielleicht hätte ich mich so aufgerafft und an den Rechner gesetzt, um einen Blogartikel zu schreiben. Ich hätte mich wohl gefragt, warum Deckers den Begriff “Missbrauch” als sprachliche Irreführung thematisiert, er drei Sätze weiter aber kein Problem mit dem Begriff “Kinderschänder” hat. Leben Opfer sexueller Gewalt in Schande? Sollten sie?

Und heute? Ich mag nicht mehr. Es ermüdet, immer wieder die gleichen Argumente zu entkräften. Auch die erneute Verlagerung der Debatte auf die emotionale Ebene, wie unlängst von Peter Hahne und Stephanie zu Guttenberg im ZDF zelebriert, würde ich am liebsten ignorieren. Der christlich-theologische Hintergrund sowohl bei Hahne als auch bei Deckers? Geschenkt.

Ich weiß, dass das falsch ist. Gerade jetzt, wo für die Zukunft des “Zugangserschwerungsgesetzes” und die Websperren in Deutschland entscheidende Weichen gestellt werden, gilt es gegenzuhalten. Mein Dank gilt daher Christian Wöhrl, der in seinem Blog die passenden Worte gefunden hat (Übernahme mit Erlaubnis des Autors):

Mit Ahnungslosigkeit nicht zu erklären

Anderthalb Spalten lang schreibt er so empathisch über die Würde der Opfer sexualisierter Gewalt (FAZ vom 22.9. Seite 1, Kommentar „Am Herzen“), dass man versucht ist zu glauben, Daniel Deckers habe sich ernsthaft mit der Überlebendenperspektive auseinandergesetzt. Und dann dies: Nachdem er lobende Worte dafür findet, dass etwa Kirchen jetzt die „Mauer des Schweigens einreißen“ wollen, singt er einen Satz später das Loblied der Netzsperren, der virtuellen Mauern par excellence, als vorrangigstes Werkzeug im Kampf gegen die im Internet „wuchernde“ Kinderpornographie.

Entschuldigung, aber im September 2010 ist ein derartiger Lapsus mit Ahnungslosigkeit nicht mehr erklärbar. Aus Sicht der Überlebenden sind Sperren, also das bloße Verhüllen der Seiten, das funktionale Äquivalent zum gesamtgesellschaftlichen Leugnen und Wegschauen. Und aus Sicht der Täter, auch das ist keine sonderlich neue Erkenntnis, sind Sperren ein willkommenes Frühwarnsystem, das der Verdunkelung und Strafvereitelung förderlich ist. Netzsperren nutzen also vor allem den Tätern – und natürlich diversen Lobbygruppen, die dieses Instrument nur zu gern auf Bereiche fernab sexualisierter Gewalt ausgedehnt sähen. Es wäre insofern spannend zu wissen, wessen Wohl Herrn Deckers wirklich am Herzen liegt …

PS: Kommentare der Fairness halber bitte direkt bei Christian Wöhrl.

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