Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

November 23 2010

“Tatort Internet”: Medienwächter sehen Verstoß gegen Programmgrundsätze

Verdammt, ich hätte wetten sollen. ,)

Pünktlich nach der gestrigen Ausstrahlung der letzten Folge der RTL2-Pranger-Show “Tatort Internet”, stellt die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten heute fest, dass das Format gegen die im Rundfunkstaatsvertrag verankerten Programmgrundsätze verstoßen habe.

Nach Einschätzung einer Expertengruppe der Landesmedienanstalten, die insgesamt vier Folgen geprüft hat,verstoßen die ausgestrahlten Sendungen gegen die im Rundfunkstaatsvertrag verankerten Programmgrundsätze, da sie die Persönlichkeitsrechte nicht hinreichend wahren.

Die ZAK kritisiert, dass die Redaktion nicht ausreichend sicher gestellt hat, dass die dargestellten Personen nicht durch Dritte öffentlich bloßgestellt werden können.

Von Konsequenzen für die RTL2 oder die verantwortliche Produktionsfirma Diwafilm steht nichts in der Pressemeldung der ZAK. Ob die Reihe fortgesetzt werden soll, ist laut SpOn noch nicht entschieden.

Die für die Belange des Jugendmedienschutzes in unseren Landen zuständige KJM konnte Anfang des Monats keinen Verstoß erkennen.

Reposted bymondkroete02mydafsoup-01krekk

November 11 2010

KJM: „Tatort Internet“ kein Jugendschutz-Verstoß

Nur kurz, damit der Hinweis nicht in den Kommentaren versauert:

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat sich in ihrer gestrigen Sitzung mit den ersten drei Folgen der Sendereihe „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ (RTL 2) befasst. Die KJM erreichten seit Beginn der Ausstrahlung am 7. Oktober dieses Jahres zahlreiche Beschwerden über das Format. Nach einer kritischen, intensiv geführten Diskussion entschied die KJM, dass kein Verstoß gegen die Jugendschutz-Bestimmungen besteht. (Quelle: Pressemeldung der KJM vom 11.11.2010)

Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Gegen Jugendschutz-Regeln verstößt “Tatort Internet” wohl wirklich nicht (Das ist der Aufgabenbereich der KJM). Heise Online kommentiert:

Die Kommission für Jugendmedienschutz ist Teil der Landesmedienanstalten. Ihre Aufgabe ist es, “Medieninhalte aufgrund ihres Gefährdungspotenzials zu beurteilen und deren öffentliche Verbreitung zu regeln”. “Tatort Internet” wurde demnach auf die Einhaltung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags und die Frage geprüft, welche Wirkung die Sendung auf minderjährige Zuschauer ausüben kann.

Was die Wirkung auf minderjährige Zuschauer betrifft, dürfte es, auch mit Blick auf die Sendezeit (und den Sendezeitfilter in der RTL2 “Mediathek”), tatsächlich kaum etwas zu beanstanden geben.

Anders schaut es wohl bei möglichen Verstößen gegen das Persönlichkeitsrecht und diverse Normen des Strafrechts aus. Zumindest ersteres fällt nach meinem Verständnis in den Bereich der “Kommission für Zulassung und Aufsicht” (ZAK) der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM). Dort steht eine Entscheidung noch aus. Wenn ich richtig mitgezählt habe, lief am Montag die 7. von 10 geplanten Sendungen. Die ZAK hat also noch etwas Zeit.

PS: Bei RTL2 hat das Interesse für den Kinderschutz inzwischen schon wieder nachgelassen. Zumindest auf der Startseite von rtl2.de findet sich kein Hinweis mehr auf das Format (und die begleitenden “Hilfsangebote”). Hee, it’s fun!

October 23 2010

“Tatort Internet”: Fachmeinung vs. Facebook-Hetze

Eines der größten Probleme beim Kampf gegen Kindesmissbrauch ist, dass sich kaum jemand mit dem Thema auskennt, aber fast jeder eine eindeutige Meinung hat. Eine eindeutige Meinung zu haben ist in diesem Kontext nicht weiter schwer, Kindesmissbrauch gehört schließlich zu den abscheulichsten Verbrechen, die unsere Gesellschaft kennt.

Dass das Themenfeld tatsächlich deutlich komplexer ist, als Trash-Formate wie “Tatort Internet” vermitteln, wird einmal mehr in einem Interview deutlich, das die Berliner Zeitung mit dem Sexualtherapeuten Christoph Joseph Ahlers geführt hat.

Herr Ahlers, Sie betreuen seit Jahren sexualtherapeutisch Pädophile. Was dachten Sie, als sie hörten, RTL2 jagt jetzt “Kinderschänder”?

Der erste Gedanke war: Nichts gelernt! Das Format zeigt nur, wie mühsam es noch immer ist, die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu dem Thema auf einer Sachebene am Leben zu halten.

[...] Das Format führt dazu, die Stigmatisierung von Personen fortzuschreiben, die für sexuelle Übergriffe auf Kinder nicht hauptverantwortlich sind. Die Mehrzahl aller sexuellen Übergriffe auf Kinder wird von Personen verübt, die nicht pädophil sind. Das sind nur ein Viertel bis maximal 40 Prozent der Menschen, die sich an Kindern vergreifen. Pädophilie heißt, dass jemand eine Sexualpräferenz hat, die sich auf vorpubertierende Kinder bezieht.

Das klingt in der Debatte anders.

Ja, weil wir auf der anderen Seite das juristische Konzept des sexuellen Kindesmissbrauchs haben, das in der gesellschaftlichen Debatte meist mit Pädophilie gleichgesetzt wird. Übrigens auch von RTL2: [...] Offenbar geht es ja vor allem um Männer, die sexuelle Kontakte mit Mädchen in und nach der Pubertät suchen. Das hat mit Pädophilie nichts zu tun.

Ob die Hinweise des Spezialisten, der 2005 an der Berliner Charité das Präventionsprojekt Dunkelfeld innitiert hat, bei den Machern von “Tatort Internet” auf fruchtbaren Boden fallen, darf bezweifelt werden. Vor allem, wenn man sich anschaut, wie Produzent Daniel Martin H(arrich) auf einer Facebook-Fanseite zur Sendung “argumentiert”:

Daniel Martin Harrich bei Facebook

Reposted bylotterlebenkrekksicksin

October 21 2010

“Tatort Internet”: … in den Medien

Die gute Nachricht zuerst: Der 61-jährigen Leiter eines Kinderdorfs, der nach seiner Enttarnung in der RTL2-Prangersendung “Tatort Internet” als vermisst gemeldet wurde, lebt. Sein Aufenthaltsort ist der Kriminalpolizei Würzburg bekannt. Alles weitere möge die Justiz entscheiden.

***

Das Gerücht hielt sich schon länger, nun gibt es eine Bestätigung: Wenn ich diesen für Laien doch recht schwer verdaulichen Text aus Juristenhand richtig verstehe, wurde RTL2 inzwischen die Ausstrahlung mindestens eines Beispielsfalls gerichtlich untersagt:

Eine Persönlichkeitsrechtverletzung lag nach unserer Prüfung vor und wurde, weil eine außergerichtliche Erledigung der Sache nicht erzielt werden konnte, im Wege des einstweiligen Verfügungsverfahren gerichtlich festgestellt. Trotz umfangreichen Vortrags der Gegenseite, u. a. in der Form einer Schutzschrift der Gegenanwälte gegen den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung, stellte die zuständige Kammer des Landgerichts München I schnell und klar fest, dass eine Persönlichkeitsrechtsverletzung eindeutig gegeben ist und untersagte insofern die Veröffentlichung per einstweiliger Verfügung.

***

Im “Zündfunk” des Bayerischen Rundfunks gab es gestern einen Beitrag zum Thema (Achtung, unter Firefox zickt das Playerfenster bei mir!) wo ich im Vorfeld bestätigten durfte, dass es sich bei den Enttarnungen nicht bloß um ein “Internetgerücht” handelt (Danke nochmal für die Materialzusendungen!), wie zwischenzeitlich von der für “Tatort Internet” verantwortlichen Produktionsfirma verbreitet wurde:

Es ist das umstrittenste Fernsehformat seit Jahren: In Tatort Internet, das unter anderem von der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg moderiert wird, spürt ein Reporterteam mit verdeckten Recherchen mutmaßliche Pädophile auf und stellt sie zur Rede. Heiligt der Zweck hier wirklich die Mittel?

***

Um die Frage, ob “Tatort Internet” eine Sendung ist, die über Kindesmissbrauch aufklärt, oder vielmehr um ein Format, das Straftaten selbst provoziert, ging es heute Morgen auch bei Deutschlandradio Kultur:

Sendungen wie “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” haben nichts mit Prävention zu tun, sagt Joachim Renzikowski, Professor für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Rechtstheorie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er hält verbesserte Präventionsprogramme an den Schulen für sinnvoller als TV-Formate.

Reposted bykrekk krekk

October 19 2010

Vermischtes: Tatort Internet, Facebook und Internet-Seepferden!

Joachim Frank hat in der Frankfurter Rundschau den abschließenden Kommentar zur “Tatort Internet” geschrieben. Ich befürchte nur, dass es nicht der abschließende Kommentar bleiben wird: RTL2: Tatort Telepranger.

Wobei, auf ZAPP (NDR) morgen darf ich sicher noch hinweisen:

ZAPP: “Tatort Internet” – Aufhetze statt Aufklärung
Mittwoch, 20. Oktober 2010, 23:05 bis 23:35 Uhr [VPS 23:05]

RTL 2 und Stephanie zu Guttenberg verfolgen als Hilfssheriffs mutmaßliche Kinderschänder. Eine öffentliche Hetze, da die verpixelten Gesichter sich leicht enttarnen lassen.

Aber gut, wenden wir uns erfreulicheren Themen zu. Habt ihr eigentlich schon alle euer Internet-Seepferdchen gemacht? Nein, das ist dieses Mal kein Scherz auf Kosten von Marc Jan Eumann. Das gibt es wirklich. In Berlin. Nur in Berlin. Hoffe ich:

# Internet Seepferdchen (Ein Projekt der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung im Rahmen des eEducation Berlin Masterplan!)

Soziale Netzwerke sind derzeit auch mal wieder schwer angesagt bei den etablierten Medien. Datenschutz und so. Oder das, was man dafür hält. Der geschätzte Kollege Tomik z.B. ist wohl mal wieder mit einer Rechercheschwäche auffällig geworden …

# Datenschutzlücke: Spionieren mit Facebook (FAS)

… und Thomas Knüwer nutzt das fehlerhafte Stück für eine Generalabrechnung mit das FAS, die ich vom Stil recht daneben finde (Disclosure: Als blogge auch für die FAS und finde Sippenhaft eher uncool): Abschreiben mit der “Frankfurter Allgemeinen Sonntgszeitung” (Indiskretion Ehrensache)

Ah, von Martin Weigert gibt es auch einen Kommentar: Die Sehnsucht der Medien nach der nächsten Datenschutzlücke (Netzwertig). Aber hee, dabei gibt es doch gerade wieder frische Datenschutzlücken bei Facebook! Also, echte Datenschutzlücken: Facebook in Privacy Breach (Wall Street Journal)

Und wo wir gerade bei Thomas Knüwer und Facebook sind: Viral ist nicht immer gut. Naja, wenigstens gibt es bei Social-Media-Unfällen keine Personenschäden: Das Chefticket der Deutschen Bahn: von den Gleisen gerutscht. Man kann der Sache sogar positive Seiten abgewinnen. Wie Olaf Kolbrück: Chefticket: 7 Gründe, warum die Aktion der Bahn bei Facebook knorke ist (off the record)

Noch mehr Facebook? Sicher, die sind Marktführer! Bei StudiVZ und MySpace hingegen geht’s bergab, wie Statistikguru Jens Schröder bei Meedia berichtet: MySpace und StudiVZ mit Minusrekorden (Meedia)

Und dann das noch: Gefälschte Filesharing-Abmahnungen. RA Thomas Stadler hat eine erhalten.

Reposted bymondkroetedatenwolf

“Tatort Internet”: Vorratsdatenspeicherung und Echzeit-Screening?

In einem Interview der Kukksi, einem Nachrichtenportal, das nach laut Projektbeschreibung von “engagierten Schüler und Studenten [...] sowie erfahrene Journalisten” betrieben wird,* spricht RTL2-Chefermittlerin Beate Krafft-Schöning über ihre Motivation:

Politik müsste dringend handeln: Die Vorratsdatensdatenspeicherung, [...] wären aus meiner Sicht ganz dringende Punkte, die man seitens der Politik abarbeiten müsste! Grooming muss generell unter Strafe gestellt werden. Und zwar europaweit. [...] Hier steht jedoch oft der Datenschutz wenig hilfreich zur Seite, der Kontrollmöglichkeiten in Chats untersagt. Seit dem Fall des Datenvorratsspeicherungs-Gesetzes vor drei Jahren ist es für die Provider noch schwieriger geworden, Kinder- und Jugendschutzmaßnahmen, sprich Kontrollfunktionen in ihren Angeboten zu installieren. Reine Kinderangebote an sich sind ja eher seltener im Internet zu finden.

Leider vergisst Krafft-Schöning zu erwähnen, welche unverzichtbaren “Kontrollmöglichkeiten” konkret untersagt sein sollen. Das Belauschen von Privatgesprächen etwa? Das will ich doch hoffen. Und die Alternative wäre? Ein Echtzeit-Screening auf Schlüsselwörter? Zugang zu Chats und Kommunikationsplattformen wie SchülerVZ generell nur noch nach Hinterlegung einer ladungsfähigen Adresse und Authentifizierung mit dem neuen ePass? Gut, lassen wird das. Bemerkenswert auch Krafft-Schönings Antwort auf die Frage, warum “Tatort Internet” bei RTL2 laufe:

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten waren da eher zurückhaltend, unterstellten mir, wenn ich das Thema überhaupt anbot, Wichtigtuerei oder ließen mich wissen, dass das Thema nicht ins Sendekonzept passe („Magazin Monitor“) oder, dass man das nur machen könne, wenn die Polizei involviert sei („ZDF-Reporter“).

Ok, ich kann den Frust nachvollziehen. Selbst bei “ZDF-Reporter” zu scheitern muss hart sein.

(Wiedervorlage durch Vera, via DM)

*Bei aller Sympathie für solche Projekte: Leider liest es sich auch so. Die Fragen, die im konkreten Fall vom 23-jährigen Betreiber der Plattform gestellt wurden, könnten auch direkt von der RTL2-Pressestelle formuliert worden sein.

Reposted bymondkroete mondkroete

October 18 2010

“Tatort Internet”: Und weiter… (Update: Sendetermine ZDF)

Inzwischen stelle ich mir bei jedem Wort, das ich zu “Tatort Internet” schreibe, die Frage, ob man sich nicht mitschuldig macht, wenn man den Buzz um die Sendung befeuert? Klar ist, es geht den Veranwortlichen um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für eine Gesetzesinitiative, bei der es wohl nur am Rand um Kindesmissbrauch im eigentlichen Sinne geht (Ja, natürlich übergeigt Mühlbauer seinen Ansatz mit dem Hinweis auf eine Bertelsmann-Connection, geschenkt …)

Die Verantwortlichen selber sprechen derweil weiter davon, eine “gesellschaftliche Debatte” angestoßen zu haben. Auch das kann man anders sehen. Zum Beispiel, wie Andrian Kreye in der Süddeutschen:

Im Falle “Tatort Internet” ist das Problem, dass im Kern der Debatte nun nicht mehr steht, dass Pädophile im Internet nach minderjährigen Opfern suchen. Im Kern stehen nun die Methoden der Fernsehproduktionsfirma, die ähnlich wie eine Bürgerwehr auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Prinzipien auf Verbrecherjagd geht. Eine Debatte darf nicht so geführt werden, dass sie einen zwingt, für oder gegen die Verfolgung von Verbrechen einzutreten.

Kreye spricht bei der Gelegenheit auch gleich noch einen zweiten Punkt an, der für das vorgebliche Ziel, nämlich Kinder schützen zu wollen, nicht ganz unwesentlich ist. Wurden im Zuge der Dreharbeiten nun die zuständigen Ermittlungsbehörden informiert, oder nicht? Auch hier ist die Anwort eher ernüchternd:

Im Gegensatz zu ihren US-Kollegen, die stets mit Polizei und Behörden kooperierten und die Verdächtigen verhaften ließen, haben die Sendungsmacher in Deutschland die in die Falle getappten potenziellen Kinderschänder nämlich wieder laufen lassen.

Eine Bestätigung für die Nichtweitergabe der “Rechercheergebnisse” durch RTL2 oder die Produktionsfirma gibt es bei Welt Online:

Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes Würzburg, Clemens Bieber, forderte die Absetzung des Formats „Tatort Internet“. Er sei überzeugt, dass die Sendung nicht dazu diene, „Täter zur Strecke zu bringen und Kinder zu schützen“ [...]

Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Würzburg gegen den Mann wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Grundlage dafür sei eine Mitteilung der Caritas gewesen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder. Der Sender selbst habe die Ermittlungsbehörde in Würzburg nicht unterrichtet.

Bedeutet wohl: Entweder reichte es nicht für eine strafrechtliche Verfolgung der “Sex-Ekel” oder es gab bei der Produktion andere Prioritäten. Aber gut, für solche Fälle stehen ja immer noch die Bild und Vorbilder wie Til Schweiger* bereit (Bitte nicht auf nüchternem Magen lesen).

Über einen guten Magen sollte man auch verfügen, wenn man diese aktuelle Pressemitteilung von RTL2 liest. Wobei, vielleicht haben wir dem gesellschaftlich engagiertesten aller deutschen Sender einfach Unrecht getan? Schließlich stellt RTL2 im Web “umfangreiche Informationen” zur Verfügung …

so zum Beispiel “Tipps zum sicheren Surfen”, Antworten auf “häufig gestellte Fragen”, “Zahlen und Fakten zum Thema sexueller Missbrauch”, sowie Hilfe-Kontakte für Betroffene.

Ok, eigentlich sind es eher ein paar Textbausteine mit Werbung für “Innocence in Danger” und der Hinweis auf eine kostenpflichtige Hotline, die von einen Verein betrieben wird, der von “Innocence in Danger” unterstützt wird.

Egal, immerhin bewirbt RTL2 im Umfeld der Sendung ja nicht nur Xavier Naidoos neue CD produziert RTL2 nun auch Aufklärungs-DVDs für Schulen! Kaum zu glauben, aber selbst Medienwissenschaftler und der Bund Deutscher Kriminalbeamter loben das Konzept. Und ja, natürlich ist der lobende Medienwissenschaftler kein geringerer der unvermeidliche Jo Groebel.

In wenigen Minuten wird auf RTL2 die nächste Folge von “Tatort Internet” ausgestrahlt.

Update: Und wo wir nun doch beim Thema sind: Das ZDF legt ein paar Stunden später nach. Heute um 00:15 Uhr und damit quasi zur besten Sendezeit, mit dem kleinen Fernsehspiel “Die Entgleisten”:

Sexueller Missbrauch geschieht am häufigsten innerhalb von Familien. Wie wird dort miteinander umgegangen, wenn eine solche Tat geschehen ist oder dies im Raum steht? Ein Film darüber, wie wichtig und schwierig es ist, das Schweigen zu brechen.

Seit einigen Jahren genießen Missbrauchsdelikte an Kindern hohe Aufmerksamkeit vor allem durch boulevardnahen Journalismus. Attraktiv scheint dabei der Grusel, der vom irgendwo im gefährlichen Draußen lauernden Triebtäter ausgeht. Wenn aber die Statistik ausweist, dass neun von zehn Missbrauchstaten weder von Soziopathen noch von Pädophilen begangen werden: wer begeht sie dann?

Deutlich reisserischer klingt die Ankündigung der Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” morgen Nacht:

Die Zahlen über Kinderpornografie im Internet sind erschreckend. Jeden Tag suchen zirka 350 000 “User” online ihren perversen Kick. 80 Prozent der Kinder, deren Fotos und Videos im Internet kursieren, sind jünger als zehn Jahre. Die Opfer leiden auch Jahre später noch an den Folgen des sexuellen Missbrauchs. ZDF-Autor Michael Heuer zeigt in seiner 45-minütigen Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” am Mittwoch, 20. Oktober 2010, 0.35 Uhr, wie Ermittler versuchen, den Tätern auf die Spur zu kommen. [...]

*Achja, das Buchprojekt von Jörg Tauss. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst gestern davon erfahren habe. Wie auch immer: Interessante Idee, generell sicher unterstützenswert, aber selten unglücklicher Zeitpunkt.

October 16 2010

“Tatort Internet”: Zwischenstand und Danksagung

Ich muss mich mal kurz bedanken. Als ich vorhin bei Twitter nach Hinweisen und Screenshots fragte, wo und wann am Montag zuerst Details aus dem Privatleben der in der RTL2-Sendung “Tatort Internet” des (versuchten) sexuellen Missbrauchs Beschuldigten veröffentlicht wurden, hatte ich innerhalb 30 Minuten nicht nur die gewünschten Screenshots, sondern auch ausreichend Material, um den Ablauf in den Minuten nach der Sendung zu rekonstruieren. Ich war für einen kurzen Moment tatsächlich sprachlos, wie gut dieses Internet manchmal funktioniert. Danke auch noch einmal für den nächtlichen Tipp an sumoso. Sexueller Missbrauch ist ansonsten ja nun wirklich kein Thema, mit dem man sich gerne rumschlägt.

Im Moment schaut es so aus, dass am Montag gegen viertel vor zehn – die Sendung lief zu diesem Zeitpunkt noch – zwei Tweets mit Hinweisen auf einen der Beschuldigten veröffentlicht wurden (Da zumindest ein Tweet den Realnamen eines Beschuldigten enthält, verzichte ich auf einen Link. Der andere und zeitlich erste stammt übrigens vom Gründer einer gut vernetzten Kinderschutzplattform.).

Um 22:06 Uhr, kurz nach dem Abspann, ging es – laut Zeitstempel – dann bei krautchan los (inzwischen gelöscht). Auf Board /b/ wurde der Beschuldigte nach allen Regel der Kunst “nackig gemacht”. Bilder, persönliche Daten, beides auch aus dem familiären und beruflichen Umfeld, das volle Programm. Kurz nach Mitternach ging es in diversen Foren weiter, u.a. bei boerse.bz. Der Rest ist bekannt.

Auch sonst muss ich mich bedanken. In den Kommentaren zu den bisherigen Blogbeiträgen werden immer wieder äusserst interessante Links gepostet. Zum Beispiel dieser hier zu einem Artikel in der Mainpost, in dem von einem dritten Fall berichtet wird. Es soll sich um einen Kinderdorf-Leiter aus dem Raum Würzburg handeln.

Der 61-Jährige war am Freitag nicht nur für die Redaktion nicht zu erreichen. Der Kinderdorf-Verein gab am Nachmittag bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf.

Aufschlußreich ist der Bericht aber noch in einem anderen Punkt. Anscheinend haben RTL2 & Diwafilm ihr während der Dreharbeiten entstandenes “Beweismaterial” nicht an die Ermittlungsbehörden weitergeben. Das wurde in den Sendung anders dargestellt, oder? Die Erklärung für die Nichtweitergabe ist in ihrer bigotten Ekelhaftigkeit jedenfalls nur schwer zu überbieten:

Bleibt die Frage, warum RTL 2 das Verhalten des Heimleiters nicht gleich nach dem Dreh im Mai dem Arbeitgeber oder der Justiz gemeldet hat. Eventuell wären ja Schutzbefohlene in Gefahr gewesen. „Wir haben überlegt, das recherchierte Material gleich weiterzugeben“, so Udo Nagel auf Nachfrage. Der frühere Hamburger Innensenator moderiert „Tatort Internet“ gemeinsam mit Stephanie zu Guttenberg, der Frau des Bundesverteidigungsministers. Weil „Cyber-Grooming“ aber keine Straftat ist, habe man die „Persönlichkeitsrechte des Heimleiters“ letztlich höher bewertet, sagte Nagel. Ziel der Sendung sei es nicht den Voyeurismus der Zuschauer zu bedienen, sondern auf die Gefahren hinzuweisen, die Kindern durch Pädophile im Internet drohen.

Danke, euer Ehren, keine Fragen mehr. Interessant sind auch die Medienberichte zur Rechtslage, die verlinkt wurden:

Apropos Rechtslage: Nach einem aus unterschiedlichen Quellen unbestätigten Gerücht haben RTL2 und Diwafilm bereits mindestens eine einstweillige Verfügung kassiert, das die Austrahlung aufgenommen Materials verbietet. Das Gerücht klingt für mich plausibel, insbesondere wenn man den Artikel “Kinderschützer attackieren RTL-2-Show” bei Spiegel Online liest:

Die drei Kinderschutzvereine werfen den Machern von “Tatort Internet” auch vor, “intransparent” und “manipulativ” vorgegangen zu sein. Repräsentanten der Vereine seien unter Vortäuschung falscher Tatsachen um Interviews gebeten worden. [...] Demnach wurde den Interviewten gesagt, die Aufnahmen würden unter anderem für eine Dokumentation über die Arbeit der Kinderpsychologin Julia von Weiler gemacht. Weiler ist in dem Kinderschutzverein “Innocence in Danger” aktiv.

Inhaltlich können die (recht renommierten) Vereine Dunkelziffer, Kibs sowie die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI) dem Format auch nichts abgewinnen:

Ein “solch reißerisches und vorurteilsstärkendes” Format leiste keinen Beitrag zum Schutz von Mädchen und Jungen vor sexualisierter Gewalt, heißt es in der Stellungnahme. “Es erfüllt einzig und allein die Aufgabe, potentielle Sexualtäter an den Pranger zu stellen und altbewährte Ressentiments zu verstärken.”

Auch sonst sie die Kritiken inzwischen durchweg vernichtend. Man könnte fast meinen, das Format stände unmittelbar vor der Absetzung und die Beteiligten hätten ihren Ruf endgültig ruiniert. Das Gegenteil dürfte der Fall sein. RTL2 und “Innocence in Danger” haben erreicht, was von Anfang an Sinn und Zweck der Sendung war: Sich ins Gespräch zu bringen. Der Zweck heiligt die Mittel.

PS: Wer darauft hofft, dass die hessische Landesmedienanstalt als für RTL2 zuständige Aufsichtsbehörde den Stecker zieht, dürfte auch enttäuscht werden. Ich habe gestern länger mit der Leiterin des entsprechenden Fachbereichs telefoniert. Das Gespräch war interessant und aufschlussreich, im Ergebnis aber wenig überraschend. Natürlich beobachte man die Sendung, die Situation sei aber schwierig und die rundfunkrechtlichen Möglichkeiten begrenzt, man stimme sich gerade mit den anderen Landesmedienanstalten ab. Bedeutet übersetzt wohl: Mehr als einen erhobenen Zeigefinger wird es nicht geben, irgendwann.

Reposted bymondkroeteacid

October 14 2010

“Tatort Internet”: Aufklärung oder moderner Pranger?

Nur kurz, da ja noch immer einige glauben, die Fallbeispiele der RTL2-Reihe “Tatort Internet” seien gescriptet und die Beschuldigten im wahren Leben Schauspieler. Dem ist nicht so. Spiegel Online hatte inzwischen Kontakt zu einem der Geouteten:

Seine Adresse, sein Arbeitgeber und seine Telefonnummer wurden dann in der Nacht auf den 12. Oktober in einem Internet-Forum veröffentlicht. Ebenso mehrere Fotos des Mannes. Mit dem Vermerk, das sei ja wohl in Ordnung, wenn es um Kinderschänder gehe.

Nun steht der Mann als vermeintlicher Kinderschänder da – dabei ist nicht geklärt, ob er sich einer Straftat schuldig gemacht hat.

Der Mann bestätigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass er der Betreffende aus der Sendung sei. Bei ihm zu Hause sei “die Hölle” los, schreibt er in einer Mail: “Telefonterror, Beschimpfungen”, Facebook-Kontakte würden mit Mails überschüttet. Auch seine Familie werde massiv bedroht. [...]

Der Verein ‘Innocence in Danger’, der die Sendereihe begleitet, wollte die Enttarnung auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren. Stephanie zu Guttenberg, Präsidentin des Vereins und Ministergattin, die die erste Sendung prominent unterstützt hatte, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Heise Online berichtet derweil, dass sich auch die hessische Landesmedienanstalt erneut mit dem Format beschäftigt:

Die umstrittene RTL-II-Sendung “Tatort Internet” über mutmaßliche Kinderschänder wird von der Medienaufsicht unter die Lupe genommen. Die für den Privatsender zuständige Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien überprüft, ob bei dem Format medienrechtliche Vorgaben eingehalten werden, wie eine Sprecherin am Donnerstag der dpa sagte. Dabei gehe es vor allem um den Jugendschutz sowie um die Persönlichkeitsrechte von Opfern und mutmaßlichen Tätern.

Reposted bymondkroete mondkroete

October 12 2010

Tatort Internet: Bereits 2 “Täter” geoutet? (Update)

Eigentlich war es abzusehen. Die ausführlichen Beschreibungen der “Täter” und ihrer Lebensumstände in der RTL2-Sendereihe “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” mussten früher oder später zum Outing eines der Beschuldigten im “Reallife” führen. Die zahllosen Details, die in der Sendung zur permanenten Konfrontation mit dem eigenen Ekel dienen, sind schließlich wie gemacht für eine Internet-Recherche.

Gestern, noch während, bzw. kurz nach der Ausstrahlung der zweiten Folge der 10-teiligen Reihe ist es dann passiert. Bei Twitter und in einschlägigen Foren wurden erste Hinweise auf die Identität eines der Beschuldigten gepostet. Bis zum Klarnamen inkl. Postanschrift waren es zu diesem Zeitpunkt nur noch zwei Mausklicks. Inzwischen liefert der passende Suchbegriff das entsprechende Topergebnis bei Google.

Ein kurzer Abgleich mit dem “Täterprofil” bei Bild-Online, wo sich die bereits die Sendungsbeschreibung liest, als sei die Phantasie mit dem Autor durchgegangen, macht das Bild für Hobbyermittler stimmig: Das muss das Schwein sein! Aus nachvollziehbaren Gründen verzichte ich an dieser Stelle auf weitere Details.

Darf man RTL2 und der ausführenden Münchener Produktionsfirma Diwafilm Absicht unterstellen? Nehmen die Veranwortlichen Lynchjustiz, oder zumindest die Zerstörung von Existenzen jenseits rechtsstaatlicher Strafverfahren billigend in Kauf?

Zumindest ist es in hohem Maße unverantwortlich, bei einem Format wie “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” auf gescriptete Beispiele zu verzichten und dem aufgehetzten Mob offenbar leicht recherchierbare Täterprofile frei Haus zu liefern.

Ich frage mich, ob es – wie beim US-Vorbild “To Catch A Predator” – erst zu einem Selbstmord kommen muss, bis die zuständige Medienaufsichtsbehörde einschreitet.

(Nach Tipp von sumosu)

Nachtrag, 13.10.: RA Udo Vetter erklärt im Lawblog die Rechtslage:

Selbst wenn das Verhalten der gezeigten Männer strafbar wäre, dürften sie nicht geoutet werden, auch nicht durch recht detaillierte Schilderungen ihrer Lebensumstände in den Begleitmaterialien und Pressemitteilungen. Auch für diese Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung und sie haben einen Anspruch darauf, nicht öffentlich bloßgestellt zu werden. Nicht mal am Rande einer Gerichtsverhandlung wäre dies zulässig.

Nachtrag, 12.10., 14Uhr: Offenbar wurde inzwischen noch ein zweiter Beschuldigter geoutet. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Hinweis von Deekay in den Kommentaren: Hieß es in der ersten Sendung von “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” noch, die während der Produktion entstandenen Chatlogs seien an die Staatsanwaltschaft(en) übergeben worden (Zwischen Produktion und Sendung dürften 3 bis 6 Monate liegen), scheint das für den zweiten Beschuldigten zuständige LKA keine entsprechenden Hinweise erhalten zu haben.

October 07 2010

TV-Kritik: “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” (Heise Online)

Nein, ich schreibe diesen Beitrag nicht, um schnell noch ein paar lausige Klicks auf’s Blog zu ziehen. Eigentlich fehlen mir auch jetzt noch, gut 4 Stunden nach der Austrahlung von “Tatort Internet”, noch immer die Worte. Nein, nicht wegen der thematisierten Inhalte, sondern wg. der perfiden Inszenierung, mit der RTL2 und der Verein “Innocence in Danger” gestern Abend im Umfeld diverser Sex- und T*tten-Formate auf Quotenjagd gegangen sind.

Ich möchte mich daher einfach nur bedanken. Bei Stefan Niggemeier, der einmal mehr die richtigen Worte gefunden hat und das Schmierentheater in einem Gastbeitrag für Heise Online ins rechte Licht rückt:

Diese Szenen, in denen Krafft-Schöning triumphiert vor den Männern sitzt, [...] dienen nicht der Aufklärung, sie bieten keinerlei Einblick in das, was in so einem Menschen vorgeht. [...] Das hat gleichzeitig etwas verzweifelt Hilfloses — und merkwürdig Sadistisches, weil Frau Kraft-Schöning, die resolute Journalistin, die das Thema seit Jahren beackert und dabei eine nachlesbare Radikalität entwickelt hat, es so offensichtlich auskostet.

Bei aller Effekthascherei, [...] Natürlich hat es einen aufklärerischen Effekt, Eltern und Kinder davor zu warnen, wie leicht es für Pädophile ist, sich im Internet an Minderjährige heranzumachen.

Das tut die Sendung. Das ist aber auch das einzige, was sie tut. Der Rest ist frivole Spannung und bleibt auf dem hysterisch-hilflosen Niveau des Untertitels: “Schützt endlich unsere Kinder!” Weder der Adressat dieser Aufforderung, noch das dafür geeignete Mittel wird je klar genannt.  [...] “Tatort Internet” vermied jede Möglichkeit, die Zuschauer jenseits der Panikmache klüger zu machen.

Kommentare bitte direkt bei Heise. Ein sachlicher Tonfall würde mich freuen. Danke.

Reposted bymondkroeteozelbot
Older posts are this way If this message doesn't go away, click anywhere on the page to continue loading posts.
Could not load more posts
Maybe Soup is currently being updated? I'll try again automatically in a few seconds...
Just a second, loading more posts...
You've reached the end.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl