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November 23 2010

“Tatort Internet”: Medienwächter sehen Verstoß gegen Programmgrundsätze

Verdammt, ich hätte wetten sollen. ,)

Pünktlich nach der gestrigen Ausstrahlung der letzten Folge der RTL2-Pranger-Show “Tatort Internet”, stellt die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) der Landesmedienanstalten heute fest, dass das Format gegen die im Rundfunkstaatsvertrag verankerten Programmgrundsätze verstoßen habe.

Nach Einschätzung einer Expertengruppe der Landesmedienanstalten, die insgesamt vier Folgen geprüft hat,verstoßen die ausgestrahlten Sendungen gegen die im Rundfunkstaatsvertrag verankerten Programmgrundsätze, da sie die Persönlichkeitsrechte nicht hinreichend wahren.

Die ZAK kritisiert, dass die Redaktion nicht ausreichend sicher gestellt hat, dass die dargestellten Personen nicht durch Dritte öffentlich bloßgestellt werden können.

Von Konsequenzen für die RTL2 oder die verantwortliche Produktionsfirma Diwafilm steht nichts in der Pressemeldung der ZAK. Ob die Reihe fortgesetzt werden soll, ist laut SpOn noch nicht entschieden.

Die für die Belange des Jugendmedienschutzes in unseren Landen zuständige KJM konnte Anfang des Monats keinen Verstoß erkennen.

Reposted bymondkroete02mydafsoup-01krekk

November 11 2010

KJM: „Tatort Internet“ kein Jugendschutz-Verstoß

Nur kurz, damit der Hinweis nicht in den Kommentaren versauert:

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) hat sich in ihrer gestrigen Sitzung mit den ersten drei Folgen der Sendereihe „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ (RTL 2) befasst. Die KJM erreichten seit Beginn der Ausstrahlung am 7. Oktober dieses Jahres zahlreiche Beschwerden über das Format. Nach einer kritischen, intensiv geführten Diskussion entschied die KJM, dass kein Verstoß gegen die Jugendschutz-Bestimmungen besteht. (Quelle: Pressemeldung der KJM vom 11.11.2010)

Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Gegen Jugendschutz-Regeln verstößt “Tatort Internet” wohl wirklich nicht (Das ist der Aufgabenbereich der KJM). Heise Online kommentiert:

Die Kommission für Jugendmedienschutz ist Teil der Landesmedienanstalten. Ihre Aufgabe ist es, “Medieninhalte aufgrund ihres Gefährdungspotenzials zu beurteilen und deren öffentliche Verbreitung zu regeln”. “Tatort Internet” wurde demnach auf die Einhaltung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags und die Frage geprüft, welche Wirkung die Sendung auf minderjährige Zuschauer ausüben kann.

Was die Wirkung auf minderjährige Zuschauer betrifft, dürfte es, auch mit Blick auf die Sendezeit (und den Sendezeitfilter in der RTL2 “Mediathek”), tatsächlich kaum etwas zu beanstanden geben.

Anders schaut es wohl bei möglichen Verstößen gegen das Persönlichkeitsrecht und diverse Normen des Strafrechts aus. Zumindest ersteres fällt nach meinem Verständnis in den Bereich der “Kommission für Zulassung und Aufsicht” (ZAK) der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten (ALM). Dort steht eine Entscheidung noch aus. Wenn ich richtig mitgezählt habe, lief am Montag die 7. von 10 geplanten Sendungen. Die ZAK hat also noch etwas Zeit.

PS: Bei RTL2 hat das Interesse für den Kinderschutz inzwischen schon wieder nachgelassen. Zumindest auf der Startseite von rtl2.de findet sich kein Hinweis mehr auf das Format (und die begleitenden “Hilfsangebote”). Hee, it’s fun!

October 28 2010

“Tatort Internet”: Neonazis auf Pädojagd & die Medienaufsicht

Wenn ich mich nicht verzählt habe, läuft am 8. November bereits die siebte von zehn geplanten Episoden der Pranger-Show “Tatort Internet” bei RTL2. Ich erwähne es nur, weil sich am 11. November die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) mit dem Format beschäftigen wird.

Anbei ein Auszug aus der Pressemitteilung der ALM (Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten):

ZAK-Pressemitteilung 15/2010: Landesmedienanstalten leiten Prüfverfahren wegen RTL2-Sendung “Tatort Internet” ein / Direktoren: RTL2-Sendung schafft breite Aufmerksamkeit für wichtiges Thema

Die Direktoren der Landesmedienanstalten begrüßen die gesellschaftliche Diskussion, die die bisher ausgestrahlten Folgen von „Tatort Internet“ auf RTL2 über die Gefahren in Chats ausgelöst hat. „Tatort Internet kann trotz mancher Zweifel an der Gestaltung der Sendung dazu beitragen, dass Eltern, die sich bislang nicht mit der Problematik beschäftigt haben, jetzt möglicherweise [...]

Unabhängig davon wird sich nach einer Vorprüfung durch die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) eine Prüfgruppe der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) mit der RTL2-Sendung „Tatort Internet“ beschäftigen. Das haben die Direktoren der Landesmedienanstalten in ihrer Sitzung in Mainz beschlossen. Die Prüfgruppe wird vor allem der Frage nachgehen, ob in den jeweiligen Beiträgen die mutmaßlichen Täter durch Äußerungen über ihre Lebenssituation für Außenstehende erkennbar waren und so Persönlichkeitsrechte verletzt und journalistische Standards missachtet wurden. [...]

Auch die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) wird sich in ihrer Sitzung am 11. November 2010 mit „Tatort Internet“ beschäftigen. [...]

Derweil wütet in sozialen Netzwerken wie StudiVZ der aufgehetzte Mob, wie uns Leserzuschriften bestätigen:

Hi,

bei Studi/MeinVZ spriessen gerade so die Gruppen gegen Kinderschänder aus dem Boden, meistens von irgendwelchen rechten Gruppierungen gegründet [...]
Hier wird teilweise zu Gewalt und Straftaten aufgerufen und die Gründer der Gruppe (Studi hat einen bereits gelöscht wegen Ankündigung einer Straftat) brüsten sich aktuell damit selber Tatort Internet gespielt zu haben und angelockte Pädophile zu outen.

Zitat:
So lange wir die Themen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie ignorieren, können diese Schulwegbestien weiter Kinderseelen zerstören.

Ein Kinderschänder kann schon an der nächsten Straßenkreuzung ein Kind in sein Auto zerren. Nachrichten zeigen keine Illusionen – sie zeigen die Realität vor der Haustür.

Anmerkung: Dass die Gruppen “meistens” aus dem rechten Umfeld stammen, kann ich nicht bestätigen. Vielleicht werden die aber besonders schnell gelöscht, wie auch die Gruppe aus obigem Beispiel. Gruppen mit vergleichbarer Intention sind bei StudiVZ und MeinVZ allerdings weiterhin problemlos zu finden.

Glückwunsch, Frau zu Guttenberg, Frau von Weiler und Frau Krafft-Schöning. Glückwunsch, Familie Harrich und RTL2. Wirklich eine interessante gesellschaftliche Debatte, die da “angestoßen” wurde.

October 21 2010

“Tatort Internet”: … in den Medien

Die gute Nachricht zuerst: Der 61-jährigen Leiter eines Kinderdorfs, der nach seiner Enttarnung in der RTL2-Prangersendung “Tatort Internet” als vermisst gemeldet wurde, lebt. Sein Aufenthaltsort ist der Kriminalpolizei Würzburg bekannt. Alles weitere möge die Justiz entscheiden.

***

Das Gerücht hielt sich schon länger, nun gibt es eine Bestätigung: Wenn ich diesen für Laien doch recht schwer verdaulichen Text aus Juristenhand richtig verstehe, wurde RTL2 inzwischen die Ausstrahlung mindestens eines Beispielsfalls gerichtlich untersagt:

Eine Persönlichkeitsrechtverletzung lag nach unserer Prüfung vor und wurde, weil eine außergerichtliche Erledigung der Sache nicht erzielt werden konnte, im Wege des einstweiligen Verfügungsverfahren gerichtlich festgestellt. Trotz umfangreichen Vortrags der Gegenseite, u. a. in der Form einer Schutzschrift der Gegenanwälte gegen den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung, stellte die zuständige Kammer des Landgerichts München I schnell und klar fest, dass eine Persönlichkeitsrechtsverletzung eindeutig gegeben ist und untersagte insofern die Veröffentlichung per einstweiliger Verfügung.

***

Im “Zündfunk” des Bayerischen Rundfunks gab es gestern einen Beitrag zum Thema (Achtung, unter Firefox zickt das Playerfenster bei mir!) wo ich im Vorfeld bestätigten durfte, dass es sich bei den Enttarnungen nicht bloß um ein “Internetgerücht” handelt (Danke nochmal für die Materialzusendungen!), wie zwischenzeitlich von der für “Tatort Internet” verantwortlichen Produktionsfirma verbreitet wurde:

Es ist das umstrittenste Fernsehformat seit Jahren: In Tatort Internet, das unter anderem von der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg moderiert wird, spürt ein Reporterteam mit verdeckten Recherchen mutmaßliche Pädophile auf und stellt sie zur Rede. Heiligt der Zweck hier wirklich die Mittel?

***

Um die Frage, ob “Tatort Internet” eine Sendung ist, die über Kindesmissbrauch aufklärt, oder vielmehr um ein Format, das Straftaten selbst provoziert, ging es heute Morgen auch bei Deutschlandradio Kultur:

Sendungen wie “Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder” haben nichts mit Prävention zu tun, sagt Joachim Renzikowski, Professor für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Rechtstheorie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er hält verbesserte Präventionsprogramme an den Schulen für sinnvoller als TV-Formate.

Reposted bykrekk krekk

October 20 2010

“Tatort Internet”: Pressemitteilung der Medienaufsichtsbehörde

Nur kurz und für die Freunde des gepflegten Archivs, da ich mein Leben gerade in den vollen Zügen der Bahn AG genieße:

PRESSEMITTEILUNG

Kassel, 20. Oktober 2010

„Tatort Internet“ erfordert gesellschaftliche Debatte und rechtliche Prüfung

Die RTL II-Reihe „Tatort Internet“ hat eine heftige Kontroverse über Grenzen eines TV-Formats ausgelöst. Unter Hinweis auf das grundsätzlich positive Ziel der Sendung, Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, wird die Tatsache, dass die Sendung rundfunkrechtlich geprüft wird, kritisiert. Doch der Zweck heiligt nicht alle journalistischen Mittel, sagen der Direktor der LPR Hessen, Prof. Wolfgang Thaenert, und der Vorsitzende der Versammlung, Winfried Engel. Sie mahnen auch eine Debatte über journalistische Standards an.

Unabhängig von der laufenden rundfunkrechtlichen Prüfung des RTL II-Formats „Tatort Internet“ steht für die LPR Hessen die Verantwortung der Programmmacher im Vordergrund. Sie müssen bei dem brisanten Thema des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen im Internet die Balance zwischen den Persönlichkeitsrechten der potenziellen Opfer und Täter und dem Aufklärungs- und Informationsbedürfnis der Gesellschaft finden. Grundsätzlich problematisch wird es, wenn die Medien als „Vierte Gewalt im Staat“ die Rolle der dritten Gewalt, von Polizei und Staatsanwaltschaft, übernimmt. Dies ist eine Frage des journalistischen Selbstverständnisses, die dringend durch die Selbstkontrolle und die berufsständischen Vertretungen zu klären ist.

„Die Medienaufsicht hat auf journalistische Standards und Entscheidungen aus gutem Grund nur begrenzt Einfluss; sie kann hoheitlich nur gegen rundfunkrechtliche Verstöße vorgehen, die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung und ethisches Handeln liegen jedoch im Vorfeld dessen“, so Prof. Wolfgang Thaenert. „Das Beispiel ‚Tatort Internet‘ macht deutlich, wie wichtig eine fortlaufende Debatte über Medienethik und Medienqualität ist.“

„Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen und Missbrauch zu schützen und in Reichweiten starken, vornehmlich an jüngere Zuschauer gerichteten Programmen aufzuzeigen, wie das Internet ihnen zur Falle werden kann, ist eine programmliche Herausforderung. Dass sie angenommen wird, begrüßen wir. Allerdings verlangt die Behandlung dieses ernsten Anliegens ein sensibles Vorgehen und die Einbettung in ein glaubwürdiges Umfeld“, ergänzt Winfried Engel.

Bei der rundfunkrechtlichen Prüfung stehen die vom Rundfunkstaatsvertrag vorgegebene Einhaltung der Programmgrundsätze und des Persönlichkeitsrechts sowie die jugendschutzrechtlichen Bestimmungen im Vordergrund. Das Ergebnis der Prüfung durch die LPR Hessen als die über RTL II Aufsicht führende Anstalt werden die ZAK, Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten, und die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM) abschließend beraten.

Reposted bykrekk krekk

October 19 2010

“Tatort Internet”: Vorratsdatenspeicherung und Echzeit-Screening?

In einem Interview der Kukksi, einem Nachrichtenportal, das nach laut Projektbeschreibung von “engagierten Schüler und Studenten [...] sowie erfahrene Journalisten” betrieben wird,* spricht RTL2-Chefermittlerin Beate Krafft-Schöning über ihre Motivation:

Politik müsste dringend handeln: Die Vorratsdatensdatenspeicherung, [...] wären aus meiner Sicht ganz dringende Punkte, die man seitens der Politik abarbeiten müsste! Grooming muss generell unter Strafe gestellt werden. Und zwar europaweit. [...] Hier steht jedoch oft der Datenschutz wenig hilfreich zur Seite, der Kontrollmöglichkeiten in Chats untersagt. Seit dem Fall des Datenvorratsspeicherungs-Gesetzes vor drei Jahren ist es für die Provider noch schwieriger geworden, Kinder- und Jugendschutzmaßnahmen, sprich Kontrollfunktionen in ihren Angeboten zu installieren. Reine Kinderangebote an sich sind ja eher seltener im Internet zu finden.

Leider vergisst Krafft-Schöning zu erwähnen, welche unverzichtbaren “Kontrollmöglichkeiten” konkret untersagt sein sollen. Das Belauschen von Privatgesprächen etwa? Das will ich doch hoffen. Und die Alternative wäre? Ein Echtzeit-Screening auf Schlüsselwörter? Zugang zu Chats und Kommunikationsplattformen wie SchülerVZ generell nur noch nach Hinterlegung einer ladungsfähigen Adresse und Authentifizierung mit dem neuen ePass? Gut, lassen wird das. Bemerkenswert auch Krafft-Schönings Antwort auf die Frage, warum “Tatort Internet” bei RTL2 laufe:

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten waren da eher zurückhaltend, unterstellten mir, wenn ich das Thema überhaupt anbot, Wichtigtuerei oder ließen mich wissen, dass das Thema nicht ins Sendekonzept passe („Magazin Monitor“) oder, dass man das nur machen könne, wenn die Polizei involviert sei („ZDF-Reporter“).

Ok, ich kann den Frust nachvollziehen. Selbst bei “ZDF-Reporter” zu scheitern muss hart sein.

(Wiedervorlage durch Vera, via DM)

*Bei aller Sympathie für solche Projekte: Leider liest es sich auch so. Die Fragen, die im konkreten Fall vom 23-jährigen Betreiber der Plattform gestellt wurden, könnten auch direkt von der RTL2-Pressestelle formuliert worden sein.

Reposted bymondkroete mondkroete

October 18 2010

“Tatort Internet”: Und weiter… (Update: Sendetermine ZDF)

Inzwischen stelle ich mir bei jedem Wort, das ich zu “Tatort Internet” schreibe, die Frage, ob man sich nicht mitschuldig macht, wenn man den Buzz um die Sendung befeuert? Klar ist, es geht den Veranwortlichen um Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für eine Gesetzesinitiative, bei der es wohl nur am Rand um Kindesmissbrauch im eigentlichen Sinne geht (Ja, natürlich übergeigt Mühlbauer seinen Ansatz mit dem Hinweis auf eine Bertelsmann-Connection, geschenkt …)

Die Verantwortlichen selber sprechen derweil weiter davon, eine “gesellschaftliche Debatte” angestoßen zu haben. Auch das kann man anders sehen. Zum Beispiel, wie Andrian Kreye in der Süddeutschen:

Im Falle “Tatort Internet” ist das Problem, dass im Kern der Debatte nun nicht mehr steht, dass Pädophile im Internet nach minderjährigen Opfern suchen. Im Kern stehen nun die Methoden der Fernsehproduktionsfirma, die ähnlich wie eine Bürgerwehr auf eigene Faust und ohne Rücksicht auf rechtsstaatliche Prinzipien auf Verbrecherjagd geht. Eine Debatte darf nicht so geführt werden, dass sie einen zwingt, für oder gegen die Verfolgung von Verbrechen einzutreten.

Kreye spricht bei der Gelegenheit auch gleich noch einen zweiten Punkt an, der für das vorgebliche Ziel, nämlich Kinder schützen zu wollen, nicht ganz unwesentlich ist. Wurden im Zuge der Dreharbeiten nun die zuständigen Ermittlungsbehörden informiert, oder nicht? Auch hier ist die Anwort eher ernüchternd:

Im Gegensatz zu ihren US-Kollegen, die stets mit Polizei und Behörden kooperierten und die Verdächtigen verhaften ließen, haben die Sendungsmacher in Deutschland die in die Falle getappten potenziellen Kinderschänder nämlich wieder laufen lassen.

Eine Bestätigung für die Nichtweitergabe der “Rechercheergebnisse” durch RTL2 oder die Produktionsfirma gibt es bei Welt Online:

Der Vorsitzende des Diözesancaritasverbandes Würzburg, Clemens Bieber, forderte die Absetzung des Formats „Tatort Internet“. Er sei überzeugt, dass die Sendung nicht dazu diene, „Täter zur Strecke zu bringen und Kinder zu schützen“ [...]

Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Würzburg gegen den Mann wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern. Grundlage dafür sei eine Mitteilung der Caritas gewesen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder. Der Sender selbst habe die Ermittlungsbehörde in Würzburg nicht unterrichtet.

Bedeutet wohl: Entweder reichte es nicht für eine strafrechtliche Verfolgung der “Sex-Ekel” oder es gab bei der Produktion andere Prioritäten. Aber gut, für solche Fälle stehen ja immer noch die Bild und Vorbilder wie Til Schweiger* bereit (Bitte nicht auf nüchternem Magen lesen).

Über einen guten Magen sollte man auch verfügen, wenn man diese aktuelle Pressemitteilung von RTL2 liest. Wobei, vielleicht haben wir dem gesellschaftlich engagiertesten aller deutschen Sender einfach Unrecht getan? Schließlich stellt RTL2 im Web “umfangreiche Informationen” zur Verfügung …

so zum Beispiel “Tipps zum sicheren Surfen”, Antworten auf “häufig gestellte Fragen”, “Zahlen und Fakten zum Thema sexueller Missbrauch”, sowie Hilfe-Kontakte für Betroffene.

Ok, eigentlich sind es eher ein paar Textbausteine mit Werbung für “Innocence in Danger” und der Hinweis auf eine kostenpflichtige Hotline, die von einen Verein betrieben wird, der von “Innocence in Danger” unterstützt wird.

Egal, immerhin bewirbt RTL2 im Umfeld der Sendung ja nicht nur Xavier Naidoos neue CD produziert RTL2 nun auch Aufklärungs-DVDs für Schulen! Kaum zu glauben, aber selbst Medienwissenschaftler und der Bund Deutscher Kriminalbeamter loben das Konzept. Und ja, natürlich ist der lobende Medienwissenschaftler kein geringerer der unvermeidliche Jo Groebel.

In wenigen Minuten wird auf RTL2 die nächste Folge von “Tatort Internet” ausgestrahlt.

Update: Und wo wir nun doch beim Thema sind: Das ZDF legt ein paar Stunden später nach. Heute um 00:15 Uhr und damit quasi zur besten Sendezeit, mit dem kleinen Fernsehspiel “Die Entgleisten”:

Sexueller Missbrauch geschieht am häufigsten innerhalb von Familien. Wie wird dort miteinander umgegangen, wenn eine solche Tat geschehen ist oder dies im Raum steht? Ein Film darüber, wie wichtig und schwierig es ist, das Schweigen zu brechen.

Seit einigen Jahren genießen Missbrauchsdelikte an Kindern hohe Aufmerksamkeit vor allem durch boulevardnahen Journalismus. Attraktiv scheint dabei der Grusel, der vom irgendwo im gefährlichen Draußen lauernden Triebtäter ausgeht. Wenn aber die Statistik ausweist, dass neun von zehn Missbrauchstaten weder von Soziopathen noch von Pädophilen begangen werden: wer begeht sie dann?

Deutlich reisserischer klingt die Ankündigung der Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” morgen Nacht:

Die Zahlen über Kinderpornografie im Internet sind erschreckend. Jeden Tag suchen zirka 350 000 “User” online ihren perversen Kick. 80 Prozent der Kinder, deren Fotos und Videos im Internet kursieren, sind jünger als zehn Jahre. Die Opfer leiden auch Jahre später noch an den Folgen des sexuellen Missbrauchs. ZDF-Autor Michael Heuer zeigt in seiner 45-minütigen Dokumentation “Missbrauch per Mausklick” am Mittwoch, 20. Oktober 2010, 0.35 Uhr, wie Ermittler versuchen, den Tätern auf die Spur zu kommen. [...]

*Achja, das Buchprojekt von Jörg Tauss. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst gestern davon erfahren habe. Wie auch immer: Interessante Idee, generell sicher unterstützenswert, aber selten unglücklicher Zeitpunkt.

October 14 2010

“Tatort Internet”: Aufklärung oder moderner Pranger?

Nur kurz, da ja noch immer einige glauben, die Fallbeispiele der RTL2-Reihe “Tatort Internet” seien gescriptet und die Beschuldigten im wahren Leben Schauspieler. Dem ist nicht so. Spiegel Online hatte inzwischen Kontakt zu einem der Geouteten:

Seine Adresse, sein Arbeitgeber und seine Telefonnummer wurden dann in der Nacht auf den 12. Oktober in einem Internet-Forum veröffentlicht. Ebenso mehrere Fotos des Mannes. Mit dem Vermerk, das sei ja wohl in Ordnung, wenn es um Kinderschänder gehe.

Nun steht der Mann als vermeintlicher Kinderschänder da – dabei ist nicht geklärt, ob er sich einer Straftat schuldig gemacht hat.

Der Mann bestätigte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass er der Betreffende aus der Sendung sei. Bei ihm zu Hause sei “die Hölle” los, schreibt er in einer Mail: “Telefonterror, Beschimpfungen”, Facebook-Kontakte würden mit Mails überschüttet. Auch seine Familie werde massiv bedroht. [...]

Der Verein ‘Innocence in Danger’, der die Sendereihe begleitet, wollte die Enttarnung auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren. Stephanie zu Guttenberg, Präsidentin des Vereins und Ministergattin, die die erste Sendung prominent unterstützt hatte, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Heise Online berichtet derweil, dass sich auch die hessische Landesmedienanstalt erneut mit dem Format beschäftigt:

Die umstrittene RTL-II-Sendung “Tatort Internet” über mutmaßliche Kinderschänder wird von der Medienaufsicht unter die Lupe genommen. Die für den Privatsender zuständige Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien überprüft, ob bei dem Format medienrechtliche Vorgaben eingehalten werden, wie eine Sprecherin am Donnerstag der dpa sagte. Dabei gehe es vor allem um den Jugendschutz sowie um die Persönlichkeitsrechte von Opfern und mutmaßlichen Tätern.

Reposted bymondkroete mondkroete
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