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January 14 2014

Studie der Otto-Brenner-Stiftung: “Verdeckte PR in Wikipedia”

Cover-Oppong-StudieWährend Wikipedianer Dirk Franke im netzpolitik.org-Interview von bezahltem Schreiben noch als “kommende[m] Problem” spricht, kommt der Journalist Marvin Oppong in einer Studie für die gewerkschaftsfinanzierte Otto-Brenner-Stiftung (OBS) zu dem Schluss, dass verdeckte PR in der Wikipedia (PDF der Studie) bereits heute ein großes Problem ist. So heißt es in der Pressemeldung zur Veröffentlichung der Studie:

Im seltsamen Kontrast zu dem ungebrochenen Siegeszug von Wikipedia als Informations-, Orientierungs- und Deutungsquelle steht die interne Struktur von Wikipedia, die es bisher nicht vermag, „PR in Wikipedia effektiv zu verhindern und Manipulationen in Wikipedia wirksam zu unterbinden.

Zu diesem harten Urteil kommt Oppong unter anderem an Hand von Fallstudien einzelner Artikel, u.a. über Daimler, RWE oder den FDP-Politiker Christian Lindner. Oppong argumentiert, bei Wikipedia handle es sich um eine “Diktatur der Zeitreichen”, weshalb die finanziell gut ausgestattete PR-Branche im Vorteil sei und über verschiedene Manipulationswege verfüge (S. 39). Als eine jener Branchen, in der es mutmaßlich die meisten Manipulationen gibt, nennt Oppong deshalb auch die finanzstarke Pharma-Branche (S. 41).

Community, Foundation und Verein

Ein besonderes Augenmerk legt Oppong auch auf mutmaßliche Interessenskonflikte von (ehemaligen) MitarbeiterInnen der Wikimedia Foundation bzw. des deutschen Wikimedia-Vereins. So widmet Oppong zum Beispiel dem ehemaligen deutschen Vorstandsmitglied der Wikimedia Foundation Arne Klempert eine eigene Fact-box (S. 47f.), weil dieser jetzt für die PR-Agentur Fleishman-Hillard Germany tätig ist. Dort ist Klempert u.a. für die Erstellung des Wikipedia Corporate Index verantwortlich.

Was Oppong allerdings unerwähnt lässt, ist die relativ starke Distanz zwischen formaler Organisation und der Community aus ehrenamtlichen WikipedianerInnen wenn es um die Erstellung der Inhalte geht. Mit anderen Worten: Interessenskonflikte von Wikimedia-FunktionärInnen wirken sich in der Regel weniger stark und unmittelbar auf Inhalte aus, als das beispielsweise bei leitenden Redakteuren in klassischen Medienhäusern der Fall ist; gleichzeitig haben Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland aber natürlich auch weniger Durchgriffsrechte was Regeln und Inhalte betrifft.

Oppong sieht das offenbar anders bzw. darin ein Problem und wirft Wikimedia Deutschland im 7. Kapitel seiner Studie  in einem Rundumschlag vor, PR unzureichend zu bekämpfen, nicht transparent genug zu sein und spricht von einer “Nomenklatura des Vereins”, die “Spötter” sogar “als ‘Sekte’” bezeichnen würden.

Angesichts dieser heftigen Kritik an Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland überraschen dann aber Oppongs zehn Verbesserungsvorschläge um den Missbrauch von Wikipedia für PR-Zwecke einzudämmen, die den Abschluss der Studie bilden. Denn zum größten Teil können die Foundation oder Wikimedia Deutschland diese nicht umsetzen oder wird genau daran schon gearbeitet. Zu den Vorschlägen im einzelnen:

  1. Förderung von Medienkompetenz in Ausbildungseinrichtungen: Der Forderungsklassiker. Richtet sich an Schulen. Wikimedia Deutschland leistet hier mit dem “Schulprojekt” bereits seit Jahren einen Beitrag.
  2. Mehr Informationen für Wikipedia (Neu)nutzerinnen und -nutzer sowie ihre bessere Einbindung, Vereinfachung der Wikisoftware: An der Vereinfachung der Wikisoftware wird bereits seit längerem gearbeitet, der Visual Editor soll in Kürze zum Standard für die Bearbeitung werden. Was NeunutzerInnen betrifft, so ist weniger die Menge an Information sondern eher die gewachsene Komplexität das Problem.
  3. Offenlegung der Accounts von Unternehmen und Verbänden: Erzwingen lässt sie sich die Offenlegung bei Beibehaltung der Möglichkeit anonymer Editierungsmöglichkeit nicht. Schon heute gehört es aber zu anerkannt guter Praxis, offenzulegen, wie auch die Interviews mit “PR-Profis” in Oppongs Studie belegen.
  4. Intensivierung der Quellenverlinkung: Die Zahl der Quellenverweise in der Wikipedia nimmt ständig zu, Quellenkritik steht an der Tagesordnung. Diesbezügliche Regelungen müssten aber von der Community verabschiedet werden.
  5. Registrierungsmöglichkeit für Nutzer: Hier schwebt Oppong eine Art Verifizierungsverfahren vor, ähnlich wie es das beispielsweise bei kommerziellen Plattformen wie Amazon oder Twitter gibt. Das wäre tatsächlich etwas, das die Foundation anbieten könnte. Allerdings bestünde, wie Oppong selbst schreibt, die Gefahr, dass dann sozialer Druck entsteht, Angaben zur Person zu machen.
  6. Demokratische Elemente stärken: Oppong fordert, dass bei inhaltlichen Abstimmungen AdministratorInnen kein Ermessen mehr haben sollte, sondern “Stimme für Stimme ausgezählt” werden sollte. Außerdem sind ihm Mindesterfordernisse wie einer bestimmten Zahl an Editierungen für die Teilnahme an Abstimmungen ein Dorn im Auge. Beide Vorschläge halte ich für verfehlt. Gerade weil sich über Wissen nicht einfach abstimmen lässt, ist eine Entscheidung auf Basis offen ausgetragener Diskussion einem simplen Stimmenzählen überlegen. Und die Mindestanforderungen für die Teilnahme an Abstimmungen sind nicht besonders hoch, erschweren gleichzeitig aber die Manipulation von Abstimmungen.
  7. Interessenerklärung für die Wikipedia-Führung und Wikimedia Präsidiumsmitglieder: Abgesehen davon, dass zumindest mir nicht klar ist, wer “die Wikipedia-Führung” sein soll, ist der Einfluss der Mitglieder der formalen Organisationen auf die Inhalte der Wikipedia begrenzt. Wikimedia Foundation und Vereine geben eben keine Inhalte in Auftrag. Von ihnen geht in Sachen verdeckter PR deshalb auch keine besonders große Gefahr aus.
  8. Sanktionen für Verstöße gegen Wikipedia-Regeln: Es gibt eine Reihe von Sanktionen, die bis hin zur Sperrung von Accounts reichen.
  9. Unabhängige Kontrollgremien: Es gibt bereits gewählte Schiedsgerichte.
  10. Ethik-Kodex: Es gibt es schon eine große Zahl an Regeln und Verhaltensempfehlungen im Autorenportal der Wikipedia.

Hinsichtlich der Verbesserungsvorschläge lässt sich also festhalten, dass sich mit Ausnahme der (durchaus zweifelhaften) Punkte 5 und 7 sämtliche Vorschläge entweder an die Community oder überhaupt an externe Akteure wie Schulen oder Unternehmen richten.

Mein persönliches Fazit nach der Lektüre der Studie fällt gemischt aus: Jedenfalls liefert die Studie eine große Menge an Material und damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte über den Umgang mit bezahltem Schreiben und PR in der Wikipedia. Auch die Lösungsvorschläge am Ende können eine guten Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen liefern. Gleichzeitig liest sich die Studie bisweilen sehr stark so, als ginge es nur darum, die Ausgangsthese – Wikipedia ist der PR-Übermacht schutzlos ausgeliefert – zu belegen. Dabei belegt gerade die vom Autor selbst dargebotene Materialfülle, dass Wikipedia gegenüber klassischen Medien auch Vorteile hinsichtlich PR-Anfälligkeit aufweist. Denn natürlich ist Wikipedia relevant für PR-Strategien von Unternehmen. Gleichzeitig lassen sich diese auf Wikipedia aber leichter nachvollziehen, als das in herkömmlichen Medien der Fall ist. Die zahlreichen Screenshots mit Versionsvergleichen in Oppongs Studie sind der beste Beweis dafür.

Bei MDR Figaro gibt es ein Interview mit dem Studienautor zum Nachhören.

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January 11 2014

Interview mit Dirk Franke über “Grenzen der Bezahlung” in der Wikipedia

Die Entlassung von Sarah Stierch durch die Wikimedia Foundation, weil sie neben ihrer offiziellen Tätigkeit gegen Bezahlung in der Wikipedia geschrieben hatte (vgl. “Neue Probleme mit bezahlten Artikeln in der Wikipedia“), sorgt immer noch für Diskussionen. So widmet sich auch die aktuelle Ausgabe der Wikipedia-Onlinezeitung “Signpost” fast ausschließlich der Angelegenheit.

Die Kontroverse bietet aber auch einen guten Anlass, noch einmal etwas grundsätzlicher über die Frage des Für und Wider von bezahltem Schreiben in der Wikipedia zu diskutieren. In Deutschland bietet sich in diesem Zusammenhang besonders der langjährige Wikipedia-Autor und seit 1. Januar 2014 Wikimedia-Deutschland-Mitarbeiter Dirk “Southpark” Franke an. Denn Dirk Franke hat bis vor kurzem zu “Grenzen der Bezahlung” in der Wikipedia gearbeitet und wird sich auch weiterhin in seiner Freizeit mit dem Thema beschäftigen. Das folgende Interview hat deshalb auch nichts mit seiner Tätigkeit für Wikimedia Deutschland zu tun und seine Aussagen sind rein persönlicher Natur.

Dirk Franke (Foto: Tobias Schumann, CC-BY-SA-3.0)

Dirk Franke (Foto: Tobias Schumann, CC-BY-SA-3.0)

Du hast Dich für die Wikimedia Foundation in einem Projekt mit den “Grenzen der Bezahlung” auseinandergesetzt. Was war da die Fragestellung?

Dirk Franke: Das stimmt so nicht so ganz. Gefördert wurde das Projekt vom Verein Wikimedia Deutschland, der rechtlich unabhängig von der Stiftung ist. Ich habe es auch nicht für den Verein gemacht, sondern im Rahmen eines Förderprogramms in dem Mitglieder der Community verschiedene Projekte vorschlagen können – ich habe das immer so verstanden, dass ich das Projekt für die Wikipedia-Community mache, und nicht so sehr für den Verein. Die Fragestellung war auch eher eine praktische: bezahltes Schreiben ist einfach absehbar ein kommendes Problem und eine kommende Entwicklung: Wie schaffe ich es, die Community dazu zu animieren, sich Gedanken zum Thema zu machen, noch bevor das Problem in der Tür steht, und es eigentlich zu spät ist?

Was waren die wichtigsten Erkenntisse aus Deinem Projekt?

Dirk Franke: Ganz grundsätzlich muss die Community eine Entscheidung treffen, welcher Grundwert der Wikipedia ihr wichtiger ist: Offenheit oder totale Nicht-Kommerzialität. Entweder ist Wikipedia offen für alle, und es ist möglich, Wikipedia anonym zu bearbeiten – dann ist es quasi unmöglich, ein Paid-Editing-Verbot konsequent durchzusetzen. In dem Fall stellt sich allerdings weniger eine Verbotsfrage, sondern eine Regulierungsfrage: Wie kann man bezahltes Schreiben sinnvoll lenken, und möglichst nur auf seine nicht-schädlichen Aspekte eingrenzen.

Oder es ist der Community wichtig, bezahltes Schreiben wirklich konsequent zu verbieten? Dann allerdings lässt sich die Anonymität im Projekt nicht mehr aufrecht erhalten, und die Wikipedia würde sich inhaltlich und sozial deutlich verändern: das Projekt wäre nicht mehr dasselbe wie vorher.

Wie sieht es mit der Akzeptanz von bezahltem Schreiben in der Community aus?

Dirk Franke: Für die mehr oder weniger weitreichende Akzeptanz von bezahltem Schreiben in der Community gibt es mehrere Faktoren, die bei den bezahlten Schreibern selbst liegen. So findet es eher Akzeptanz, wenn es um nichtkommerzielle Zwecke geht, und der Autor nicht auch noch ehrenamtlich in der Wikipedia aktiv ist, oder gar eine Funktion innerhalb der Wikipedia hat. Der Idealfall aus Sicht der Community wäre es wohl, wenn eine nichtkommerzielle Organisation aus ihren eigenen Mitteln transparent Menschen mit Expertenwissen bezahlt, die bisher nicht Wikipedia editiert haben, um unparteiisch Artikel über allgemeine Themen des Wissens zu bearbeiten.

Schon heute ist es ja so, dass für einige Tätigkeiten im Bereich der Wikipedia, z.B. der Weiterentwicklung der Software, bezahlt wird. Warum darf nicht auch für das Verfassen von Artikeln bezahlt werden?

Dirk Franke: So ganz stimmt das auch heute schon nicht: Bezahltes Schreiben trifft zwar nur selten auf Freude oder Zustimmung im gesamten Wikiversum – explizit verboten ist es jedoch auch so gut wie nie. Fast alle Formen des bezahlten Schreibens bewegen sich in einer Grauzone aus informellen Gebräuchen, “man-soll-nicht”-Regeln, und einer oft ablehnenden Praxis. Dabei gibt es Formen, die mehr und weniger akzeptiert werden. Es gibt zum Beispiel einige wenige Fälle im englischsprachigen Raum, in denen Menschen von Kulturinstitutionen bezahlt werden, um Inhalte über Kunst oder Kultur zu schreiben. Schwierig wird es, wenn es auch um Artikel über die Institution an sich geht, oder die Artikel dazu dienen, einen bestimmten Themenkomplex zu bewerben.

Im Bereich Open Source Software gibt es ein nebeneinander von bezahlten und unbezahlten Beitragenden (vgl. z.B. eine aktuelle Studie “Paid versus Volunteer Work in Open Source” von Dirk Riehle und anderen) – warum ist das im Bereich der Wikipedia schwieriger?

Dirk Franke: Soweit ich weiß, ist es auch im Bereich Open Source Software nicht immer ganz einfach mit dem Nebeneinander. Bei Wikipedia fehlt allerdings bisher jede Erfahrung damit, wie so ein Nebeneinander überhaupt aussehen könnte. Viele Wikipedia-Autoren verstehen sich darüber hinaus als Nicht-Kommerziell und gegen Kommerz im Wissen ausgerichtet. Diese haben oft sehr klare und ausgesprochene Meinungen zum Thema.

Zudem unterscheidet sich Software und Wikipedia-Text auch erheblich: der Code eines Programms unterscheidet sich vermutlich nicht großartig, egal wer dafür bezahlt hat. Bei Wikipedia steht immer die Befürchtung im Raum, dass derjenige der bezahlt, auch die Ausrichtung und die Neutralität des Textes beeinflussen will.

Die Frage der Bezahlung ist auch im Kontext mangelnder Vielfalt ein Thema. In ihrem Vortrag “Diversity initiatives that worked in other open communities” (PDF der Slides) bei der Wikipedia Diversity Conference meinte beispielsweise Valerie Aurora, dass Bezahlung es unterrepräsentierten Gruppen wie z.B. Frauen leichter macht, Beiträge zu leisten. Wie siehst Du das?

Dirk Franke: Kurzfristig wäre dem vermutlich so. Wobei man sich vor Augen führen muss, wieviele Menschen in der Wikipedia aktiv sind. Die deutsche Wikipedia hat beispielsweise einen harten Kern von etwa 1000 Menschen, die fast täglich editieren und etwa 7000 Menschen, die regelmäßig mehrfach im Monat vorbeischauen. Wenn man da durch Bezahlung wirklich einen nennenswerten Unterschied in der Zusammensetzung der Community machen wollte, müsste man eine größere Personenzahl mit dementsprechenden Kosten bezahlen.

Welche Probleme wären abgesehen von den hohen Kosten noch zu erwarten?

Dirk Franke: Es stellen sich vor allem zwei Probleme: würden diese bezahlten Autorinnen jemals Akzeptanz unter den Ehrenamtlichen finden, oder würde das nicht eher das Problem verschärfen und zu einer Spaltung führen? Und: Wie würden sich beispielsweise die durchaus vorhandenen Wikipedianerinnen fühlen, die seit Jahren in Wikipedia aktiv sind, wenn ihnen plötzlich bezahlte Kolleginnen vor die Nase gesetzt werden? Bei solchen Projekten besteht immer eine immense Gefahr, dass man die seit Jahren aktiven Freiwilligen demotiviert, während jeglicher Effekt möglicher Bezahl-Programme sofort verpufft, sobald die Mittel erschöpft sind.

Wo lag im konkreten Fall von Sarah Stierch eigentlich genau das Problem? Sie hat schließlich aus ihrer Tätigkeit des bezahlten Schreibens kein Geheimnis gemacht, sondern sogar die Preise auf ihrem Blog transparent gemacht?

Dirk Franke: Zu dem Fall habe ich bisher deutlich zu wenig Detailwissen, um wirklich sinnvoll Auskunft geben zu könnnen. Alles was mir zur Zeit klar zu sein scheint, ist, dass Sarah Stierch etwas getan hat, von dem ihre Vorgesetzten in der Wikimedia Foundation nichts wussten. Anscheinend war dieses Handeln dann auch gravierend genug, um zu den gezogenen Konsequenzen zu führen.

Auf der Mailingliste der Wikimedia Foundation wird Sarah Stierch mit dem Argument verteidigt, dass das Problem nicht bezahltes Schreiben an sich, sondern bezahltes Lobby-Schreiben ist. Lässt sich zwischen “guter” und “schlechter” Bezahlung unterscheiden?

Dirk Franke: Wie weiter oben geschrieben; es gibt diverse Faktoren (Offenheit, Inhalt, Geldquelle etc.), die die Akzeptanz von Bezahlung erhöhen oder vermindern. Das Spektrum reicht da von hellgrau bis tiefschwarz. Für wirklich gutes Nicht-Lobby-Schreiben müsste ja eine Geldquelle gefunden werden, die mit der Bezahlung keinerlei eigene Interessen verfolgt. Das stelle ich mir in der Praxis recht schwierig vor.

Erik Möller, Vize-Direktor der Wikimedia Foundation, hat die Idee einer eigenen Organisation aufgeworfen, die Geld für das bezahlte Erstellen von Wikipedia-Artikeln einsammelt, gleichzeitig aber sicherstellt, dass mit dem Geld keine Inhalte gekauft werden können. Wäre das ein Ausweg?

Dirk Franke: Zumindest ist es ein Gedankenansatz, der meines Wissens bisher von der Stiftung her neu ist. Der geht das weiter oben angesprochene inhaltliche Problem an, löst aber noch nicht das soziale Problem, dass die Existenz von spendengeförderten Autoren möglicherweise ehrenamtliche Wikipedianer demotiviert und aus dem Projekt vertreibt.

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December 06 2013

Mit dem DMCA gegen Lucas Cranach den Älteren

Lucas_Cranach_d.Ä._-_Fürst_Johann_von_Anhalt_(Jagdschloss_Grunewald)

Eines der in der DMCA-Notice aufgeführten Bilder: Portrait aus ~1520

Lucas Cranach der Ältere gilt als einer der bedeutendsten Maler des 16. Jahrhunderts. Leider ist er schon 460 Jahre tot – was allerdings unter urheberrechtlichen Gesichtspunkten gar nicht so schlecht ist, denn 460 ist mehr als 70 und wenn ein Künstler mehr als 70 Jahre lang tot ist, dann wird die von ihm geschaffene Kunst in der Regel für die Allgemeinheit wesentlich zugänglicher.

Das Cranach Digital Archive (CDA) in Düsseldorf ist, was das Zugänglichmachen der Werke angeht, eine besonders lobenswerte Einrichtung, hat sie sich doch zum Ziel gesetzt, den Erhalt, die Erschließung und den Zugang zu Cranachs Bildern zu fördern und zu verbessern. Mit einigem Aufwand werden darum hochauflösende digitale Fotos angefertigt.

Löschbestrebungen

Viele der angefertigten Bilder wurden zwischenzeitlich auch bei Wikimedia Commons hochgeladen, wo sie dank Einbindung bei u.a. Wikipedia eine größtmögliche Verbreitung finden.

Hier endet der schöne Teil der Geschichte.

Vor fast genau einem Jahr meldete sich bei Commons ein Benutzer mit dem Namen “Cranach Digital Archive” an und stellte innerhalb kurzer Zeit 24 Löschanträge auf Bilder des alten Meisters. Die Begründung lautete dabei jedesmal

ILLEGAL COPY AND DISTRIBUTION

Der Account wurde umgehend gesperrt und die Löschanträge abgelehnt, oft mit der Begründung, dass das blosse Scannen oder Fotografieren eines public-domain-Bildes kein neues Copyright schafft:

speedy kept, there’s no new copyright for scanning/photographing an out-of-copyright (due to age, author died several hundred years ago) source medium. Thus the image offered at the Cranach archive is PD

Ein Jahr später ging nun bei der Wikimedia Foundation in San Francisco eine DMCA-Takedown-Notice ein (hier dokumentiert). Darin heisst es:

I swear under penalty of perjury that I am the copyright holder according to German law.

Urheber eines sorgfältig ausgewählten Bildausschnitts

cda_logo

CDA-Logo

Das Cranach Digital Archive, zu dessen Partnern u.a. die Staatlichen Museen zu Berlin und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehören, fordert darin für vier verschiedene Dateien aus vier verschiedenen urheberrechtlichen Gründen unterschiedlicher Absurditätsgrade eine Löschung: In dieser Datei sei das geschützte Logo enthalten. Diese Datei sei kein Foto sondern eine Infrarot-Reflektografie. Diese Technik erfordert angeblich “keinen großen Zeit- und Platzbedarf und [kann] sowohl in Ausstellungsräumen als auch in Werkstätten u.ä. durchgeführt werden”.

Bei dieser Datei sei man Inhaber des sorgfältig ausgewählten Bildausschnitts und bei dieser habe man die Rechte an den beigefügten Metadaten. Wikimedia reagierte umgehend, ignorierte die ersten drei Ansprüche aktiv und lud die letzte Datei ohne die Metadaten nochmal hoch. Diese kann man nun nurnoch in der DMCA-Notice auf wikimediafoundation.org lesen, bis gegen die DMCA-Notice eine DMCA-Notice eintrifft.

Leider war am Donnerstag in Düsseldorf niemand für Nachfragen zum Vorgehen zu erreichen und bei der assoziierten Stiftung Museum Kunstpalast hatte man keine Informationen zum Vorgang.

All the 15th century books are belong to us!

Der Archivar Klaus Graf dokumentierte in seinem Blog am Mittwoch übrigens einen ebenfalls seltsamen Vorgang ähnlicher Güte. Graf hatte 2006 eine Seite aus dem Gutachten über den Bacharacher Pfarrwein aus dem Jahr 1426 hochgeladen, das im “Geheimen Hausarchiv” in München lagert. Die Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns fordert ihn nun auf, “nachträglich eine Veröffentlichungsgenehmigung zu beantragen oder die fragliche Seite aus dem Internet zu entfernen” und verweist dabei auf §8 der Bayerischen Archivbenützungsordnung, dem Zufolge Reproduktionen nur durch die Staatlichen Archive oder von ihnen beauftragte Stellen angefertigt werden und nur mit Genehmigung weitergegeben werden dürfen.

Die gefährlichen Bücher werden in Bayern also nur noch mit juristischem Gift versetzt, das ist schon mal ein Fortschritt.

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October 23 2013

Wikipedia geht gegen Sockenpuppen und schwarze Hüte vor

Jeder darf zur Wikipedia beitragen, Artikel erstellen, ergänzen und sich an Diskussionen beteiligen. Das ist ein Konzept mit vielen Vorteilen, aber es kann auch für ganz konträre Zwecke missbraucht werden.

TheDailyDot veröffentlichte am Anfang des Monats einen Artikel, in dem über die Erfahrungen des Wikipedia-Autors DocTree berichtet wurde. Er entdeckte durch eine Routinekontrolle in der Diskussion eines Artikels Sockpuppets. Sockpuppets sind Mehrfachaccounts eines einzelnen Nutzers. Sie können, besonders in Diskussionsforen, dazu missbraucht werden, seine Meinung zu verstärken, indem unterschiedliche Gesprächsteilnehmer simuliert werden.

Ausgehend von den fünf Sockpuppets aus dem ursprünglichen Artikel wurde dann ein ganzes Sockpuppet-Netzwerk enthüllt, das auf den User Morning277 zurückgeht. Das Auffinden von mutmaßlichen Sockpuppets ist z.B. mittels Vergleich von IP-Adresse und Browsereigenschaften möglich. Da die Ermittlung der IP-Adressen aber einen Eingriff in die Anonymität der Nutzer darstellt, sind nur wenige Admins der Wikipedia in der Position, diese Untersuchungen durchzuführen – und damit stark belastet.

Dennis Brown, einer dieser Admins, der auch intensiv zu der Hilfeseite: “Dealing with Sockpuppets” beigetragen hat, beschrieb seine Arbeitsbelastung:

Gestern habe ich wörtlich 12 Stunden darin investiert, 199 Sockpuppets zu bestätigen/taggen/blocken und es sind noch etwa 100 übrig, zusätzlich zu den paar Dutzend ungelisteten, denen man noch nachgehen muss. Ich bin ein bisschen ausgelaugt im Moment und habe vielleicht höchstens 25% der Arbeit fertig.

Sockpuppets arbeiten oft nicht im persönlichen Interesse, sondern kommerziell, indem sie als Black Hat Wikipediaseiten für Firmen und Organisationen erstellen und warten – indem sie sie durch Manipulation der Diskussion beispielsweise vor der Löschung bewahren. Die Dienstleistung bezahlter Wikipedia-Autorschaft wird sogar offen beworben, unter anderem von den Unternehmen MyWikiBiz und WikiPR, die jedoch vorgeben, sich an die Wikipedia-Regeln zu halten. WikiPR verkündet in seiner Service-Beschreibung sogar, Wikipedia-Admins zu beschäftigen.

Am Montag hat nun Sue Gardner, Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation, auf dem Wikimedia Blog eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie die Praktiken von Sockpuppets und Black Hats verurteilt und auch Firmen dazu aufruft, verantwortungsvoll mit der Wikipedia umzugehen und die Nutzungsbedingungen zu respektieren, darunter Neutralität und Belegbarkeit der Artikel.

Bisher gibt es noch keine Meldung für Profilsperren in der deutschen Wikipedia. Viele Unternehmen, Organisationen und Personen öffentlichen Interesses sind auch hier aktiv. So lange sie jedoch registriert und verifiziert sind, ist eine Überprüfung der von ihnen editierten Artikel jedoch möglich. Eine Liste der bekannten Nutzer in Deutschland findet man hier.

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October 14 2013

Wikimedia-Interviews

Das SZ-Magazin hat ein längeres Interview mit Sue Gardner gemacht, der scheidenden Geschäftsführerin der Wikimedia-Foundation: Auf der guten Seite.

Sie sind umzingelt von Google, Amazon und eBay. Wird das Internet zur Shopping Mall?

Ich denke schon. Ich habe nichts gegen diese Seiten, ich nutze sie selber, aber ihr vordringliches Ziel ist es nun mal, Geld zu verdienen. Dass sie den Menschen helfen, ist zweitranging. Ihre Dominanz hat in meinen Augen dazu geführt, dass das Ökosystem des Internets aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und noch eine andere Entwicklung, die damit zusammenhängt, stört mich: Das Großartige am Internet war doch mal, dass es den Leuten die grenzenlose Möglichkeit gibt, selber Inhalte zu produzieren, Blogs sind dafür nur ein Beispiel. Heute nutzen die Leute jedoch am liebsten Seiten, die ihre Ausdrucksmöglichkeiten beschneiden. In den USA verbringen die Menschen zehn Minuten von jeder Stunde, die sie online sind, auf Facebook. Dort können sie den »Gefällt mir«-Button klicken oder Inhalte verlinken, aber kaum noch eigene kreieren.

Und bei iRights.info findet sich ein Interview mit dem Wikimedia-Justiziar Geoff Brigham: „Jeden Tag rufen Streithähne aus aller Welt an, um Inhalte zu entfernen”
.

Welche Arbeit im Alltagsgeschäft sonst noch anfällt, ist für Außenstehende gar nicht erkennbar. Jeden Tag rufen bei uns Streithähne aus der ganzen Welt an, darunter viele Anwälte und Regierungsbeamte, die uns auffordern, bestimmte Inhalte von unserer Site zu entfernen. So lange diese jedoch wahrheitsgemäß und rechtens sind, wird das nicht geschehen. Wir betrachten jeden Einzelfall für sich und gehen sehr gewissenhaft vor, nichts passiert automatisch. Handelt es sich beispielsweise um eine Urheberrechtsverletzung, überprüfen wir zunächst den Vorfall. Bewahrheitet sich der Vorwurf, löschen wir den Inhalt. Aber wir entfernen keinen Artikel, nur weil er einer Person nicht gefällt.

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September 11 2013

“Dermaßen selbstverständlich” – Wie die zur Bundestagswahl antretenden Parteien auf Wikimedia Deutschlands Fragen antworten

Dies ist eine leicht veränderte Version eines an anderer Stelle publizierten Blogpostings.

Auf dem Schreibtisch von Wikimedia Deutschland liegen zehn an der Grenze zur Lesbarkeit eng bedruckte Seiten mit 80.000 Zeichen Wahlprüfsteinantworten. Das Format, das Wikimedia erstmals vor vier Jahren erprobte, wird mittlerweile recht routiniert gehandhabt. Insgesamt haben 11 zur Wahl zugelassene Parteien geantwortet, eine sehr erfreuliche Rücklaufquote.

Die Lektüre der kompletten Antworttexte ist im Meta-Wiki für jede/n möglich. Mit Hilfe der Wikimedia-Leserschaft war im Juli eine Prioritätenliste für Themen erstellt worden, daraus wurden dann 11 Fragen, die dann an alle zur Wahl zugelassenen Parteien verschickt wurden.

Allgemeine Eindrücke

Viele Parteien haben unterschiedlich ausgeprägte Hemmungen, auf spezifische Fragen eine konkrete Antwort zu geben. Dabei geht es nicht darum, eine Frage in einen (selbst gewählten) Kontext zu setzen oder Einschränkungen, Ausnahmen oder Rahmenbedingungen zu nennen. Es herrscht offenbar das Missverständnis vor, es sei unzulässig, auf eine konkret gestellte Antwort auch einfach einmal mit “Wir haben dazu keine Beschlusslage, können diese Frage zum aktuellen Zeitpunkt nicht beantworten und danken für Hinweise, warum es hier einen Regelungsbedarf gibt” zu antworten. Statt dessen wird über lange Absätze hinweg Selbstverständliches referiert. Beispielsweise, dass man sich für die Weiterentwicklung des Rechts einsetzen, einen Änderungsbedarf prüfen und eigene Erfahrungen einbringen werde. Tja nun: Anderes kann von den Parteien und Fraktionen auch nicht erwartet werden.

Ein Beispiel, das das Dilemma illustrieren mag: In der Frage zur Netzneutralität hatte Wikimedia bewusst nicht danach gefragt, ob die Partei nun für oder gegen Netzneutralität ist. Gefragt war nach einer Einschätzung der Partei, ob das bisherige Telekommunikationsgesetz es der Bundesregierung erlaube, durch eine Verordnung Regeln zur Sicherung der Netzneutralität aufzustellen. Während SPD, Linke und Grüne die Frage nicht nur beantworten, sondern darüber hinaus ihre Vorstellungen zu Netzneutralität allgemein mitteilen, fehlen bei CDU/CSU und FDP jegliche Ansätze einer Beantwortung. Ohne jeden Tiefgang liest sich die Antwort der Piratenpartei. Apropos Piraten: In der Frage zur Panoramafreiheit schießt die Partei den Vogel ab, die Panoramafreiheit zur ureigensten Forderung der Partei zu erheben. Sie sei für die Piraten “dermaßen selbstverständlich, dass sie nicht mal Erwähnung in Programmen” fände. (Es wurde zweimal geprüft, ob hier nicht aus Versehen die Antwort der Partei “DIE PARTEI” hineingerutscht ist, die sich, anders als bei den Landtagswahlen in NRW im vergangenen Jahr, dieses Mal aber nicht sprachkünstlerisch betätigen wollte).

Ebensoviele Parteien haben zudem bei einigen Fragen echte Verständnisprobleme. Dabei geht es nicht um unterschiedliche weltanschauliche Beurteilungen, sondern um Grundsätze, beispielsweise des Urheberrechts. So fordert die CDU/CSU in ihrer gemeinsamen Antwort zur Frage der Amtlichen Werke (§5 UrhG), dass Behörden Nutzungsrechte an solchen Werken gewähren sollen, die vom jetzigen §5 UrhG erfasst und gemeinfrei sind. Wenn ein Werk gemeinfrei ist, bedarf es jedoch grundsätzlich keiner spezifischen Nutzungsrechte für Dritte, um ein solches Werk nachnutzen zu können. Unklar ist, wo die FDP aus §5 UrhG eine Regelung herausliest, die den Zugang zu amtlichen Werken sicherstellt, denn genau dafür ist dieser Paragraph in seiner jetzigen Fassung ungeeignet. In unserer zweiten Frage, die auf die beliebte Copyfraud-Praxis bei 2D-Reproduktionen gemeinfreier Werke abzielt, verwechseln CDU/CSU Reproduktionen mit Schutzfristen für Tonträgerhersteller, zwei miteinander nicht verwandte Themen.

Erfreulich ist die breite Ablehnung von Netzsperren. Eine ausdrückliche Forderung nach Netzsperren für bestimmte Inhalte enthalten die Antworten der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), das Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit (BIG) und die Partei Mensch-Umwelt-Tierschutz (Tierschutzpartei). Es bedarf einer sehr kritischen Lektüre der Antworten von CDU/CSU, SPD, FDP, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen, um aus dem Fehlen einer Antwort zu Teil 2 der Frage (“Fallen Ihnen Arten von strafbaren oder unerwünschten Inhalten ein, deren Zugang Ihrer Ansicht nach durch technische Hürden erschwert werden soll?”) abzuleiten, dass das Thema Netzsperren in Zukunft wieder bei beliebigen Themen wie Glücksspielmonopolverstößen, Torrent-Suchmaschinen oder Pro-Ana-Blogs von Grund auf neu verhandelt werden muss.

Beobachtungen bei einzelnen Parteien

CDU/CSU: Die beiden Schwesterparteien haben eine gemeinsame Antwort auf die Wikimedia-Wahlprüfsteine verfasst, in der sie mit bemerkenswerter Konsequenz eine skeptische bis feindliche Haltung gegenüber Freien Lizenzen, Transparenz und Zugang zu Informationen einnehmen – sofern sie sich überhaupt positionieren. Bei vielen Antworten bleibt es bei der Bereitschaft zum generellen Prüfauftrag (Fragen 2, 3, 8, 9, 10 und 11). Ausgenommen davon ist der Bereich Open Government Data, der es übrigens in Form von frei verfügbaren Verkehrsinformationen (Fahrpläne, Positionsangaben) sogar ins Wahlprogramm geschafft hat. Konsequenterweise wird die Frage nach der Zukunft von govdata.de dann mit Beispielen aus diesem Bereich unterlegt.

SPD: Die Antworten der SPD zeigen, dass die Partei sich mit vielen der von uns angesprochenen Themen in den letzten vier Jahren zum Teil intensiv befasst und als Oppositionspartei eigene Vorstellungen formuliert hat. Deutlich wird dies an den Fragen zur Informationsfreiheit und zu Open Government Data. Zum Teil ist in den Antworten der SPD bereits der Kompromiss zu bestimmten Interessengruppen inbegriffen, sehr gut ersichtlich an den Antworten, in denen die SPD das Thema Zweitveröffentlichungsrecht unterbringen konnte. Mehr noch als andere Parteien stellt die SPD in ihren Antworten nicht nur die eigenen Ziele, sondern die ihrer Ansicht nach fehlerhafte Politik der Regierungskoalition dar.

FDP:  Solide präsentieren sich die Antworten der FDP, lassen aber jede Langfristperspektive auf Reformvorhaben vermissen. Dies mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass Wikimedias Fragetechnik präziser geworden ist und nicht mehr ausdrücklich “Besinnungsaufsätze” herausfordert. Aber auch bei Fragen, die andere Parteien zielsicher zum Ausbreiten einer größeren Strategie mit Kontext genutzt haben (sehr anschaulich bei Frage 11 zu Freien Bildungsmaterialien), zeigt sich die Partei schmallippig. Dabei könnte man eigentlich denken, dass eine Dynamisierung des Bildungsmarktes ein duchaus anschlussfähiges liberales Thema sein sollte. Über weite Strecken hin lässt sich ihre Position mit “so wie bisher und etwas besser” beschreiben: etwas mehr govdata, etwas mehr Open Access, etwas mehr Deutsche Digitale Bibliothek, etwas mehr Informationsfreiheit.

Die Linke:  Gäbe es in der Politik Fleißkärtchen, so läge bei der Linken ein kleiner Stapel davon. Als eine der wenigen Parteien gibt sie auf konkrete Fragen konkrete Antworten, dazu einen einordnenden Kontext und, wo möglich, einen Beleg bisheriger parlamentarischer Arbeit dazu. In den meisten Sachfragen gibt es keine elementaren Widersprüche zu den Vorstellungen von SPD und Grünen, der Unterschied liegt mehr in der vorhandenen Bereitschaft, sich auf eine bestimmte Position festzulegen. Hinzu kommt, dass die Linke in der Lage ist, über die vielen Einzelfallfragen hinaus das übergreifende Problem eines urheberrechtlichen Klein-Klein zu benennen. So konstatiert sie zurecht den Umstand, dass “die ständige Ausdehnung des Schutzbereichs auf immer neue Gegenstände wie etwa Datenbanken oder Tonschnipsel … dazu geführt [hat], dass solche Fehlentwicklungen kaum noch isoliert zu korrigieren sind.” Mit anderen Worten: Es brauche einen systematischen Eingriff in das System der Urheber- und Leistungsschutzrechte statt immer neuer “Korbflechterei”.

Bündnis 90/Die Grünen: Bei keiner anderen Partei schimmert so sehr der Wunsch durch, auf der Seite des Fortschritts zu stehen, ohne dabei irgendjemandem wehzutun. Modernisierungen des Urheberrechts sollen niemals auf Kosten von Urheberinnen und Urhebern gehen, Ende der Fahnenstange bei der Zugänglichmachung von Publikationen aus staatlich geförderter Forschung ist das Zweitveröffentlichungsrecht. Ansonsten liefert die Partei ein sehr stimmiges Bild zu den Fragen Informationsfreiheit, Open Data und Open Educational Resources ab. Auch die Grünen können bei vielen Fragen auf konkrete Tätigkeiten in der abgelaufenen Legislaturperiode verweisen, es besteht die berechtigte Hoffnung darauf, dass es auch in Zukunft zu solchen Initiativen kommen wird.

Piratenpartei: Das Gute vorweg – Im Großen und Ganzen ist die Piratenpartei in der Lage, auf eine konkret gestellte Frage auch eine formal gültige Antwort zu geben. Die Piraten liefern bei diesen Wahlprüfsteinen von all jenen Parteien mit auch nur entfernten Chancen auf Einzug in den Deutschen Bundestag das Paradebeispiel einer Punktlandung bei den Wahlprüfsteinen ab. Die Antworten selbst sind inhaltlich wenig überraschend und mit den Antworten von Parteien aus dem eher linken Parteienspektrum überschneidend, aber über weite Strecken völlig substanzlos. Als Hilfsmittel zum Verständnis dafür, wie die Partei zu dieser Aussage gekommen ist sind sie unbrauchbar. Möglicherweise sollten künftige Wahlprüfsteinen deutlicher zu verstehen geben, dass wir sowohl an einer formalen Antwort als auch an einer politischen Einordnung interessiert sind – so, wie es andere Parteien bereits von sich aus handhaben.

Sonstige: Zusätzlich zu den Parteien mit reellen Chancen auf Einzug in den deutschen Bundestag haben die MLPD, BIG, Tierschutzpartei und ÖDP geantwortet. Sie sind vom Umfang her deutlich knapper gehalten, streckenweise besteht die Antwort nur aus einem “Ja.” – immerhin auch bei einer formalen Ja/Nein-Frage.

Fazit

Urheberrecht wird niemals das A-Thema eines bundesdeutschen Wahlkampfes sein, ein komfortabler Platz irgendwo in der zweiten oder dritten Reihe ist ihm inzwischen aber sicher. Das erfreut; so zählt Urheberrecht doch zum Lieblingsthema vieler Wikipedia-Projektseiten und Länder-Organisationen. Dass nach langen Vorbereitungen frei von großen Querelen im Bundestag quasi im Schlussspurt noch einzelne Schönheitskorrekturen wie z.B. ein Minimalst-Zweitveröffentlichungsrecht durchgebracht werden konnten, lässt eigentlich hoffen: Wikimedia geht für die kommende Legislaturperiode davon aus, dass es eine Vielzahl von kleineren Urheberrechtsfragen gibt, für die sich parlamentarische Mehrheiten für ihre Beantwortung finden lassen. Es wird es daher auch künftig darauf ankommen, für Themen wie Panoramafreiheit, Schutzrechte bei Reproduktionen und gemeinfreier Status bei Werken im staatlichen Auftrag zu werben, damit Freies Wissen leichter gesammelt, verbreitet und genutzt werden kann.

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May 22 2013

Geheime Verträge über gemeinfreie Werke? Schönheitsfehler bei “Austrian Books Online”

Anfang Mai präsentierte die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) das Projekt “Austrian Books Online“, in dessen Rahmen

die Österreichische Nationalbibliothek ihren kompletten historischen Buchbestand vom 16. bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts [digitalisiert] – eine der fünf international bedeutendsten Sammlungen historischer Bücher – und diesen sukzessive online zugänglich [macht].

Cover der Erstausgabe von Goethes "Werther"

Cover der Erstausgabe von Goethes “Werther”

Letztlich werden dadurch 600.000 Bände im Volltext online zugänglich sein – alle Werke, die vor mehr als 140 Jahren publiziert worden sind. (Die Digitalisierung jüngerer gemeinfreier Werke ist aber für die Zeit danach angedacht.) Erste Beispiele wie die aufwändig illustrierte Erstausgabe von Goethes “Werther” finden sich bereits online.

Durchgeführt wird das Digitalisierungsprojekt in Kooperation mit Google und damit beginnen die Schönheitsfehler des ansonsten beeindruckenden Vorhabens. Wie David Pachali bereits für irights.info herausgearbeitet hat, verweist die FAQ des Projekts darauf, dass die Digitalisate nur für nicht-kommerzielle Nutzung verwendet werden dürfen. Pachali hat diesbezüglich bei der ÖNB nachgefragt und berichtet:

Die Einschränkung, wie die Digitalisate angeblich genutzt werden dürfen, geht vielmehr auf den Vertrag mit Google zurück, wie die ÖNB auf Nachfrage erklärt. Sie soll demnach für 15 Jahre gelten. Für Googles Bibliotheksprogramm ist das nicht neu.

Der Vertrag mit Google unterliegt darüberhinaus der Geheimhaltung. Die Direktorin der ÖNB, Johanna Rachinger, erklärte diesbezüglich gegenüber dem österreichischen Wochenmagazin profil in dessen aktueller Ausgabe 21/2013:

“Die Vertraulichkeit des Vertrags war die Bedingung von Google. Aber der Vorsitzende des ÖNB-Aufsichtsrats kennt ihn, und der Rechnungshof kann ihn jederzeit prüfen.”

Warum sich eine öffentliche Einrichtung darauf einlässt, Geheimverträge über die Digitalisierung öffentlicher und gemeinfreier Buchbestände abzuschließen, erklärt Rachinger nicht.

Offen ist, ob eine solche vertragliche Einschränkung überhaupt rechtlich wirksam ist. Jedenfalls soll sie die ÖNB dazu zwingen, kommerzielle Weiternutzung zu erschweren. Betroffen sind davon aber nicht, wie David Pachali meint, “nur wenige Nutzer” wie zum Beispiel die Anbieter von Print-on-Demand-Ausgaben gemeinfreier Werke. Denn auch die Wikipedia erlaubt mit ihrer Creative-Commons-Lizenz die kommerzielle Weiternutzung. So erinnert der Versuch, die Weiternutzung von digitalisierten, gemeinfreien Werken vertraglich einzuschränken an die Auseinandersetzung zwischen der Wikimedia Foundation und der US National Portrait Gallery (NPG). Die NPG hatte der Einbindung von 3.000 hochaufgelösten Bildern alter Kunstwerke in Wikimedia Commons unter Verweis auf die Verletzung von Copyright und Datenbankrechten widersprochen sowie die Umgehung von Kopierschutzmaßnahmen kritisiert. Inzwischen gibt es diesbezüglich Gespräche und die Einbindung niedrig aufgelöster Bilder wird von Seiten der NPG akzeptiert.

Bleibt die Frage, ob die Übernahme von Digitalisierungskosten durch Google die damit verbundenen Einschränkungen bei der Weiternutzbarkeit von gemeinfreien Werken Wert sind – oder ob es nicht vielleicht besser wäre, stattdessen etwas mehr öffentliche Mittel für die Digitalisierung aufzuwenden.

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March 26 2013

Umfangreiches BpB-Dossier zu Wikipedia

Auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung findet sich ab sofort ein umfangreiches Dossier zum Thema Wikipedia. Die Bandbreite an darin behandelten Themen rund um die freie Enzyklopädie ist beeindruckend.

Im Bereich Geschichte beschäftigen sich die Beiträge nicht nur mit der Geschichte der Wikipedia selbst sondern auch deren historischen Vorläufern, der Temporalisierung von Wissen und der Frage,  ob die Mediengattung “Enzyklopädie” unter den Voraussetzungen der digitalen Wissensgesellschaft weiterleben kann:

Schon der Name Wikipedia verweist auf die Verschmelzung des Alten und Bewährten (Enzyklopädie) mit dem Neuen und Innovativen (Wiki-Technologie). Dabei darf freilich nicht übersehen werden, dass Innovation in gewisser Weise immer auch die Veränderung des bislang Gültigen bedeutet. Im Falle der Wikipedia scheint der Grat zwischen Kontinuität und Umbruch besonders schmal, denn hier treffen die strengen Qualitätsansprüche der Buchkultur auf die Offenheit, Dynamik und Flexibilität der digitalen Wissensgesellschaft.

Gleich fünf Beiträge beschäftigen sich mit Machtstrukturen, zum Beispiel mit der Frage “Wer (oder was) beherrscht Wikipedia?“ und ob es sich bei der Wikipedia um eine geschlossene Gesellschaft handelt. Grundsätzlicher versucht sich Felix Stalder in diesem Zusammenhang an der “Bestimmung der Freiheit in freier Kultur“.

Im Bereich “Globalisierung des Wissens“, zu dem ich auch einen Beitrag über “Formale Organisation und informale Gemeinschaft“ beisteuern durfte, wird die vermeintliche Globalität der Wikipedia kritisch unter die Lupe genommen. In “Die Welt in der Wikipedia als Politik der Exklusion” dokumentiert Mark Graham dass “große Teile der Welt […] in der Wikipedia nicht abgebildet [werden], andere sind hingegen überrepräsentiert.” Deutschlands wohl profiliertester Wikipedia-Journalist Torsten Kleinz wiederum, der auch für den Beitrag zur Wikipedia-Geschichte verantwortlich zeichnet, widmet sich in einem weiteren Artikel “Unerwünschtes Wissen” dem Thema Wikipedia und Zensur. Außerdem vergleicht Johanna Niesyto die deutsche und die englische Version der Wikipedia in “Konsens in zwei Sprachversionen” und Maja van der Velden beschäftigt sich mit indigenem Wissen und Datenbanken:

Möglichst viel vom Wissen der Welt soll in nur einer Datenbank zusammenfließen. Was aber wenn indigenes Wissen grundsätzlich anders funktioniert. Wenn Wikipedia in seiner Ordnung des Wissens sogar die falschen Fragen stellt?

Weitere Themenbereiche des Dossiers sind Journalismus, (Politische) Bildung, und Wissenschaft.

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August 08 2012

Vorschlag für Neugestaltung der Wikipedia

Die Agentur New! hat unter “Wikipedia Redefined” ein umfassendes und sehenswertes Konzept für eine graphische Neugestaltung der Wikipedia inklusive Logos vorgelegt. Zwei Kostproben daraus:

Design ist immer auch Geschmacksache, aber der engagierte Vorschlag führt im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen, wie veraltet Wikipedia inzwischen wirklich ist – und dass Design und Usability möglicherweise einen größeren Anteil an stagnierenden Editor-Zahlen haben, als gemeinhin angenommen.

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August 06 2012

Schade: Keine Creative Commons-Bilder der deutschen Paralympioniken

Als Anfang Juli ein Team von Wikimedia Deutschland zur Einkleidung der Olympioniken nach Mainz anreiste, konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Von immerhin jedem zehnten deutschen Olympia-Sportler wurden Fotos gemacht und unter Creative Commons-Lizenz veröffentlicht.

Was für die Olympischen Spiele gut ist, kann für die (in der Öffentlichkeit leider stets unterrepräsentierten) Paralympischen Spiele nicht schaden – möchte man meinen. Leider wird es aber vorerst keine Creative Commons-Fotos der paralympischen Athleten geben – die Bildrechte für die komplette Einkleidung der Sportler gingen exklusiv an die Firma Picture Alliance. Der Nicht-Exklusive Teil der Veranstaltung, ein dreistündiger Medien- und Fototermin, hätte allerdings nicht ausgereicht, alle 150 Sportler zu fotografieren.

Wer einen Blick auf die Liste der deutschen Paralympics-Teilnehmer wirft, sieht das Problem: Zu den meisten Sportlern existiert bislang kein Artikel, auch andere Informationen sind eher schwer zu finden. Umso bedauerlicher ist es, dass hier eine Chance verpasst wurde, den deutschen Behindertensport einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Die (laut Deutsche Behindertensportverband) für die Rechtevergabe an beiden Einkleidungsveranstaltungen zuständige Deutsche Sport-Marketing GmbH konnte sich spontan nicht äußern, will aber zeitnah ein Statement abgeben.

 

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May 09 2012

Landtagswahl in NRW: Wahlprüfsteine von Wikimedia Deutschland, CDU für 2 Strikes plus

Nach der Free Software Foundation Europe hat auch Wikimedia Deutschland die Antworten auf ihre Wahlprüfsteine zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am Sonntag veröffentlicht. Dabei ging es um Bildungspolitik, Urheberrecht, Open Data, Netz-Sperren und Netzpolitik auf Landesebene. Wählerinnen in NRW sollten sich selbst die vollständigen Antworten durchlesen.

Die Parteien SPD, Grüne, FDP, Linke und Piraten haben recht umfangreich geantwortet, ebenso die Tierschutzpartei, die Partei der Vernunft und DIE PARTEI. Nur die CDU hat die 18 Fragen ganz allgemein geantwortet, so dass man die Antworten nicht “sinnvoll verwenden” konnte.

Fast alle Parteien lehnen Netz-Sperren (z.B. bei Glücksspiel, Persönlichkeitsrechten, rechtsextremistischen Inhalten) ab. Die SPD wirbt sogar damit, dass sie Zensursula verhindert hätten. Dazu passt das Motto Das Internet vergisst nicht!, wir haben das nämlich anders in Erinnerung. Nur die Tierschutzpartei will “gewisse Netzsperren, insbesondere bei rechtsextremistischen Inhalten.”

In NRW gibt es die “einzigen in Deutschland noch bestehenden Sperrverfügungen”, nämlich der Bezirksregierung Düsseldorf von 2002. Die meisten Parteien sind dagegen, nur die Tierschutzpartei hat keine Meinung. Die SPD behauptet, dass diese Sperren “durch die Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtes Düsseldorf Ende 2011 aufgehoben” sein. Nach unserem Kenntnisstand betraf das jedoch nur die Glückspiel-Seiten, die Sperren gegen zwei Naziseiten dauern bei manchen Providern in NRW noch immer an. Die Frage, welche konkreten Schritte man dagegen unternehmen will, hat niemand wirklich beantwortet, auch die Sozen wollen nur irgendetwas “auf den Prüfstand” stellen.

Gebührenfinanzierte Rundfunk-Inhalte vom WDR sollen frei verfügbar sein. Manche Parteien setzen sich auch für die Möglichkeit einer Bearbeitung und Remixing ein und sprechen von Freien Lizenzen, ohne jedoch spezifisch zu werden. Die weltfremde Praxis der Depublikation wird übereinstimmend abgelehnt. Die Linke bringt dafür gleich eine Creative Commons Lizenz ins Spiel, die jedoch mit BY-ND oder BY-NC-ND ihrer vorherigen Antwort der Remix-Freiheit widerspricht.

Wikimedia fragte gar nicht erst, ob es ein Open Data Portal geben sollte, sondern gleich nach dessen konkreter Ausgestaltung. Daher sind auch alle großen Parteien irgendwie dafür, nur der Enthusiasmus unterscheidet sich.

Der Schultrojaner ist ja glücklicherweise bereits gestoppt, auch in NRW lehnen die PiratenParteien diese Schnüffelsoftware ab.

Die CDU versteht vom breiten Bereich der Netzpolitik anscheinend nur das Thema Urheberrecht und antwortete auf die landespolitischen Fragen mit einer bundespolitischen Position. Die Kernaussage scheinen diese beiden Sätze zu sein:

Anstelle einer kostenträchtigen Abmahnung könnten auch automatisierte und datenschutzneutrale Warnhinweise Nutzer auf ihr illegales Verhalten aufmerksam machen. Dabei muss jedoch auch klar sein, dass der verwarnte Nutzer bei wiederholter Rechtsverletzung mit einer ernstzunehmenden Reaktion zu rechnen hat.

Damit stellt man sich hinter das Kaudersche Modell von “2-Strikes”. Bei der ACTA-Anhörung im Bundestag konnte er sich noch freuen, dass auch der Petent Herbert Bredthauer eine kostenfreie Abmahnung befürwortet. Die Probleme mit dem vorgeschlagenen Modell haben wir jedoch bereits ausgeführt, allen voran eine Privatisierung der Rechtsdurchsetzung. Die datenschutzrechtlichen Probleme will man durch das nichtssagende Wort “datenschutzneutral” irgendwie kaschieren. Und das Schlimmste: Nach dem ersten oder zweiten Strike kommt “eine ernstzunehmende Reaktion”. Danke für die Bestätigung unserer Gründe zur Ablehnung des Vorhabens.

April 10 2012

Wikimedia Deutschlands Tätigkeitsbericht 2011

Wikimedia Deutschland hat einen umfangreichen Tätigkeitsbericht für das Jahr 2011 veröffentlicht.

Aber es geht um mehr als Berichte und Zahlen. Der Tätigkeitsbericht soll aufzeigen, was es konkret bedeutet, Freies Wissen zu fördern. Das ist der Anspruch, dem Wikimedia Deutschland in der täglichen Vereinsarbeit gerecht werden muss. Deshalb erklärt die Broschüre nicht nur, was und wofür wir im Jahr 2011 gearbeitet haben, sondern auch warum. Die Tätigkeitsberichte sind unsere eigene Messlatte. Sie zeigen uns, was wir erreicht haben, was vor uns liegt und wie wir uns im Vergleich zu den Vorjahren entwickelt haben. Damit mehr Menschen unsere Arbeit und die der Wikipedia-Community verstehen, gibt der Jahresbericht auch einige Hintergrundinformationen, die zur allgemeinen Aufklärung beitragen sollen.

Hier ist das PDF.

April 03 2012

RFC: Wikimedia-Wahlprüfsteine für NRW

Wikimedia Deutschland hat einen umfangreichen Katalog an Wahlprüfsteinen für die kommende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zusammen gestellt. Bevor der Fragenkatalog an die einzelnen Parteien verschickt wird, bittet Wikimedia nochmal um Feedback: Wahlprüfsteinprüfen: Deine Mithilfe zur Landtagswahl in NRW.

Unser Vorschlag für NRW sind daher neun Fragekomplexe mit je einer sehr offenen und einer möglichst konkreten Frage. Wir wollen auf diese Weise sowohl den Parteien genügend Raum einräumen, weiter ausholen zu können und sie aber gleichzeitig dazu ermuntern, klar Stellung zu beziehen.

Jetzt seid ihr gefragt: Bitte schaut Euch unseren ersten Vorschlag an und gebt uns Rückmeldung. Welche Fragen müssen verständlicher formuliert werden, welche Themen fehlen noch, welche Fragen sind entbehrlich? Wer neue Fragen hinzufügen möchte, benenne bitte auch einen Streichkandidaten, da wir aus erwähnten Gründen nicht über 9×2 Fragen hinausgehen möchten.

March 31 2012

Wikimedia-Restrukturierung: Sue Gardner setzt sich durch [Update]

Nach längerer, teil heftig geführter Debatte über eine Neuordnung von Fundraising und Mittelverteilung in der Wikimedia (“Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung” bzw. “Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings“), kam es in der Nacht von Gestern auf Heute zur Entscheidung im Vorstand der Wikimedia Foundation. Dabei setzte sich Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner in nahezu allen wesentlichen Punkten mit ihrem, vor allem von den größeren nationalen Wikimedia-Vereinen wie Wikimedia Deutschland kritisierten, Vorschlag durch. Die beschlossene Resolution findet sich auf Englisch am Blog von Vorstandsmitglied Stu West und enthält im wesentlichen die folgenden Eckpunkte:

  • Alle über Wikimedia-Projektseiten – also vor allem die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia – gesammelt Spenden gelten in Zukunft als “Geld der Bewegung” (“movement money”), über dessen Verwendung “breit und partizipativ, in Übereinstimmung mit Mission, Vision und Werten” entschieden werden soll.
  • Damit verbunden ist die Einrichtung eines zentralen, von Freiwilligen getragenen (“volunteer-driven”) Funds Dissemination Committees (FDC), für dessen konkrete Ausgestaltung Sue Gardner bis 30. Juni diesen Jahres einen einen Vorschlag vorlegen soll. Ausgenommen von der Mittelverteilung durch das FDC sind nur Gelder für Kerngeschäft und Betriebsmittelrücklagen der Wikimedia Foundation. Alle anderen Ausgaben müssen hinkünftig durch das neue Gremium. Antragsberechtigt sind alle Akteure in der Bewegung (“movement entities”), also Einzelpersonen, Wikimedia-Chapter, andere Vereine und die Wikimedia Foundation selbst chapters, für Aktivitäten zur “Unterstützung der gemeinsamen Mission”.
  • Das FDC legt auch das Spendenziel fest. Beides, Spendenziel und Plan zur Mittelverteilung müssen vom Vorstand der Wikimedia Foundation abgesegnet werden.
  • Die neuen Strukturen sollen in zwei Stufen bis zur Spendenkampagne 2013/2014 eingeführt und 2015 evaluiert werden.
  • Mit Ausnahme der vier Wikimedia Chapter in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und dem Vereinigte Königreich, die das heute bereits tun, dürfen vorerst keine weiteren Wikimedia-Vereine eigenständig Spendengelder einsammeln. Diese Möglichkeit soll in Zukunft nur offenstehen, wenn damit ein substantieller Beitrag für die Bewegung verbunden ist, der die damit verbundenen Aufwände auf Seiten von Chapter und Foundation übersteigt. Ob das so ist, beurteilt die Wikimedia-Geschäftsführung.

Dieser letzte Punkt war das einzige, aber durchaus wesentliche Zugeständnis an die großen Wikimedia Chapter, allen voran Deutschland. Denn auf diese Weise wird es in Deutschland auch in Zukunft möglich sein, Spenden an die Wikimedia steuermindernd geltend zu machen.

Für die Beurteilung der Folgen dieser Resolution wird es notwendig sein, den Vorschlag von Gardner für die Ausgestaltung des FDC sowie die verschiedenen Typen von Förderungen abzuwarten. [Update] Besonders Zusammensetzung und Beschickung des Gremiums sowie dessen Verhältnis zum Wikimedia Vorstand sind noch unklar:  Wird das FDC ein kleiner Ausschuss oder eine Art “Wikimedia Parlament”, das größtenteils aus Freiwilligen besteht und auch von diesen gewählt wird?  Wie elian in einem Kommentar angemerkt hat, gibt es bereits einen Entwurf für die Struktur des FDC, der ein winziges Gremium von 5-7 Personen vorsieht, wobei bis zu einem Drittel der Mitglieder Angestellte der Foundation sein sollen. Das FDC soll vom Vorstand der Foundation bestellt werden. Was daran besonders “volunteer-driven” sein soll, erschließt sich zumindest auf den ersten Blick nicht. Und auch eine angemessene Repräsentation der Wikipedia Community erscheint schon alleine auf Grund der Größe des Gremiums unmöglich. [/Update]

Ebenfalls unklar ist, wer in Zukunft jenseits der Wikimedia Chapter größere Beträge aus den Spendengeldern erhalten wird. Denn abgesehen von den länderbasierten Chaptern gibt es bislang keine anerkannten Wikimedia-Vereine oder Institutionen, die Gelder beantragen könnten.

 

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March 30 2012

Wikidata: Strukturierte Daten für Wikipedia & Co.

Im Vorfeld zur Wikimedia-Konferenz in Berlin gab Wikimedia Deutschland den Start des sogenannten Wikidata-Projektes bekannt. Wikidata soll als zentrale Informationsquelle für alle Sprachversionen von Wikipedia dienen. Dadurch sollen, gerade in kleineren Sprachfassungen der Online-Enzyklopädie, Informationen einheitlicher und aktueller werden. Auch eine Nutzung der Daten außerhalb des Wiki-Kontextes ist vorgesehen.

Das Problem ist den meisten Autoren und auch vielen Lesern des Mitmach-Nachschlagewerkes wohl bekannt: Sämtliche Zahlen und Statistiken müssen von Hand erhoben und eingepflegt werden. So kann es immer wieder vorkommen, dass gerade in seltener besuchten Artikeln Informationen veraltet sind. Auch liefern Artikel zum gleichen Lemma in verschiedenen Sprachversionen unterschiedliche Angaben. Berlin hat z.B. in der deutschen Ausgabe knapp 3,5 Mio. Einwohner, in der finnischen sind es 3,43 Mio, während die dänische Wikipedia knapp 3,46 Mio. Berliner zählt.

Die Nutzung einer einheitlichen Datenquelle, aus der die Informationen einzelner Artikel zentral bezogen werden, soll so den Wartungsaufwand erheblich verringern und die Autoren deutlich entlasten.

Wikidata ist das größte technische Projekt, das jemals eine der 40 Länderorganisationen der Wikimedia-Bewegung in Angriff genommen hat.

Die Kosten von insgesamt 1,3 Millionen Euro decken sich vollständig aus Großspenden: Die Hälfte wird von Allen Institute for Artificial Intelligence übernommen, die Gordon and Betty Moore Foundation und die Google inc. stellen je ein Viertel der Projektkosten.

Ein Team von acht Softwareentwicklern gibt sich ein Jahr Zeit, bis das fertige Projekt im März 2013 an die Wikimedia Foundation übergeben werden kann. Die Software soll aber schon im August diesen Jahres online gehen und es Usern ermöglichen, Informationen einzutragen und bereits vorhandene Daten in Artikeln zu verwenden. Einen Teaser-Screenshot gibt es jetzt schon zu sehen.

Die Wikimedia-Konferenz, auch als Chapters Meeting 2012 bezeichnet, findet vom heutigen Freitag bis Sonntag im CLUBOFFICE in Berlin statt.

 

 

 

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February 03 2012

Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings

Knapp ein Monat nachdem Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner ihre Pläne für eine Zentralisierung von Fundraising und Organisationsstrukturen präsentiert hat (“Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung“), veröffentlichte diese Woche Wikimedia Deutschland ihren ausführlichen Gegenvorschlag auf Meta-Wiki – im Gegensatz zu Gardner nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch, Französisch, Russisch, Arabisch, Spanisch und Portugiesisch. Und dass es sich dabei um einen Gegenvorschlag handelt wird schon in der Einleitung deutlich, wo es heißt:

Mit der folgenden Analyse zeigt Wikimedia Deutschland, dass allein ein dezentrales Organisationsmodell, das Verbesserungen in diversen Punkten vornimmt, die gesamte Wikimedia-Bewegung in die Lage versetzen kann, zu den erfolgreichsten Nichtregierungsorganisationen (NRO) weltweit aufzuschließen.

Und auch wenn sich das Dokument offensichtlich bewusst um einen sachlichen Ton bemüht und Gemeinsamkeiten betont werden, so enthält es doch eine Reihe von Spitzen gegen die Foundation in den USA. Die erste ist die bereits Eingangs erwähnte Veröffentlichung des Dokuments in mehreren Sprachen – Gardner war dafür kritisiert worden, dass ihr Vorschlag trotz langer Vorbereitungszeit zunächst nur auf Englisch verfügbar war. Auch der Verweis darauf, dass die “Schlussfolgerungen auf der Analyse von Fakten, auf Forschungsergebnissen und auf dem Wikimedia-Mission Statement [basieren]” ist wohl als Kritik an Gardners kaum mit Zahlen untermauerten Ideen zu sehen.

Ganz im Gegensatz dazu das Statement von Wikimedia Deutschland, indem es vor Zahlen rund um Fundraising nur so wimmelt:

  • “Unsere Spendeneinnahmen sind im Vergleich zur Fundraising-Kampagne 2010/2011 um mehr als 70 % gestiegen. Darüber hinaus haben wir im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Spender erhöht (120 %). Dank unserer „Spenderpflege“ konnten wir Mehrfachspenden von mehr als 10.000 Unterstützern verzeichnen.”
  • “Das Thema „Spendenquittung“ zeigt exemplarisch, welchen Problemen eine internationale Fundraising-Kampagne gegenüberstehen würde. Im vergangenen Jahr hat Wikimedia Deutschland fast 35.000 Spendenquittungen ausgestellt. In diesem Jahr werden es 80.000 sein.”
  • “Im Jahr 2006 wurden für mehr als 66 % des Spendenaufkommens in Deutschland Spendenquittungen eingereicht. [...] Eine internationale Organisation, die in Deutschland Spenden einwirbt, kann keine Spendenquittung ausstellen.”

Am Ende macht Wikimedia Deutschland sechs Vorschläge:

  • #1 Eine kohärente Strategie: ein neugeschaffenes, jährlich tagendes Gremium nach Vorbild des International Council Meetings von Amnesty International soll in Zukunft dabei helfen, die Arbeit der Chapter und der Foundation zu koordinieren.
  • #2 Gemeinsame Standards für das Einwerben von Spenden.
  • #3 Gemischte Teams um (nicht näher beschriebene) Synergien zwischen Foundation und Länderorganisationen zu realisieren. Dafür soll ein eigener Topf mit Mitteln für länderübergreifende Projekte geschaffen werden.
  • #4 Offen für neue Verbündete: “Neue Einheiten auf der Basis spezifischer Einzelthemen” sollen sich um Kooperation mit anderen Initiativen wie den explizit genannten Organisationen Open Knowledge Foundation und Creative Commons kümmen. Außerdem verweist Wikimedia Deutschland auf die eigenen Pläne für ein “Haus des freien Wissens”, das noch in diesem Jahr eröffnet werden wird.
  • #5 Positives Nachbilden: Kooperationen zwischen Wikimedia-Vereinen sollen auch ohne Sanktus der Foundation möglich werden, sofern auch die Zustimmung der lokalen Community eingeholt wurde. (Dieser Punkt ist mir nicht ganz klar bzw. verstehe ich auch die Überschrift “Positives Nachbilden” in diesem Zusammenhang nicht.)
  • #6 Unsere Herausforderungen überall angehen: Dieser Punkt wendet sich gegen eine Priorisierung des “Globalen Südens” gegenüber dem “globalen Norden” und plädiert für ein sowohl-als-auch in Strategie und Mittelverwendung. So sei beispielsweise das Problem des Männerüberhangs unter den Wikipedia-Autoren etwas, das in den europäischen Communities adressiert werden müsse.

Was die konkrete Umsetzung betrifft, sind diese sechs Vorschläge somit, ähnlich wie bei Gardner, auch nicht besonders klar. Deutlich werden die Verfasser allerdings noch einmal im Fazit, wo sie Gardners Entwurf explizit ablehnen:

Wir unterstützen daher ausdrücklich die Ziele, wie sie im Strategiepapier der Wikimedia Foundation formuliert wurden, lehnen allerdings den Weg ab, der in dem Empfehlungsentwurf zu Fundraising und zur Verteilung der Finanzmittel aufgezeichnet wird.

Neben Wikimedia Deutschland haben inzwischen auch andere Wikimedia-Vereine (“Chapter”) Stellungnahmen abgegeben, darunter Wikimedia Italien, das Vereinigte Königreich und Iberocoop, ein Zusammenschluss vor allem spanischsprachiger Chapter (vgl. Überblick über alternative Vorschläge). Alle Stellungnahmen sind (viel) kürzer als diejenige des deutschen Chapters, inhaltlich aber auf der gleichen Linie: Nein zur Zentralisierung des Fundraisings, Betonung der Bedeutung dezentraler Strukturen. Wikimedia Italien erklärt dabei außerdem explizit die Vorschläge von Wikimedia Deutschland und UK zu unterstützen.

Besonders die Ablehnung der Iberocoop-Chapter dürfte Gardner dabei schmerzen, denn eine wesentliche Begründung für ihren Vorschlag war ja, auf diese Weise Mittel für die Stärkung der Community in Entwicklungsländern zu bekommen. Im Statement der Iberocoop heißt es dazu aber (meine Übersetzung):

Insbesondere hinsichtlich der Entwicklungsländer anerkennen wir die Verständigung der Foundation darauf, die Präsenz von Wikimedia im sogenannten “Globalen Süden” stärken zu wollen, wir finden den vorliegenden Ansatz allerdings dafür nicht geeignet.

Man darf gespannt sein, wie die Diskussion weitergeht – eine rasche Umsetzung des Gardner-Plans ist angesichts dieser bislang einhelligen Ablehnung durch die wichtigsten Wikimedia-Vereine jedoch unwahrscheinlich.

January 14 2012

Druck auf Wikipedia für Teilnahme an SOPA-Blackout via Spendenaufruf

Es klingt wie Satire, ist aber offensichtlich ernst gemeint. Weil sich die Entscheidung innerhalb der Wikipedia-Community (vgl. die diesbezügliche Wikiseite) weiter hinzieht, ob und in welcher Form man sich an den Anti-SOPA-Protesten beteiligen soll, hat Demand Progress die Seite www.wikipediablackout.com gestartet. Dort werden Internetnutzer aufgefordert, Wikimedia die Entscheidung mit Spendendollars leichter zu machen und zumindest einen Dollar an Wikipedia zu spenden. (Ein Schelm wer hier nur an den damit verbundenen perversen Anreiz denkt, sich jetzt erst Recht mit der Entscheidung Zeit zu lassen.)

Die Diskussion zieht sich vor allem auch deshalb so lange hin, weil es nicht nur um ein simples Ja oder Nein zur Teilnahme am für den 18. Januar geplanten Protest-Blackout geht, sondern auch um Ausmaß und Begleitmaßnahmen des Blackouts. Diskutiert wird beispielsweise, Wikipedia nur in den USA abzuschalten und im Rest der Welt über Banner darüber zu informieren.

Auch ist umstritten, was unter “Blackout” zu verstehen ist: Soll die Wikipedia tatsächlich für einen Tag nicht erreichbar sein oder sollen Besucher sich nur durch Informationen zu SOPA durchklicken müssen, um zu den Wikipedia-Inhalten zu gelangen. Dem derzeitigen Stimmungsbild nach zu urteilen dürfte zweitere Option in den USA, kombiniert mit Bannern für den Rest der Welt, voraussichtlich das Rennen machen – zumindest, wenn es überhaupt zu einer Entscheidung kommt.

January 12 2012

Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung

Kürzlich haben wir an dieser Stelle noch darüber berichtet, dass Wikimedia Deutschland die Rekordsumme von 3,8 Millionen Euro bei der jüngsten Spendenaktion erlöst hat (“Wikimedia steigert Spendenaufkommen um 72%“). Wenn es nach den jüngst veröffentlichen Plänen von Wikimedia-Foundation-Geschäftsführerin Sue Gardner geht, könnte dieser warme Spendengeldregen für den deutschen Wikimedia-Verein bald der Vergangenheit angehören – wobei auch schon nach der bisherigen Regelung ein großer Teil des jährlichen Spendenaufkommens direkt an die Wikimedia Foundation geht.

In einem ausführlichen und derzeit nur auf Englisch verfügbaren Eintrag auf Meta-Wiki spricht sich Gardner für eine Zentralisierung des Fundraisings aus und fordert eine Abkehr vom bislang dominanten, länderbasierten Chapter-Prinzip. Derzeit ist es so, dass bei den jährlichen Spendenaufrufen nur Teile der Gelder direkt an die Foundation in den USA gehen, der Rest bleibt bei den lokalen Chapter-Organisationen – zumindest dort, wo sich wie in Deutschland eine Wikipedia-Sprachversion einem Chapter-Verein zuordnen lässt. Wikimedia Chapter sind in der Regel mitgliederbasierte Vereine und als solche formal unabhängig von der Foundation. Für die Nutzung der Wikimedia-Marken, allen voran der Wikipedia, müssen sie allerdings mit der Foundation formelle Vereinbarungen abschließen, in denen auch die Aufteilung des Spendenaufkommens vereinbart wird.

Wenn es nach den Empfehlungen von Gardner geht, soll sich das in Zukunft grundsätzlich ändern. Sie macht vier konkrete Vorschläge (Übersetzungen von mir):

  • Empfehlung #1: Alle Spenden von Besuchern jener Seiten, die von der Wikimedia Foundation betrieben werden [Anm.: also auch die deutsche Wikipedia-Seite unter de.wikipedia.org] sollen von der Wikimedia Foundation eingezogen und verarbeitet werden.
  • Empfehlung #2: Alle Strukturen der Bewegung soll Fundraising außerhalb der von der Wikimedia Foundation betriebenen Wikis erlaubt sein, solange das auf eine Art und Weise geschieht, die mit den grundlegenden Prinzipien für Fundraising übereinstimmt, die vom Wikimedia Vorstand festgelegt werden.
  • Empfehlung #3: Die Wikimedia soll sich verpflichten, die Vergabe von Förderungen (“Grants”) zur Unterstützung dezentraler Aktivitäten von Mitgliedern der Bewegung (worunter Chapter, andere Gruppen und Einzelpersonen fallen) auszubauen.
  • Empfehlung #4: Der Vorstand der Wikimedia Foundation soll sich verpflichten, die bewegungsweite Vergabe von Mitteln (abgesehen vom operativen Kernbudget der Wikimedia Foundation) an eine neu zu gründende Bewegungs-Vertretung zu delegieren, die Entscheidungen über die beste Verwendung der Mittel innerhalb der Bewegung machen würde.

Gardner nennt eine Reihe von Gründen für diese Vorschläge. Zentral ist dabei das Argument, dass die Wikimedia-Projekte nicht entlang geographischer, sondern entlang sprachlicher Grenzen gegliedert seien und deshalb die geographische Ausrichtung der Chapter-Struktur der Community nicht gerecht werde. Deutschland sei hier die Ausnahme:

Alles (oder die meisten Dinge, oder auch nur viele Dinge) durch einen geographischen Filter zu pressen macht keinen Sinn. Es funktioniert ganz gut in Deutschland, weil sich dort Sprache und Geographie in unüblich großem Ausmaß überlappen – praktisch jeder in Deutschland spricht Deutsch, und nur eine relativ kleine Zahl von Leuten außerhalb Deutschlands spricht Deutsch. Es funktioniert weniger gut in den meisten anderen Ländern.

Brisant an den Vorschlägen Gardners ist aber nicht nur deren Radikalität, sondern auch deren Form und der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung. Es ist noch nicht einmal zwei Jahre her, dass die Wikimedia Foundation einen 5-Jahres-Plan als Ergebnis eines einjährigen und sehr partizipativen Strategiefindungsprozesses präsentiert hat. Dort waren solche tiefgreifenden Veränderungen kein Thema. Hinzu kommt, dass Vorschläge und Begründung bislang nur in englischer Sprache vorliegen. Problematisch scheint auch, dass nach den Vorschlägen von Gardner die Verfügungsgewalt über quasi die gesamten Mittel der Wikimedia Foundation weltweit an ein neues Gremium delegiert werden soll, das noch nicht einmal in Grundzügen skizzierbar ist.

Wen Hintergründe und Details auf Deutsch interessieren, dem sei das öffentliche Archiv der deutschen Wikimedia-Mailingliste zur Lektüre empfohlen, wo die Vorschläge kontrovers diskutiert werden.

January 05 2012

Wikimedia Deutschland steigert Spendenaufkommen um 72%

3,8 Millionen Euro in 50 Tagen – So lautet die Statistik des diesjährigen Spendenaufrufs von Wikimedia Deutschland. Im Vergleich zu den 2,2 Millionen aus dem Jahr 2010 ergibt sich damit eine Steigerung der Einnahmen um 72%. Die Anzahl der Spender hat sich auf ca. 160.000 verdoppelt, im Schnitt hat also jeder Spender 23,75€ eingezahlt.

In einer Pressemitteilung bedankt sich die Wikimedia Deutschland e.V. bei allen Spendern.

Wikimedia Deutschland möchte allen Spenderinnen und Spendern für ihre Hilfe herzlich danken. Dieses Ergebnis ist in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Erfolg: Es ist ein außergewöhnliches Zeichen der Unterstützung für die Idee Freien Wissens. Es versetzt Wikimedia Deutschland in die Lage, unsere zahlreichen Förderprojekte für das Jahr 2012 umsetzen zu können. Es ist zugleich Würdigung unserer Arbeit, aber vor allem auch ein klarer Auftrag, den unsere Spender uns mit ihrem Beitrag zur Wikimedia-Bewegung erteilen. Wir sind überaus dankbar für dieses große Vertrauen

.

Laut dem Wirtschaftsplan 2012 (pdf) fließt das Geld unter Anderem in die Qualitätssteigerung (1,08 Mio. €), Freiwilligenförderung (270.000 €) und die Gewinnung von neuen Autoren (252.000 €). Für Projekte der Community stehen 250.000 € zur Verfügung.

Aber auch die Kosten für Verwaltung und Infrastruktur erhöhen sich von 405.000 € (2011) auf 780.000 €, der Löwenanteil von 506.000€ entfällt dabei auf den Posten “Geschäftsführung und Geschäftsstelle”.

Auch der internationalen Wikimedia Foundation gelang es, mit über 20 Millionen US-Dollar einen neuen Spendenrekord aufzustellen. Dank Großspenden, z.B. 500.000$ von Google-Gründer Sergey Brin konnte das Spendenziel hier schon vor zwei Tagen erreicht werden.

Für alle Interessierten gibts es hier verschiedene interne Studien zur Effizienz der Jimmy-Wales-Banner und anderer Spendenaufrufe.

December 15 2011

Wikimedia: Wissenswert-Preisträger bekanntgegeben

Heute sind – mit ein bißchen Verzögerung – die fünf Preisträger des Wissenswert-Wettbewerbs von Wikimedia Deutschland bekanntgegeben worden.

Abgeräumt hat dabei vor allem das Projekt Barrierefreie YouTube OER Videos, das sowohl Preisträger der Jury als auch Gewinner der Publikumsabstimmung ist, was sich in einer Gewinnsumme von insgesamt 7000€ niederschlägt. Ziel des Projekts ist es, frei lizenzierte Lehrvideos, die insbesondere auch von Gehörlosen genutzt werden können, herzustellen und zugänglich zu machen. Die weiteren durch das Preisgeld geförderten Projekte sind ein Medienimporter für Wikimedia Commons, eine OpenStreetMap-Karte, die Duisburg über die letzten 150 Jahre darstellt, ein Spiel, mit dem der Nutzer die Welt der frei lizenzierten Inhalte erkunden können soll, sowie ein Projekt zur Öffentlichmachung von Gen-Daten.

Ausführlich vorgestellt werden die Projekte auch im Wikimedia-Blog.

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