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January 14 2014

Studie der Otto-Brenner-Stiftung: “Verdeckte PR in Wikipedia”

Cover-Oppong-StudieWährend Wikipedianer Dirk Franke im netzpolitik.org-Interview von bezahltem Schreiben noch als “kommende[m] Problem” spricht, kommt der Journalist Marvin Oppong in einer Studie für die gewerkschaftsfinanzierte Otto-Brenner-Stiftung (OBS) zu dem Schluss, dass verdeckte PR in der Wikipedia (PDF der Studie) bereits heute ein großes Problem ist. So heißt es in der Pressemeldung zur Veröffentlichung der Studie:

Im seltsamen Kontrast zu dem ungebrochenen Siegeszug von Wikipedia als Informations-, Orientierungs- und Deutungsquelle steht die interne Struktur von Wikipedia, die es bisher nicht vermag, „PR in Wikipedia effektiv zu verhindern und Manipulationen in Wikipedia wirksam zu unterbinden.

Zu diesem harten Urteil kommt Oppong unter anderem an Hand von Fallstudien einzelner Artikel, u.a. über Daimler, RWE oder den FDP-Politiker Christian Lindner. Oppong argumentiert, bei Wikipedia handle es sich um eine “Diktatur der Zeitreichen”, weshalb die finanziell gut ausgestattete PR-Branche im Vorteil sei und über verschiedene Manipulationswege verfüge (S. 39). Als eine jener Branchen, in der es mutmaßlich die meisten Manipulationen gibt, nennt Oppong deshalb auch die finanzstarke Pharma-Branche (S. 41).

Community, Foundation und Verein

Ein besonderes Augenmerk legt Oppong auch auf mutmaßliche Interessenskonflikte von (ehemaligen) MitarbeiterInnen der Wikimedia Foundation bzw. des deutschen Wikimedia-Vereins. So widmet Oppong zum Beispiel dem ehemaligen deutschen Vorstandsmitglied der Wikimedia Foundation Arne Klempert eine eigene Fact-box (S. 47f.), weil dieser jetzt für die PR-Agentur Fleishman-Hillard Germany tätig ist. Dort ist Klempert u.a. für die Erstellung des Wikipedia Corporate Index verantwortlich.

Was Oppong allerdings unerwähnt lässt, ist die relativ starke Distanz zwischen formaler Organisation und der Community aus ehrenamtlichen WikipedianerInnen wenn es um die Erstellung der Inhalte geht. Mit anderen Worten: Interessenskonflikte von Wikimedia-FunktionärInnen wirken sich in der Regel weniger stark und unmittelbar auf Inhalte aus, als das beispielsweise bei leitenden Redakteuren in klassischen Medienhäusern der Fall ist; gleichzeitig haben Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland aber natürlich auch weniger Durchgriffsrechte was Regeln und Inhalte betrifft.

Oppong sieht das offenbar anders bzw. darin ein Problem und wirft Wikimedia Deutschland im 7. Kapitel seiner Studie  in einem Rundumschlag vor, PR unzureichend zu bekämpfen, nicht transparent genug zu sein und spricht von einer “Nomenklatura des Vereins”, die “Spötter” sogar “als ‘Sekte’” bezeichnen würden.

Angesichts dieser heftigen Kritik an Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland überraschen dann aber Oppongs zehn Verbesserungsvorschläge um den Missbrauch von Wikipedia für PR-Zwecke einzudämmen, die den Abschluss der Studie bilden. Denn zum größten Teil können die Foundation oder Wikimedia Deutschland diese nicht umsetzen oder wird genau daran schon gearbeitet. Zu den Vorschlägen im einzelnen:

  1. Förderung von Medienkompetenz in Ausbildungseinrichtungen: Der Forderungsklassiker. Richtet sich an Schulen. Wikimedia Deutschland leistet hier mit dem “Schulprojekt” bereits seit Jahren einen Beitrag.
  2. Mehr Informationen für Wikipedia (Neu)nutzerinnen und -nutzer sowie ihre bessere Einbindung, Vereinfachung der Wikisoftware: An der Vereinfachung der Wikisoftware wird bereits seit längerem gearbeitet, der Visual Editor soll in Kürze zum Standard für die Bearbeitung werden. Was NeunutzerInnen betrifft, so ist weniger die Menge an Information sondern eher die gewachsene Komplexität das Problem.
  3. Offenlegung der Accounts von Unternehmen und Verbänden: Erzwingen lässt sie sich die Offenlegung bei Beibehaltung der Möglichkeit anonymer Editierungsmöglichkeit nicht. Schon heute gehört es aber zu anerkannt guter Praxis, offenzulegen, wie auch die Interviews mit “PR-Profis” in Oppongs Studie belegen.
  4. Intensivierung der Quellenverlinkung: Die Zahl der Quellenverweise in der Wikipedia nimmt ständig zu, Quellenkritik steht an der Tagesordnung. Diesbezügliche Regelungen müssten aber von der Community verabschiedet werden.
  5. Registrierungsmöglichkeit für Nutzer: Hier schwebt Oppong eine Art Verifizierungsverfahren vor, ähnlich wie es das beispielsweise bei kommerziellen Plattformen wie Amazon oder Twitter gibt. Das wäre tatsächlich etwas, das die Foundation anbieten könnte. Allerdings bestünde, wie Oppong selbst schreibt, die Gefahr, dass dann sozialer Druck entsteht, Angaben zur Person zu machen.
  6. Demokratische Elemente stärken: Oppong fordert, dass bei inhaltlichen Abstimmungen AdministratorInnen kein Ermessen mehr haben sollte, sondern “Stimme für Stimme ausgezählt” werden sollte. Außerdem sind ihm Mindesterfordernisse wie einer bestimmten Zahl an Editierungen für die Teilnahme an Abstimmungen ein Dorn im Auge. Beide Vorschläge halte ich für verfehlt. Gerade weil sich über Wissen nicht einfach abstimmen lässt, ist eine Entscheidung auf Basis offen ausgetragener Diskussion einem simplen Stimmenzählen überlegen. Und die Mindestanforderungen für die Teilnahme an Abstimmungen sind nicht besonders hoch, erschweren gleichzeitig aber die Manipulation von Abstimmungen.
  7. Interessenerklärung für die Wikipedia-Führung und Wikimedia Präsidiumsmitglieder: Abgesehen davon, dass zumindest mir nicht klar ist, wer “die Wikipedia-Führung” sein soll, ist der Einfluss der Mitglieder der formalen Organisationen auf die Inhalte der Wikipedia begrenzt. Wikimedia Foundation und Vereine geben eben keine Inhalte in Auftrag. Von ihnen geht in Sachen verdeckter PR deshalb auch keine besonders große Gefahr aus.
  8. Sanktionen für Verstöße gegen Wikipedia-Regeln: Es gibt eine Reihe von Sanktionen, die bis hin zur Sperrung von Accounts reichen.
  9. Unabhängige Kontrollgremien: Es gibt bereits gewählte Schiedsgerichte.
  10. Ethik-Kodex: Es gibt es schon eine große Zahl an Regeln und Verhaltensempfehlungen im Autorenportal der Wikipedia.

Hinsichtlich der Verbesserungsvorschläge lässt sich also festhalten, dass sich mit Ausnahme der (durchaus zweifelhaften) Punkte 5 und 7 sämtliche Vorschläge entweder an die Community oder überhaupt an externe Akteure wie Schulen oder Unternehmen richten.

Mein persönliches Fazit nach der Lektüre der Studie fällt gemischt aus: Jedenfalls liefert die Studie eine große Menge an Material und damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte über den Umgang mit bezahltem Schreiben und PR in der Wikipedia. Auch die Lösungsvorschläge am Ende können eine guten Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen liefern. Gleichzeitig liest sich die Studie bisweilen sehr stark so, als ginge es nur darum, die Ausgangsthese – Wikipedia ist der PR-Übermacht schutzlos ausgeliefert – zu belegen. Dabei belegt gerade die vom Autor selbst dargebotene Materialfülle, dass Wikipedia gegenüber klassischen Medien auch Vorteile hinsichtlich PR-Anfälligkeit aufweist. Denn natürlich ist Wikipedia relevant für PR-Strategien von Unternehmen. Gleichzeitig lassen sich diese auf Wikipedia aber leichter nachvollziehen, als das in herkömmlichen Medien der Fall ist. Die zahlreichen Screenshots mit Versionsvergleichen in Oppongs Studie sind der beste Beweis dafür.

Bei MDR Figaro gibt es ein Interview mit dem Studienautor zum Nachhören.

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August 06 2012

Schade: Keine Creative Commons-Bilder der deutschen Paralympioniken

Als Anfang Juli ein Team von Wikimedia Deutschland zur Einkleidung der Olympioniken nach Mainz anreiste, konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Von immerhin jedem zehnten deutschen Olympia-Sportler wurden Fotos gemacht und unter Creative Commons-Lizenz veröffentlicht.

Was für die Olympischen Spiele gut ist, kann für die (in der Öffentlichkeit leider stets unterrepräsentierten) Paralympischen Spiele nicht schaden – möchte man meinen. Leider wird es aber vorerst keine Creative Commons-Fotos der paralympischen Athleten geben – die Bildrechte für die komplette Einkleidung der Sportler gingen exklusiv an die Firma Picture Alliance. Der Nicht-Exklusive Teil der Veranstaltung, ein dreistündiger Medien- und Fototermin, hätte allerdings nicht ausgereicht, alle 150 Sportler zu fotografieren.

Wer einen Blick auf die Liste der deutschen Paralympics-Teilnehmer wirft, sieht das Problem: Zu den meisten Sportlern existiert bislang kein Artikel, auch andere Informationen sind eher schwer zu finden. Umso bedauerlicher ist es, dass hier eine Chance verpasst wurde, den deutschen Behindertensport einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Die (laut Deutsche Behindertensportverband) für die Rechtevergabe an beiden Einkleidungsveranstaltungen zuständige Deutsche Sport-Marketing GmbH konnte sich spontan nicht äußern, will aber zeitnah ein Statement abgeben.

 

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March 31 2012

Wikimedia-Restrukturierung: Sue Gardner setzt sich durch [Update]

Nach längerer, teil heftig geführter Debatte über eine Neuordnung von Fundraising und Mittelverteilung in der Wikimedia (“Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung” bzw. “Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings“), kam es in der Nacht von Gestern auf Heute zur Entscheidung im Vorstand der Wikimedia Foundation. Dabei setzte sich Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner in nahezu allen wesentlichen Punkten mit ihrem, vor allem von den größeren nationalen Wikimedia-Vereinen wie Wikimedia Deutschland kritisierten, Vorschlag durch. Die beschlossene Resolution findet sich auf Englisch am Blog von Vorstandsmitglied Stu West und enthält im wesentlichen die folgenden Eckpunkte:

  • Alle über Wikimedia-Projektseiten – also vor allem die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia – gesammelt Spenden gelten in Zukunft als “Geld der Bewegung” (“movement money”), über dessen Verwendung “breit und partizipativ, in Übereinstimmung mit Mission, Vision und Werten” entschieden werden soll.
  • Damit verbunden ist die Einrichtung eines zentralen, von Freiwilligen getragenen (“volunteer-driven”) Funds Dissemination Committees (FDC), für dessen konkrete Ausgestaltung Sue Gardner bis 30. Juni diesen Jahres einen einen Vorschlag vorlegen soll. Ausgenommen von der Mittelverteilung durch das FDC sind nur Gelder für Kerngeschäft und Betriebsmittelrücklagen der Wikimedia Foundation. Alle anderen Ausgaben müssen hinkünftig durch das neue Gremium. Antragsberechtigt sind alle Akteure in der Bewegung (“movement entities”), also Einzelpersonen, Wikimedia-Chapter, andere Vereine und die Wikimedia Foundation selbst chapters, für Aktivitäten zur “Unterstützung der gemeinsamen Mission”.
  • Das FDC legt auch das Spendenziel fest. Beides, Spendenziel und Plan zur Mittelverteilung müssen vom Vorstand der Wikimedia Foundation abgesegnet werden.
  • Die neuen Strukturen sollen in zwei Stufen bis zur Spendenkampagne 2013/2014 eingeführt und 2015 evaluiert werden.
  • Mit Ausnahme der vier Wikimedia Chapter in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und dem Vereinigte Königreich, die das heute bereits tun, dürfen vorerst keine weiteren Wikimedia-Vereine eigenständig Spendengelder einsammeln. Diese Möglichkeit soll in Zukunft nur offenstehen, wenn damit ein substantieller Beitrag für die Bewegung verbunden ist, der die damit verbundenen Aufwände auf Seiten von Chapter und Foundation übersteigt. Ob das so ist, beurteilt die Wikimedia-Geschäftsführung.

Dieser letzte Punkt war das einzige, aber durchaus wesentliche Zugeständnis an die großen Wikimedia Chapter, allen voran Deutschland. Denn auf diese Weise wird es in Deutschland auch in Zukunft möglich sein, Spenden an die Wikimedia steuermindernd geltend zu machen.

Für die Beurteilung der Folgen dieser Resolution wird es notwendig sein, den Vorschlag von Gardner für die Ausgestaltung des FDC sowie die verschiedenen Typen von Förderungen abzuwarten. [Update] Besonders Zusammensetzung und Beschickung des Gremiums sowie dessen Verhältnis zum Wikimedia Vorstand sind noch unklar:  Wird das FDC ein kleiner Ausschuss oder eine Art “Wikimedia Parlament”, das größtenteils aus Freiwilligen besteht und auch von diesen gewählt wird?  Wie elian in einem Kommentar angemerkt hat, gibt es bereits einen Entwurf für die Struktur des FDC, der ein winziges Gremium von 5-7 Personen vorsieht, wobei bis zu einem Drittel der Mitglieder Angestellte der Foundation sein sollen. Das FDC soll vom Vorstand der Foundation bestellt werden. Was daran besonders “volunteer-driven” sein soll, erschließt sich zumindest auf den ersten Blick nicht. Und auch eine angemessene Repräsentation der Wikipedia Community erscheint schon alleine auf Grund der Größe des Gremiums unmöglich. [/Update]

Ebenfalls unklar ist, wer in Zukunft jenseits der Wikimedia Chapter größere Beträge aus den Spendengeldern erhalten wird. Denn abgesehen von den länderbasierten Chaptern gibt es bislang keine anerkannten Wikimedia-Vereine oder Institutionen, die Gelder beantragen könnten.

 

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

February 03 2012

Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings

Knapp ein Monat nachdem Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner ihre Pläne für eine Zentralisierung von Fundraising und Organisationsstrukturen präsentiert hat (“Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung“), veröffentlichte diese Woche Wikimedia Deutschland ihren ausführlichen Gegenvorschlag auf Meta-Wiki – im Gegensatz zu Gardner nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch, Französisch, Russisch, Arabisch, Spanisch und Portugiesisch. Und dass es sich dabei um einen Gegenvorschlag handelt wird schon in der Einleitung deutlich, wo es heißt:

Mit der folgenden Analyse zeigt Wikimedia Deutschland, dass allein ein dezentrales Organisationsmodell, das Verbesserungen in diversen Punkten vornimmt, die gesamte Wikimedia-Bewegung in die Lage versetzen kann, zu den erfolgreichsten Nichtregierungsorganisationen (NRO) weltweit aufzuschließen.

Und auch wenn sich das Dokument offensichtlich bewusst um einen sachlichen Ton bemüht und Gemeinsamkeiten betont werden, so enthält es doch eine Reihe von Spitzen gegen die Foundation in den USA. Die erste ist die bereits Eingangs erwähnte Veröffentlichung des Dokuments in mehreren Sprachen – Gardner war dafür kritisiert worden, dass ihr Vorschlag trotz langer Vorbereitungszeit zunächst nur auf Englisch verfügbar war. Auch der Verweis darauf, dass die “Schlussfolgerungen auf der Analyse von Fakten, auf Forschungsergebnissen und auf dem Wikimedia-Mission Statement [basieren]” ist wohl als Kritik an Gardners kaum mit Zahlen untermauerten Ideen zu sehen.

Ganz im Gegensatz dazu das Statement von Wikimedia Deutschland, indem es vor Zahlen rund um Fundraising nur so wimmelt:

  • “Unsere Spendeneinnahmen sind im Vergleich zur Fundraising-Kampagne 2010/2011 um mehr als 70 % gestiegen. Darüber hinaus haben wir im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Spender erhöht (120 %). Dank unserer „Spenderpflege“ konnten wir Mehrfachspenden von mehr als 10.000 Unterstützern verzeichnen.”
  • “Das Thema „Spendenquittung“ zeigt exemplarisch, welchen Problemen eine internationale Fundraising-Kampagne gegenüberstehen würde. Im vergangenen Jahr hat Wikimedia Deutschland fast 35.000 Spendenquittungen ausgestellt. In diesem Jahr werden es 80.000 sein.”
  • “Im Jahr 2006 wurden für mehr als 66 % des Spendenaufkommens in Deutschland Spendenquittungen eingereicht. [...] Eine internationale Organisation, die in Deutschland Spenden einwirbt, kann keine Spendenquittung ausstellen.”

Am Ende macht Wikimedia Deutschland sechs Vorschläge:

  • #1 Eine kohärente Strategie: ein neugeschaffenes, jährlich tagendes Gremium nach Vorbild des International Council Meetings von Amnesty International soll in Zukunft dabei helfen, die Arbeit der Chapter und der Foundation zu koordinieren.
  • #2 Gemeinsame Standards für das Einwerben von Spenden.
  • #3 Gemischte Teams um (nicht näher beschriebene) Synergien zwischen Foundation und Länderorganisationen zu realisieren. Dafür soll ein eigener Topf mit Mitteln für länderübergreifende Projekte geschaffen werden.
  • #4 Offen für neue Verbündete: “Neue Einheiten auf der Basis spezifischer Einzelthemen” sollen sich um Kooperation mit anderen Initiativen wie den explizit genannten Organisationen Open Knowledge Foundation und Creative Commons kümmen. Außerdem verweist Wikimedia Deutschland auf die eigenen Pläne für ein “Haus des freien Wissens”, das noch in diesem Jahr eröffnet werden wird.
  • #5 Positives Nachbilden: Kooperationen zwischen Wikimedia-Vereinen sollen auch ohne Sanktus der Foundation möglich werden, sofern auch die Zustimmung der lokalen Community eingeholt wurde. (Dieser Punkt ist mir nicht ganz klar bzw. verstehe ich auch die Überschrift “Positives Nachbilden” in diesem Zusammenhang nicht.)
  • #6 Unsere Herausforderungen überall angehen: Dieser Punkt wendet sich gegen eine Priorisierung des “Globalen Südens” gegenüber dem “globalen Norden” und plädiert für ein sowohl-als-auch in Strategie und Mittelverwendung. So sei beispielsweise das Problem des Männerüberhangs unter den Wikipedia-Autoren etwas, das in den europäischen Communities adressiert werden müsse.

Was die konkrete Umsetzung betrifft, sind diese sechs Vorschläge somit, ähnlich wie bei Gardner, auch nicht besonders klar. Deutlich werden die Verfasser allerdings noch einmal im Fazit, wo sie Gardners Entwurf explizit ablehnen:

Wir unterstützen daher ausdrücklich die Ziele, wie sie im Strategiepapier der Wikimedia Foundation formuliert wurden, lehnen allerdings den Weg ab, der in dem Empfehlungsentwurf zu Fundraising und zur Verteilung der Finanzmittel aufgezeichnet wird.

Neben Wikimedia Deutschland haben inzwischen auch andere Wikimedia-Vereine (“Chapter”) Stellungnahmen abgegeben, darunter Wikimedia Italien, das Vereinigte Königreich und Iberocoop, ein Zusammenschluss vor allem spanischsprachiger Chapter (vgl. Überblick über alternative Vorschläge). Alle Stellungnahmen sind (viel) kürzer als diejenige des deutschen Chapters, inhaltlich aber auf der gleichen Linie: Nein zur Zentralisierung des Fundraisings, Betonung der Bedeutung dezentraler Strukturen. Wikimedia Italien erklärt dabei außerdem explizit die Vorschläge von Wikimedia Deutschland und UK zu unterstützen.

Besonders die Ablehnung der Iberocoop-Chapter dürfte Gardner dabei schmerzen, denn eine wesentliche Begründung für ihren Vorschlag war ja, auf diese Weise Mittel für die Stärkung der Community in Entwicklungsländern zu bekommen. Im Statement der Iberocoop heißt es dazu aber (meine Übersetzung):

Insbesondere hinsichtlich der Entwicklungsländer anerkennen wir die Verständigung der Foundation darauf, die Präsenz von Wikimedia im sogenannten “Globalen Süden” stärken zu wollen, wir finden den vorliegenden Ansatz allerdings dafür nicht geeignet.

Man darf gespannt sein, wie die Diskussion weitergeht – eine rasche Umsetzung des Gardner-Plans ist angesichts dieser bislang einhelligen Ablehnung durch die wichtigsten Wikimedia-Vereine jedoch unwahrscheinlich.

January 12 2012

Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung

Kürzlich haben wir an dieser Stelle noch darüber berichtet, dass Wikimedia Deutschland die Rekordsumme von 3,8 Millionen Euro bei der jüngsten Spendenaktion erlöst hat (“Wikimedia steigert Spendenaufkommen um 72%“). Wenn es nach den jüngst veröffentlichen Plänen von Wikimedia-Foundation-Geschäftsführerin Sue Gardner geht, könnte dieser warme Spendengeldregen für den deutschen Wikimedia-Verein bald der Vergangenheit angehören – wobei auch schon nach der bisherigen Regelung ein großer Teil des jährlichen Spendenaufkommens direkt an die Wikimedia Foundation geht.

In einem ausführlichen und derzeit nur auf Englisch verfügbaren Eintrag auf Meta-Wiki spricht sich Gardner für eine Zentralisierung des Fundraisings aus und fordert eine Abkehr vom bislang dominanten, länderbasierten Chapter-Prinzip. Derzeit ist es so, dass bei den jährlichen Spendenaufrufen nur Teile der Gelder direkt an die Foundation in den USA gehen, der Rest bleibt bei den lokalen Chapter-Organisationen – zumindest dort, wo sich wie in Deutschland eine Wikipedia-Sprachversion einem Chapter-Verein zuordnen lässt. Wikimedia Chapter sind in der Regel mitgliederbasierte Vereine und als solche formal unabhängig von der Foundation. Für die Nutzung der Wikimedia-Marken, allen voran der Wikipedia, müssen sie allerdings mit der Foundation formelle Vereinbarungen abschließen, in denen auch die Aufteilung des Spendenaufkommens vereinbart wird.

Wenn es nach den Empfehlungen von Gardner geht, soll sich das in Zukunft grundsätzlich ändern. Sie macht vier konkrete Vorschläge (Übersetzungen von mir):

  • Empfehlung #1: Alle Spenden von Besuchern jener Seiten, die von der Wikimedia Foundation betrieben werden [Anm.: also auch die deutsche Wikipedia-Seite unter de.wikipedia.org] sollen von der Wikimedia Foundation eingezogen und verarbeitet werden.
  • Empfehlung #2: Alle Strukturen der Bewegung soll Fundraising außerhalb der von der Wikimedia Foundation betriebenen Wikis erlaubt sein, solange das auf eine Art und Weise geschieht, die mit den grundlegenden Prinzipien für Fundraising übereinstimmt, die vom Wikimedia Vorstand festgelegt werden.
  • Empfehlung #3: Die Wikimedia soll sich verpflichten, die Vergabe von Förderungen (“Grants”) zur Unterstützung dezentraler Aktivitäten von Mitgliedern der Bewegung (worunter Chapter, andere Gruppen und Einzelpersonen fallen) auszubauen.
  • Empfehlung #4: Der Vorstand der Wikimedia Foundation soll sich verpflichten, die bewegungsweite Vergabe von Mitteln (abgesehen vom operativen Kernbudget der Wikimedia Foundation) an eine neu zu gründende Bewegungs-Vertretung zu delegieren, die Entscheidungen über die beste Verwendung der Mittel innerhalb der Bewegung machen würde.

Gardner nennt eine Reihe von Gründen für diese Vorschläge. Zentral ist dabei das Argument, dass die Wikimedia-Projekte nicht entlang geographischer, sondern entlang sprachlicher Grenzen gegliedert seien und deshalb die geographische Ausrichtung der Chapter-Struktur der Community nicht gerecht werde. Deutschland sei hier die Ausnahme:

Alles (oder die meisten Dinge, oder auch nur viele Dinge) durch einen geographischen Filter zu pressen macht keinen Sinn. Es funktioniert ganz gut in Deutschland, weil sich dort Sprache und Geographie in unüblich großem Ausmaß überlappen – praktisch jeder in Deutschland spricht Deutsch, und nur eine relativ kleine Zahl von Leuten außerhalb Deutschlands spricht Deutsch. Es funktioniert weniger gut in den meisten anderen Ländern.

Brisant an den Vorschlägen Gardners ist aber nicht nur deren Radikalität, sondern auch deren Form und der Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung. Es ist noch nicht einmal zwei Jahre her, dass die Wikimedia Foundation einen 5-Jahres-Plan als Ergebnis eines einjährigen und sehr partizipativen Strategiefindungsprozesses präsentiert hat. Dort waren solche tiefgreifenden Veränderungen kein Thema. Hinzu kommt, dass Vorschläge und Begründung bislang nur in englischer Sprache vorliegen. Problematisch scheint auch, dass nach den Vorschlägen von Gardner die Verfügungsgewalt über quasi die gesamten Mittel der Wikimedia Foundation weltweit an ein neues Gremium delegiert werden soll, das noch nicht einmal in Grundzügen skizzierbar ist.

Wen Hintergründe und Details auf Deutsch interessieren, dem sei das öffentliche Archiv der deutschen Wikimedia-Mailingliste zur Lektüre empfohlen, wo die Vorschläge kontrovers diskutiert werden.

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