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January 14 2014

Studie der Otto-Brenner-Stiftung: “Verdeckte PR in Wikipedia”

Cover-Oppong-StudieWährend Wikipedianer Dirk Franke im netzpolitik.org-Interview von bezahltem Schreiben noch als “kommende[m] Problem” spricht, kommt der Journalist Marvin Oppong in einer Studie für die gewerkschaftsfinanzierte Otto-Brenner-Stiftung (OBS) zu dem Schluss, dass verdeckte PR in der Wikipedia (PDF der Studie) bereits heute ein großes Problem ist. So heißt es in der Pressemeldung zur Veröffentlichung der Studie:

Im seltsamen Kontrast zu dem ungebrochenen Siegeszug von Wikipedia als Informations-, Orientierungs- und Deutungsquelle steht die interne Struktur von Wikipedia, die es bisher nicht vermag, „PR in Wikipedia effektiv zu verhindern und Manipulationen in Wikipedia wirksam zu unterbinden.

Zu diesem harten Urteil kommt Oppong unter anderem an Hand von Fallstudien einzelner Artikel, u.a. über Daimler, RWE oder den FDP-Politiker Christian Lindner. Oppong argumentiert, bei Wikipedia handle es sich um eine “Diktatur der Zeitreichen”, weshalb die finanziell gut ausgestattete PR-Branche im Vorteil sei und über verschiedene Manipulationswege verfüge (S. 39). Als eine jener Branchen, in der es mutmaßlich die meisten Manipulationen gibt, nennt Oppong deshalb auch die finanzstarke Pharma-Branche (S. 41).

Community, Foundation und Verein

Ein besonderes Augenmerk legt Oppong auch auf mutmaßliche Interessenskonflikte von (ehemaligen) MitarbeiterInnen der Wikimedia Foundation bzw. des deutschen Wikimedia-Vereins. So widmet Oppong zum Beispiel dem ehemaligen deutschen Vorstandsmitglied der Wikimedia Foundation Arne Klempert eine eigene Fact-box (S. 47f.), weil dieser jetzt für die PR-Agentur Fleishman-Hillard Germany tätig ist. Dort ist Klempert u.a. für die Erstellung des Wikipedia Corporate Index verantwortlich.

Was Oppong allerdings unerwähnt lässt, ist die relativ starke Distanz zwischen formaler Organisation und der Community aus ehrenamtlichen WikipedianerInnen wenn es um die Erstellung der Inhalte geht. Mit anderen Worten: Interessenskonflikte von Wikimedia-FunktionärInnen wirken sich in der Regel weniger stark und unmittelbar auf Inhalte aus, als das beispielsweise bei leitenden Redakteuren in klassischen Medienhäusern der Fall ist; gleichzeitig haben Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland aber natürlich auch weniger Durchgriffsrechte was Regeln und Inhalte betrifft.

Oppong sieht das offenbar anders bzw. darin ein Problem und wirft Wikimedia Deutschland im 7. Kapitel seiner Studie  in einem Rundumschlag vor, PR unzureichend zu bekämpfen, nicht transparent genug zu sein und spricht von einer “Nomenklatura des Vereins”, die “Spötter” sogar “als ‘Sekte’” bezeichnen würden.

Angesichts dieser heftigen Kritik an Wikimedia Foundation und Wikimedia Deutschland überraschen dann aber Oppongs zehn Verbesserungsvorschläge um den Missbrauch von Wikipedia für PR-Zwecke einzudämmen, die den Abschluss der Studie bilden. Denn zum größten Teil können die Foundation oder Wikimedia Deutschland diese nicht umsetzen oder wird genau daran schon gearbeitet. Zu den Vorschlägen im einzelnen:

  1. Förderung von Medienkompetenz in Ausbildungseinrichtungen: Der Forderungsklassiker. Richtet sich an Schulen. Wikimedia Deutschland leistet hier mit dem “Schulprojekt” bereits seit Jahren einen Beitrag.
  2. Mehr Informationen für Wikipedia (Neu)nutzerinnen und -nutzer sowie ihre bessere Einbindung, Vereinfachung der Wikisoftware: An der Vereinfachung der Wikisoftware wird bereits seit längerem gearbeitet, der Visual Editor soll in Kürze zum Standard für die Bearbeitung werden. Was NeunutzerInnen betrifft, so ist weniger die Menge an Information sondern eher die gewachsene Komplexität das Problem.
  3. Offenlegung der Accounts von Unternehmen und Verbänden: Erzwingen lässt sie sich die Offenlegung bei Beibehaltung der Möglichkeit anonymer Editierungsmöglichkeit nicht. Schon heute gehört es aber zu anerkannt guter Praxis, offenzulegen, wie auch die Interviews mit “PR-Profis” in Oppongs Studie belegen.
  4. Intensivierung der Quellenverlinkung: Die Zahl der Quellenverweise in der Wikipedia nimmt ständig zu, Quellenkritik steht an der Tagesordnung. Diesbezügliche Regelungen müssten aber von der Community verabschiedet werden.
  5. Registrierungsmöglichkeit für Nutzer: Hier schwebt Oppong eine Art Verifizierungsverfahren vor, ähnlich wie es das beispielsweise bei kommerziellen Plattformen wie Amazon oder Twitter gibt. Das wäre tatsächlich etwas, das die Foundation anbieten könnte. Allerdings bestünde, wie Oppong selbst schreibt, die Gefahr, dass dann sozialer Druck entsteht, Angaben zur Person zu machen.
  6. Demokratische Elemente stärken: Oppong fordert, dass bei inhaltlichen Abstimmungen AdministratorInnen kein Ermessen mehr haben sollte, sondern “Stimme für Stimme ausgezählt” werden sollte. Außerdem sind ihm Mindesterfordernisse wie einer bestimmten Zahl an Editierungen für die Teilnahme an Abstimmungen ein Dorn im Auge. Beide Vorschläge halte ich für verfehlt. Gerade weil sich über Wissen nicht einfach abstimmen lässt, ist eine Entscheidung auf Basis offen ausgetragener Diskussion einem simplen Stimmenzählen überlegen. Und die Mindestanforderungen für die Teilnahme an Abstimmungen sind nicht besonders hoch, erschweren gleichzeitig aber die Manipulation von Abstimmungen.
  7. Interessenerklärung für die Wikipedia-Führung und Wikimedia Präsidiumsmitglieder: Abgesehen davon, dass zumindest mir nicht klar ist, wer “die Wikipedia-Führung” sein soll, ist der Einfluss der Mitglieder der formalen Organisationen auf die Inhalte der Wikipedia begrenzt. Wikimedia Foundation und Vereine geben eben keine Inhalte in Auftrag. Von ihnen geht in Sachen verdeckter PR deshalb auch keine besonders große Gefahr aus.
  8. Sanktionen für Verstöße gegen Wikipedia-Regeln: Es gibt eine Reihe von Sanktionen, die bis hin zur Sperrung von Accounts reichen.
  9. Unabhängige Kontrollgremien: Es gibt bereits gewählte Schiedsgerichte.
  10. Ethik-Kodex: Es gibt es schon eine große Zahl an Regeln und Verhaltensempfehlungen im Autorenportal der Wikipedia.

Hinsichtlich der Verbesserungsvorschläge lässt sich also festhalten, dass sich mit Ausnahme der (durchaus zweifelhaften) Punkte 5 und 7 sämtliche Vorschläge entweder an die Community oder überhaupt an externe Akteure wie Schulen oder Unternehmen richten.

Mein persönliches Fazit nach der Lektüre der Studie fällt gemischt aus: Jedenfalls liefert die Studie eine große Menge an Material und damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte über den Umgang mit bezahltem Schreiben und PR in der Wikipedia. Auch die Lösungsvorschläge am Ende können eine guten Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen liefern. Gleichzeitig liest sich die Studie bisweilen sehr stark so, als ginge es nur darum, die Ausgangsthese – Wikipedia ist der PR-Übermacht schutzlos ausgeliefert – zu belegen. Dabei belegt gerade die vom Autor selbst dargebotene Materialfülle, dass Wikipedia gegenüber klassischen Medien auch Vorteile hinsichtlich PR-Anfälligkeit aufweist. Denn natürlich ist Wikipedia relevant für PR-Strategien von Unternehmen. Gleichzeitig lassen sich diese auf Wikipedia aber leichter nachvollziehen, als das in herkömmlichen Medien der Fall ist. Die zahlreichen Screenshots mit Versionsvergleichen in Oppongs Studie sind der beste Beweis dafür.

Bei MDR Figaro gibt es ein Interview mit dem Studienautor zum Nachhören.

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January 10 2014

Neue Probleme mit bezahlten Artikeln in der Wikipedia

Die Wikimedia Foundation hat eine Mitarbeiterin entlassen, die ihre Dienste kommerziell angeboten hat: 44,44$ pro Stunde Editierarbeit oder 300$ pro Artikel auf Wikipedia musste man zahlen, um Inhalte von Sarah Stierch verfasst zu bekommen.

Wer ist Sarah Stierch?

Sarah Stierch war ein öffentlich sehr sichtbares und aktives Mitglied der Wikimedia Foundation als “Program Evaluation & Design Community Coordinator” und hat sich vor allem darin engagiert, Frauen zur Teilnahme an der Wikipedia zu motivieren. Auch in der Ada Initiative, die Frauen bei der Mitarbeit in Open Source und Open Culture fördert, war sie Vorstandsmitglied. 2011 hat sie eine Umfrage zum Gender Gap in der Wikipedia durchgeführt, die auch andere interessante Erkenntnisse über die Zusammensetzung der Wikipedia-Autoren zu Tage gefördert hat. Außerdem war sie Wikipedian-in Residence für die Archives of American Art und die Smithsonian Institution Archives.  2012 bekam sie ein Stipendium der Wikimedia Community.

Verlauf der Diskussion

Am Anfang stand ein Blogpost, der am 5. Januar auf den oben verlinkten Screenshot von Stierchs Profil auf oDesk verwies. Daraufhin entstand eine Diskussion, die zunächst auf der Wikimedia-Mailingliste und der Usertalk-Page von Jimmy “Jimbo” Wales, dem Hauptgründer der Wikipedia, stattfand. Hauptkritik neben dem Interessenskonflikt, der potentiell besteht, wenn ein Autor Artikel gegen Bezahlung schreibt, war die ausbleibende Reaktion von Stierch, auch nachdem die Diskussion auf ihrer eigenen Seite weitergeführt wurde. Gestern erfolgte dann die Mitteilung über die Entlassung Stierchs bei der Wikimedia Foundation.

Ich schreibe hier, um euch mitzuteilen, dass Sarah Stierch nicht mehr Mitarbeiterin der Wikimedia Foundation ist.

Die Wikimedia Foundation hat kürzlich erfahren, dass Sarah für zahlende Kunden Wikipedia editiert hat, zuletzt vor wenigen Wochen. Sie hat das getan, obwohl allgemein bekannt ist, dass bezahltes Editieren unter vielen in der Community und der Wikimedia Foundation verurteilt wird.

Nicht das erste Problem mit bezahlten Artikeln

Im September 2012 gab es Anschuldigungen, dass gegen Zahlung Artikel auffällig häufig auf der Frontseite erschienen und im letzten Oktober und November haben wir darüber berichtet, dass eine PR-Agentur im großen Stil Dienstleistungen zum Erstellen und Pflegen von Artikeln angeboten hat. Im November erfolgte dann ein Unterlassungsschreiben an die beteiligte PR-Agentur, die das weitere Editieren verbot.

Und nun?

Zu glauben, man könne die komplette Wikipedia frei von bezahlten Schreiberlingen halten, ist unrealistisch. Dafür ist die Arbeitslast zu hoch für die Freiwilligen. Und dann kommt noch die Frage, was als bezahltes Schreiben und Interessenskonflikt angesehen wird. Ein Schreiber, der von einer PR-Agentur beauftragt wird, um eine Firma oder Person gut dastehen zu lassen, ist sicherlich in einem inakzeptablen Abhängigkeitsverhältnis. Betrachtet man jedoch als Beispiel einen Mitarbeiter einer Forschungseinrichtung, der einen Artikel mit dem neuesten Forschungsverfahren erstellt (was man als indirekte Bezahlung und Interessenskonflikt werten kann), um die Welt daran teilhaben zu lassen, kann eine direkte Bereicherung für die Wikipedia entstehen.

Außerdem besteht bereits die Möglichkeit, einen “Disclaimer” zu erstellen, um selbst zu kennzeichnen, dass man parteiisch sein könnte – so wie hier.

Mich würde eure Meinung interessieren: Wo liegt die Grenze bei bezahltem oder potentiell parteiischem Editieren, (wie) lässt sich so ein Problem lösen?

Was meiner Meinung nach immer hilft: Meldet euch in der Wikipedia an, wenn ihr es nicht sowieso schon getan habt und helft mit, Artikel kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ihr müsst keine ganzen Artikel verfassen, aber wenn ihr sowieso die Wikipedia benutzt, ist es leicht, zur Diskussion und Verbesserung beizutragen, wenn euch etwas auffällt.

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December 06 2013

Mit dem DMCA gegen Lucas Cranach den Älteren

Lucas_Cranach_d.Ä._-_Fürst_Johann_von_Anhalt_(Jagdschloss_Grunewald)

Eines der in der DMCA-Notice aufgeführten Bilder: Portrait aus ~1520

Lucas Cranach der Ältere gilt als einer der bedeutendsten Maler des 16. Jahrhunderts. Leider ist er schon 460 Jahre tot – was allerdings unter urheberrechtlichen Gesichtspunkten gar nicht so schlecht ist, denn 460 ist mehr als 70 und wenn ein Künstler mehr als 70 Jahre lang tot ist, dann wird die von ihm geschaffene Kunst in der Regel für die Allgemeinheit wesentlich zugänglicher.

Das Cranach Digital Archive (CDA) in Düsseldorf ist, was das Zugänglichmachen der Werke angeht, eine besonders lobenswerte Einrichtung, hat sie sich doch zum Ziel gesetzt, den Erhalt, die Erschließung und den Zugang zu Cranachs Bildern zu fördern und zu verbessern. Mit einigem Aufwand werden darum hochauflösende digitale Fotos angefertigt.

Löschbestrebungen

Viele der angefertigten Bilder wurden zwischenzeitlich auch bei Wikimedia Commons hochgeladen, wo sie dank Einbindung bei u.a. Wikipedia eine größtmögliche Verbreitung finden.

Hier endet der schöne Teil der Geschichte.

Vor fast genau einem Jahr meldete sich bei Commons ein Benutzer mit dem Namen “Cranach Digital Archive” an und stellte innerhalb kurzer Zeit 24 Löschanträge auf Bilder des alten Meisters. Die Begründung lautete dabei jedesmal

ILLEGAL COPY AND DISTRIBUTION

Der Account wurde umgehend gesperrt und die Löschanträge abgelehnt, oft mit der Begründung, dass das blosse Scannen oder Fotografieren eines public-domain-Bildes kein neues Copyright schafft:

speedy kept, there’s no new copyright for scanning/photographing an out-of-copyright (due to age, author died several hundred years ago) source medium. Thus the image offered at the Cranach archive is PD

Ein Jahr später ging nun bei der Wikimedia Foundation in San Francisco eine DMCA-Takedown-Notice ein (hier dokumentiert). Darin heisst es:

I swear under penalty of perjury that I am the copyright holder according to German law.

Urheber eines sorgfältig ausgewählten Bildausschnitts

cda_logo

CDA-Logo

Das Cranach Digital Archive, zu dessen Partnern u.a. die Staatlichen Museen zu Berlin und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gehören, fordert darin für vier verschiedene Dateien aus vier verschiedenen urheberrechtlichen Gründen unterschiedlicher Absurditätsgrade eine Löschung: In dieser Datei sei das geschützte Logo enthalten. Diese Datei sei kein Foto sondern eine Infrarot-Reflektografie. Diese Technik erfordert angeblich “keinen großen Zeit- und Platzbedarf und [kann] sowohl in Ausstellungsräumen als auch in Werkstätten u.ä. durchgeführt werden”.

Bei dieser Datei sei man Inhaber des sorgfältig ausgewählten Bildausschnitts und bei dieser habe man die Rechte an den beigefügten Metadaten. Wikimedia reagierte umgehend, ignorierte die ersten drei Ansprüche aktiv und lud die letzte Datei ohne die Metadaten nochmal hoch. Diese kann man nun nurnoch in der DMCA-Notice auf wikimediafoundation.org lesen, bis gegen die DMCA-Notice eine DMCA-Notice eintrifft.

Leider war am Donnerstag in Düsseldorf niemand für Nachfragen zum Vorgehen zu erreichen und bei der assoziierten Stiftung Museum Kunstpalast hatte man keine Informationen zum Vorgang.

All the 15th century books are belong to us!

Der Archivar Klaus Graf dokumentierte in seinem Blog am Mittwoch übrigens einen ebenfalls seltsamen Vorgang ähnlicher Güte. Graf hatte 2006 eine Seite aus dem Gutachten über den Bacharacher Pfarrwein aus dem Jahr 1426 hochgeladen, das im “Geheimen Hausarchiv” in München lagert. Die Generaldirektorin der Staatlichen Archive Bayerns fordert ihn nun auf, “nachträglich eine Veröffentlichungsgenehmigung zu beantragen oder die fragliche Seite aus dem Internet zu entfernen” und verweist dabei auf §8 der Bayerischen Archivbenützungsordnung, dem Zufolge Reproduktionen nur durch die Staatlichen Archive oder von ihnen beauftragte Stellen angefertigt werden und nur mit Genehmigung weitergegeben werden dürfen.

Die gefährlichen Bücher werden in Bayern also nur noch mit juristischem Gift versetzt, das ist schon mal ein Fortschritt.

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November 20 2013

Wikipedia: Wikimedia Foundation geht juristisch gegen PR-Firma vor

wiki-prIm Oktober sorgte die Aufdeckung eines umfangreichen Netzwerks von Nutzer-Accounts für Aufsehen, mit denen die englische Wikipedia im Sinne der Kunden einer PR-Firma bearbeitet wurde. Nachdem der Fall bisher vor allem journalistisch und nach den Wikipedia-Regeln aufgeklärt und bearbeitet wurde, hat sich die Wikimedia Foundation nun entschlossen, auch zu juristischen Mitteln zu greifen: Mit einem cease-and-desist-letter der beauftragten Anwaltskanzlei wird der Firma Wiki-PR verboten, sich an dem Enzyklopädieprojekt zu beteiligen, bis sie die Bedingungen der Foundation und der Wikipedia-Community erfüllt hat. Letztere fordert von dem Unternehmen die Offenlegung aller Accounts und bearbeiteten Artikel sowie transparentes Arbeiten in der Zukunft.

Konsequenzen unklar

Was fehlt ist allerdings eine klare Ansage zu den Konsequenzen, die Wiki-PR bei Zuwiderhandlung drohen. Dass eine Firma mit angeblich über 20 Mitarbeitern, deren wohl einziges Geschäftsfeld die Auftragsbearbeitung von Wikipedia-Artikeln ist, mit dieser Tätigkeit vorerst aufhört, dürfte recht unwahrscheinlich sein. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass entweder tatsächlich für Transparenz gesorgt wird, oder der juristische Streit auf höherer Eskalationsstufe fortgeführt werden muss.

Auch in deutschsprachiger Wikipedia Probleme mit PR

Auch in der deutschen Wikipedia kommt es regelmäßig zum Aufeinandertreffen von PR-Menschen und eher altruistischen Schreibern. Das Spannungsverhältnis wird seit geraumer Zeit mit einigem Aufwand von dem Wikipedia-internen Projekt “Umgang mit bezahltem Schreiben” erforscht, das Grenzen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit auslotet. Dass dabei nach wie vor größerer Aufklärungsbedarf besteht konnte man unter anderem an mehreren in PR-Menschen-Filterblasen kursierenden Falschmeldungen bezüglich einer angeblichen “Erlaubnis” von PR in der deutschen Wikipedia sehen, die zu einige Verärgerung unter den dortigen Mitarbeitern hervorriefen.

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March 31 2012

Wikimedia-Restrukturierung: Sue Gardner setzt sich durch [Update]

Nach längerer, teil heftig geführter Debatte über eine Neuordnung von Fundraising und Mittelverteilung in der Wikimedia (“Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung” bzw. “Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings“), kam es in der Nacht von Gestern auf Heute zur Entscheidung im Vorstand der Wikimedia Foundation. Dabei setzte sich Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner in nahezu allen wesentlichen Punkten mit ihrem, vor allem von den größeren nationalen Wikimedia-Vereinen wie Wikimedia Deutschland kritisierten, Vorschlag durch. Die beschlossene Resolution findet sich auf Englisch am Blog von Vorstandsmitglied Stu West und enthält im wesentlichen die folgenden Eckpunkte:

  • Alle über Wikimedia-Projektseiten – also vor allem die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia – gesammelt Spenden gelten in Zukunft als “Geld der Bewegung” (“movement money”), über dessen Verwendung “breit und partizipativ, in Übereinstimmung mit Mission, Vision und Werten” entschieden werden soll.
  • Damit verbunden ist die Einrichtung eines zentralen, von Freiwilligen getragenen (“volunteer-driven”) Funds Dissemination Committees (FDC), für dessen konkrete Ausgestaltung Sue Gardner bis 30. Juni diesen Jahres einen einen Vorschlag vorlegen soll. Ausgenommen von der Mittelverteilung durch das FDC sind nur Gelder für Kerngeschäft und Betriebsmittelrücklagen der Wikimedia Foundation. Alle anderen Ausgaben müssen hinkünftig durch das neue Gremium. Antragsberechtigt sind alle Akteure in der Bewegung (“movement entities”), also Einzelpersonen, Wikimedia-Chapter, andere Vereine und die Wikimedia Foundation selbst chapters, für Aktivitäten zur “Unterstützung der gemeinsamen Mission”.
  • Das FDC legt auch das Spendenziel fest. Beides, Spendenziel und Plan zur Mittelverteilung müssen vom Vorstand der Wikimedia Foundation abgesegnet werden.
  • Die neuen Strukturen sollen in zwei Stufen bis zur Spendenkampagne 2013/2014 eingeführt und 2015 evaluiert werden.
  • Mit Ausnahme der vier Wikimedia Chapter in Deutschland, Frankreich, der Schweiz und dem Vereinigte Königreich, die das heute bereits tun, dürfen vorerst keine weiteren Wikimedia-Vereine eigenständig Spendengelder einsammeln. Diese Möglichkeit soll in Zukunft nur offenstehen, wenn damit ein substantieller Beitrag für die Bewegung verbunden ist, der die damit verbundenen Aufwände auf Seiten von Chapter und Foundation übersteigt. Ob das so ist, beurteilt die Wikimedia-Geschäftsführung.

Dieser letzte Punkt war das einzige, aber durchaus wesentliche Zugeständnis an die großen Wikimedia Chapter, allen voran Deutschland. Denn auf diese Weise wird es in Deutschland auch in Zukunft möglich sein, Spenden an die Wikimedia steuermindernd geltend zu machen.

Für die Beurteilung der Folgen dieser Resolution wird es notwendig sein, den Vorschlag von Gardner für die Ausgestaltung des FDC sowie die verschiedenen Typen von Förderungen abzuwarten. [Update] Besonders Zusammensetzung und Beschickung des Gremiums sowie dessen Verhältnis zum Wikimedia Vorstand sind noch unklar:  Wird das FDC ein kleiner Ausschuss oder eine Art “Wikimedia Parlament”, das größtenteils aus Freiwilligen besteht und auch von diesen gewählt wird?  Wie elian in einem Kommentar angemerkt hat, gibt es bereits einen Entwurf für die Struktur des FDC, der ein winziges Gremium von 5-7 Personen vorsieht, wobei bis zu einem Drittel der Mitglieder Angestellte der Foundation sein sollen. Das FDC soll vom Vorstand der Foundation bestellt werden. Was daran besonders “volunteer-driven” sein soll, erschließt sich zumindest auf den ersten Blick nicht. Und auch eine angemessene Repräsentation der Wikipedia Community erscheint schon alleine auf Grund der Größe des Gremiums unmöglich. [/Update]

Ebenfalls unklar ist, wer in Zukunft jenseits der Wikimedia Chapter größere Beträge aus den Spendengeldern erhalten wird. Denn abgesehen von den länderbasierten Chaptern gibt es bislang keine anerkannten Wikimedia-Vereine oder Institutionen, die Gelder beantragen könnten.

 

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February 03 2012

Wikimedia-Vereine gegen Zentralisierung des Fundraisings

Knapp ein Monat nachdem Wikimedia-Geschäftsführerin Sue Gardner ihre Pläne für eine Zentralisierung von Fundraising und Organisationsstrukturen präsentiert hat (“Wikimedia-Geschäftsführerin präsentiert Pläne für radikale Restrukturierung“), veröffentlichte diese Woche Wikimedia Deutschland ihren ausführlichen Gegenvorschlag auf Meta-Wiki – im Gegensatz zu Gardner nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch, Französisch, Russisch, Arabisch, Spanisch und Portugiesisch. Und dass es sich dabei um einen Gegenvorschlag handelt wird schon in der Einleitung deutlich, wo es heißt:

Mit der folgenden Analyse zeigt Wikimedia Deutschland, dass allein ein dezentrales Organisationsmodell, das Verbesserungen in diversen Punkten vornimmt, die gesamte Wikimedia-Bewegung in die Lage versetzen kann, zu den erfolgreichsten Nichtregierungsorganisationen (NRO) weltweit aufzuschließen.

Und auch wenn sich das Dokument offensichtlich bewusst um einen sachlichen Ton bemüht und Gemeinsamkeiten betont werden, so enthält es doch eine Reihe von Spitzen gegen die Foundation in den USA. Die erste ist die bereits Eingangs erwähnte Veröffentlichung des Dokuments in mehreren Sprachen – Gardner war dafür kritisiert worden, dass ihr Vorschlag trotz langer Vorbereitungszeit zunächst nur auf Englisch verfügbar war. Auch der Verweis darauf, dass die “Schlussfolgerungen auf der Analyse von Fakten, auf Forschungsergebnissen und auf dem Wikimedia-Mission Statement [basieren]” ist wohl als Kritik an Gardners kaum mit Zahlen untermauerten Ideen zu sehen.

Ganz im Gegensatz dazu das Statement von Wikimedia Deutschland, indem es vor Zahlen rund um Fundraising nur so wimmelt:

  • “Unsere Spendeneinnahmen sind im Vergleich zur Fundraising-Kampagne 2010/2011 um mehr als 70 % gestiegen. Darüber hinaus haben wir im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der Spender erhöht (120 %). Dank unserer „Spenderpflege“ konnten wir Mehrfachspenden von mehr als 10.000 Unterstützern verzeichnen.”
  • “Das Thema „Spendenquittung“ zeigt exemplarisch, welchen Problemen eine internationale Fundraising-Kampagne gegenüberstehen würde. Im vergangenen Jahr hat Wikimedia Deutschland fast 35.000 Spendenquittungen ausgestellt. In diesem Jahr werden es 80.000 sein.”
  • “Im Jahr 2006 wurden für mehr als 66 % des Spendenaufkommens in Deutschland Spendenquittungen eingereicht. [...] Eine internationale Organisation, die in Deutschland Spenden einwirbt, kann keine Spendenquittung ausstellen.”

Am Ende macht Wikimedia Deutschland sechs Vorschläge:

  • #1 Eine kohärente Strategie: ein neugeschaffenes, jährlich tagendes Gremium nach Vorbild des International Council Meetings von Amnesty International soll in Zukunft dabei helfen, die Arbeit der Chapter und der Foundation zu koordinieren.
  • #2 Gemeinsame Standards für das Einwerben von Spenden.
  • #3 Gemischte Teams um (nicht näher beschriebene) Synergien zwischen Foundation und Länderorganisationen zu realisieren. Dafür soll ein eigener Topf mit Mitteln für länderübergreifende Projekte geschaffen werden.
  • #4 Offen für neue Verbündete: “Neue Einheiten auf der Basis spezifischer Einzelthemen” sollen sich um Kooperation mit anderen Initiativen wie den explizit genannten Organisationen Open Knowledge Foundation und Creative Commons kümmen. Außerdem verweist Wikimedia Deutschland auf die eigenen Pläne für ein “Haus des freien Wissens”, das noch in diesem Jahr eröffnet werden wird.
  • #5 Positives Nachbilden: Kooperationen zwischen Wikimedia-Vereinen sollen auch ohne Sanktus der Foundation möglich werden, sofern auch die Zustimmung der lokalen Community eingeholt wurde. (Dieser Punkt ist mir nicht ganz klar bzw. verstehe ich auch die Überschrift “Positives Nachbilden” in diesem Zusammenhang nicht.)
  • #6 Unsere Herausforderungen überall angehen: Dieser Punkt wendet sich gegen eine Priorisierung des “Globalen Südens” gegenüber dem “globalen Norden” und plädiert für ein sowohl-als-auch in Strategie und Mittelverwendung. So sei beispielsweise das Problem des Männerüberhangs unter den Wikipedia-Autoren etwas, das in den europäischen Communities adressiert werden müsse.

Was die konkrete Umsetzung betrifft, sind diese sechs Vorschläge somit, ähnlich wie bei Gardner, auch nicht besonders klar. Deutlich werden die Verfasser allerdings noch einmal im Fazit, wo sie Gardners Entwurf explizit ablehnen:

Wir unterstützen daher ausdrücklich die Ziele, wie sie im Strategiepapier der Wikimedia Foundation formuliert wurden, lehnen allerdings den Weg ab, der in dem Empfehlungsentwurf zu Fundraising und zur Verteilung der Finanzmittel aufgezeichnet wird.

Neben Wikimedia Deutschland haben inzwischen auch andere Wikimedia-Vereine (“Chapter”) Stellungnahmen abgegeben, darunter Wikimedia Italien, das Vereinigte Königreich und Iberocoop, ein Zusammenschluss vor allem spanischsprachiger Chapter (vgl. Überblick über alternative Vorschläge). Alle Stellungnahmen sind (viel) kürzer als diejenige des deutschen Chapters, inhaltlich aber auf der gleichen Linie: Nein zur Zentralisierung des Fundraisings, Betonung der Bedeutung dezentraler Strukturen. Wikimedia Italien erklärt dabei außerdem explizit die Vorschläge von Wikimedia Deutschland und UK zu unterstützen.

Besonders die Ablehnung der Iberocoop-Chapter dürfte Gardner dabei schmerzen, denn eine wesentliche Begründung für ihren Vorschlag war ja, auf diese Weise Mittel für die Stärkung der Community in Entwicklungsländern zu bekommen. Im Statement der Iberocoop heißt es dazu aber (meine Übersetzung):

Insbesondere hinsichtlich der Entwicklungsländer anerkennen wir die Verständigung der Foundation darauf, die Präsenz von Wikimedia im sogenannten “Globalen Süden” stärken zu wollen, wir finden den vorliegenden Ansatz allerdings dafür nicht geeignet.

Man darf gespannt sein, wie die Diskussion weitergeht – eine rasche Umsetzung des Gardner-Plans ist angesichts dieser bislang einhelligen Ablehnung durch die wichtigsten Wikimedia-Vereine jedoch unwahrscheinlich.

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