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February 22 2014

January 25 2014

Einigung über Datenschutzreform nicht vor den EU-Wahlen: Das Gute an der schlechten Nachricht

In dieser Woche hat EU-Justizkommissarin Viviane Reding beim informellen Rat der Justiz- und Innenminister in Athen offiziell gemacht, was schon länger klar war: Vor den EU-Wahlen schaffen es Kommission, Ministerrat und Parlament nicht, die EU-Datenschutzreform zu verabschieden. Grund dafür ist, dass sich die Mitgliedstaaten im Ministerrat nicht auf eine Position einigen können, mit der sie die entscheidenden Dreiecksverhandlungen (Trilog) mit Kommission und Parlament aufnehmen können, an deren Ende dann das fertige Reformpaket stehen könnte.

Erstmalig liegt ein Zeitplan vor

Überraschend ist das nicht, denn schon im vergangenen Oktober und Dezember gab es deutliche Signale, der Mitgliedsstaaten, dass sich das Reformvorhaben verzögert. Eine Reihe von Staaten, darunter auch Deutschland, hegen aus verschiedenen Gründen Bedenken gegen die Verordnung und verlängern damit die Lauffrist des geltenden internetuntauglichen Datenschutzregimes.

Was beim (berechtigten) Zetern über die Neuigkeit, die eigentlich keine ist, untergeht: Immerhin hat man sich erstmalig auf einen verbindlichen Zeitplan geeinigt. Im Juni wolle der Ministerrat ein Verhandlungsmandat erreichen und im Juli dann in die Dreiecksverhandlungen gehen. Ein Schritt weiter auf dem Weg dahin wollen die Justiz- und Innenminister im März sein, schreibt der EU-Observer. Solche Zeitpläne können natürlich gebrochen werden, was nicht unwahrscheinlich ist, wie der Tagesspiegel unter Berufung auf einen EU-Diplomaten schreibt. Aber Zeitpläne sind gleichzeitig Hebel, um Kontrolle und Druck auszuüben.

EU-Wahlen ändern erstmal nicht so viel

Im Zusammenhang mit den Berichten aus Athen wurde auch über die Rolle der EU-Wahlen, durch die sich die Zusammensetzung von Parlament und Kommission verändert, für die Datenschutzreform gesprochen. Der Einwand, neue Mehrheiten nach den EU-Wahlen könnten auch die Einigung des Parlaments, erreicht durch den Innenausschuss im Oktober 2013, scheitern lassen, erscheint relativ unbegründet, da das Europäische Parlament sein Verhandlungsmandat vor den EU-Wahlen durch eine erste Lesung formalisieren wird. Die Verhandlungsgrundlage steht also, zumal es, anders als im deutschen Bundestag, im europäischen Parlament kein Diskontinuitätsprinzip gibt. An laufenden Gesetzgebungsverfahren wird weitergearbeitet. Zudem ist es unwahrscheinlich, dass sich im neuen Europäischen Parlament Mehrheiten finden, die willens sind, die Büchse der Pandora Datenschutzverordnung noch einmal zu öffnen. Zur Erinnerung: In zähen Verhandlungen diskutierten die Abgeordneten über mehr als 3.000 Änderungsanträge. Und schließlich gilt es als wahrscheinlich, dass der zuständige Berichterstatter des Europäischen Parlaments für die Datenschutzverordnung, Jan Philipp Albrecht (Grüne), wiedergewählt wird.

Die zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding bleibt offiziell noch bis zum 31. Oktober im Amt. Eine Neubesetzung könnte andere Akzente setzen. Ähnlich wie in Ministerien gilt aber auch bei der Kommission: Die zuständigen Beamtenstäbe arbeiten weiter. Auch hier erscheint es eher unwahrscheinlich, dass man getane Arbeit vollständig verwirft, zumal die Datenschutzreform als eines der wichtigsten Projekte der EU-Kommission gilt.

Politischer Wille gefragt

Der Ball liegt also beim Ministerrat bzw. den Mitgliedsstaaten, die politischen Willen zeigen und zu einer Entscheidung kommen müssen. Deutschland bzw. dem zuständigen Innenministerium wird hier eine besondere Rolle zukommen (vgl. dazu meine Analyse zum neuen Innenminister und der Datenschutzreform). Gut ist: Deutschlands zukünftiges Verhalten bei der Datenschutzreform lässt sich am Einhalten des vereinbarten Zeitplans messen.

Weitere aktuelle Hintergrundinformationen zum Stand der EU-Datenschutzreform:

Golem: Regierung wartet auf das nächste Google-Urteil

Monika Emert, Internet Policy Review: European ministers largely agree on international aspects of future data protection regulation, other issues unsolved

Carlo Piltz, de lege data: Datenschutzreform: aktueller Stand der Verhandlungen im Rat

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October 25 2013

EU-Datenschutzreform: Schnelle Verabschiedung oder nicht?

Heute tagten in Brüssel die europäischen Staats- und Regierungschefs. Neben der deutsch-französischen Initiative, die Spähaffäre gemeinsam aufzuklären, legte man sich auch auf einen Zeitplan zur Verabschiedung der Datenschutzgrundverordnung fest, wo ja seit der Verabschiedung des Parlamentsberichtes am Montag, der Ball bei den Mitgliedsstaaten liegt. Im dazugehörigen Beschlussdokument heißt es:

It is important to foster the trust of citizens and businesses in the digital economy. The timely adoption of a strong EU General Data Protection framework and the Cyber-security Directive is essential for the completion of the Digital Single Market by 2015.

Dieser Satz sorgt nun für zahlreiche Diskussionen. Diejenigen, die an einer zeitnahen Verabschiedung der EU-Datenschutzverordnung vor den Europawahlen interessiert sind (EU-Kommissarin Viviane Reding und das Eurpoäisches Parlament in Person von Berichterstatter Jan Albrecht), interpretieren den Satz als Entschluss der Mitgliedsstaaten, genau das anzustreben. Denn dann könnte das Gesetz 2015 in Kraft treten.

Andere wiederum, etwa die europäischen Nachrichtenportalen EurActiv und der EUObserver schreiben, dass das eben nicht der Fall sein wird und sich die Verhandlungen verzögern werden. Der EUOberserver beruft sich weiterhin auf diplomatische Kreise:

Meanwhile, an EU diplomat said member states are already using tactics to delay the bill. “At the technical level, we are hear a lot of noises in terms of ‘quality before timing’, ‘we shouldn’t rush this’, which is basically code words for delaying the whole thing,” the diplomat said.

Unsere Bundeskanzlerin wird zudem mit den Worten zitiert (Sorry, sehe es gerade in keiner anderen Quelle außer diesem Tweet.):

Was heißt das nun alles? Fakt ist, an der Datenschutzreform würde auch nach den Europawahlen weitergearbeitet werden. Wer allerdings an der Verabschiedung einer starken Datenschutzverordnung interessiert ist, sollte alles daran setzen, die Verordnung vor den Europawahlen fertig zu verhandeln. Erstens, weil so das politische Momentum nicht verloren geht. Zweitens, weil nicht nur einige Mitgliedstaaten, sondern auch die Industrie daran interessiert ist, das Gesetz weiter zu verzögern und dadurch zu verwässern. Letztere könnten zudem darauf zielen, die Datenschutzverordnung in die Verhandlungen um das transatlantische Freihandelsbakommen (TAFTA/TTIP) mitreinzuziehen und damit das Recht auf Datenschutz verhandelbar machen.

Die deutsche Regierung nimmt dabei eine ambivalente Rolle ein (siehe oben). Andere Staaten werden als Verzögerer benannt. Deutschland selbst versteckt sich hinter dem Argument des handwerklichen Nachbesserungsbedarfs, der seine Zeit bräuchte und erweist dem europäischen Datenschutz damit einen Bärendienst. Die derzeit laufenden Koalitionsverhandlungen könnten eine Möglichkeit sein, die CDU in der Frage Datenschutzverordnung auf eine schnelle Einigung zu drängen. Los, SPD!

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October 18 2013

Datenschutz-Kompromisse öffnen Einfallstor für Profiling und Zustimmungsaushebelung

eudatap_amsAm Montag ist es endlich soweit: Der Innenausschuss des Europaparlaments wird über die neuen Datenschutzregeln abstimmen. Dem Berichterstatter Jan Philipp Albrecht (Grüne) und den Schattenberichterstattern der anderen Fraktionen ist es gelungen, mehrere tausend Änderungsanträge für den Kommissionsentwurf einzudämpfen auf 105 Komprommissanträge, die European Digital Rights (EDRi) veröffentlicht hat. Diese werden von allen Fraktionen getragen, womit die Abstimmung zur Formsache werden dürfte.

Der Haken an der Sache

In die Medien schaffen es im Moment vor allem positive Aspekte wie die Erhöhung der möglichen Sanktionen bei Verstoß gegen die Datenschutzregeln oder die Aufnahme des früheren Artikels 42, mit dem ein Transfer von Daten in unsichere Drittstaaten (sprich auf die NSA-Server) erschwert werden soll (was dafür aber bei weitem nicht ausreicht). Das große Problem: Einzelne Schlupflöcher können die komplette Regelung zu einem Einfallstor machen und zur weiteren Erosion von Grundrechten beitragen. Und leider ist der Text nicht frei davon. Besonders fatal, da er zur Grundlage für Verhandlungen mit den Nationalstaaten dient, die mit der deutschen Regierung an der Spitze bisher nicht gerade durch flammenden Einsatz für den Schutz unserer Rechte aufgefallen sind, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Interesse von Unternehmen schlägt Zustimmung der Person

Das größte dieser Tore: Die hochgradig gefährliche Formulierung “berechtigtes Interesse” hat es in den Kompromiss geschafft – ohne genauere Definition, stattdessen wird sie sogar noch auf Dritte ausgeweitet. Dabei handelt es sich um eine der in Artikel 6 festgelegten Bedingungen, die es Unternehmen ermöglichen sollen, persönliche Daten auch ohne Zustimmung zu verarbeiten. Diese wurde nicht wirksam eingeschränkt auf bestimmte Fälle. Damit bleibt es im Zweifelsfall dem Datenverarbeiter oder später den Juristen überlassen zu entscheiden, wo nun ein “berechtigtes Interesse” besteht.

Auf die Probleme dieser undefinierten Berechtigung zur Datenverarbeitung wurde von vielen Seiten mehrmals und wiederholt hingewiesen, ausführlich beispielsweise von Bits of Freedom. Leider ohne Erfolg.

Gestrichen wurde die Verhinderung von erzwungener Zustimmung bei einem bestehenden starken Machtverhältnis (etwa zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer). Hier hieß es ursprünglich in Artikel 7:

Consent shall not provide a legal basis for the processing, where there is a significant, imbalance between the position of the data subject and the controller

Lobbyismus-Artefakte der unschönen Art

Nach wie vor finden sich ausserdem Regelungen, die an die Bedürfnisse amerikanischer Konzerne angepasst sind. Die relativ willkürlich wirkende Altersgrenze von 13 Jahren, ab der ein Kind ohne Zustimmung der Eltern in die Verarbeitung seiner Daten einwilligen kann, ist beispielsweise ein solches Lobbyismus-Artefakt. Eine in Europa üblichere Definition findet sich noch in den Definitionen von Artikel 4:

(18) ‘child’ means any person below the age of 18 years

Artikel 8 ignoriert diese Definition einfach.

Profiling – what could possibly go wrong?

Und so verwundert es schließlich auch nicht mehr, dass die Regelung für Profiling (Artikel 20) nun statt eines Opt-ins ein Opt-out vorsehen. Über pseudonyme Daten heisst es in Erwägungsgrund 58a ausserdem:

Profiling based solely on the processing of pseudonymous data should be presumed not to significantly affect the interests, rights or freedoms of the data subject.

Damit werden pseudonyme Daten unter schwächeren Schutz gestellt, womit Einschränkungen wie die aus Artikel 20 (2) nicht für sie gelten dürften. Anschließend heisst es, dass in dem Moment, in dem durch Zusammenführen mit anderen Daten oder Anfallen von genügend Daten die “pseudonymen Daten” einer Person zuzuordnen sind, diese Daten nicht mehr pseudonym seien (tata!). Damit sind sie solange nicht wirklich geschützt, bis es eh zu spät ist. In den Datenbanken der Nachrichtendienste wird aber sicherlich darauf geachtet, die von Privatunternehmen abgeschöpften Daten da klar zu trennen und im Fall der Fälle umgehend zu löschen. Oder auch nicht.

Die genauere Analyse des Kompromisses wird noch ein wenig dauern. Der benötigte große Wurf, der als starke Verhandlungsbasis mit den Nationalstaaten dient, scheint er aber nicht zu sein.

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October 07 2013

EU-Datenschutzreform: Ministerrat uneins über Zusammenarbeit der Datenschutzbehörden

Die EU-Innen- und Justizminister haben auf ihrem heutigen Treffen einen der wichtigsten Punkten der geplanten EU-Datenschutzverordnung diskutiert: Die Zuständigkeit und Koordination der nationalen Datenschutzbehörden sowie die Befugnisse des geplanten Europäischen Datenschutzausschusses. Es ist wichtig, dass sich hier was tut. Im Moment gibt es keine praktische Handhabe gegen die Datenschutzverstöße von Unternehmen, die in einem anderen Mitgliedsstaat operieren. Max’ Schrems Beschwerden gegen Facebook können in diesem Zusammenhang nicht oft genug erwähnt werden.

Wie zu erwarten war, sind sich die Mitgliedsstaaten bei der Ausgestaltung der Datenschutzaufsicht nicht einig. Wer mehr wissen will: Christiane Schulzki-Haddouti und Andreas Wilkens berichten für heise. Christian Feld kommentiert das in der ARD. Lesenswert sind zudem die Tweets von Christian Wiese Svanberg (dokumentiert die Länderpositionen) und Caspar Bowden.

Beim Digitalen Gesellschaft e.V. haben wir jüngst aufgeschrieben, wie wir uns das wünschen mit den Datenschutzbehörden und der Durchsetzung: Es braucht starke nationale Datenschutzbehörden und einen starken Europäischen Datenschutzausschuss, der für eine europaweit einheitliche Auslegung der Verordnung sorgt. Das ist weder ein Widerspruch, noch zu teuer, noch zu bürokratisch. Das sollte der Informationsgesellschaft ihr Datenschutz wert sein.

Während der Ministerrat noch verhandelt, stimmt der zuständige Ausschuss im Europäischen Parlament schon am 21. Oktober über die Datenschutzverordnung ab. Zeit, sich mal dafür zu interessieren.

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September 18 2013

Innenausschuss des EU-Parlaments stimmt am 21.Oktober über Datenschutzverordnung ab

Der Innenausschuss des Europäischen Parlaments (LIBE) wird voraussichtlich am 21. Oktober über die Datenschutzgrundverordnung abstimmen. Das sagte der zuständige Berichterstatter Jan Philipp Albrecht (Grüne) gestern im Rahmen einer Datenschutzkonferenz in Brüssel.

Der LIBE-Ausschuss ist federführend bei dem Dossier, das heißt hier legt das Europäische Parlament seine Position zur Datenschutzverordnung fest, mit der der Berichterstatter in die Dreiecksverhandlungen mit dem Ministerrat und der EU-Kommission geht.

Warum ist das wichtig? Die Datenschutzverordnung regelt den europäischen Datenschutz der nächsten Jahrzehnte! Ausführlicher habe ich das zum Beispiel hier beschrieben. Und vor allem: EU-Parlamentarier sind – im Gegensatz zu EU-Beamten und nationalen Ministerien – erfahrungsgemäß am offensten für Input von Euch da draußen (siehe ACTA). Dieser Termin ist also eine letzte Chance, noch einmal Einfluss auf das Parlament zu nehmen, bevor es in die undurchsichtigen Verhandlungen zwischen den Institutionen geht.

Einschränkend muss gesagt werden: Der Berichterstatter und die Schattenberichterstatter*innen befinden sich derzeit in Kompromissverhandlungen hinter verschlossenen Türen. Das heißt 1., dass in vielen Punkten schon Einigkeit zwischen den Fraktionen bestehen kann (Kann man aber auch wieder ändern). Und 2., dass sich die Öffentlichkeit erst relativ kurzfristig ein Bild von den gerade noch nicht öffentlichen Kompromissänderungsanträgen machen kann, über die am 21. abgestimmt wird. (Wer eben nur Bahnhof verstanden hat, guckt am besten mal in den Wegweiser durch das Brüsseler Labyrinth).

Wie mächtig Daten und wie wichtig guter Datenschutz ist, zeigt uns ein gewisser Edward Snowden ja gerade auf die harte Tour. Die Datenschutzverordnung kann geheimdienstliche Überwachung nicht verhindern. Sie kann aber datenschutzfreundliche Dienste fördern und für Transparenz bei der Datenverarbeitung sowie eine verbesserte Rechtsdurchsetzung sorgen. Mitmachen lohnt sich also. Ende September sind Freedom Not Fear-Tage in Brüssel und dann wird die Kampagne zur EU-Datenschutzverordnung wohl auch wieder richtig anlaufen. E-Mails an Abgeordnete schreiben, kann man aber immer.

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August 27 2013

IM Friedrich: Facebook schlimmer als Geheimdienste (oder so)

Im aktuellen Spiegel (leider noch nicht online) haut unserer Innenminister wieder einen Kalauer nach dem anderen raus. Ganz schlimm wird es beim Verhältnis zwischen Datenschutz und Überwachung.

SPIEGEL: Sie übertragen den Sicherheitsbehörden stetig neue Kompetenzen. Wir haben den Eindruck, Datenschutz ist für Sie einer der Späne, die nun mal fallen, wenn gehobelt wird.

Friedrich: Das sehen Sie völlig falsch. Datenschutz ist mir als Minister und Bürger wichtig. Aber Daten sind nicht gleich Daten – das diskutieren wir gerade auch intensiv mit der Europäischen Kommission, die da sehr statisch denkt. Es ist eben nicht dasselbe, ob eine Bäckerei speichert, wer die Zeitschrift „Bäckerblume“ abonniert hat, oder ob private Firmen mit riesigen Rechenzentren alle meine Gesundheitsdaten gespeichert haben. Das ist ein ganz anderer Grad von Persönlichkeitsgefährdung. Letzteres müssen wir unterbinden. Ich will keinen Überwachungsstaat. Das sage ich Ihnen ganz klar.

Mensch, seid ihr auf einmal motiviert in Sachen Datenschutzverordnung. Ihr wollt doch nicht etwa von irgendwas ablenken?

SPIEGEL: Sie haben Google und Facebook schon 2011 mit einer roten Karte gedroht, aber von ihnen nur eine freiwillige Selbstverpflichtung gefordert. Die kam nicht. Die rote Karte aber auch nicht.

Friedrich: Weil die Unternehmen keine freiwillige Selbstverpflichtung wollten, werden wir das jetzt auf europäischer Ebene gesetzlich regeln. Lassen Sie mich eines mal grundsätzlich sagen: Die Freiheit von Menschen wird durch unkontrollierte Machtkonzentration bedroht. Wer etwa wie Internetkonzerne aufgrund der im Netz gesammelten Daten ein exaktes Persönlichkeitsbild von mir zeichnen kann, ohne ausreichend an Gesetze gebunden zu sein, hat ein viel größeres Machtpotential als jeder demokratisch kontrollierte Geheimdienst.

Stimmt. Schade nur, dass es keine “demokratisch kontrollierten Geheimdienste” gibt (und auch nicht geben wird).

SPIEGEL: Es gibt nur einen Unterschied: Facebook und Google liefern sich die Menschen freiwillig aus. Das ist dumm.
NSA und GCHQ aber holen sich einfach, was sie haben wollen.

Friedrich: Noch mal – was will die NSA denn mit Ihren Daten? Es ist völlig irrelevant für den Auftrag des Nachrichtendienstes, was irgendjemand zu einem anderen am Telefon sagt, es sei denn, er will Bomben bauen und damit den Hamburger Hauptbahnhof in die Luft jagen. Denjenigen zu finden ist der Auftrag der Nachrichtendienste und sonst nichts. Wenn aber ein Privatunternehmen mehr über mich weiß als ich selbst, macht mich das nervös.

Aha.

SPIEGEL: Dass die NSA sich die Daten von Facebook & Co. besorgen kann, macht andere nervös. Sind Sie eigentlich noch bei Facebook?

Friedrich: Selbstverständlich. Facebook kann gern wissen, dass ich gestern gewandert bin und anschließend bei Horst Seehofer war.

Also doch nicht so schlimm. Und wir dachten schon, zur Terrorabwehr dürfen BND & Friends nicht mehr social gehen.

Wenn demnächst noch mal Unklarheiten auftreten sollten, bitte vorher in die praktische Anleitung für den fürsorglichen Überwachungsstaat schauen.

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August 17 2013

EU-Datenschutzverordnung darf nicht Merkels NSA-Feigenblatt werden

Immer mehr drängt sich der Eindruck auf, dass die Bundesregierung den größten Überwachungsskandal der Menschheitsgeschichte vertuscht. Als aktionistisches Feigenblatt muss immer öfter die derzeit verhandelte Datenschutzgrundverordnung herhalten. Jüngstes Beispiel ist die Antwort der Bundesregierung auf die 115 Fragen der SPD-Bundestagsfraktion. Bevor ich allerdings darauf zu sprechen komme, eine kurze Einführung in die Problematik.

Artikel 42: Gut, aber nicht genug

Die Bundesregierung hat auf dem letzten informellen Rat für Justiz und Inneres am 19. Juli 2013 u.a. die Wiedereinführung des Artikels 42 in die Datenschutzverordnung vorgeschlagen.

Der Regelungsvorschlag sieht vor, dass Datenübermittlungen an Drittstaaten künftig entweder den strengen Verfahren der Rechts- und Amtshilfe unterliegen oder den Datenschutzaufsichtsbehörden gemeldet und von diesen vorab genehmigt werden müssen.

Auch wir hatten mehrfach über den unter omniösen Umständen aus dem Kommissionsvorschlag herauslobbyierten Artikel berichtet und darauf hingewiesen, dass dieser allein eben keinen ausreichenden Schutz bietet und von anderen Maßnahmen in der Verordnung flankiert werden muss – natürlich auch auf nationaler und internationaler Ebene. Nichtsdestotrotz ist der Vorschlag zur Wiedereinführung des Artikels 42 natürlich unterstützenswert.

Die Feigenblatt-Antwort auf die kleine Anfrage vom 26.7

Die Bundesregierung scheint zu denken, dass die EU-Datenschutzverordnung regulieren könnte, inwiefern “Unternehmen Daten (aktiv und bewusst) in an einen Drittstaat übermitteln” (PDF, S. 48). Das formuliert sie so selbstbewusst in ihrer sonst dürftigen Antwort auf die kleine Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion vom 26.7. Pikant ist das in zweierlei Hinsicht.

1. “PRISM-Unternehmen” wie Facebook, Apple und Co. würde das nicht treffen. Der Datentransfer vom europäischen Tochterunternehmen zum amerikanischen Mutterunternehmen, wo die Nutzerdaten zumeist verarbeitet werden, wird vom Safe Harbor-Abkommen gedeckt. Das ist auch der Ansatzpunkt der laufenden Beschwerde von europe-v-facebook.org gegen diese Firmen:

Wenn ein europäisches Tochterunternehmen die Nutzerdaten zum amerikanischen Mutterunternehmen schickt, liegt ein „Export“ von Daten vor. Nach EU-Recht ist ein Export von Daten ins EU-Ausland nur erlaubt, wenn vom europäischen Unternehmen im Zielland (also z.B. den USA) ein „angemessenes Schutzniveau“ für das Grundrecht auf Datenschutz garantiert werden kann. Nach den Enthüllungen des Guardian ist jedoch bei den Unternehmen, welche am PRISM-Programm teilnehmen sollen, das Vertrauen in ein solches „angemessenes Schutzniveau“ erschüttert.

Natürlich will die Bundesregierung auch Safe Harbor evaluieren, wie es im “Acht-Punkte Programm für einen besseren Schutz der Privatsphäre” heißt. Wie die Evaluation des Schutzniveaus bei den “amerikanischen Freunden” (Friedrich) ausfällt, ist erwartbar: Alles in Ordnung!

2. Im Kontext der aktuellen Ereignisse allgemein: Es ist schon verdächtig, wie motiviert die Bundesregierung nun in Sachen Datenschutzverordnung agiert. Obwohl wir hier mehrfach gezeigt haben, dass die Verhandlungsrealitäten bislang anders aussahen.

Skepsis ist angebracht

Einer Bundesregierung, die Überwachungsexzesse vertuscht, millionenfache Grundrechtsverletzungen okay findet und immer wieder durch technisches Unverständnis (z.B. Friedrichs Virenscanner) auffällt, sollte man bei plötzlichem Datenschutz-Engagement zumindest mit Skepsis begegnen.

Ja, die Datenschutzverordnung könnte wirklich eine Chance für besseren Datenschutz in Europa sein. Die wichtigen Baustellen heißen: Privacy by Design, Datensparsamkeit bei der Erhebung, Transparenz bei der Datenverarbeitung und vor allem eine funktionierende Durchsetzung des Datenschutzrechts. Max Schrems (europe-v-facebook.org), zeigt ja immer wieder wie kafkaesk die Wahrung der Datenschutzrechte derzeit ist.

Die Datenschutzverordnung ist zu wichtig, um als Merkels Feigenblatt im NSA-Skandal missbraucht zu werden.

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July 18 2013

Schmilzt wie Butter in der Sonne: Friedrich will Meldepflicht in Datenschutzreform

Alle in Deckung! Innenminister Friedrich macht wieder Datenschutz. Nach dem grandiosen Vorschlag der Virenscanner zum Selbstdatenschutz, nimmt sich die heutige Forderung beinahe seriös aus. Beim Treffen der EU-Innen- und Justizminister in Vilnius forderte Friedrich eine Meldepflicht für Drittsstaatentransfers in der EU-Datenschutzverordnung.

Eine Meldung an die Europäische Kommission oder ähnliche Stellen oder sogar eine Genehmigung, wenn man Daten ausliefert an fremde Staaten, das ist die Idee, die meiner Ansicht nach umgesetzt werden muss.

Zunächst ist das natürlich ein weiterer Teil seiner Bankrotterklärung, nach dem Motto: Sagt wenigstens Bescheid, dass ihr mit den Geheimdiensten zusammenarbeitet, dann können wir schon mal Virenscanner installieren. Denn Friedrich erachtet NSA-Überwachung schließlich für notwendig. Ignoriert man diesen Grundwiderspruch und schaut sich die Aussage Friedrichs länger an, schmilzt sie zusammen wie Butter in der litauischen Sonne.

“Eine Meldung an die Europäische Kommission oder ähnliche Stellen”

Amerikanische Firmen verarbeiten meine Daten auch in den USA. Hier gilt (mal wieder): Bürokratie abbauen und lieber Zeitung lesen, dort steht das nämlich auch. Nicht ganz unnützlich, weil vielleicht abschreckend, wäre allerdings eine deutliche Meldung an die User, bevor sie der Datenverarbeitung zustimmen. Vielleicht will Friedrich das auch, ist schließlich die Position seiner Chefin. Allzu hoffnungsvoll dürfen wir allerdings nicht sein, Deutschland fürchtet ja eh schon hohe Kosten für die Industrie bei den Informationspflichten.

“oder sogar eine Genehmigung, wenn man Daten ausliefert an fremde Staaten”

Das klingt schon fast nach Law & Order und meint wohl im Kern den ursprünglich aus der Datenschutzreform herauslobbyierte Artikel 42, der sagt, dass Daten von EU-Bürger*innen nur noch dann an ausländische Behörden übermittelt werden dürfen, wenn dies durch ein entsprechendes Rechtshilfeabkommen gedeckt ist. Über den Sinn und Unsinn einer solchen Meldepflicht, diskutieren wir schon länger, seit den NSA-Enthüllungen verstärkt. 1. Problem: Wenn das zur Anwendung kommt, steht EU-Recht gegen US-Recht. US-Firmen werden also im Zweifelsfall eher mit ihren eigenen Geheimdiensten kooperieren, zumal Nicht-Kooperation mit Geheimdiensten wohl massiv Ärger in den Staaten einbringt. 2. Problem: Es existiert zwar ein Rechtshilfeabkommen, aber das erlaubt keinen Pull-Zugriff auf Daten à la PRISM und setzt gewisse Prozeduren voraus. Aber PRISM ist doch nötig für unsere Sicherheit?

Friedrich könnte mit Genehmigungen auch Angemessenheitsbestimmungen für Datenverarbeitung durch Drittstaaten wie das unsinnige Safe Harbour-Abkommen meinen. Diese müssten also, wenn Friedrich es ernst meint, auch neu ausgehandelt werden. So viel Mut ist nicht zu erwarten. Aber keine Angst, Angemessenheitsbestimmungen findet Deutschland eh nicht gut, wie aus der entsprechenden Fußnote des zuletzt von Statewatch geleakten Dokument zum Verhandlungsstand im EU-Ministerrat (PDF) hervorgeht:

DE in particular thought that the manifold exceptions emptied the adequacy rule of its meaning. Whilst they did not disagree with the goal of providing protection against transfer of personal data to third countries, it doubted whether the adequacy principle was the right procedure therefore, in view of the many practical and political difficulties (the latter especially regarding the risk of a negative adequacy decision, cf. DE, FR, UK). The feasibility of maintaining an adequacy-test was also questioned with reference to the massive flows of personal data in in the context of cloud computing: BG, DE, FR, IT, NL, SK and UK.

Besser findet Deutschland sogenannte Binding Corporate Rules, d.h. lediglich unternehmensweit geltende Richtlinien. Hier sollen aber lieber nicht so viele Datenschutzbehörden mitreden, wie es in der dazugehörigen Fußnote heißt.

DE and UK expressed concerns on the lengthiness and cost of such approval procedures. The question was raised which DPAs should be involved in the approval of such BCRs in the consistency mechanism.

Zwei Debatten, zwei Fails

Friedrich zündet mal wieder Nebelkerzen. Die Realitäten, sowohl in der NSA-Debatte als auch in den Verhandlungen zur Datenschutzreform, sehen anders aus. In der NSA-Debatte verhindert das totale Bekenntnis zur “Sicherheit” (aka Supergrundrecht) ein grundlegendes Infragestellen des größten Überwachungsprojekts aller Zeiten. Die Verhandlungen zur Datenschutzreform sind schlicht industriedominiert. Was beide Debatten vereint: Sie ignorieren die Macht, die von großen Datensammlungen ausgeht.

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July 14 2013

Realitätscheck: Merkels janusköpfige Datenschutzrhetorik vs. Verhandlungsstand im EU-Ministerrat

Im ARD-Sommerinterview versprach Kanzlerin Angela Merkel, dass sich Deutschland auf dem am kommenden Donnerstag/Freitag stattfindenden Rat der EU-Innen- und Justizminister für mehr Informationspflichten stark machen will. Internetunternehmen sollen darüber Auskunft erteilen, “wem sie welche Daten weitergeben”, sagte Merkel. Das überrascht, denn gerade Deutschland hatte im Ministerrat Bedenken bei den selbstverständlichen Informationspflichten für Diensteanbieter geäußert. Der Grund: Angebliche Extrakosten für die Industrie. Das geht aus dem zuletzt von Statewatch geleakten Dokument zum Verhandlungsstand im EU-Ministerrat (PDF) hervor. In der Anmerkung zum entsprechenden Artikel 14 heißt es:

DE, supported by ES and NL, has asked the Commission to provide an assessment of the extra costs for the industry under this provision.

In einer weiteren Fußnote, die sich auf einen Vorschlag zur Ergänzung der Informationspflichten bezieht (unter anderem eben Drittstaatentransfers), heißt es:

DE, DK, NL and UK doubted whether the redraft would allow for a sufficient risk-based approach and warned against excessive administrative burdens/compliance costs.

Der entsprechende Original-Artikel im Kommissionsvorschlag fordert von den Anbietern eigentlich nur Selbstverständlichkeiten:

Artikel 14 Information der betroffenen Person

1.           Einer Person, von der personenbezogene Daten erhoben werden, teilt der für die Verarbeitung Verantwortliche zumindest Folgendes mit:

a)      den Namen und die Kontaktdaten des für die Verarbeitung Verantwortlichen sowie gegebenenfalls seines Vertreters und des Datenschutzbeauftragten,

b)      die Zwecke, für die Daten verarbeitet werden, einschließlich der Geschäfts- und allgemeinen Vertragsbedingungen, falls sich die Verarbeitung auf Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe b gründet, beziehungsweise die von dem für die Verarbeitung Verantwortlichen verfolgten berechtigten Interessen, wenn die Verarbeitung auf Artikel 6 Absatz 1 Buchstabe f beruht,

c)      die Dauer, für die die personenbezogenen Daten gespeichert werden,

d)      das Bestehen eines Rechts auf Auskunft sowie Berichtigung oder Löschung der sie betreffenden personenbezogenen Daten durch den für die Verarbeitung Verantwortlichen beziehungsweise eines Widerspruchsrechts gegen die Verarbeitung dieser Daten,

e)      das Bestehen eines Beschwerderechts bei der Aufsichtsbehörde sowie deren Kontaktdaten,

f)       die Empfänger oder Kategorien von Empfängern der personenbezogenen Daten,

g)      gegebenenfalls die Absicht des für die Verarbeitung Verantwortlichen, die Daten an ein Drittland oder eine internationale Organisation zu übermitteln, sowie das dort geltende Datenschutzniveau unter Bezugnahme auf einen Angemessenheitsbeschluss der Kommission,

h)      sonstige Informationen, die unter Berücksichtigung der besonderen Umstände, unter denen die personenbezogenen Daten erhoben werden, notwendig sind, um gegenüber der betroffenen Person eine Verarbeitung nach Treu und Glauben zu gewährleisten.

Diese Selbstverständlichkeiten, die eigentlich noch genauer sein müssten werden und über die konkreten Verfahren und Logiken der Datenverarbeitung aufklären sollten, fand Deutschland vor der großen NSA-Aufregung zu teuer und machte industriefreundliche Vorbehalte. Das gleiche Deutschland will sich jetzt für Hinweise einsetzen, die Facebook, Microsoft und Co. erstmal ordentlich diskreditieren könnten vor den Usern? Wenn dem wirklich so sein sollte: Lasst euch ein dickes Lobbyfell wachsen!

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July 09 2013

EU-Datenschutzreform: Heißer Herbst im Europäischen Parlament erwartet

Der Innenausschuss des Europäischen Parlaments (LIBE) hat sich heute das letzte Mal vor der Sommerpause zur EU-Datenschutzreform, d.h. über die Datenschutzgrundverordnung und die Datenschutzrichtlinie für Polizei und Justiz ausgetauscht. Beide Legislativvorhaben stecken derzeit in der Phase der Komprimissfindung zwischen den Schattenberichterstatter*innen. Im Herbst soll dann endlich über diese so kontroversen und wichtigen Gesetzesvorhaben abgestimmt werden. Wegen Tagesordnungsschwierigkeiten war ein inhaltlicher Austausch heute nicht möglich. Die Beteiligten gaben nur ein kurzes Update.

Jan Philipp Albrecht (Grüne), Berichterstatter für die Datenschutzgrundverordnung, sprach von “Fortschritten bei der Kompromissfindung”. Um Glättung der Wogen bemüht, konnte man durchaus noch heraushören, dass es da recht heftige Diskussionen hinter verschlossenen Türen gibt. Die Kompromissverhandlungen über die Änderungsanträge sind nicht öffentlich. Eine weitere interessante Bemerkung Albrechts bezog sich auf den Ministerrat: Hier seien beide Seiten nicht so weit entfernt. Hoffen wir mal, dass das diplomatischer Politsprech war. Was wir nämlich aus dem – uneinigen, aber generell eher datenschutzunfreundlichen – Rat hören, klingt nicht gut. So war das hoffentlich mit den Annäherungen nicht gemeint.

Der Berichterstatter für die Datenschutzrichtlinie (bei Polizei- und Justiz) Dimitrios Droutsas (S&D), will vielleicht schon im September die Kompromissverhandlungen abschließen. Er betonte, dass es in der “Post-PRISM-Ära des Datenschutzes in Europa”, immens wichtig sei, gleich hohe Standards für die Datenverarbeitung im privaten wie im öffentlichen bzw. Sicherheitsrecht zu haben. Hier wird man vor allem auf die Mitgliedsstaaten zu achten haben, die traditionell nicht so große Lust auf einheitliche Regelungen in diesem Bereich haben. Zur Erinnerung: Auch hier werden z.B. Drittstaatentransfers behandelt, nämlich die von Sicherheitsbehörde zu Sicherheitsbehörde (Art. 33). Das wird keine Geheimdienstzusammenarbeit stoppen, kann jedoch ähnlichen Tendenzen außerhalb dessen vorbeugen. Auch für die Richtlinie sollten wir™ uns langsam mal interessieren.

Eine unterstützenswerte Anmerkung machte Cornelia Ernst (Linke). Sie forderte, dass die erzielten Kompromisse, d.h. der Verhandlungsstand mal etwas transparenter gemacht (“erklärt”) werden. +1. Die wichtigste Verhandlungsphase des Gesetzes findet hinter verschlossenen Türen statt. Das fördert politisches Engagement nicht gerade.

Das Europäische Parlament arbeitet ab September weiter an der Datenschutzreform. Zeit, sich mal dafür zu interessieren, bevor es zu spät ist. Die Enthüllungen der geheimdienstlichen Datenexzesse zeigen uns täglich, wie mächtig Daten sind. Also, die Datenschutzreform ist nicht ACTA, aber genau so wichtig!

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June 11 2013

EU-Datenschutzreform: Konkrete Vorschläge aus Brüssel gegen PRISM und Co.

Am vergangenen Freitag hatte ich darüber geschrieben, dass wir bei der derzeit in Brüssel verhandelte EU-Datenschutzgrundverordnung Lehren aus PRISM ziehen können. Da es einige Rückfragen gab, fassen wir an dieser Stelle noch einmal die konkreten Ansätze zusammen. Es geht hier um zwei Dinge: Datenschutz in Clouds außerhalb Europas (sic!) und Schutz von Whistleblowern wie Edward Snowden. Für beides gibt es Änderungsanträge von Europaparlamentarier/innen, die bei den derzeit laufenden Kompromissverhandlungen im Innenausschuss (LIBE) nicht unter den Tisch fallen sollten.

Transparenz und Einwilligung

Ich muss dem Datentransfer ins Drittland informiert zustimmen, d.h. im Zweifelsfall auch über die Rechtslage bspw. in den USA informiert sein. Ein Vorschlag dafür kommt von der niederländischen Liberalen Sophia in ‘t Veld:

Änderungsantrag 2531: Artikel 44a

Die Übermittlung personenbezogener Daten an Cloud-Dienste im Zuständigkeitsbereich eines Drittlandes ist verboten, es sei denn:

a) einer der Rechtsgründe dieses Kapitels für die Übermittlung personenbezogener Daten an Drittländer findet Anwendung; und

b) die betroffene Person hat eingewilligt, und

c) die betroffene Person hat nach Unterrichtung in klarer, eindeutiger und warnender Sprache eingewilligt, die durch einen zusätzlichen und deutlich sichtbaren Hinweis auf

i) die Möglichkeit, dass die personenbezogenen Daten Gegenstand der Informationsgewinnung oder Überwachung durch Behörden aus Drittländern sein könnten; und

ii) das Risiko, dass der durch das Unionsrecht und das mitgliedstaatliche Recht gewährte Schutz der personenbezogenen Daten und der Grundrechte nicht gewährleistet werden kann, erfolgte.

Einen weiteren “Transparenzvorschlag” macht der Sozialdemokrat Dimitrios Droutsas:

Änderungsantrag 2390: Artikel 41 – Absatz 1 a (neu)

Alle Datenübertragungen von einer Cloud im Zuständigkeitsbereich der Europäischen Union in eine Cloud im  Zuständigkeitsbereich eines Drittlandes werden von einer Mitteilung über diese Datenübertragung und seine Rechtsfolgen an die betroffene Person begleitet.

Wiedereinführung des Artikels 42 zur Erfordernis eines Rechtshilfeabkommens

Darüber hatten wir schon am Freitag diskutiert und dank Ralf Bendrath festgestellt, dass die Abwesenheit eines Rechtshilfeabkommens für den Zugriff auf Cloud-Daten von EU-Bürger/innen, auch wenn in einer zukünftigen Datenschutzgrundverordnung explizit festgeschrieben, höchstens EU gegen US-Recht stehen lassen würde. Es ist anzunehmen, dass ein US-Unternehmen eher US-Recht und damit Geheimdiensten dienen würde, weil in Europa höchstens Sanktionen drohen. Auf der anderen Seite kann die Erfordernis eines solchen Abkommens Öffentlichkeit schaffen. À la: “Seht her, Staaten und Unternehmen machen das, obwohl ein Rechtshilfeabkommen notwendig ist.”  Einen solchen Vorschlag machen mehrere Abgeordnete, z.B. Cornealia Ernst (Linke):

Änderungsantrag 2491: Artikel 43a

Datentransfers, die nicht im Einklang mit dem Unionsrecht stehen

1. Urteile von Gerichten und Entscheidungen von Verwaltungsbehörden eines Drittstaats, die von einem für die Verarbeitung Verantwortlichen oder Auftragsverarbeiter verlangen, personenbezogene Daten weiterzugeben, werden nur auf der Grundlage von und im Einklang mit einem Abkommen über Amtshilfe oder einem zwischen dem ersuchenden Drittstaat und der Union oder einem Mitgliedstaat geltenden internationalen Übereinkommens anerkannt und vollstreckt. [...]

Einbindung und Schutz von Whistleblowern

Verschiedene Abgeordnete haben Änderungsanträge formuliert, die den Umgang mit Hinweisen von Informantinnen über Datenschutzvergehen regeln und sie zugleich schützen sollen.

Als Verpflichtung für die europäische Datenschutzaufsichtbehörde, vorgesehen bei der spanischen Sozialistin Carmen Romero López (ebenso ihr Änderungsantrag 2604):

Änderungsantrag 2748: Artikel 66 – Absatz 1 – Buchstabe g a (neu)

ga) Festlegung von gemeinsamen Verfahren für den Erhalt und die Prüfung von Informationen im Zusammenhang mit Beschwerden über die unzulässige Verarbeitung personenbezogener Daten, für den Schutz von Hinweisgebern vor Repressalien und für die Wahrung der Vertraulichkeit der Quellen dieser Informationen in Fällen, in denen Hinweisgeber nach den  Rechtsvorschriften von Drittländern, die die Offenlegung der unzulässigen Verarbeitung personenbezogener Daten verbieten, gerichtlich belangt werden könnten;

Weiterhin schlägt Sophia in ‘t Veld vor, Informantenschutz in einem extra Legislativakt zu verankern:

Änderungsantrag 2950: Artikel 79 – Absatz 7 c (neu)

7c. Die Kommission hat einen Legislativvorschlag vorzulegen, in dem die Bedingungen und Kriterien spezifiziert werden, um innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten dieser Verordnung den rechtlichen Schutz von Informanten sicherzustellen.

Whistleblowing kann man natürlich auch anreizen:

Änderungsantrag 2637: Artikel 53 – Absatz 4 a (neu)

4a. Die Aufsichtsbehörde zahlt Informanten, die Informationen über eine mutmaßliche rechtswidrige Verarbeitung liefern, eine Belohnung in Höhe von bis zu 20 % der Geldbuße nach Absatz 4, die infolge von Ermittlungen auf der Grundlage der erhaltenen Informationen verhängt wurden. Die Verfahren zur Auszahlung der Belohnung schützen die Identität des Informanten vor Offenlegung und sehen Bestimmungen für Zahlungen an anonyme Informanten vor.

Inwiefern dieser Vorschlag von Cornelia Ernst praktikabel ist, bleibt eine andere Frage. Informanten wie Edward Snowden brauchen eher politisches Asyl als Belohnungszahlungen. Fest steht: Whistleblower brauchen Schutz und keine Bestrafung.

Keine Mehrheiten gegen Überwachung?

Einige konkrete Handlungsoptionen liegen also allein im Rahmen der Datenschutzverordnung auf dem Tisch. Diese versprechen natürlich keinen vollständigen Schutz vor Programmen wie PRISM, können aber für Transparenz und Politisierung beim Thema Überwachung sorgen.

Oben sind die Namen verschiedener Abgeordneter gefallen – Konservative waren nicht dabei. Auch Sophia in ‘t Velds Position entspricht nicht dem Konsens der liberalen Fraktion im Europäischen Parlament. Zudem müsste auch der Ministerrat bei solchen Vorschlägen mitmachen. Aber hier bitten wir wohl die Böcke zum Gärtnern.

Bei den Abgeordneten des Europäischen Parlaments könnt ihr ja mal nachfragen, warum sie z.B. Whistleblowerschutz nicht für wichtig halten. Die finalen Verhandlungen zur Datenschutzgrundverordnung finden jetzt statt.

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June 03 2013

Vom Daten- zum Lobbyschützer: Die wundersame Wandlung des Axel Voss

„Die Menschen sollen das Recht haben zu entscheiden, wie viel von ihren persönlichen Daten sichtbar sein soll.“ So klang der Europaparlamentarier Axel Voss (CDU) kurz vor Annahme der „Entschließung des Europäischen Parlaments vom 6. Juli 2011 zum Gesamtkonzept für den Datenschutz in der Europäischen Union“, für die er Berichterstatter war (Voss-Bericht).

[Das Europäische Parlament] fordert die Kommission auf, bestehende Grundsätze und Bestandteile auszubauen, wie etwa Transparenz, Datensparsamkeit, Zweckbindung, die vorherige und ausdrückliche Zustimmung in Kenntnis der Sachlage, die Meldung von Verstößen gegen die Datensicherheit und die Rechte der betroffenen Personen, wie sie in der Richtlinie 95/46/EG dargelegt sind, wobei ihre Umsetzung in den Mitgliedstaaten verbessert wird, insbesondere im Hinblick auf das globale Online-Umfeld.

Wir schreiben das Jahr 2013. Der Kommissionsvorschlag wird in den zuständigen Ausschüssen des Europäischen Parlaments diskutiert und überarbeitet. Die meinungsgebenden Ausschüsse haben mit konservativ-liberalen Mehrheiten Stellungnahmen erarbeitet, die alle auf Schwächung statt Stärkung des Kommissionsentwurfs hinauslaufen.

Die finale Abstimmung im federführenden Innenausschuss (LIBE) steht kurz bevor. Das Europäische Parlament bestimmt hier seine Position zum europäischen Datenschutz für die nächsten Jahrzehnte. Voss, Schattenberichter der Konservativen im LIBE-Ausschuss für das Dossier, hat seine Änderungsvorschläge zur finalen Abstimmung vorgelegt und verhandelt auf deren Grundlage über Kompromisse mit den anderen Fraktionen. Vom ambitionierten Voss-Bericht sind diese wirtschaftsfreundlichen Vorstellungen von Datenschutz weit entfernt. Voss ist umgeknickt wie ein Grashalm im Wind.

„Pseudonyme“ Daten brauchen keinen Schutz?

Das trojanische Pferd in Voss´ Änderungsanträgen sind weitreichende Ausnahmen für pseudonyme Daten, wie sie auch in diesem Lobbypapier von Yahoo vorgeschlagen werden.

Pseudonymisierung bezeichnet unterschiedlichste Techniken, mit denen versucht wird, Daten nur in Kombination mit anderen Daten identifizierbar zu machen. Meist geht es darum, den Klarnamen durch eine Nummer o.ä. zu ersetzen. Dies ist ein gängiges Verfahren bei der Datenverarbeitung, das meist weniger aus Sicherheits- denn aus Effizienzgründen angewandt wird. Eine andere Möglichkeit ist das generelle Auftreten unter Pseudonym, etwa in sozialen Netzwerken. Letzteres ist eine durchaus sinnvolle Sicherheitsmaßnahme – mehr nicht. Pseudonyme Daten sind personenbezogene Daten.

Voss sieht das nicht so. Die Zustimmung zur Verarbeitung meiner Daten wäre mit Voss´ Vorschlägen nicht mehr notwendig. Es bestünde immer ein „berechtigtes Interesse“ zur Erhebung und Verarbeitung seitens des Datenverarbeiters (AM 67*). Auch die „Verarbeitung personenbezogener Daten, aus denen die Rasse oder ethnische Herkunft, politische Überzeugungen, die Religions- oder Glaubenszugehörigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft hervorgehen, sowie von genetischen Daten, Daten über die Gesundheit oder das Sexualleben oder Daten über Strafurteile oder damit zusammenhängende Sicherungsmaßregeln“, erlaubt Voss ohne Einwilligung, solange diese „pseudonymisiert“ wird (AM 85).

Auch wichtige Betroffenenrechte existieren in Voss’ Vorschlägen nicht mehr, solange es sich nur um pseudonyme Daten handelt. Recht auf Information, Auskunft (enthält Datenportabilität), Korrektur und Löschung meiner Daten? Gibt´s nicht! Die sind doch „pseudonym“ (vgl. AM 103, 113, 115, 119).

Des Weiteren ist Profiling in Voss’ Änderungsanträgen ohne Zustimmung der Betroffenen erlaubt (AM 131), solange dies mit pseudonymisierten Daten geschieht. Profiling bedeutet, Informationen über Personen zu sammeln und zu analysieren, um Annahmen über sie und ihr zukünftiges Verhalten zu machen (z.B. Kreditwürdigkeit).

Doch, brauchen sie!

Herr Voss, warum soll ich, auch wenn ich soziale Netzwerke ohne meinen Klarnamen nutze, keinerlei Betroffenenrechte mehr haben? Warum soll ich gegenüber Marketingfirmen, die mir im Datenberg eine Nummer zugewiesen haben und mich profilen, nicht meine Rechte geltend machen dürfen?

Solange ich von anderen unterschieden und deswegen anders behandelt werden kann, ist mein Name egal. Gerade online spielt das eine große Rolle, wenn etwa Algorithmen bestimmen, dass ich als vermeintlich wohlhabende Applenutzerin, mehr als andere beim Interneteinkauf zahlen muss.

Ob der Klarname von vornherein nicht auftaucht oder während der Datenverarbeitung von den restlichen Datensätzen getrennt wird, ist egal: Die Aggregation schon weniger Daten macht identifizier- und unterscheidbar. Für Dritte, die ja laut Voss ebenfalls „berechtigte Interessen“ haben können (s.u.), sind jegliche Datensammlungen Gold wert, da sie mit bestehenden korreliert werden können (Stichwort: Big Data).

So wie Voss´ Änderungsanträge formuliert sind, könnte im schlimmsten Fall fast die gesamte Datenschutzverordnung umgangen werden. Denn, wo werden Daten zur effizienteren Verarbeitung nicht „pseudonymisiert“ und fallen damit unter die erwähnten Ausnahmen, die Datenschutz im Kern ausmachen?

Datenerhebung ohne zu fragen: Auch für Dritte, Behörden und Three Strikes

Zudem soll nach Voss das berechtigte Interesse auch für Dritte gelten. Wissen und Kontrolle über die Verbreitung persönlicher Daten wären somit passé. Wenn ich Daten an ein Unternehmen gebe, hätte es also immer das Recht diese an drittes Unternehmen weiterzugeben. Das gilt solange die beteiligten Firmen von ihrem berechtigten Interesse überzeugt sind und die Betroffenen nicht das Gegenteil beweisen.

Berechtige Interessen Dritter können Einfallstor für die Privatisierung der Rechtsdurchsetzung durch Rechteinhaber (etwa Plattenfirmen) und Internetprovider sein, wie sie im Mittelpunkt der Kritik des gescheiterten ACTA-Abkommens standen. Rechteinhaber können ohne Zustimmung der Nutzerinnen und Nutzer erfassen lassen, ob sie vermeintlich urheberrechtlich geschützte Werke illegal konsumieren und weitergeben und durch die Internetprovider Warnungen bis hin zu Internetsperren verhängen lassen. Im Klartext heißt das: Die Überwachung des Internetverkehrs würde legalisiert.

Behörden haben in Voss’ Vorschlägen immer ein berechtigtes Interesse zur Datenverarbeitung. Die Aufregung um den gescheiterten Entwurf des deutschen Meldegesetzes, das die Weitergabe an Adress- und Inkasso-Unternehmen ohne Zustimmung der Betroffenen erlauben sollte, hat Voss scheinbar ignoriert.

Vorschläge mit verheerenden Auswirkungen

Der Autor des Voss-Berichtes ist in diesen Änderungsanträgen nicht mehr wieder zu erkennen. Seine Änderungsanträge zeugen von fehlender Kenntnis darüber, wie Daten im digitalen Zeitalter erhoben und ausgewertet werden können – und welches Machtpotenzial sie bergen.

In diesem Zusammenhang stimmt nachdenklich, dass Voss bekennender Befürworter präventiver staatlicher Datensammlung ist. Er unterstützt ausdrücklich die anlasslose Vorratsdatenspeicherung von Telekommunikations- und Passagiergastdaten. Die Symbiose von staatlicher und privater Überwachung beschäftigt uns dieser Tage immer häufiger. Es sind Politiker wie Voss, die den Paradigmenwechsel zum „Surveillance by Design“ vorantreiben. Ob bewusst oder unbewusst spielt dabei keine Rolle.

2011 war Voss’ Maxime, dass jede Person Kontrolle über ihre persönlichen Daten haben soll. Was bleibt davon in seinen Gesetzesvorschlägen? Fast nichts. Das Problem an der Datenschutzverordnung ist schon lange nicht mehr der verbesserungswürdige Kommissionsvorschlag. Das Problem sind unter massivem Lobbyeinfluss eingebrachte Änderungsanträge, die den Vorschlag ins Gegenteil verkehren und drohen, Datenschutz de facto abzuschaffen. Und nein, es braucht nicht derlei grundrechtsgefährdende Änderungsvorschläge, damit Dienste „kostenlos“ bleiben.

*Die Nummern der Änderungsanträge (Amendments) beziehen sich zur besseren Übersicht auf das verlinkte Dokument von Axel Voss und entsprechen nicht den offiziellen Nummern der LIBE-Änderungsganträge.

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May 31 2013

EU-Datenschutzreform: Für den Markt oder für uns?

Dieser Kommentar erschien zuerst am 31.05.2013 in neues deutschland. Wir spiegeln ihn an dieser Stelle inklusive Links.

In Brüssel entscheidet sich dieser Tage die Zukunft unseres Datenschutzes. Parlament und Ministerrat arbeiten an ihren finalen Positionen zum Vorschlag der Europäischen Kommission für eine Datenschutzgrundverordnung. Diese soll die geltende Datenschutzrichtlinie von 1995 ablösen. Vor der Sommerpause wollen Rat und Parlament jeweils abstimmen, um dann in die Dreiecksverhandlungen mit der Kommission zu gehen. Ein Blick auf den Verhandlungsstand zeigt: Obwohl es hier um ihr Grundrecht geht, blieben die Stimmen der Bürger bislang ungehört. „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“, versuchen Lobbyisten den Volksvertretern im Parlament und Ministerrat beizubringen – mit Erfolg.

Der Kommissionsvorschlag erfuhr wirtschaftsfreundliche Änderungen, schon bevor er das Licht der Welt erblickte. Die Höchststrafe für Datenschutzvergehen fiel kurze Zeit vor der Veröffentlichung des Vorschlags von fünf auf zwei Prozent des weltweiten Jahresumsatzes der Unternehmen. Der Vorschlag, den die Kommission Anfang 2012 vorstellte, ist trotzdem solide. Er orientiert sich an bestehenden europäischen Datenschutzregeln, denen es vor allem an einheitlicher Durchsetzung mangelt. So verstecken sich Facebook und Google hinter der laxen irischen Interpretation der geltenden Richtlinie. Der Wechsel des Instruments von der Richtlinie zur Verordnung soll das ändern: Die Datenschutzgrundverordnung wird wortgleich in allen Mitgliedstaaten der EU gelten. Wir Bürgerrechtler sind mit dem Kommissionsvorschlag weitgehend zufrieden. Nachbesserungen müssen natürlich sein. Einige neue Ideen begrüßen wir, zum Beispiel das Recht auf Datenmitnahme. Ein soziales Netzwerk zu verlassen und samt persönlicher Daten zu einem besseren Anbieter zu wechseln, würde möglich.

Aber von Verbesserungen am Kommissionsvorschlag sind wir heute weit entfernt. Was aus den Verhandlungen im Parlament und Ministerrat an die Öffentlichkeit dringt, ist besorgniserregend. Einige konservative und liberale Abgeordnete haben Vorschläge der Wirtschaftslobby eins zu eins in Ausschussabstimmungen eingebracht. Auch in den Verhandlungsdokumenten des Ministerrats finden sich Änderungsvorschläge, die den Kommissionsvorschlag ins Gegenteil verkehren. Diese Vorschläge kommen nicht nur von Amazon, Facebook und Co. Auch die Kredit- und Versicherungsindustrie, Direktmarketingverbände und sogenannte Scoring Dienste, die Aussagen etwa über unsere Bonität treffen, wollen noch mehr vom Datenkuchen bekommen. Ihre Vorschläge schaffen Schlupflöcher, die Unternehmen von vielen Teilen des Gesetzes befreien würden. Die Zusammenführung und Weitergabe unserer Daten von sozialen Netzwerken an Versicherungen und weiter zum Arbeitgeber bliebe kein böser Traum mehr.

Das Verhalten einiger Volksvertreter schadet nicht nur dem Datenschutz, sondern der Demokratie. Bei ihren Bürgern ist die EU ohnehin nicht für Transparenz und Mitbestimmung bekannt. Gegen die Vielzahl von Lobbyisten sind die wenigen Bürgerrechtsorganisationen im Nachteil. Auch unsere Aufrufe zur Bürgerbeteiligung verhallen bislang weitgehend ungehört. Viele Menschen, die im vergangenen Jahr das gefährliche Freihandelsabkommen ACTA zu Fall gebracht haben, zeigen wenig Interesse an der Datenschutzreform. Dabei ist diese für ein freies und offenes Internet genau so wichtig! Im Gegensatz zu ACTA müssen wir die Datenschutzreform nicht verhindern, sondern mitgestalten. Es geht nicht um Ja oder Nein, sondern um 100 Seiten Gesetzestext. Empörung kann dennoch ein guter Auftakt sein. In der gegenwärtigen Dateneuphorie braucht es ein Korrektiv. Die Deregulierung des Finanzsektors ist uns 2008 auf die Füße gefallen. Beim Datenschutz sollten wir die gleichen Fehler nicht wiederholen.

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May 28 2013

Führender Industrieverband ehrt EU-Abgeordneten für industriefreundliches Handeln – netzpolitik.org gratuliert

Das Interactive Advertising Bureau (IAB) Europe hat den EU-Parlamentarier Séan Kelly (Irland Fine Gael Party) mit dem IAB Europe Award for Leadership and Excellence für seinen herausragenden Einsatz in den Verhandlungen zur Datenschutzgrundverordnung ausgezeichnet. IAB Europe vertritt über 5.500 Organisationen aus dem Bereich Onlinewerbung, Marktforschung und Analyse. Auch netzpolitik.org gratuliert Mr. Kelly und sagt Danke.

Danke für das wortgetreue Einbringen von Industrievorschlägen als Berichterstatter des meinungsgebenden Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie (ITRE). Diese industrienahe Handlungsempfehlung wird in Zukunft sicherlich eine große Hilfe sein. Besonders gefällt uns Mr. Kellys Vorschlag zur Ausweitung des berechtigten Interesses auf Drittparteien, der u.a. eine wirksame Verfolgung von Urheberrechtsvergehen durch ein Three Strikes-Verfahren ermöglichen könnte.

Wir hoffen, dass sich sein deutscher Kollege Axel Voss (CDU) bei den finalen Datenschutz-Verhandlungen im Innenausschuss ein Beispiel an Mr. Kelly nimmt. Viele Änderungsanträge für diese entscheidende Positionierung des Europäischen Parlaments bringen die beiden gleich gemeinsam ein. Gut so! Vielleicht darf Herr Voss ja schon im nächsten Jahr den Preis entgegennehmen. Über ermunternde Zuschriften, die ihn auf diesem Weg begleiten, würde er sich sicher freuen.

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ORF Digital.Leben über die EU-Datenschutzreform und unseren Leak aus dem Rat

ORF Digital.Leben hat gestern anschaulich über unseren Leak des Verhandlungsstands im Ministerrat berichtet. Der kurze Beitrag schafft es ganz gut, die aktuellen Entwicklungen und das große Ganze der komplizierten Datenschutzverordnung unter einen Hut zu bringen. Hörempfehlung, auch wenn Fokus und Sprache etwas österreichisch sind. Hier das MP3 zum Nachhören.

Wild umkämpft –Die Novelle zur EU-Datenschutzverordnung in der heißen Phase
Gestaltung: Julia Gindl
Moderation und Redaktion: Franz Zeller

Die Novelle zur EU-Datenschutzverordnung befindet sich in der entscheidenden Phase, wenn auch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Bereits Anfang 2012 hat die Kommission den Gesetzesentwurf vorgestellt, der die Datenschutzrichtlinie aus dem Jahr 1995 endlich ersetzen und für einen einheitlichen und starken Datenschutz in ganz Europa sorgen soll.

Wie stark das Gesetz tatsächlich sein wird, ob es Daten europäischer Bürger vor der Datensammelwut amerikanischer Konzerne schützen kann, die Netzkonsumenten der Datenweitergabe zustimmen können und ob Unternehmen zukünftig bei Datenschutzverstößen hohe Strafen zahlen müssen – darüber wird in Brüssel noch eifrig diskutiert: einerseits im Innenausschuss des Europäischen Parlaments (LIBE) – der Ausschuss verfasst den Datenschutzentwurf und muss an die 4.500 Änderungsanträge einarbeiten, andererseits im Ministerrat der Europäischen Union, der bei der Gesetzgebung auch ein Wörtchen mitzureden hat. Über Österreichs Position in Sachen Datenschutz, berichtet Julia Gindl.

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May 27 2013

Exklusiv: Wir veröffentlichen Verhandlungsstand der Datenschutzreform im Ministerrat – Minister schützen Markt, aber keine Daten

Die Innen- und Justizminister rütteln weiter an den Grundfesten der Datenschutzverordnung. Sowohl bei den Grundlagen wie der Definition personenbezogener Daten als auch bei Informationspflichten und Betroffenenrechten, schonen die Minister Unternehmen zu Ungunsten der Bürgerinnen und Bürger. Das geht aus einem Dokument der irischen Ratspräsidentschaft hervor, das wir an dieser Stelle exklusiv veröffentlichen.

Deutschland gehört nicht zu den schlimmsten Verwässerern der Reform. Von Innenminister Friedrichs Versprechen „strenger europäischer Datenschutzregeln“ merkt man jedoch auch nicht viel.

Zweifel an der Verordnung, Einigkeit bei Unternehmensfreundlichkeit

Das Dokument vom 6. Mai 2013 gibt den Verhandlungsstand im Ministerrat zu den Kapiteln I-IV des Kommissionsvorschlags wieder. Diese umfassen u.a. die Grundprinzipien der Verordnung (Definitionen, Vorschriften zur Datenerhebung), die Rechte der Betroffenen gegenüber den Datenverarbeitern und die Pflichten Letztgenannter.

Absender ist die irische Ratspräsidentschaft, die auf Basis des Diskussionsstandes im Rat Änderungsvorschläge an der Verordnung zur Diskussion stellt. Aufgrund der Uneinigkeit im Rat wimmelt es in dem Papier von Fußnoten, die Vorbehalte und Änderungswünsche der Mitgliedsstaaten dokumentieren.

Das Papier ergänzt sich mit dem Leak aus dem Ministerrat, den wir jüngst verbloggt haben. Bei diesem handelte es sich um die wenigen Punkte, in denen scheinbar weitgehende Einigkeit zwischen den Staaten bestand.

Das uns nun vorliegende Dokument zeigt, dass Einigkeit über den Kommissionsvorschlag im Ministerrat eher die Ausnahme ist. Die Mitgliedsstaaten machen Vorbehalte über Vorbehalte geltend. Einige, darunter das der Verordnung seit jeher feindlich gesinnte Vereinigte Königreich, zweifeln immer noch am Instrument der Verordnung und wollen lieber eine Richtlinie, die das derzeitige Durchsetzungsdefizit im europäischen Datenschutz aufrecht erhalten würde.

Wie der österreichische Journalist Erich Moechel schreibt, geraten „Länder mit vergleichsweise starken Datenschutzgesetzen wie Deutschland oder Österreich ziemlich in die Defensive“ bei den Ratsverhandlungen. Das kann jedoch keine Ausrede sein. Im Gegenteil: Deutschland sollte im Rat offensiver für eine starke Datenschutzverordnung eintreten. So lesen wir bei den von der irischen Präsidentschaft vorgeschlagenen neuen Einleitungsworten zur Verordnung nichts von einem deutschen Vorbehalt:

Um das Funktionieren des Binnenmarkts zu gewährleisten, ist es erforderlich, dass der freie Fluss personenbezogener Daten zwischen den Mitgliedsstaaten durch den Schutz des Individuums betreffend die Verarbeitung dessen persönlicher Daten nicht beschränkt oder verboten wird.

Welcher europäische Binnenmarkt ist hier gemeint? Gerade im Hinblick auf die derzeit kursierenden Zahlen in industrienahen Studien, könnte der Eindruck entstehen, dass die Direktmarketingindustrie, Scoringdienste und Trackingnetzwerke die Lösung der wirtschaftlichen Probleme Europas oder irgendwie systemrelevant sind.

Definitionen und Grundprinzipien der Datenverarbeitung: Expertise ignoriert

Bei der Definition personenbezogener Daten, verschlimmbessern die Mitgliedsstaaten die Formulierungen der Kommission weiter. Besonders in Onlineumgebungen kommt es eben nicht auf eine wie auch immer geartete „Identifizierung“ der Person an. Entscheidend ist, dass ich in einer bestimmten Gruppe von anderen unterscheidbar bin. Das fordern Bürgerrechtsorganisationen genau so wie die europäischen Datenschützer der Artikel-29-Datenschutzgruppe – und zwar seit 2007.

Bei der Ausweitung des umstrittenen „berechtigten Interesses“, das Datenverarbeitung ohne Zustimmung erlaubt, wollen die Minister eine Ausweitung dieser Rechtsgrundlage auf Dritte, statt bzw. bevor sie die notwendige rechtssichere Begrenzung dessen vorschlagen. Dies unterstützt – in einer etwas anderen Formulierung – auch Deutschland. Wie ein Bericht der Bürgerrechtsorganisation Bits of Freedom zeigt, ist die Datenverarbeitung auf dieser Grundlage rechtlich undurchsichtig. Leidtragende sind die „Datensubjekte“, also wir.

Und ein weiteres Mal ignorieren die Minister datenschutzrechtliche Expertise. Bei der Zweckbindung der erhobenen Daten, führen sie zwar einen Katalog von Faktoren zur Abschätzung der Zweckbindung ein, ähnlich wie es auch die Artikel-29-Datenschutzgruppe in ihrer Stellungnahme dazu vorschlägt. Nur leider vergessen sie den Artikel Schlupfloch-Artikel 6(4), der durch diesen Faktorenkatalog ersetzt werden soll, zu löschen.

Rechte der Betroffenen und Pflichten der Datenverarbeiter: Bloß nicht die Industrie belasten

Umstritten unter den Ministern sind auch die Informationspflichten der Datenverarbeiter gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern sowie das Recht auf Datenportabilität, einer der innovativeren Kommissionsvorschläge, der helfen könnte, sogenannte Lock-in-Effekte zu überwinden. Damit würde es etwa möglich, seine Daten von einem Anbieter zum anderen mitzunehmen, etwa von Twitter zu app.net. Sowohl bei den Informationspflichten als auch beim Recht auf Datenportabilität machen sich die Minister sorgen über die Umstände und Kosten, die das bei den Unternehmen verursachen könnte – auch Deutschland. Das Recht auf Datenportabilität betrachten viele Staaten generell nicht als Sache des Datenschutzrechtes – ein guter Vorwand, um es erst mal abzuschmettern. Und natürlich ist man auch um Geschäftsgeheimnisse und geistiges Eigentum besorgt.

Einer der gefährlichsten und absurdesten Textvorschläge: Die sogenannte „Benachrichtigung der betroffenen Person von einer Verletzung des Schutzes ihrer personenbezogenen Daten“, also die Kommunikation von Datenlecks, soll nicht nötig sein, solange der Datenverarbeiter Maßnahmen wie Pseudonymisierung und Verschlüsselung getroffen hat. Der Glaube an technischen Fortschritt und Innovation hat die Minister wohl ausgerechnet hier verlassen. Ein Datenleck ist natürlich auch bei pseudonymen Daten gefährlich. Bei Verschlüsselungen ist die Entschlüsselung nur eine Frage der Zeit. Aber, wenn die Daten fließen ist das ja gut für den Binnenmarkt.

Einmischen!

Der Rat setzt seine unternehmensfreundliche Linie beim Datenschutz fort. Dies geschieht im Sinne von Marketing- und Scoringdiensten, die zu deren Geschäft vor allem, pseudonymisierte Daten gehören, wie Erich Moechel in seiner Analyse des Dokuments betont. Mit der Argumentation pseudonyme Daten, sind keine personenbezogenen Daten, wollen diese Datenschutzregeln unterlaufen. Der Ministerrat fügt sich und schafft Ausnahmen für diese „Datenklasse“ (siehe u.a. Definitionen, Benachrichtigungspflicht). „Pseudonyme Daten dürfen nicht das Trojanische Pferd in der Datenschutzverordnung werden”, mahnte Justizkommissarin Viviane Reding im März wohlweislich an.

Die Idee einer europaweiten Durchsetzung starken Datenschutzrechts behagt den meisten Mitgliedsstaaten wenig. Ähnliche Tendenzen zeichnen sich bei den parallel laufenden Verhandlungen im Europäischen Parlament ab. Das ist nicht ACTA, aber genau so wichtig. Derzeit laufen Aktionen, die sich sowohl an Innenminister Friedrich als auch das Europäische Parlament richten. Letzteres ist erfahrungsgemäß leichter zu beeinflussen. Also nehmt euch ein paar Minuten für euren Datenschutz und kontaktiert eure Volksvertreter/innen in Berlin und Brüssel.

Diese erste spontane Einschätzung der 106 Seiten und 299 Fußnoten freut sich über Ergänzungen in den Kommentaren.

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May 21 2013

Nicht ACTA, aber genau so wichtig: Entscheidung über EU-Datenschutzreform fällt jetzt

In den letzten Tagen ist uns immer wieder aufgefallen, dass sowohl Netzbewegte als auch Journalistinnen und Journalisten den Anschluss an die Vorgänge rund um die EU-Datenschutzreform verloren haben – und natürlich auch Sascha Lobo(s Mutter). Dabei wird es gerade spannend: Das Europäische Parlament und die zuständigen Minister basteln momentan an eurem Datenschutz für die nächsten 20 Jahre. Bis zur Sommerpause wollen sie über ihre Positionen abstimmen. Wer sich einbringen will, muss das jetzt – während der Verhandlungen – tun. Am Tag der Abstimmung ist es schon zu spät.

Datenschutzreform: Was ist das noch mal?

Die Datenschutzreform besteht aus einer Richtlinie für den Polizei- und Justizbereich sowie aus einer Verordnung für Unternehmen und Behörden, die nichts mit Strafverfolgung zu tun haben. Die Verordnung wird im Wortlaut in allen 27 Mitgliedsstaaten gelten. Sie ist zurecht Dreh- und Angelpunkt der Debatte, da sie den Schutz eurer Daten (nicht nur) im Netz für die nächsten ca. 20 Jahre regeln wird. Worum, es inhaltlich geht hat der Digitale Gesellschaft e.V. hier zusammengefasst. Wem das mit Verordnung, Richtlinie und Co. zu schnell ging, dem seien die 10 Fragen und Antworten zur Datenschutzreform ans Herz gelegt.

Warum ist das wichtig?

Adresshändler sammeln die Adressen von Minderjährigen und schaffen ein Einfallstor für zudringliche Werbung und Hausbesuche. Google erstellt seit der illegalen Änderung seiner Geschäftsbedingungen auf Basis der Daten, die wir ununterbrochen bei seinen circa 60 Diensten hinterlassen, Persönlichkeitsprofile. Facebook löscht Daten einfach nicht, auch wenn wir es verlangen.

Das sind nur wenige Beispiele für unzureichende bzw. unzureichend durchgesetzte europäische Datenschutzgesetze. Mit der zunehmenden Vernetzung der Welt geht eine Goldgräberstimmung in Sachen datenbasierter Geschäftsmodelle einher. Zustimmung zur Datenverarbeitung, Zweckbindung der erhobenen Daten oder gar Löschung von Daten passen nicht dazu. Und natürlich finden auch Staaten diese Datenberge interessant. Dumm nur, dass Datenschutz Grundrecht ist und kein Mensch sich gerne beobachten lässt.

Wirtschaftliche Interessen sind nicht per se schlecht und Datenschutz muss kein Widerspruch zu ihnen sein. Jedoch sollten sie reguliert werden. Das wissen wir spätestens seit der Bankenkrise.

Überzeugt: Wo kann ich anfangen?

Die Europäische Kommission hat ihre Vorschläge zur Datenschutzreform im Januar 2012 vorgestellt. Jetzt arbeiten sich die Innen- und Justizminister der Mitgliedsstaaten (Ministerrat) sowie das Europäische Parlament daran ab. Wenn sie bis zur Sommerpause ihre Vorschläge abgestimmt haben, setzen sie sich mit der Kommission an einen Tisch und einigen sich auf euren neuen Datenschutz. Die Kommission hat eine akzeptabel starke Meinung zum Datenschutz. Der Ministerrat nicht. Beim Parlament ist das noch offen. Da es nicht ohne den Rat geht, muss der Vorschlag des Parlaments stark ausfallen. Der Rat wird noch genug Kompromisse erzwingen, die zulasten des Datenschutzes gehen.

Allerdings arbeitet der Ministerrat traditionell intransparent und ist eher schwer zu beeinflussen. Innenminister Friedrich auf die Füße zu treten, kann trotzdem nichts schaden. Besser ihr wendet euch an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

Das Europäische Parlament: Was läuft da?

Die Abgeordneten des Europäischen Parlaments haben bereits einige Abstimmungen zur Datenschutzverordnung hinter sich. Diese Abstimmungen der sogenannten meinungsgebenden Ausschüsse sind – bei diesem Lobbyansturm kaum verwunderlich – sehr wirtschaftsfreundlich ausgefallen, auch wenn es am Ende etwas besser wurde. Teilweise wurden Lobbyvorschläge 1:1 übernommen, die Grundprinzipien wie die Zustimmung zur Datenverarbeitung einfach aushebeln wollen. Das Projekt LobbyPlag hat das sehr anschaulich dargestellt.

Derzeit verhandelt der federführende Innenausschuss (LIBE) über Kompromisse, da über 3.000 Änderungsanträge eingereicht wurden, über die – ohne Bündelung und Vorauswahl – nicht sinnvoll abgestimmt werden könnte. Das machen der Berichterstatter und die Schattenberichterstatter/innen. Aber auch die anderen Mitglieder des LIBE-Ausschusses sind einflussreich – schließlich müssen sie den Kompromissen am Ende zustimmen. Die finale Ausschussabstimmung, mit der das Parlament seine Position festlegt, soll noch vor der Sommerpause stattfinden.

Achtung: Ihr dürft euch nicht bis zum Sommer zurücklehnen. Die Kompromisse werden jetzt gemacht. Hier geht es nicht um ein Ja oder Nein. Wenn der LIBE-Ausschuss zur Abstimmung geht, hat er sich bereits geeinigt.

Wer hat welche Positionen im LIBE-Ausschuss?

Berichterstatter für die Datenschutzgrundverordnung ist Jan Philipp Albrecht (Grüne). Er leitet die Kompromissverhandlungen. Er hat eine Stellungnahme zur Verordnung vorgelegt, die immerhin nicht hinter den Kommissionsvorschlag zurückgeht. Die Mehrheitsverhältnisse und die inhaltliche Stoßrichtung im Ausschuss steht allerdings gegen Albrecht.

Schattenberichterstatter für die Konservativen sind der deutsche Europaparlamentarier Axel Voss (CDU) und der Brite Timothy Kirkhope. Die konservativen Änderungsanträge erlauben die Datenverarbeitung ohne Zustimmung auf Basis des „berechtigten Interesses“. Ein „berechtigtes Interesse“ dürfen auch Dritte haben und eure Daten zu einem anderen Zweck weiter benutzen. Was hat das mit Datenschutz zu tun? Nichts. Ohne eure Kontrolle dürften eure Daten also munter von Unternehmen zu Unternehmen gereicht werden. Ohne zu übertreiben scheint es, als würden die Konservativen am industriefreundlichsten verhandeln.

Ebensolche Ideen unterstützt auch die liberale Schattenberichterstatterin Sarah Ludford, die derzeit anstelle von Alexander Alvaro (FDP) verhandelt. Wenn die Liberalen so weiter verhandeln, verspielen sie ihr Image als Bürgerrechtspartei. Jedoch sind die Positionen nicht bei allen festgefahren. Es gibt noch Bürgerrechtler/innen unter ihnen und damit das Potenzial, die Fraktion zumindest zu spalten.

Die Sozialdemokraten im Europäischen Parlament werden durch Dimitrios Droutsas vertreten. Ihre Positionen sind respektabel, jedoch sollten wir die Sozialdemokraten daran erinnern, auch für diese zu kämpfen.

Eine Analyse der bedrohlichsten Änderungsvorschläge, die auf dem Tisch legen, liefert ein Bericht europäischer Bürgerrechtsorganisationen.

Und jetzt? Action!

Ihr solltet euch also vor allem an die liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Abgeordneten im LIBE-Ausschuss wenden. Eine Liste der deutschen Abgeordneten im LIBE-Ausschuss findet ihr hier. Auf der europaweiten Kampagnenseite nakedcitizens.eu könnt ihr ihnen eine Postkarte oder eine Mail schicken. Oder einfach mal anrufen. Argumente findet ihr auf den Datenschutzseiten des Digitale Gesellschaft e.V. oder gebündelt in englischer Sprache bei European Digital Rights. Auch auf netzpolitik.org haben wir schon einiges zum Thema geschrieben. Erzählt euren Freunden von der Datenschutzreform. Teilt das Kampagnenvideo in euren Netzwerken. Das ist nicht ACTA, aber genau so wichtig.

Wir wollen netzpolitik.org weiter ausbauen. Dafür brauchen wir finanzielle Unterstützung, auch um weiterhin einen Full-RSS-Feed anbieten zu können. Investiere in digitale Bürgerrechte.

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April 14 2013

April 08 2013

Morozov: EU-Datenschutzreform nimmt Google in die Pflicht, nicht aus dem Verkehr

In seinem lesenswerten Kommentar für die Financial Times schreibt Evgeny Morozov über Google und den europäischen Datenschutz. Er schreibt über das Verfahren europäischer Datenschutzbehörden gegen Googles Datenschutzbestimmungen, die mal eben die Daten aus circa 60 Diensten zusammenwarfen. Zudem kommt Morozov auf die Reform des europäischen Datenschutzes zu sprechen, über die das Europäische Parlament Ende Mai final abstimmt. Er macht noch einmal klar, dass niemand Googles Dienste per se verhindern will. Bei der Datenschutzverordnung geht es vor allem um Verantwortung der Unternehmen gegenüber den Nutzerinnen und Nutzern. Die einfache Frage, die es zu beantworten gilt: Was passiert eigentlich mit unseren Daten?

The European regulators are not planning to thwart Google’s agenda or nip innovation in the bud. This is an unflattering portrayal that might benefit Google’s lobbying efforts but has no bearing in reality. Quite the opposite: it is only by taking full stock of the revolutionary nature of Google’s agenda that we can get the company to act more responsibly towards its users.

Einige Unternehmen und ihre Abgesandten haben sich schon selbst eingeredet, dass mit der Datenschutzreform die Welt untergeht und wir zurück in die Internetsteinzeit müssen. Leider glauben das auch viele konservative und liberale Abgeordnete, z.B. der deutsche CDU-Europaparlamentarier Axel Voss:

Die Frage der Nutzung von personenbezogenen Daten in der Werbewirtschaft muss differenziert abgewogen werden. Auf der einen Seite hat der Verbraucher den Wunsch nach kostenlosen Diensten, zugeschnittenem Service und innovativem Internet und auf der anderen Seite auch den Wunsch nach einem hohen Datenschutz. Sie schreiben mir Ihre Email wahrscheinlich auch von einem Emaildienst, der Ihnen kostenlos zur Verfügung steht?

Sehr strenge Regelungen für die Werbewirtschaft, die die Einwilligung des Verbrauchers benötigen, können z.B. zu kostenpflichtigen Emailkonten führen. Denn auch wenn es bisher nicht so wahrgenommen wird: Der Verbraucher “zahlt” kostenfreie Dienste mit der Möglichkeit der Anbieter zur Nutzung seiner Daten. Der Mehrwert werbefinanzierter Dienste wird auf ca. 40,- EUR pro Nutzer und Monat geschätzt. Ob im Gegenzug Nutzer bereit wären, 40,- EUR pro Monat für Online-Dienste zu bezahlen, erscheint mir sehr fraglich. Deshalb sollte man im Interesse des Nutzers einen noch ausgewogeneren Ansatz finden.

Quelle: abgeordnetenwach.de

Solange wir der Datenverarbeitung informiert zustimmen, wie es bei einem E-Maildienst der Fall ist, dürfen Anbieter auch nach der EU-Datenschutzverordnung immer noch alles machen. Es verändern sich vor allem ihre Verantwortlichkeiten gegenüber den Nutzerinnen und Nutzern, Herr Voss.

Leider denken viele EU-Abgeordnete so wie Voss und unterstützen deshalb Lobbywünsche, die sogar einen Rückschritt hinter unser aktuelles löchriges Datenschutzregime bedeuten. Es wird Zeit, die Abgeordneten aufzuklären. Derzeit laufen die Kompromissverhandlungen. Das heißt, die Abgeordneten in Brüssel müssen jetzt von uns kontaktiert werden.

Veranstaltungstipp: Evgeny Morozov spricht auf der re:publica 2013. Um Datenschutz(reform) wird es auf der re:publica auch gehen (munkelt man).

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