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September 26 2013

“The great switch-off”? Europol und Interpol orakeln vom Abschalten des Internet durch “Revolutionäre” und “Hacker”

Im Vorfeld der gestern zuende gegangenen, ersten gemeinsamen “Cybercrime-Konferenz” von Europol und der internationalen Polizeiorganisation Interpol in Den Haag hatte Europol das “Project 2020″ gestartet. Dabei handelt es sich um eine Studie, die mehrere Szenarien von Angriffen auf die Internet-Infrastruktur annimmt und entsprechende “Lösungen” präsentiert.

“Project 2020″ ist allerdings eine Allianz von Polizei und Sicherheitsindustrie: Zu den Teilnehmenden gehören Visa Europe, McAfee, CGI Canada, Atos, Cassidian, Digiware, Core Security Technologies und Trend Micro. Letztere zeichnet auch für einen merkwürdigen Werbe-Clip verantwortlich, der kürzlich veröffentlicht wurde:

Über die zunehmenden Möglichkeiten des polizeilichen Abhörens und Auswertens privater, digitaler Spuren im Internet schweigt sich das Werbevideo jedoch aus. Noch mehr Propaganda soll ab dem 1. Oktober auf dem Youtube-Kanal von Europol gezeigt werden.

Als weitere EU-Behörde ist die Europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA) beim “Project 2020″ an Bord, seitens der Polizei ist die City of London Police beteiligt. Vielleicht ist dies der Grund für das absurde Szenario, das dem “Project 2020″ zugrundeliegt: Das Ganze spielt sich in einem Phantasie-Staat namens “South Sylvania” ab. Ein weiteres Video orakelt von “massiven Cyberangriffen” und “The great switch-off”, also dem drohenden Abschalten des Internet in “South Sylvania” durch “Hacker” und “Revolutionäre”:

Angesichts derartiger Verschwörungs-Rhetorik sei daran erinnert, was der Europol-Chef dem EU-Parlament vorgestern eröffnete: Dass nämlich noch kein EU-Mitgliedstaat Europol ein Mandat zur Aufklärung des staatlichen Hackerangriffs (vermutlich aus Großbritannien) auf den belgischen Telekommunikationsdienstleister Belgacom erteilte.

Europol und Interpol gegen Anonymous

Nicht erst seit der Einrichtung seines neuen “European Cybercrime Centre” (EC3) geht Europol auch gegen Netzaktivismus vor: Zusammen mit der internationalen Polizeiorganisatiom Interpol hatte sich die Agentur beispielsweise an Razzien gegen vermeintliche Mitglieder des Anonymous-Netzwerks beteiligt. Bei Europol firmierte die Aktion als “Operation Thunder”, bei Interpol als “Operation Unmask”. Europol richtete damals ein internationales Treffen zu “Hacktivism” aus, um die verschiedenen Ermittlungsverfahren zu koordinieren und das weitere Vorgehen zu planen.

Überspitzt finden sich ähnliche Szenarien im fiktiven “South Sylvania” wieder:

Where hacktivism once contented itself with defacing or denying service on a website (DDoS), a new generation are engaged in tech-enabled destruction which appears to be motivated by anarchist as well as anti-corporate sympathies. Automation of some law enforcement functions has also inevitably attracted attempts by criminals to gather intelligence, manipulate data and obstruct access.

Jedoch geht es bei “Project 2010″ nicht allein um Hacktivism. “South Sylvania” soll ein Land darstellen, in dem weite Teile der Infrastruktur ins Digitale verlegt wurden:

Many of the citizen-facing government functions traditionally performed by personnel have now been entirely automated. These include voting (now entirely online), taxation, and some aspects of policing, in particular surveillance. Sensors and Radio Frequency Identification (RFID) track citizen movements, while advanced behavioural profiling helps intelligence operatives to identify individuals at risk of engaging in criminal or terrorist activity. Greater automation and artificial agency is exercising legal experts, as the question of whether computers and robots can be criminal agents becomes increasingly pertinent.

Es fehlen “langhaarige Geeks”

Offizielles Pic zum

Offizielles Pic zum “Project 2020″ – Es drohen Chaos und Revolution

Rettung gegen die Internet-Anarchie kommt von ehemaligen Abtrünnigen, nämlich jenen, die sich früher einer “Hacker Ethik” verschrieben hatten, sich nun aber in Ministerien von “South Sylvania” verdingen (“[...] a number of politicians who once espoused hacktivist ethics are now members of national governments as Ministers for Freedom of Information”).

Damit schließt sich der Kreis zum neuen “Interpol Global Complex for Innovation” (IGCI), den Interpol 2014 (analog zum EC3 von Europol) in Singapur einrichtet: Denn es fehlen die ehemaligen Hacker, die nun für die Polizei arbeiten wollen. Die Organisation sucht dafür seit letztem Jahr “langhaarige Geeks” (hierzu seien die Texte “Letzter Ausstieg Gewissen” des CCC bzw. bei netzpolitik “Hacken, Fressen und Moral” empfohlen).

Die nächste Episode von “Project 2020″ findet übrigens nächste Woche bei der ENISA statt, wenn dort die jährliche Konferenz “CERTs in Europe” ausgerichtet wird.

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May 29 2013

Hacktivist Jeremy Hammond bekennt sich zu Hack von Stratfor: “Ich tat, was ich für richtig halte.”

Jeremy Hammond. BIld: Jim Newberry. Lizenz: Creative Commons BY-NC 3.0.

Jeremy Hammond. Bild: Jim Newberry. Lizenz: Creative Commons BY-NC 3.0.

Der politische Aktivist Jeremy Hammond hat sich schuldig bekannt, in Computer des privaten US-amerikanischen Think Tank Stratfor eingedrungen zu sein. Seit 15 Monaten sitzt er in Haft, nun drohen ihm 10 Jahre Gefängnis und eine Millionenstrafe. Jeremy Hammond half dabei, das Konzept des “Hacktivismus” zu verbreiten – und saß bereits wegen ähnlicher Delikte im Gefängnis.

Nach dem Sommer von LulzSec (von Forbes-Reporterin Parmy Olson als Buch aufbereitet) wurde Weihnachten 2011 der private amerikanische Think Tank “Strategic Forecasting” Stratfor aufgemacht. Unter dem Label LulzXmas drangen Hacktivisten vom Label Anonymous in Stratfor-Server ein und kopierten E-Mails und Kreditkartendaten. Die Seite stratfor.com wurde defaced und mit dem Text des Essays Der kommende Aufstand versehen.

Die erbeuteten E-Mails wurden kurz darauf von WikiLeaks als Global Intelligence Files veröffentlicht.

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Wenig mehr als zwei Monate nach dem Hack wurde in Chicago der politische Aktivist Jeremy Hammond verhaftet. Er wurde verraten vom LulzSec-Hacker Sabu, der mit dem FBI zusammen arbeitete. Obwohl Hammond das Anonymisierungs-Netzwerk Tor verwendete, korrelierte das FBI einfach, zu welchen Zeiten sein Laptop sein WLAN verwendete mit den Zeiten, in denen sein Online-Nickname in Chatrooms war.

Nach 15 Monaten im Knast mit mehreren Wochen Isolationshaft hat Jeremy Hammond gestern zugegeben, Webseiten mit Anonymous aufgemacht zu haben, inklusive Stratfor:

Now that I have pleaded guilty it is a relief to be able to say that I did work with Anonymous to hack Stratfor, among other websites. Those others included military and police equipment suppliers, private intelligence and information security firms, and law enforcement agencies. I did this because I believe people have a right to know what governments and corporations are doing behind closed doors. I did what I believe is right.

Staatsanwalt Preet Bharara listet noch ein paar weitere Ziele:

During his guilty plea, HAMMOND also admitted his involvement in multiple additional hacks, including computer intrusions into the Federal Bureau of Investigation’s Virtual Academy, the Arizona Department of Public Safety, the Boston Police Patrolmen’s Association, and the Jefferson County, Alabama Sheriff’s Office.

Damit sieht sich Jeremy Hammond nun 10 Jahren Haft und 2,5 Millionen Dollar Strafzahlungen gegenüber. Das Urteil soll am 6. September gefällt werden.

Der 28-jährige Jeremy Hammond ist ein politischer Aktivist und “Hacktivist” aus Überzeugung. Bereits 2004 rief er auf der DefCon zu elektronischem zivilen Ungehorsam in Tradition des Electronic Disturbance Theater auf.

Wiederholt wurde er für Offline-Proteste verhaftet, darunter einen “Lärmprotest mit Trommeln” zum Parteitag der Republikaner, Reclaim the Streets Aktionen, einer Auseinandersetzung mit homophoben Demonstranten während dem Chicago Pride Parade, dem Protestieren gegen Nazis ohne Erlaubnis und der direkten Konfrontation mit Holocaustleugner David Irving.

HackThisZine6Jeremy Hammond machte direkten politischen Aktivismus aber auch im Internet ganz praktisch. Schon 2003 gründete er HackThisSite.org, einer Diskussions- und Bildungs-Community über Computer-Sicherheit. Im Kollektiv Hackbloc beteiligte er sich unter anderem an der Erstellung der selbst herausgegebenen Zeitschrift Hack This Zine.

Im März 2005 wurde er vom FBI durchsucht, weil er die Webseite der rechten Gruppe Protest Warrior (“Fighting the left… doing it right”) aufgemacht und defaced hatte. Auch hier erbeutete er Kreditkarten-Daten und kündigte an, damit an linke Gruppen zu spenden, was aber nie passierte. Dafür erhielt er zwei Jahre Haft und musste mehr als 5.000 Dollar an Protest Warrior zahlen. Wenige Tage eh er in den Knast ging, sagte er dem Chicago Magazine:

He bragged nervously about an ongoing hack that some friends were up to against the National Socialist Movement, a neo-Nazi group he had protested in Toledo in 2005. They were scanning the group’s e-mails and files looking for evidence of hate crimes; if they found anything, they were going to publicize it. He claimed he wasn’t involved and said he wouldn’t talk more about it-with good reason. It was pretty much the same stunt that was sending him to federal prison.

In einem lesenswerten Portrait im Rolling Stone aus dem letzten Dezember sagte sein Zwillingsbruder:

“There are two paths you take after you come out of prison,” says Jason Hammond. “Some people go straight and try to achieve the American dream, and others go, ‘Fuck it, the whole idea is bullshit, as is the system that created it,’ and they go in a more radical direction. And Jeremy took that path.”

Eine Soli-Gruppe vertritt die Forderung: Free Jeremy Hammond.

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February 05 2012

Zu Guttenbergs Homepage gehackt

Offenbar in Bezug auf die in der Netzgemeinde umstrittene Tortung Karl Theodor zu Guttenbergs am vergangenen Donnerstag wurde am Sonntagmorgen die Homepage des Ex-Wirtschafts- und Verteidigungsminister verunstaltet.

So erklärt sich der designierte Berater der EU-Kommisarin für die digitale Agenda Neelie Kroes zum neuen Bundeskuchenminister. Der im Quelltext der gehacketen Seite als Urheber genannte IT-Sicherheitexperte Stefan Esser streitet auf Twitter eine Beteiligung an dem Defacement ab.

Hier der auf der gehackten Homepage veröffentlichte Text:

Mit Freude geben wir bekannt, dass Karl-Theodor zu Guttenberg am heutigen Tag zum Bundeskuchenminister ernannt wurde.
In seiner Antrittsrede betonte er: “Ich werde dies mit all meinem Wissen und Gewissen ausüben und stehe den neuen Aufgaben positiv gegenüber welche mich begleiten werden. Als Bundeskuchenminister ist es meine Aufgabe, die Kuchengesetze der Bundesrepublik Deutschland zu wahren und dafür zu sorgen, dass wir auch weiterhin in Frieden essen können.”

January 06 2012

Besetzen Hacker den letzten Raum für gesellschaftliche Utopien?

Bereits am 28.12.2011 lief im Deutschlandradio Kultur das 30 Minuten lange Feature “Spieler, Störer, Grenzverletzer – Besetzen Hacker den letzten Raum für gesellschaftliche Utopien?” von Vera Linß.

Streben Hacker die Rolle einer fünften Gewalt an? In unserem Alltag sind sie jedenfalls ständig präsent. Ob spektakuläre Enthüllungen durch Wikileaks oder das Knacken von Datennetzwerken und Hardware: Fast täglich erreichen uns Meldungen über Hackeraktivitäten.

Davon gibt es eine MP3 und ein Transcript.

September 29 2011

Call for Applications: Hackathon im Europaparlament

Am 8. und 9. November findet in Brüssel der erste EU-Hackathon statt, für den man sich jetzt als Teilnehmer bewerben kann. Als Örtlichkeit konnte tatsächlich das Europaparlament gewonnen werden.

Mit der Wahl dieses Ortes soll die Symbolik, die “alte Welt” (EU-Institutionen und -Gesetzgeber) und die “neue Welt” (Internet & Hacker) zu vereinen. Das Europaparlament wird dadurch auch zum Vorreiter innovativer Legislative im Bereich der Digital Rights.

Ziel soll es sein, talentierte europäische Software-Entwickler an einen Tisch zu bekommen, um dann gemeinsam Code weiterzuentwickleln und Tools für Datenauswertung und -visualisierung zu schaffen. Das recht enge Zeitfenster von 24 Stunden wird 2 parallelen Tracks gewidmet, die beide Transparenz und Rechenschaft in der Informationsgesellschaft fördern sollen.

im ersten Track soll es um ein Tool zur Messung der Netzqualität und –neutralität im Mobilfunk gehen, im zweiten geht es um ein Visualisierungstool für öffentliche Daten.

Wir rufen alle Interessierten auf, sich am Call for applications zu beteiligen. Die Regeln sind hier veröffentlicht und hier geht es zur Bewerbung. In beiden Tracks gibt es je 3.000€ zu gewinnen.

Der Hackathon wird von Google und skype gesponsort und unter anderem von access now!, Open Rights Group und Digitale Gesellschaft e.V. unterstützt. Netzpolitik.org wird als Medienpartner berichten.

Wir Bitten um Weiterverbreitung dieses Aufrufs zur Beteiligung.

 

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July 19 2011

Fight the power! Hacken als Live-Spektakel in Echtzeit

Schöner Text von Dirk von Gehlen bei jetzt.de über die Umleitung von thesun.co.uk auf eine Fake-Meldung mit Murdochs-Tod, die letzte Nacht aus dem Umfeld von Lulzsec durchgeführt wurde: Fight the power! Hacken als Live-Spektakel in Echtzeit.

Ob man diese Form des Protests gut heißen mag oder nicht, sicher scheint: Die Nacht zum 19. Juli 2011 markiert einen wichtigen Schritt im Wachsen einer neuen Protest-Kultur im Internet. Und es wird nicht ausreichen, im Umgang damit auf die Unrechtmäßigkeit ihres Tuns zu verweisen.

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July 13 2011

Anonymous: Der lange Schatten von WikiLeaks

Erich Moechel schreibt auf fm4 über “Anonymous: Der lange Schatten von WikiLeaks”.

Der Umgang von Politik und Justiz mit der WikiLeaks-Affäre hat eine ganze Generation junger Hacker weltweit politisiert. Julian Assange mag vorübergehend kaltgestellt sein – aber seine Erben machen weiter.

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June 18 2011

Hacktivismus – Zukunft der politischen Aktion?

Auf DRadioWissen diskutierten heute im c’t Online Talk unser Andre Meister zusammen mit Jürgen Kuri mit Anne Roth und Jan-Keno Janssen über “Hacktivismus – Zukunft der politischen Aktion?”

Die Gruppierungen, die keine Vertreter und Chefs haben, aber in der Öffentlichkeit immer wieder mit wortstarken Statements zur Verkündung und Beschreibung ihrer Aktionen auftreten, scheinen so etwas wie Keimzellen oder erste Ausprägungen ganz neuer Aktionsformen zu sein. [...] Hacktivismus ist extrem wirksam – und als neue Entwicklung derzeit noch sehr öffentlichkeitswirksam. Er bietet einfachere Beteiligungsmöglichkeiten, als es selbst die Demo in der Hauptstadt für manche sein mag. Ist Hacktivismus also die Zukunft der politischen Organisation und Aktion derjenigen, die in der Informationsgesellschaft aufwachsen, derjenigen, die sich als sogenannte Digital Natives politisieren?

Die eine Stunde Diskussion ist sehr empfehlenswert und findet sich hier als MP3.

Grundlagen und HIntergrund zum Thema bietet u.a. die Doktor-Arbeit zu Hacktivism von Alexandra Samuel aus 2004 (PDF) und der re:publica – Vortrag von Gabriella Coleman über “Geek Politics and Anonymous”.

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December 16 2010

Zapp: Anonyme Massenblockade im Netz

NDR-Zapp hat gestern über “Anonyme Massenblockade im Netz” berichtet:

Schlagzeilen, egal zu welcher Stunde, macht er: Julian Assange. Seit der Chef von Wikileaks hunderttausende Geheimdokumente enthüllt hat, spaltet er die Welt in Freund und Feind. Die Freunde von Wikileaks tummeln sich vor allem im Internet. Dort ist eine gewaltige Solidaritätsbewegung entstanden. ZAPP über die Fans von Wikileaks und ihre Form des Protests.

Für den Beitrag bin ich zu meiner Meinung über DDos-Attacken als Protestform befragt worden und das Interview gibt inklusive Krächz-Stimme in voller Länge ebenfalls online:

December 08 2010

Die Arsenal des digitalen zivilen Ungehorsams

Linus hat heute hier im Blog die DDos-Angriffe gegen US-Unternehmen kommentiert, die aktuell die Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks reihenweise beenden. Ziel des Kommentares war, auch mal eine Diskussion anzustossen, ob solche Maßnahmen für digitalen Protest genutzt werden sollten. Eine (im Gegensatz zu den meisten Kommentaren im Originalpost) fundierte Gegen-Meinung dazu gibt es von John F. Nebel von metronaut.de, die wir hier mal in Gänze posten: Die Arsenal des digitalen zivilen Ungehorsams.

Am 3. Dezember setzte JP Barlow diesen vielbeachteten Tweet ab:

The first serious infowar is now engaged. The field of battle is WikiLeaks. You are the troops. #WikiLeaks

Das ist natürlich übelste Kriegsrhetorik. Und dennoch liegt tatsächlich so etwas wie “Infowar” in der Luft. Anfangs stand die Wikileaks-Seite unter massivem Druck von DDos-Attacken unbekannter Herkunft. Mittlerweile scheint diese Methode angesichts von mehr als 1000 Mirrors eher wenig zu bringen. Viel eher wirkten die anderen Versuche, Wikileaks zu schaden. Das Abklemmen der Finanzströme durch Paypal, Visa, Postfinance und Mastercard. Gleichzeitig weigerte sich Amazon, die Wikileaks-Daten weiter auf ihren Servern zu hosten und EveryDNS klemmte die Domain wikileaks.org ab. Bei Twitter wurde #wikileaks – aus welchen Gründen auch immer – nicht als Trending Topic angezeigt.

Mittlerweile haben auch die Befürworter von Informationsfreiheit und Wikileaks zu Mitteln des Protests gegriffen. Zu den harmloseren Varianten gehört der Aufruf zum Boykott der oben genannten Firmen samt massenhafter Kündigung der Accounts. Gleichzeitig raste ein Shitstorm über diese Firmen hinweg. Er reichte von Unmutsäußerungen bis zu Fotomontagen und satirischen Darstellungen, die auf den Markenkern der beanstandeten Unternehmen zielen.

Andere Gruppierungen im Netz greifen zu etwas brachialeren Mitteln: sie setzen seit Tagen Finanzdienstleister wie Postfinance.ch und aktuell Mastercard.com unter Druck. Mit Erfolg: Die Seiten waren und sind teilweise für Stunden vom Netz. Netzpolitik.org hat diese Form des digitalen Protests gerade scharf verurteilt:

DDoS-Attacken sind das ‘Hacken’ der Nichthacker, ungefähr so elegant wie eine Plünderung als politische Protestform: Sie sind das plumpeste, ineffektivste und kontraproduktivste, was man im Internet tun kann. Wenn dir gar nichts anderes mehr einfällt, dann eben DDoS oder Steinewerfen.

Diese Aktionsformen würden der Gegenseite nutzen, die nach Regulierung rufe. Hier macht sich Netzpolitik die Argumente der Gegenseite zu eigen. In vorauseilendem Gehorsam wird dem nächsten Reglementierungspolitiker, der Satzbaustein in den Mund gelegt.

Natürlich sind DDos-Attacken nicht die feine Art des Lobbyings – und dennoch vergisst Netzpolitik, dass es eine lange Tradition dieser Protestform gibt. DDos-Attacken sind ja nicht nur mit Bot-Netzen denkbar, sondern auch als aktive Demonstration von einzelnen Usern, die durch massenhaftes Aufrufen einer Seite, diese dann blockieren. Das ganze wäre dann eine Online-Demonstration und damit auf jeden Fall eine Form des zivilen Ungehorsams. Diese Form des Online-Aktivismus ist seit 1995 nachgewiesen und wurde mit dem Electronic Disturbance Theater (EDT) bekannt.

Die wohl bekannteste deutsche Online-Demonstration war mit der “Deportation.class”-Kampagne gegen die Lufthansa und ihre Mitwirkung bei Abschiebungen verbunden. Während einer Aktionärsversammlung sollte die Webseite lufthansa.com blockiert werden. Lufthansa stellte damals eine Anzeige. In einem Revisionsverfahren wurde der Angeklagte im Jahr 2006 freigesprochen. In der Begründung des Gerichts wurde festgestellt, dass eine Online-Demonstration „weder das Tatbestandsmerkmal der Gewalt, noch das der Drohung mit einem empfindlichen Übel“ erfülle.

Wer also auf picklige Teenager schimpft, die sich mit ihren Mitteln am Protest für Informationsfreiheit beteiligen, der verschiebt den Rahmen der Handlungsmöglichkeiten und die Definition, was digitaler Protest sein darf. Gerade, dass Netzpolitik in diese Kerbe schlägt ist hier wenig förderlich. Es sollte in diesen Zeiten eher das Ziel sein, die Grenze des digitalen zivilen Ungehorsams zu Gunsten der netzpolitischen Bewegung zu verschieben. Gute Erfahrungen in dieser Richtung hat die Anti-Atom-Bewegung gerade gemacht. Hier wurde das “Schottern” zur in weiten Kreisen als legitimes Mittel angesehene Aktionsform verschoben. Das ist die richtige Stoßrichtung – und nicht eine “digitale Gewaltdebatte”, die nur zur Spaltung beiträgt.

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February 26 2010

Audio-Interview über elektronischen zivilen Ungehorsam und Migration

Auf dem Hamburger freien Radio Freies Sender Kombinat lief am Wochenende ein interessantes und ausführliches Interview mit Ricardo Dominguez zu Electronic Civil Disobedience, Border Disturbance Technologies und Migration:

Ricardo Dominguez, Mitglied des Electronic Disturbance Theatres und Critical Art Ensembles, unterricht seit einigen Jahren an der University of California San Diego. Er hat die Theorie und Praxis der Electronic Civil Disobedience ausgearbeitet.

Seit 2007 arbeitet er mit anderen am Transborder Immigrant Tool (TIT), das die Passage durch die Borderlands von Mexico nach USA für MigrantInnen sicherer machen soll. Bei dieser Passage sterben seit einigen Jahren jährlich ungefähr 2000 Menschen. Bei dem TIT handelt es sich um ein eher billiges Mobiltelefon mit GPS-Funktionalität, das Kartenmaterial, auf dem z.B. Wasserreserven eingezeichnet sind, den Leuten bereitstellt, die sich auf den Weg nach Norden machen.

Im Interview geht es um die Geschichte der Electronic Civil Disobedience und ihre aktuelle Entwicklung. In einem größeren Bogen reflektiert Ricardo den Stand mobiler Medientechnologien und auf welche Art sie „artivistisch“ anwendbar sind, redet über Überwachung und Web 2.0, das Ausloten, was Cyberterrorismus ist, über Aktivismus, Hacktivismus, Denial of Service Attacken auf Regierungsrechner, Borderlands, Zapatistas, Migration, affektive Medien, Transparenz und Translucency, Simulation von Überwachung, Artivismus, Science of the Oppressed, Land-Art und sogar Nanotechnologiekritik.

Das Interview von vier Studen Länge (mit Musik) gibt’s als Ogg Vorbis auf archive.org zum Download. Anna hat weitere Informationen und Links gesammelt.

Als Einstieg in die angesprochene interessante Geschichte des Hacktivismus empfiehlt sich die arte Dokumentation Hacktivisten – Rebellen im Internet von 2002, die gibt’s z.B. auf Google Video.

Reposted byflopsbox flopsbox

November 10 2009

Hacktivism für mehr Datenschutz bei Facebook

Eine Gruppe schwedischer Hacker hat in den vergangenen Tagen hunderte Facebook-Gruppen übernommen. Sie ersetzten dort Bilder und Beschreibungen, um auf bestehende Sicherheitslücken bei dem Social Network hinzuweisen. Zudem verschickten sie eine Nachricht mit dem gleichen Inhalt an alle Mitglieder der Gruppen:

“Hello, we hereby announce that we have officially hijacked your Facebook group.”

So beginnt die Nachricht der Hacker an die Gruppenmitglieder. Sie weisen darauf hin, dass sie dadurch ein gewisses Maß an Information über die betroffenen Personen gebieten – und diese beliebig modifizieren können. Zum Beispiel, indem sie den Namen einer Gruppe in “Ich unterstütze die Rechte von Pädophilen” umändern.

Mit drastischen Beispielen wollen die Hacker darauf aufmerksam machen, dass der Datenschutz in Social Networks häufig keine große Rolle spielt. Auf ihrer Website schreiben sie:

Social media has become a natural part of most people’s daily lives. Unfortunately the security aspects of social media have been more or less neglected.

We want security matters to become just as obvious in people’s online activities as sharing, posting and connecting.

Die Seite trägt den Titel “control your info”. Entsprechend geben die Aktivisten dort Tipps, wie man sich verhalten sollte, wenn man sich auf Social Networks bewegt.

Die Sicherheitslücke, die von den Schweden ausgenutzt wurde, ist übrigens denkbar simpel: Wenn der Administrator einer Gruppe diese verlässt, kann jedes beliebige Mitglied seinen Posten übernehmen und anschließend die Informationen auf der Seite bearbeiten. Die meisten Gruppen-Mitglieder dürften davon kaum etwas mitbekommen.

Facebook hat als erste Reaktion die Fan-Seite von “control your info” gelöscht. Da das Problem nun offensichtlich bekannt ist, könnte man ja auch gleich das tatsächliche Ärgernis angehen, anstatt nur den Boten zu strafen.

(via)

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