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January 29 2014

Der Verfassungsschutz-Präsident und die Innentäter

Gestern machte die Vorabmeldung zu einem Interview die Runde, das der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, dem Handelsblatt gegeben hat. Darin enthalten waren einige Statements, die direkt das Vertrauen in die deutschen Geheimdienste im allgemeinen und den Verfassungsschutz im besonderen fast vollständig wiederherstellten.

Wir sind jetzt mal den vorgesehen Weg des legalen e-Commerce gegangen, haben beim Handelsblatt per Handy 99 Cent für das Interview bezahlt, haben dasselbe nochmal gemacht nachdem nur eine Fehlermeldung kam, um dann die Servicenummer anzurufen, und den Artikel per Mail zukommen zu lassen. Einmal zurücküberwiesen wird auch noch. Sehr nette Leute da im Call-Center, gerne wieder.

Jedenfalls: Im Ganzen gelesen bleibt der Eindruck noch viel vertrauenswiederherstellender.

Der Fokus des Gesprächs liegt, wie könnte es bei diesen Beteiligten auch anders sein, nicht bei der Massenüberwachung, sondern bei Wirtschaftsspionage und Kanzlerinnen-Handy. Zu letzterem: Wie ist das denn abgehört worden? Maaßen:

Wir wissen nicht, wie das Handy abgehört worden ist. Ob aus der Botschaft – oder ob vielleicht über ein Kabel, das durch die USA führt, Daten mitgeschnitten worden sind.

Aber vielleicht ist es auch überhaupt nicht abgehört worden, denn wäre es abgehört worden hätte es schließlich Konsequenzen gehabt:

Wir wissen noch nicht einmal definitiv, dass die Kanzlerin abgehört worden ist. Ansonsten hätte der Generalbundesanwalt – denke ich – ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Damit ist der Herr Range gemeint, der mittlerweile auch und besonders durch sein Gespür für hohe Diplomatie bekannt ist. Selber so genau wissen kann man das ja auch gar nicht, denn bekanntlich gibt es bisher nur “Hinweise” aber keine Beweise, wie der Verfassungsschutzbundesamtpräsident betont. Und diese Hinweise kommen dann auch noch von so einem suspekten Typen wie diesem Snowden. Was ist das eigentlich für einer, Herr Maaßen?

Er ist ein besonders schillernder Typ.

Gut, das kommt jetzt für jeden, der schonmal ein Bild von Edward Snowden gesehen hat, vielleicht etwas überraschend. Aber das ist ja vermutlich auch anders gemeint:

Dass die Russen ihm nur aus ihrem Werteverständnis für Menschenrechte Asyl gewähren, kann ich nicht glauben.

Das größere Problem als die Spionage der befreundeten Staaten ist übrigens folgendes:

So wie Snowden aus altruistischen, ideologischen oder anderen Gründen nach Moskau geht, so kann es natürlich Personen bei der NSA oder anderen US-Diensten geben, die für ein Zubrot Informationen aus ihrem Bereich an Unternehmen weiterreichen. Das ist nicht auszuschließen. Eine große Gefahr sind deshalb die Innentäter.

Die USA haben übrigens sämtliche Rechtssysteme der Welt bei ihren globalen Programmen im Blick. Naja, vielleicht nicht ganz, aber zumindest die von den wichtigen Ländern:

Ich gehe davon aus, dass die Amerikaner sich an amerikanisches Recht halten.

Wir gehen nach wie vor davon aus, dass sich die Amerikaner in Deutschland an deutsches Recht halten.

Das kommt den Amerikanern sicherlich selber komisch vor, die sind da schon ein wenig weiter in der Debatte. Aber ist natürlich eine interessante Arbeitshypothese, wenn man zufällig gerade eine Behörde leitet, die mit ihrem Cyberabwehrteam die deutschen Internetgrenzen verteidigen soll.

Der Verfassungsschutz ist dennoch stets wachsam und hat Maßnahmen eingeleitet. Das Handelsblatt schreibt schon in der Einleitung:

Mit 14 Modernisierungspaketen bringt Hans-Georg Maaßen seine Behörde auf Vordermann; sogar Hacker hat er schon angeheuert.

Sogar Hacker! Uns sonst? Maaßen:

Wir beraten die Wirtschaft, zum Beispiel mit rund hundert Vortrags- und Informationsveranstaltungen pro Jahr. Der Bundesinnenminister hat mit dem Bundesverband der deutschen Industrie und dem deutschen Industrie- und Handelskammertag Ende August 2013 eine gemeinsame Erklärung zur intensiven Zusammenarbeit zwischen unserem Haus und den Wirtschaftsunternehmen unterzeichnet.

Beruhigend, damit ist die Verfassung dann ja schonmal ziemlich gut geschützt.

Dankbar kann ihm zum Abschluss jeder sein, der beim James-Bond-Schauen eingeschlafen ist und komisch vom glamourösen Verfassungsschutz geträumt hat:

In den deutschen Nachrichtendiensten geht es bürokratischer zu, als viele glauben.

Den ganzen Tag nur stempeln und schreddern.

Wer mehr von Maaßen lesen will, ohne dafür seine Handynummer an das Handelsblatt auszuliefern: Detlef Borchers war neulich beim BDK-Kongress und hat für Heise schöne Zitate eingesammelt.

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December 17 2013

NSA nutzt EU-Passagierdaten, das BSI trainiert Abwehrfähigkeiten in den USA und der BND lädt EU-Partnerdienste zum Klassentreffen

gchq-listeningDie Bundestagesabgeordneten Jan Korte, Hans-Christian Ströbele und Andrej Hunko haben jüngst mehrere Kleine Anfragen zu den Spionageaktivitäten britischer und US-amerikanischer Dienste eingereicht (1, 2, 3, 4, 5). Die Fragenkataloge zählen zu den Parlamentarischen Initiativen und müssen innert zwei Wochen beantwortet werden. Die Bundesregierung verfügt über die sogenannte Ressorthoheit und entscheidet selbst, welches Ministerium dabei federführend ist (im Falle des Verteidigungsministeriums werden die Antworten bisweilen mehrere Wochen verschleppt).

Häufig bleiben Informationen auch geheim. Sie sind dann entweder in der Geheimschutzstelle des Bundestages hinterlegt und sind dort für Abgeordnete einsehbar. Einfache Verschlusssachen werden hingegen per Post an die Fragestellenden übersandt, diese dürfen darüber aber nicht öffentlich sprechen.

Die Antworten sind nun eingetroffen, aber noch nicht sämtlich durch die Abgeordneten veröffentlicht. Gewöhnlich haben sie 7-10 Tage Zeit für die eigene Verarbeitung. Anschließend werden sie im offiziellen Informationssystem des Bundestages eingestellt. Spätestens dann sind auch die Antworten auf die Anfragen “Vorgehen der Bundesregierung gegen die US-Überwachung der Internet- und Telekommunikation in Deutschland und insbesondere die der Bundeskanzlerin” und “Aktivitäten der Bundesregierung zur Aufklärung der NSA-Ausspähmaßnahmen und zum Schutz der Grundrechte” öffentlich verfügbar. Korte und Ströbele erkundigen sich dort unter anderem zur Affäre rund um das Merkelphone.

“Geheimdienste der Europäischen Union und die Beteiligung von Bundesbehörden”

Die Antwort auf die Anfrage “Geheimdienste der Europäischen Union und die Beteiligung von Bundesbehörden” zeichnet ein gutes Bild über die Struktur der beiden EU-Geheimdienste INTCEN und EUMS INT. Beide gehören zum Auswärtigen Dienst. Das INTCEN gilt als “Zentrum für Informationsgewinnung und -analyse” und firmiert als ziviler Dienst. Das EUMS INT ist das “Intelligence Directorate” des militärischen Arms der EU. Gemeinsam bilden sie die “Single Intelligence Analysis Capacity” (SIAC). Auch deutsche Behörden sind dabei:

Deutschland ist derzeit mit insgesamt vier Mitarbeitern in der SIAC vertreten (INTCEN: je ein Mitarbeiter von BND und BfV; EUMS INT: zwei Angehörige der Bundeswehr).

Gewöhnlich werden die beiden Lagezentren nicht als Geheimdienste bezeichnet. Denn sie stellen keine eigenen Ermittlungen an, sondern werden von den Diensten der EU-Mitgliedstaaten mit Informationen beliefert. Daraus entstehen dann Lageberichte zu bestimmten Themen. Jedoch verfügen die Institutionen über hochauflösende Spionagebilder aus der EU-Satellitenaufklärung, die ebenfalls ausgewertet und an “politische Entscheidungsträger auf EU-Ebene” sowie den EU-Mitgliedstaaten zugeleitet werden.

Das EU-Satellitenzentrum erwirbt Bilddaten auch von privaten Anbietern aus Europa, den USA oder aus Israel. Genutzt werden auch Regierungssatelliten, darunter das deutsche System SAR-Lupe oder das “französisch-italienisch-spanisch-belgisch-griechische System” Hélios II. Die Analyse erfolgt unter anderem digital:

Nach Kenntnis der Bundesregierung werden öffentlich zugängliche Informationen durch INTCEN und EUMS INT mittels handelsüblicher Hard- und Software ausgewertet und fließen regelmäßig in die in der Antwort zu Frage 2 genannten Produkte ein.

Berichte erhalten das Bundeskanzleramt und der Bundesnachrichtendienst (BND), das Auswärtige Amt, das Verteidigungsministerium, der Militärische Abschirmdienst (MAD), das Bundesinnenministerium, das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sowie “themenbezogen unter Umständen weitere Stellen”. Umgekehrt werden die EU-Geheimdienste vom BND und BfV mit “Beiträgen” beliefert.

Die Geheimdienste der EU sind unionsrechtlich nicht für Spionagetätigkeiten ausländischer Dienste zuständig – jedenfalls wird diese Auffassung von der Bundesregierung vertreten. Dies gelte auch, wenn es um Außenbeziehungen oder das Datenschutzrecht gehe. Ganz anders aber wenn es um die “Eigenbetroffenheit” der EU geht. Laut Veröffentlichungen von Edward Snowden wurden neben den Vereinten Nationen auch Einrichtungen der EU ausgespäht. Als Urheber gelten die US-amerikanische NSA und das britische GCHQ. Dennoch sind weder das INTCEN noch das EUMS INT in dieser Hinsicht tätig geworden.

Doch auch in Deutschland wird die Überwachung perfektioniert: Anfang des Jahres wurde ein “Runder Tisch” zum Thema “Sicherstellung der Kommunikationsüberwachung in der Zukunft” eingerichtet. Alle Geheimdienste sowie Polizei- und Strafverfolgungsbehörden des Bundes sind vertreten, teilweise auch die Landesbehörden. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert im Bereich “IT-Sicherheit” mehrere Vorhaben, in denen unter anderem die Firmen DE-CIX Management GmbH, EADS Deutschland GmbH, escrypt GmbH Embedded Security, Gesellschaft für sichere mobile Kommunikation, Nokia Siemens Networks und Utimaco Safeware finanzielle Mittel erhalten. Auch diese sind in der Antwort aufgeführt.

In der Anfrage ging es auch um Berichte über angezapfte Glasfaserkabel, wovon die Bundesregierung aber angeblich keine Kenntnis habe. Weil man selbst über keine Snowden-Dokumente verfüge, würde munter mit den Diensten aus Großbritannien und den USA zusammengearbeitet. Ein Fragenkatalog zu den Spionagetätigkeiten, den die Bundesregierung vor sechs Monaten an US-Behörden schickte, ist immer noch nicht beantwortet. Die Justizministerin habe jedoch im Oktober 2013 “an die gestellten Fragen erinnert” – erfolglos. Im gleichen Schreiben wurde ein weiterer Fragenkatalog “zur angeblichen Ausspähung des Mobiltelefons von Frau Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel übersandt”, ebenfalls ergebnislos.

Geantwortet habe aber die britische Botschaft. Gebeten wurde, die Angelegenheit “unmittelbar zwischen den Nachrichtendiensten der Bundesrepublik Deutschland und des Vereinigten Königreichs zu besprechen”. Dies ist wohl auch passiert: Es habe danach “verschiedene Expertengespräche” gegeben.

“Geheimdienstliche Spionage in der Europäischen Union und Aufklärungsbemühungen zur Urheberschaft”

Hierzu erfahren wir mehr in der Anfrage “Geheimdienstliche Spionage in der Europäischen Union und Aufklärungsbemühungen zur Urheberschaft”. Dort heißt es:

Der Bundesnachrichtendienst hat im Auftrag der Bundesregierung Gespräche mit den EU-Partnerdiensten aufgenommen. Ziel ist die Entwicklung gemeinsamer Standards in der nachrichtendienstlichen Arbeit. Im weiteren Verlauf der Gespräche und Verhandlungen gilt es zu prüfen, inwieweit diese gemeinsamen Standards in einen größeren Rahmen einfließen sollen.

Glaubt man dem Innenministerium, will sich die Bundesregierung beim anvisierten Klassentreffen Nachhilfe holen. Denn man habe angeblich keine eigenen Informationen zum Spionagenetzwerk “Nine Eyes”, sondern wisse lediglich dass dort neben den “Five Eyes” (USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Neuseeland) auch Norwegen, Frankreich, Dänemark und die Niederlande organisiert seien. Gleichwohl beabsichtige man, “mit der US-amerikanischen Seite eine Vereinbarung abzuschließen, die die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit auf eine neue Basis stellt”. Dieses von den Medien als “No Spy-Abkommen” bezeichnete Agreement ist allerdings nach heutigen Berichten vom Tisch.

Gefragt wurde auch zu Meldungen, wonach US-Geheimdienste über einen “root access” auf Passagierdaten in sogenannten “Computerized reservation systems” verfügen, die von Fluglinien weltweit betrieben werden. Verwiesen wird auf den Bericht der EU-Kommission über die Durchführung des PNR-Abkommens vom 27. November. Dort heißt es, dass Behörden der USA “entsprechend der Regelungen des PNR-Abkommens auf die Buchungssysteme der Fluggesellschaften zugreifen”. Die Bundesregierung übersetzt die entsprechende Passage folgendermaßen:

DHS (das US-Heimatschutzministerium) hat erklärt, dass es PNR-Daten an US-Geheimdienste unter Beachtung der Bestimmungen des Abkommens weiterleitet, wenn ein bestimmter Fall unzweifelhaft einen klaren Terrorismusbezug hat. Im Überprüfungszeitraum hat DHS im Einklang mit dem Abkommen 23 fallbezogene Weiterleitungen von PNR-Daten an die US National Security Agency (NSA) vorgenommen, um bei Terrorismusbekämpfungsfällen weiterzukommen.

Zur Spionage auf EU-Ebene gibt sich die Bundesregierung in der Antwort unwissend. Man habe keine Ahnung über ausgespähte Einrichtungen und dort genutzte Abhöranlagen. Auch “Detailkenntnisse über die Netzwerkinfrastruktur von EU-Einrichtungen” liegen nicht vor. Berichte über das mögliche Abhören des Internetverkehrs von EU-Einrichtungen in Brüssel würden daher nicht kommentiert – eine leichtfertige Antwort, denn dies beträfe auch die deutsche Delegation. Doch auch die EU bleibt hierzu weitgehend untätig:

Keine EU-Agentur, also keine der dezentralen Einrichtungen der EU mit einem spezifischen Arbeitsgebiet, befasst sich nach Kenntnis der Bundesregierung mit der Abwehr von Spionage gegen EU-Institutionen. Europäische Kommission, Europäischer Auswärtiger Dienst und das Generalsekretariat des Rates verfügen über eigene Mitarbeiter, die u.a. die jeweiligen Kommunikationsnetze gegen Ausspähung schützen. Sobald in den EU-Behörden in Brüssel der Verdacht der Spionage entsteht, wird zunächst intern ermittelt und ggf. um Amtshilfe des Gastlandes, also der belgischen Behörden, gebeten.

“Kooperationen zur sogenannten Cybersicherheit zwischen der Bundesregierung, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten”

Jedoch arbeiten sowohl die EU als auch die Mitgliedstaaten auf mehreren Ebenen mit den USA und Großbritannien im Bereich der IT-Sicherheit zusammen. Dies geht aus der Antwort auf die Anfrage “Kooperationen zur sogenannten Cybersicherheit zwischen der Bundesregierung, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten” hervor. An zahlreichen Arbeitsgruppen nehmen auch Behörden des Bundesinnenministeriums teil.

Zu den Zusammenarbeitsformen gehören auch die zivilen oder militärischen “Cyberübungen”. Jährlich findet die Übungsserie “Cyber Coalition” der NATO statt, in der “Blue Teams” gegen “Red Teams” kämpfen und sich hierfür “marktverfügbarer Schadsoftwaresimulation” bedienen. An der US-Übung “Cyberstorm III” nahmen das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) teil. “Cyberstorm” wird vom US-Heimatschutzministerium verantwortet, mit dabei sind aber alle Teilstreitkräfte und ihre Geheimdienste, darunter auch die NSA. Mit der EU haben die USA mittlerweile ein eigene, wiederkehrende Übung aus der Taufe gehoben, die sogenannte “EU-US CYBER ATLANTIC”.

Bei welchen dieser IT-Manöver Szenarien simuliert wurden, die “cyberterroristische Anschläge” oder “politisch motivierte Cyberangriffe” zum Inhalt hatten, soll aber geheim bleiben. Gleichwohl bestätigt die Bundesregierung wie auch in früheren Anfragen, dass der Terminus “Terrorismus” zwar auch im Cyberspace für die Aufrüstung herhalten muss, dort aber in Wirklichkeit nicht existiert. Es habe keine versuchte oder erfolgreich ausgeführte Attacke gegeben, die nicht von Staaten vorgenommen worden seien – so jedenfalls lautete die Frage.

Zuende gedacht bedeutet dies, dass alle derzeit aufgebauten Kapazitäten nicht den “Cyberterrorismus” kontern, sondern von Regierungen gegeneinander in Stellung gebracht werden können. Also dienen auch die zivilen oder militärischen “Cyberübungen” – gewollt oder ungewollt – dem Aufbau entsprechender Fähigkeiten.

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December 03 2013

Ministerien mussten erneut zu Enthüllungen von “Geheimer Krieg” Stellung nehmen – Keine Ausweisung von US-Spionen

Frank_Rieger_TwitterObwohl es noch keine neue Regierung gibt, hat letzte Woche nach zwei Monaten immerhin mal wieder eine Sitzung des Bundestages stattgefunden (Video). Hierzu gehörte auch die Fragestunde, in der Abgeordnete wöchentlich zwei Fragen beantwortet bekommen. Diesmal ging es viel um die Enthüllungen des Buchs “Geheimer Krieg” von John Goetz und Christian Fuchs und anderen Journalisten, das letzte Woche mal eben zur Auflösung der geheimdienstlichen Tarnorganisation “Hauptstelle für Befragungswesen” geführt hat. Auch die Auftragsvergabe an die US-Firma CSC und ihre Tochterunternehmen war vielfach auf der Agenda der Fragenden.

In vielen Fällen gab es wenig Neues. Die angefragten, verschiedenen Ministerien verwiesen auf frühere Antworten, erklärten sich nicht zuständig oder setzen weiter auf das volle Vertrauen in die US-Regierung, vor allem wenn es um Spionage aus deren Botschaften geht.

Hierzu hatte sich auch Katja Keul erkundigt und wissen wollen, wie das Abhören des Merkelphone weiter geahndet würde (“Sind wir uns beide darüber einig, dass dies gegen deutsches Recht verstößt?)”. Weitere Abgeordnete hatten sich der Debatte angeschlossen:

Cornelia Pieper, Staatsministerin im Auswärtigen Amt:

In der Tat hat die Bundesregierung natürlich auch gegenüber den amerikanischen Regierungsvertretern bis hin zum Präsidenten – das konnten Sie in den Medien verfolgen – ihre Verwunderung zum Ausdruck gebracht.

(Petra Pau [DIE LINKE]: „Verwunderung“!)

Wir arbeiten, wie Sie wissen, an internationalen Datenschutzabkommen. Ich glaube, das ist auch der richtige Weg. Man sollte nicht auf Verunsicherung und hypothetische Behauptungen setzen.

Hierzu gab es eine Zusatzfrage von Heike Hänsel, die wissen wollte wie deutsche Behörden kontrollieren, dass sich ausländische Dienste an das Spionageverbot halten. Auch die Reaktion der US-Botschaft wollte die Abgeordnete erfahren. Staatsministerin Pieper verwies auf “Untersuchungen des Bundesverfassungsschutzes”, alles andere sei geheim und würde im Rahmen der “nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit” im Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) behandelt. Gemeint waren wohl die Überflüge mit Hubschraubern der Bundespolizei, mit denen sich die deutschen Schlapphüte Amtshilfe holten um die Dächer der Botschaften zu überprüfen.

Deutlicher wurde der Staatssekretär des Innenministeriums Ole Schröder in seiner Antwort auf Fragen des Abgeordneten Konstantin von Notz. Es hat demnach bereits vorher Kontrollflüge gegeben:

Im Rahmen des gesetzlichen Auftrages der Spionageabwehr werden einzelne Liegenschaften bestimmter ausländischer Staaten vom BfV bereits seit längerem routinemäßig oder anlassbezogen aus der Luft begutachtet.

Das für die Spionage zuständige Inlandsgeheimdienst fand tatsächlich “verdeckte Aufbauten”, diese ließen aber “nicht zwangsläufig auf das Vorhandensein von SIGINT-Technik schließen”. Gemeint ist die “Signal Intelligence”, also das Abhören funkgebundener Kommunikation oder anderer elektronischer Signale.

Doch Schröder bestätigt die Annahme, dass im Regierungsviertel abgehört wird, durch seine eigene Menschenkenntnis:

Auf die sich aus der Natur der Sache ergebende erhöhte Gefahr einer Ausspähung mobiler Kommunikation im Regierungsviertel Berlins haben die Sicherheitsbehörden regelmäßig sensibilisierend hingewiesen. Dementsprechend werden einzelne Liegenschaften bestimmter ausländischer Staaten vom Bundesamt für Verfassungsschutz, BfV, im Rahmen des gesetzlichen Auftrages der Spionageabwehr bereits seit längerem routinemäßig oder anlassbezogen aus der Luft begutachtet.

Trotz gefundener Aufbauten auf den Dächern, trotz der Einsicht dass eine Spionage im Regierungsviertel wahrscheinlich ist ringt sich der Staatssekretär lediglich zur Phrase durch, man nehme “die aktuell gegen die USA und Großbritannien gerichteten Spionagevorwürfe sehr ernst”. Es handele sich höchstens um Einzelfälle:

Die Aktivitäten der Nachrichtendienste der verbündeten Staaten unterlagen bislang keiner systematischen, sondern ausschließlich einer anlassbezogenen Beobachtung bzw. Bearbeitung in begründeten Einzelfällen. Wenn sich Anhaltspunkte für eine Spionagetätigkeit befreundeter Staaten ergeben, gehen die Verfassungsschutzbehörden diesen mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nach.

Es wäre nicht Schröder, der Staatssekretär von Minister Hanns-Peter Friedrich, wenn das Kontrolldefizit nicht in eine Forderung zur technischen Aufrüstung umgemünzt würde. Wie üblich geht es um “Cyber”:

Die Spionageabwehr wird sich auf diese neuen Herausforderungen einstellen – dies nicht nur in personeller, finanzieller und organisatorischer Hinsicht, sondern gerade auch im Hinblick auf eine notwendige weitere Ertüchtigung, um mit den technischen Möglichkeiten Schritt halten zu können. Dies gilt insbesondere auch für die Verstärkung der Cyberspionageabwehr.

Wenn wirklich mal DiplomatInnen beim Spionieren erwischt werden, werden sie entsprechend diplomatischen Gepflogenheiten “einbestellt” und gerügt. Je nach Schwere des Vorwurfs müssen sie das Land verlassen. Dieses Verfahren nennt sich “Stille Ausweisung”. Nach Medienberichten werden auf diese Weise aber nur Spitzeleien aus China, Russland oder Südkorea geahndet. So schrieb die Süddeutsche Zeitung vor zwei Wochen:

In den vergangenen vier Jahren wurden einige Agenten zur Ausreise gedrängt: 2009 reiste ein Nachrichtendienstler aus, der am chinesischen Generalkonsulat in München eingesetzt war. 2010 musste ein Mitglied des südkoreanischen Sicherheitsdienstes NIS gehen, der in Berlin akkreditiert war. 2011 traf es zwei Geheimdienstler, die an der russischen Botschaft gearbeitet hatten. 2012 gab es die stille Ausweisung eines an der russischen Botschaft eingesetzten Offiziers, weil er heimlich versucht haben soll, trotz Ausfuhrverbots militärisch nutzbares Material zu beschaffen. Amerikanische oder britische Agenten fallen so gut wie nie auf. Die letzte stille Ausweisung von US-Agenten in Deutschland liegt 14 Jahre zurück.

Andrej Hunko wollte daher wissen, wie sich die Zahl “Stiller Ausweisungen” im Verhältnis zu anderen Ländern, insbeson­dere Russland und China, darstellt. Staatsministerin Cornelia Pieper gab sich wortkarg. “Stille Ausweisungen” existieren demnach, werden gegen ausländischer Dienste verhängt wenn diese hierzulande beim Spionieren ertappt werden, müssen aber geheim bleiben:

Die Bundesregierung führt keine Statistiken über Persona-non-grata-Erklärungen. Zuletzt wurde im Juni 2012 ein Diplomat ausgewiesen. “Stille Ausweisungen” sind im Wiener Übereinkommen über Diplomatische Beziehungen nicht vorgesehen. Sie betreffen Absprachen zwischen Nachrichtendiensten, die aus nachvollziehbaren Gründen nicht öffentlich gemacht werden können.

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October 29 2013

Und weitere Ideen zur NSA-Affäre

Am Sonntag hatten wir ja bereits über diverse diskutierte Konsequenzen im Umgang mit der NSA-Affäre berichtet. Vom Untersuchungsausschuss bis zum Aussetzen der Verhandlungen zum Freihandelsabkommen war vieles dabei. Aber zwei Tage, in denen jetzt auch noch überraschenderweise bekannt geworden ist, dass auch in Spanien und Italien Telefone abgehört wurden (obwohl das bereits vor einer Woche auf cryptome.org bekannt gemacht wurde…) fördern neue Einfälle.

Zu den neuesten Ideen gehören:

Innenminister Friedrich will potentiell in die Bespitzelungen involvierte Diplomaten des Landes verweisen.

Bernd Riexinger, Vorsitzender der Linkspartei, fordert wirtschaftliche Konsequenzen und will nicht nur das Freihandelsabkommen aussetzen, sondern US-Internetfirmen, die in Deutschland sehr umsatzstark sind, Strafsteuern auferlegen. Gegenüber Handelsblatt Online sagte er:

Konkret hieße das: wir belegen direkte und indirekte Kapitalabflüsse in Steueroasen mit hohen direkten Steuern. [... Zudem wäre] das Geschäftsmodell auf Kosten der Steuerzahler von Amazon und Co. erledigt, und die NSA würde wichtige Partner beim Datenschnüffeln verlieren.

Und auf amerikanischer Seite? Man versucht, vielleicht doch noch so dazustehen, als hätte man nichts von der Überwachung von Regierungsvertretern gewusst.

Obama kommt sogar auf die großartige Idee, (zu behaupten,) die Geheimdienstarbeit überprüfen zu wollen. Er sagte gestern:

Ich starte nun eine Überprüfung, um sicherzugehen, dass das, was sie tun könnten nicht gleichbedeutend ist mit dem, was sie letztlich tun.

Eine etwas überraschendere Stellungnahme stammt allerdings von Diane Feinstein, Vorsitzende des Senate Intelligence Committee, das als Legislativ-Aufsicht die US-Geheimdienste überwachen soll. Am 26. September klang das noch so:

Ich bin der Meinung, dass die Überwachungen, die unter FISA durchgeführt werden, und andere Programme der NSA rechtens sind. Sie sind wirksam und stehen unter gründlicher Aufsicht innerhalb der NSA, des Justizministeriums und des Direktor der nationalen Nachrichtendienste und des FISA-Gerichts und des Kongresses.

Seit gestern klingt das nun so:

Bezüglich der Sammlung von Geheimdienstinformationen über Führer von US-Verbündeten – unter ihnen Frankreich, Spanien, Mexiko und Deutschland – lassen Sie mich unwiderruflich sagen: Ich bin vollkommen dagegen.

Ernster Meinungswechel oder nur ein Versuch, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, bevor noch mehr ans Licht kommt? Nachdem dann auch noch die Electronic Frontier Foundation ein Dokument veröffentlicht hat, dass die Sammlung vom Mobilfunk-Ortsdaten durch die NSA beweist, ohne dass diese überhaupt vorher die Erlaubnis des FISA-Gerichts erfragt hätte.

Aber vielleicht hat Feinsteins Äußerung ja zumindest einen Einfluss auf die Durchsetzung des US Freedom Act, der heute als Gesetzesentwurf vorgestellt wird.

Eingebracht wird dieser von dem konservativen Republikaner Jim Sensenbrenner, der seinezeit selbst am Patriot Act mitformuliert hatte. Der US Freedom Act, der am 10. Oktober angekündigt wurde, will jedoch die Geheimdienstkompetenzen stark begrenzen und reformieren.

Einer, der immer noch unbelehrbar an der Verteidigungstaktik festhält und die Presse endlich zum Schweigen bringen will, ist der britische Premierminister David Cameron. Er droht mit Konsequenzen aus der Regierung, falls Zeitungen und andere Nachrichtenmedien weiterhin Enthüllungen von Snowden veröffentlichen. Und dem Guardian wirft er wieder einmal vor, schädliche Materialien zu verbreiten, nachdem er bereits in die Festplattenlöschungen bei der Zeitung involviert gewesen sein sollte.

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October 27 2013

Auf deutschem Boden gilt deutsches Recht… die Tausendste

Es ist ermüdend, wie oft Sätze à la “Auf deutschem Boden gilt deutsches Recht…”,  “Abhören unter Freunden und Partnern gehört sich nicht” und deren Derivate in der letzten Zeit gefallen sind. Wie auch in der neuesten Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes – einer Stellungnahme Westerwelles zum Merkelschen Mobiltelefon.

Aber scheinbar merken alle, dass solche Äußerungen niemanden mehr beeindrucken und auch beim letzten Rest der Bevölkerung ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Daher beginnt man nun, von realen Konsequenzen zu reden und macht Vorschläge, wie man denn unseren amerikanischen Freunden Manieren beibringen kann oder dem Volk gegenüber Aufklärungs- und Aktionswillen demonstriert. Eine kleine Auswahl aus den Ideen der letzten Tage, bei denen man leicht den Überblick verlieren kann:

Die Linke fordert die Missbilligung von Kanzleramtschef Pofalla und Innenminister Friedrich durch den Bundestag, da sie beim Grundrechtsschutz versagt und Deutschland mit ihrer offiziellen Beendigung der Spähaffäre lächerlich gemacht haben. Die Notwendigkeit einer parlamentarischen Auswertung hatte auch bereits am Freitag Karin Göring-Eckardt von den Grünen gegenüber dem Deutschlandfunk erwähnt.

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Oppermann twittert unterdessen für einen öffentlichen Untersuchungsausschuss:

Oppermann findet übrigens auch, dass Snowden ein potentieller und plötzlich glaubwürdiger Zeuge sein könnte, wie er bei Maybritt Illner verlauten ließ. Das gleiche hat Gregor Gysi der Rheinischen Post erzählt und auch Hans-Peter Uhl (CSU) zeigt sich der Idee gegenüber aufgeschlossen, wie er am Freitag dem Tagesspiegel gegenüber sagte.

CDU-Fraktionschef Volker Kauder erklärte der Welt am Sonntag, er wolle die Sache lieber geheim behandeln. Er hält einen Untersuchungsausschuss für falsch und will die Sache im Stillen im Parlamentarischen Kontrollgremium abhandeln (dessen Vorsitzender aber Oppermann ist). Er spricht sich auch gegen eine Zeugenbefragung von Snowden und Asyl für ihn aus:

Snowden wird bei uns kein Asyl erhalten. Er ist im Sinne des Grundgesetzes nicht politisch verfolgt. Amerika ist eine Demokratie, und nach geltendem Recht müssten wir ihn an die Vereinigten Staaten ausliefern.

Linksfraktionsvize Jan Korte verlangt laut dpa in einem Positionspapier mit 16 Forderungen unter anderem, dass die deutschen Geheimdienste ihre Berichte zur Abhöraffäre dem Parlamentarischen Kontrollgremium aushändigen und die Mitglieder des Gremiums von ihrer sonst geltenden Geheimhaltungspflicht entbunden werden.

Dass Horst Seehofer behauptet, den Datenschutz mittlerweile genauso wichtig wie die Anti-Terror-Bekämpfung zu finden und er nochmal über die Vorratsdatenspeicherung nachdenken will, haben wir ja bereits berichtet.

Sigmar Gabriel will seit Donnerstag den amerikanischen Freunden klarmachen, dass der Spaß vorbei ist, indem die Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen auf Eis gelegt werden. Auf diese Idee ist jetzt auch Ilse Aigner von der CSU gekommen. Was irgendwie bekannt vorkommt, im Juni hatte sie das aber noch mit dem Schutz vor Chlor-Hühnchen und Klonfleisch untermauert.

Hans-Peter Friedrich wartet bei der Bild am Sonntag mit schwammigen Äußerungen auf:

Wenn die Amerikaner Handys in Deutschland abgehört haben, haben sie deutsches Recht auf deutschem Boden gebrochen – das verletzt unsere Souveränität und ist inakzeptabel. Abhören ist eine Straftat und die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Wie er das bei Geheimdienstangestellten, die laut Spiegel Diplomatenstatus haben, machen will, hat er den Bild-Lesern leider nicht verraten.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz will technisch vorgehen und seine Spionageabwehr aufrüsten, etwa von 100 auf 200 Mitarbeiter in der zuständigen Abteilung.

Die obige Aufzählung ist unvollständig und müsste im Moment vermutlich stündlich aktualisiert werden. Und je mehr gefordert wird und je weniger an konkreten Ergebnissen und Konsequenzen dabei herauskommen, desto unglaubwürdiger wird es. Wenn das überhaupt noch möglich sein sollte.

 

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