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September 02 2011

Flucht nach vorn: Wikileaks veröffentlicht alle Cables

Update 2: Über das Thema spreche ich morgen um 18:30 Uhr mit Anne Roth ausführlich im Rahmen der Konferenz “Netz für alle!” im Betahaus, Berlin.

Wikileaks hat nun die gesamten vermeintlich unredigierten Cables veröffentlicht. Sie stehen hier als torrent bereit. Zur Veröffentlichung wurde nochmals auf die Pläne, die Auswertung zu crowdsourcen, hingewiesen. Auch im Webinterface sind nun alle Cables zu durchstöbern.

Dieser Schritt war zu erwarten und (für Wikilekas) notwendig geworden, nachdem bereits vor einer Woche an die Öffentlichkeit geriet, dass das von David Leigh im Buch “Wikileaks – Julian Assange’s War on Secrecy” anekdotisch wiedergegebene Passwort zu einer Datei gehört, die dummerweise weit verbreitet wurde und sich auch noch in Umlauf befindet.

Dadurch war klar geworden, dass sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch in den ‘falschen’ Händen befinden würde, und Wikileaks’ Ruf war ernsthaft bedroht. Nur durch die vollständige Veröffentlichung kann Wikileaks nun dem Vorwurf der Gefährdung von Informanten oder Betroffenen durch ein Sicherheits-, oder besser: Vertrauensleck entgegentreten (wenn durch die Veröffentlichung kein Schaden entsteht)

Gegen David Leigh und eine nicht genannte deutsche Person (zur Auswahl stehen Jakob Augstein, Steffen Kraft und Daniel Domscheit-Berg) wurden rechtliche Schritte angekündigt – wir werden sehen, wie weit man damit kommt. Eine gerichtliche Auseinandersetzung mit vermeintlichen Verrätern möchte man als Institution, die um uneingeschränktes Vertrauen wirbt, eigentlich nicht haben.

PR-technisch scheint dieser Schritt bisher auch entsprechend nicht so zu zünden: Die Berichterstattung fokussiert auf Wikileaks, und nicht auf den Deppen Leigh, der das Passwort veröffentlicht hat, und sich nun mit der Behauptung aus der Affäre ziehen möchte, er habe das Passwort für temporär gehalten. Das ist natürlich kappes - und selbst wenn es das gewesen wäre: Passwörter zu verraten ist nie eine gute Idee.

Merkt euch das. Und jetzt: Weitermachen. Nachdem keine Cables mehr redigiert werden müssen, hat man bei Wikileaks ja jetzt vielleicht Zeit, das Submission System zu fixen.

Update: In den Kommentaren stelle ich fest, dass der Artikel so interpretiert wird, als hielte ich Wikileaks’ Schritt für besonders begrüßenswert. Wie ich aber im Titel schon schreibe: Es handelt sich um eine Flucht nach vorn [Versuch, sich durch aktives Handeln aus einer Notlage zu befreien] Dieser Schritt war das beste, was Wikileaks (1.) jetzt noch & (2.) für sich selbst tun konnte – jetzt, nach all den Fehlern, über ich hier in der letzten Woche geschrieben habe, hatten sie keine andere Wahl mehr.

August 29 2011

Leck bei Wikileaks bestätigt

Am Donnerstag habe ich ja schon mal über den Artikel im Freitag geschrieben, in dem Steffen Kraft berichtet, dass alle Wikileaks-Cables frei im Netz verfügbar sind – und das zum Entschlüsseln notwendige Passwort auch.

Wikileaks reagierte mit einer Riesenwelle an neu veröffentlichten Cables – wohl um Schadensbegrenzung bemüht – und der Behauptung, der Bericht des Freitag sei falsch – und außerdem habe wohl Daniel Domscheit-Berg dem Freitag die Dateien gegeben. Das konnte der Freitag natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Man bat Markus und mich um eine unabhängige Bestätigung und bot an, uns unter Verschwiegenheitsverpflichtung einen Beweis zu liefern.

Aus verschiedenen Gründen war das jedoch nicht mehr notwendig, denn auch der Spiegel bestätigt nun, im Besitz der Dateien zu sein, und verrät sogar mehr über deren Herkunft, als vielleicht unbedingt notwendig gewesen wäre.

Mit Bradley Manning im Knast, den Cables dort draußen, also mit Sicherheit auch schon in den Händen diverser Geheimdienste kann man von einem ziemlichen Desaster für das Vertrauen in Leaking-Plattformen generell sprechen – quasi ein Cablegate^2.

August 25 2011

Leck bei Wikileaks?

Es bleibt spannend: Der Freitag berichtet heute von einer im Internet kursierenden Datei, die unredigierte und unveröffentlichte Cables enthalte, und spekuliert, es könnte sogar der vollständige Wikileaks-Cablegate-Datensatz sein.

Die Datei mit dem Namen „cables.csv“ ist 1,73 Gigabyte groß und enthält schon veröffentlichte Botschaftsdepeschen sowie zahlreiche unveröffentlichte Berichte, unter anderem über Gespräche von US-Botschaftsmitarbeitern mit namentlich oder anderweitig identifizierbaren „Informanten“ sowie „mutmaßlichen Geheimdienstmitarbeitern“, etwa aus Israel, Jordanien, dem Iran und Afghanistan.

Julian Assange ist wegen dieser Datei anscheinend beunruhigt, und und rief aus Sorge um die Sicherheit der Informanten bei Freitag-Herausgeber Jakob Augstein an, der ihm versicherte, daraus nicht zu veröffentlichen. Die Datei sei zwar mit einem Passwort geschützt, aber… 

Das geheimnisvolle Passwort, das zur Entschlüsselung der Daten notwendig ist, soll von Assange selber weitergegeben worden sein. Die Person, die das Passwort von Assange erhalten haben will und es inzwischen veröffentlicht hat, gibt an, keine Kenntnis von der Datei im Besitz des Freitag zu haben. Sie sei davon ausgegangen, dass es sich bei der von Assange übergebenen Phrase um ein temporäres Passwort gehandelt habe, das nach einer Zeit seine Gültigkeit verliere.

Bereits vor einiger Zeit hörte ich aus vertrauenswürdiger Quelle erste Gerüchte über diese Datei, die erwähnte Person und das (veröffentlichte) Passwort, hielt es aber trotzdem zunächst für eine Schauergeschichte. Bisher waren alle Cables bekanntlich nur redigiert veröffentlicht worden, um Gefahr für Betroffene (Kollaborateure etc.) auszuschließen. Wenn dieses Wissen nun also tatsächlich in die Hände der falschen gelangt ist, war all diese Arbeit umsonst und das Ansehen Wikileaks’ nimmt erheblichen Schaden.

So etwas darf ganz einfach nicht passieren. Der Freitag spekuliert dass dieses Leck ein möglicher Grund sein könnte, weshalb Daniel Domscheit-Berg sich geweigert hat, Julian die berühmten Daten auszuhändigen. Daniels Verhalten könnte man dann fast schon als edelmütig bezeichnen: Lieber den Shitstorm durchstehen und der Buhmann sein, weil man die Platte gelöscht hat, als durch einen Hinweis auf das Leck, oder gar durch das Aushändigen der Platte die Betroffenen und Wikileaks noch mehr in Gefahr zu bringen.

Sicherlich aber wird eine Version der Geschichte, dass Daniel selbst diese Datei in Umlauf gebracht haben soll, auch nicht lange auf sich warten lassen, sonst wäre es ja langweilig.

Der Freitag betont einen wichtigen Punkt: Es ist der menschliche, und nicht der technische Faktor, der Whistleblower und Leaking-Plattformen in Gefahr bringt, sei es im vorliegenden, oder im Fall von Bradley Manning.

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