Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

August 14 2012

SciFi oder das Problem der verwaisten Werke

„Worte sind die mächtigste Droge, welche die Menschheit benutzt” sagte Rudyard Kipling einst. Durch Worte entsteht Realität, Begriffe haben Macht, Sprache bringt so manches an den Tag.

Slide4Lydia Pallas Loren hat in einer lesenswerten Studie den Begriff der „verwaisten Werke“ auseinandergenommen. Gemeint sind Werke, bei denen Rechtelage ungeklärt ist, weil ihre Urheber oder die daran beteiligten Personen nicht mehr oder nur schwer zu ermitteln sind. Hierbei kann es sich um Ton- und Bildaufnahmen, Bücher, Fotos und Zeitungsartikel etc. handeln, die seit Jahrzehnten vergriffen sind und theoretisch jederzeit digitalisiert und republiziert werden könnten.

Loren behauptet, dass aufgrund der Metapher der „verwaisten Werke“ in der Vergangenheit leider zu oft davon ausgegangen wurde, dass diese Werke einen besonderen Schutz benötigen. Resultat ist aber leider, dass immer mehr Worte und Dokumente verschwinden, die aus wissenschaftlicher und kultureller Sicht hochinteressant und für unsere Gesellschaft wertvoll sind. Die „verwaisten Werke“ verrotten derzeit in Archiven. Es ist gut möglich, dass uns das 20. Jahrhundert verloren geht… Das Gegenteil ist also der Fall, die Werke dürfen keine ‘Geiseln’ bleiben, sondern müssen leichter zugänglich gemacht werden.

Zum Glück aber gibt es Initiativen wie das Singularity & Co. Projekt, das jetzt Science Fiction Romane befreien möchte. Im April 2012 startete eine Kickstarter-Kampagne, um das Projekt zu finanzieren. Und nun kündigte das Projekt den offiziellen Start und die Eröffnung eines Buchladens in Brooklyn an – eine innovative und vielleicht richtungsweisende Idee für moderne Buchhandlungen im digitalen Zeitalter…

Hier die Beschreibung des Projekts (relativ frei übersetzt):

Wir lieben Bücher. Sehr. Und wir lieben Science Fiction Bücher, alte und neue. Aber hauptsächlich alte.

Und da draußen gibt es eine Menge großartige Sci-Fi Bücher, die vergriffen sind, nicht mehr gedruckt werden und, schlimmer noch, nicht im digitalen Format verfügbar sind.

Wenn man bedenkt um welches Thema es sich handelt, ist das einfach nicht richtig.

Also werden wir Folgendes tun. Wir werden einen Buchladen eröffnen, online und im realen Leben, in Brooklyn NY, wo wir leben und arbeiten. Er muss nicht viel Geld erwirtschaften. Er muss eigentlich gar nichts erwirtschaften, da unsere Jobs bereits die Miete finanzieren können.

Was wir aber mit dem Laden machen können ist, pro Monat ein richtig gutes klassisches und obskures Werk, das nicht mehr gedruckt wird, zu wählen, die Urheber ausfindig zu machen (sollten sie noch unter uns sein) und das Werk online und auf allen großen digitalen Buchplattformen veröffentlichen. Jeden Monat können Besucher dieser Webseite über das nächste Werk abstimmen und wir werden es aus dem Dunkel der Vergangenheit retten.

Wir werden die besten Werke der Phantasie des 20. Jahrhunderts ins 21. Jahrhundert bringen, und ihr könnt helfen, indem ihr euch heute abonniert.

flattr this!

Reposted bymondkroete100mostBeautifulCouplesIeverKilledReisagainst

March 29 2012

Antwort auf den offenen Brief von 51 Tatort-Autoren an “die Netzgemeinde”

Nach dem Regener-Rant (“Der Auf#Regener“) und dem Kunst-hat-Recht-Konflikt (“‘Kunst gegen Überwachung’ gegen ‘Kunst hat Recht’“) sind es jetzt Tatort-Autoren, die sich auf der Webseite des Verbands der Drehbuchautoren mit einem offenen Brief an “Grüne, Piraten, Linke, und Netzgemeinde” in der Urheberrechtsdebatte zu Wort melden. Leider bringt das Pamphlet die Debatte keinen Millimeter voran, sondern ergeht sich wieder nur in Pauschalverunglimpfungen und Selbstwidersprüchen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber als Erleichterung für die Recherchearbeit in der journalistischen Echo Chamber, ein paar kommentierte Auszüge:

“Und noch eine Lebenslüge, die allerdings typisch geworden ist für die Berliner Republik: der Ausweg in die Symbolpolitik. Das Beispiel hierfür sind hier die Schutzfristen, mit denen die Urheber bzw. ihre Nachfahren von dem eigenen Werk profitieren können. Zur Zeit sind das 70 Jahre post mortem, die Netzgemeinde fordert radikale Verkürzungen, gern auch mal „Modernisierung“ genannt. [...] Mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass nirgendwo eine Argumentation versucht wird, warum gerade diese Eigentumsform überhaupt eine Einschränkung erfahren darf”

Rund um die Debatte zur Schutzfristverlängerung wurde über nichts anderes diskutiert und eine Vielzahl von Argumenten vorgebracht (vgl. z.B. einen Netzpolitik-Artikel aus 2008). Für einen Einstieg in die Debatte, warum eine zeitliche Befristung von Immaterialgüterrechten Sinn macht, empfiehlt sich das Buch “The Public Domain” von Jamie Boyle, das im Volltext online verfügbar ist. Aber es geht noch weiter zum Thema Schutzfristen:

“Nicht nur, dass die Urheber durch diese Schutzfristen-Verkürzung enteignet und damit dramatisch schlechter gestellt würden, nein, dieser Vorschlag ändert auch kein bisschen an den Interessen der vermeintlich unschuldigen User: Ihre illegalen Downloads oder Streamings betreffen in der Masse nur die allerallerneuesten Filme, Musiken, Bücher, Fotos und Designs – und nicht etwa Werke, die 20, 40 oder 60 Jahre alt sind. Eine Verkürzung der Schutzfristen würde an diesem Problem also nichts ändern, wäre reine Symbolpolitik: Schaut her, wir haben den Urhebern auch was weggenommen…”

Mehrere Punkte: Wenn Urheber durch eine Schutzfristen-Verkürzung “enteignet” werden, wem wird dann etwas weggenommen, wenn die Schutzfristen verlängert werden? Dem gemeinsamen kulturellen Erbe (inhaltlich) und der Allgemeinheit (finanziell). Vor allem aber erhöht sich durch jede Verlängerung der Schutzfristen die Zahl verwaister Werke, die zwar nicht mehr kommerziell verwertbar aber dennoch nicht nutzbar sind, weil die Rechteabklärung zu teuer oder unmöglich ist. Und auch wenn es sich die Tatort-Autoren nicht vorstellen können: in der Urheberrechtsdebatte geht es um (viel) mehr als nur um illegale Downloads und Streamings. Es geht auch bzw. vor allem um Bücher und Dokumentarfilme, die in Archiven im wörtlichen Sinne verrotten, weil die Abklärung der Rechte zu teuer ist – die “Lücke des 20. Jahrhunderts“; es geht darum, dass für alltägliches und medienkonformes Nutzungsverhalten Abmahnungen drohen (vgl. “Ein Klick – zack, Hunderte Euro weg“); es geht darum, dass auch Kunstschaffende selbst mit der Inkompatibilität von Urheberrecht und Internet zu kämpfen haben (vgl. z.B. Jan Delay oder Deichkind);

Enteignung von Urhebern droht dabei weniger durch eine Verkürzung von Schutzfristen als vielmehr durch Total-Buyout-Verträge mit Verwertern. Aber auch dieser “gravierendste[n] Lebenslüge” nehmen sich die Tatort-Autoren an:

“Mal davon abgesehen, dass die selbsternannten Digital Natives (auch) über diesen Punkt nie direkt mit den betroffenen Urhebern gesprochen haben, sie haben überhaupt nicht verstehen oder begreifen wollen, dass bis auf Maler und Bildende Künstler diese Trennung in Urheber und „böse“ Verwerter überhaupt keinen Sinn macht, ja unmöglich ist”

Wenn dem so wäre, warum heißt es dann im selben Text, ein paar Absätze weiter:

“Wenn man die Lage der Urheber nachhaltig verbessern will, dann müssten also alle politischen Kräfte den Urhebern bzw. ihren Verbänden helfen, das Urhebervertragsrecht zu verbessern, die Verhandlungspositionen der Urheber gegenüber den Verwertern zu stärken”

Natürlich kann es in mancher Hinsicht total Sinn machen, zwischen Urhebern und Verwertern zu unterscheiden. Und natürlich gibt es zwischen Urhebern und Verwertern sowohl gleich- als auch gegenläufige Interessen. Das ist übrigens bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern ganz allgemein so. Dass eine Reform des Urhebervertragsrechts notwendig ist, stimmt völlig. Durchgesetzt werden muss diese Reform aber gegen jene Verwerter(verbände), die es schon bei dessen Einführung zu einem “stumpfen Schwert” gemacht haben.

Schön auch der performative Selbstwiderspruch am Ende. Einen derart unkonstruktiven Rant mit folgendem Satz zu beenden, ist nur noch drollig:

“Für konstruktive Gespräche über den anstehenden historischen Kompromiss zwischen Urhebern und Usern stehen wir jederzeit bereit.”

Ganz grundsätzlich bedient sich das Pamphlet der Tatort-Autoren einer unredlichen Argumentationsstrategie: einer diffusen Gruppe (z.B. “Netzgemeinde”) werden Argumente (z.B. “Die demagogische Gleichsetzung von frei und kostenfrei.”) zugeschrieben, die von großen Teilen dieser Gruppe nie so vorgebracht wurden und werden. Besonders perfid ist dabei der in demagogischer Absicht vorgetragene Demagogie-Vorwurf.

Die Debatte voranbringen würde hingegen, nicht pauschal jede Urheberrechtskritik als Angriff auf Urheberinteressen zu werten, sondern zumindest den Versuch zu unternehmen, berechtigte Kritik auch anzuerkennen. Wie das gehen könnte, zeigt die ebenfalls von Kulturschaffenden gestartete Initiative “Copylike“. In Fragen des Urhebervertragsrechts wäre überhaupt ein Schulterschluss mit weiten Teilen “der Netzgemeinde” möglich. Mit ihrem “offenen Brief” aber reihen sich die Tatort-Autoren ein in die unheilige “Deutsche Content Allianz”, in der schon ARD und ZDF sich für ACTA einsetzen.

 

March 09 2012

Wirbel um EU-Richtlinie zu verwaisten Werken

Mitte letzten Jahres hat die EU-Kommission einen Vorschlag für eine Richtlinie zum Thema verwaiste Werke (“orphan works”) vorgelegt. Dabei geht es darum, den Zugang zu Werken zu erleichtern, die zwar noch urheberrechtlich geschützt sind, deren Rechteinhaber jedoch nicht mehr oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand auffindbar sind – ein Problem, das sich durch die regelmäßigen Verlängerungen urheberrechtlicher Schutzfristen in den letzten Jahrzehnten massiv verschärft hat.

Der Richtlinien-Vorschlag ist mittlerweile in den zuständigen Ausschüssen des EU-Parlaments angekommen. So gab es Ende Februar im Rechtsausschuss eine Reihe von äußerst knappen Abstimmungen über einzelne Formulierungsvorschläge, die scheinbar größtenteils zu Gunsten von Urheberrechts-Hardlinern rund um Marielle Gallo, bekannt seit dem nach ihr benannten Report zur „Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums im Binnenmarkt“ (vgl. EU-Parlament stimmt für Gallo-Report), ausgegangen sind.

Wie jetzt bekannt wurde, kam es dabei zu Ungereimtheiten (vgl. den IP Policy Committee Blog): Obwohl nur 23 Personen im Saal waren, wurden einmal 24 und einmal 26 Stimmen gezählt. Auf Nachfrage beim deutschen Ausschussvorsitzenden Klaus-Heiner Lehne (CDU/EVP) wurde daraufhin bekanntgegeben, dass zwar Fehler beim Zählen der Handzeichen gemacht wurden, sich aber auch nach diesbezüglicher Korrektur nichts an den Abstimmungsergebnissen geändert hätte. Ob jetzt neuerlich abgestimmt wird, ist noch unklar. Ebenso liegt noch keine konsolidierte Fassung des Richtlinienentwurfs vor, die soll Anfang kommender Woche folgen. 

Einer der Knackpunkte der Auseinandersetzung war, inwieweit Rechteinhaber nachträglich eine Vergütung für die Nutzung verwaister Werke einfordern können, auch wenn diese zuvor nach sorgfältiger und gutgläubiger Suche als “verwaist” klassifiziert worden waren. Damit wird allerdings der eigentliche Zweck der Regelung unterlaufen, nämlich Rechtssicherheit bei der Verwendung von verwaisten Werken herzustellen. Mit der im jetzigen Entwurf vorgesehenen Vergütungsklausel würde so eine Rechtssicherheit aber gerade nicht erreicht: wer verwaiste Werke beispielsweise digitalisiert und so besser zugänglich macht, kann dann trotzdem wieder mit Ansprüchen konfrontiert werden.

 

Reposted bymondkroeteshallow02mydafsoup-01
Older posts are this way If this message doesn't go away, click anywhere on the page to continue loading posts.
Could not load more posts
Maybe Soup is currently being updated? I'll try again automatically in a few seconds...
Just a second, loading more posts...
You've reached the end.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl